Die Welt für alle lesbar gestalten!

Erstellt von Maxim Hermann | |   Einblicke Bauhaus.Module

Infografiken kennen wir alle. Auch sind die meisten von uns scheinbar mühelos dazu imstande, allerhand Infografiken zu entschlüsseln und die darin aufbereiteten Informationen zu verstehen. Die in solche Gestalt gebrachten Informationen sind in der Regel komplex. Und ihre Übersetzung in einfach erfassbare, eindeutig lesbare Darstellungen ist ein mühevoller Arbeitsaufwand der daran wirkenden Designer*innen, welcher oftmals leichtsinnig vergessen wird.

Im jüngst vergangenen Bauhaus.Module-Sommersemester trat Masihne Rasuli, künstlerische Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Bild-Text-Konzeption, mit ihrer Lehrveranstaltung „Die Lesbarkeit der Welt“ vor den Studierenden an, „grundlegende Techniken der Datenvisualisierung zu vermitteln und die Studierenden mit verschiedenen Formaten experimentieren zu lassen“, so Masihne Rasuli selbst. Gegenstand war das Design in seiner Rolle als Vermittler, wie sie für die Visualisierung wissenschaftlicher oder anderweitiger Datensätze oftmals notwendig wird. Rasuli sah diese Praxis, die aus ihrer Sicht für berufstätige Designer*innen früher oder später nahezu unumgänglich werden würde, in der Lehre häufig zu kurz kommen. Daher entschloss sie sich, unterstützt von Burkhart von Scheven, Professor für Bild-Text-Konzeption, eine Veranstaltung im Förderrahmen der Bauhaus.Module anzubieten, die Praktiken des Informationsdesigns vermittelt. In dieser wurde  ausführlich erarbeitet, wie Design die Welt tatsächlich unterschiedlich lesbar machen kann.

Mit „Der Lesbarkeit der Welt“ als Ziel mussten die Studierenden drei Etappen in Form von konkreten Aufgabenstellungen bearbeiten. „Die Themen der Aufgabenstellungen orientieren sich am Prinzip des sich erweiternden Radius'. Die Studierenden waren aufgefordert, zunächst Darstellungsformen für Themen aus ihrem persönlichen Alltag zu finden, anschließend bewegten wir uns auf regionaler Ebene und zum Schluss im globalen Kontext“ erläuterte Frau Rasuli das Prinzip, nach welchem die Aufgaben, denen die Studierenden gegenüberstanden, von Woche zu Woche wuchsen. Für Letzteres sei schließlich wichtig gewesen, „dass die Studierenden eine klare Zielaussage für ihre Gestaltung formulieren, also sich zu einem selbst gewählten Thema klar positionieren.“ Die Persönlichkeitsbildung aller Teilnehmenden, der die Veranstaltungen der Bauhaus.Module in besonderem Maße zugewandt sein sollen, wurde somit selbst zum Gegenstand der Didaktik sowie der verhandelten Inhalte rund um Informationsdesign und Datenvisualisierung. Als besonders spannende Frage- und Diskussionsrunde hat Masihne Rasuli diejenige in Erinnerung, die an den Gastvortrag Sebastian Haupts vom KATAPULT-Magazin anschloss. In dessen Vortrag „ging es zum Beispiel um korrekte Recherche und Absicherung von Quellendaten sowie um den Umgang mit Anfeindungen, da KATAPULT ja sehr politisch arbeitet. Das hat die Studierenden auf jeden Fall für ihre Verantwortung als ‚Übersetzer‘ der Wissenschaft und des Journalismus  sensibilisiert. Es fängt ja schon bei solchen Fragen an, welche Projektion der Weltkarte man z. B. in einer Infografik verwendet, da die unterschiedlichen Verzerrungen auch die Wahrnehmung der Betrachter*innen beeinflussen können.“ Neben dem Können, komplexe Datensätze zum einen zu verstehen, sowie diese in Hinblick auf eine möglichst zugängliche Lesbarkeit hin zu übersetzen, gesellt sich gleichermaßen das Prinzip der Verantwortung hinzu, welcher die Designer*innen als selbstständige Praxis gerecht werden müssen. Somit ist deutlich, dass das in „Die Lesbarkeit der Welt“ geschulte gestalterische Arbeiten nicht nur in dem Sinne interdisziplinär ist, dass es zwischen den unterschiedlichen Disziplinen, zwischen der Wissenschaft und der Öffentlichkeit vermittelt. Darüber hinaus ist diese Form des Gestaltens an sich bereits interdisziplinär und vereint die ansonsten in sich isolierten Vorgänge der Wissenschaft, des Designs und der politisch aufmerksamen Öffentlichkeit.

Wie alle Lehrveranstaltungen im Sommersemester 2020 war auch „Die Lesbarkeit der Welt“ davon betroffen, einen Kurs gänzlich ohne Präsenz vor Ort stemmen zu müssen. Nichtsdestoweniger sind auch in diesem besonderen, digitalen Sommersemester um jede Aufmerksamkeit verdient gemachte Projekte entstanden, insbesondere dank des engagierten Mitwirkens der teilnehmenden Studierenden. In Anne-Kathrin Lutterbergs „Trump vs US Earthquakes“ beispielsweise hat die junge Gestalterin artistisch pointiert, in welche Beziehungen das Design unterschiedliche Informationen miteinander bringen kann.

In der Infografik werden die Spielfilmauftritte des amtierenden Präsidenten Donald Trump im Zeitraum von 1989 bis 2011 den Erdbeben gegenübergestellt, die die Vereinigten Staaten im selben Zeitraum ereilt haben. Ein kluger Kommentar auf die nachgerade erschütternden Spuren, die Donald Trumps massenmediales Auftreten im heutigen Amerika hinterlassen und seiner Präsidentschaft womöglich die Weichen gestellt hat.

Carmen Draxler hat in einer ihrer während des Kurses entstandenen Arbeiten das Buch „Notamuse“ in einer prägnanten Infografik verarbeitet, welches 22 Interviews mit den Protagonistinnen der aktuellen Designszene versammelt.

Zwei Fragestellungen, auf die in der Buchvorlage von den interviewten Designerinnen und Wissenschaftlerinnen ausführlich eingegangen wird, rücken in Draxlers Darstellung in den Vordergrund. Diese wirft denn branchenspezifische Problematiken auf, welche die Teilnehmerinnen im Verlauf ihrer Karriere wohl noch häufiger betreffen werden, solange kein allumfassend radikales Bewusstsein innerhalb der Industrie entsteht, diese durch Konfrontation zur Überwindung des in ihr grassierenden Sexismus und Rassismus zu bewegen. Und konfrontativ in diesem Sinne ist Draxlers Infografik allemal.

Ein anderes Thema, das die Studierenden umtrieb, war die Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus, welche nach wie vor vielfach zu wünschen übrig lässt. Insbesondere der Genozid an den Herero und Nama im heutigen Namibia, der durch das deutsche Kaiserreich verübt wurde, ist kaum thematisiert.

In Reaktion darauf hat Leela Dutta ein interaktives Plakat entworfen, um Betrachter*innen im öffentlichen Raum unvermittelt und ungeschönt über die harten Fakten dieses Verbrechens zu schulen. Wie die politische Verantwortung dem Gestalterischen mitunter diktiert, lässt sich am Prozesshaften dieses sich in der Interaktion erst vollständig preisgebenden Plakates besonders gut beobachten. Denn: Information, Design und Verantwortung, das wird sicher eine der vielen Lehren des Kurses sein, gehören auf Augenhöhe im gestalterischen Arbeiten.

Die entstandenen Projekte auch der zahlreichen anderen Kursteilnehmer*innen sind allesamt und vollständig auf der summaery-Website von „Lesbarkeit der Welt“ einzusehen: https://shortlist.uni-weimar.de/lesbarkeit-der-welt-revision/. Die mitwirkenden Studierenden waren Katharina Schoenknecht, Annika Rauscher, Anne-Kathrin Lutterberg, Leela Dutta, Carmen Draxler, Lena Dille, Arian Tobias Bronner, Eva Richter, Anna Miklavcic, Amelie Perzlmaier, Jung Peng, Tianhui Sun.

 

 

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[Foto_Denk-Würdig?!]
Die interventionistische Installation "Denk-Würdig?!" von Carmen Draxler und Anne-Kathrin Lutterberg regt Passant*innen zum kritischen Reflektieren der im Stadtbild Erfurts verankerten kolonialen Geschichte an.