Von der Linie zur Form

Von der Linie zur Form:

 Übung AF39: Morphologische Tafel 2 - ein Kreuz im Quadrat als Grundform
 Nun dürfen sämtliche Linien und Teillinien weggelassen werden, 
 um neue Linien und Formen zu finden!



Grundformen

  • Quadrat
  • Kreis
  • Dreieck

vgl. lineare Darstellungen (Linie):

  • +
  • O
  • X
 Übung GC70: Die drei Grundzeichen sollen einzeln, jeweils in der gleichen Größe 
 jedoch an unterschiedlichen Positionen und Drehungen in je ein Quadrat gesetzt werden 
 (jedes der drei Grundzeichen in jeweils mind. 4 Quadrate)

Empfindungsanalyse:

  • Wie wirkt die Form in Bezug auf den umgebenden Raum?
  • Wann wird der Raum zur Form?
  • Welche Dynamik geht von den Formen aus?


Das Wesentliche der Form

Zu jedem gegebenen Thema muss die wesentliche, charakteristische, deutliche, expressive Form gefunden werden.

 Übung JI18: Schnelle Zeichnungen folgender Objekte:
 - Ei
 - Fisch
 - Würfel



Formwirkungen

Nach Johannes Itten stehen die Formen für:

  • Quadrat = materielle Welt der Schwere, des Festen
  • Dreieck = intellektuelle Welt der Logik, der Konzentration, des Lichtes, des Feuers
  • Kreis = spirituelle Welt der Gefühle, der Beweglichkeit, des Ätherischen und - in der Ableitung - des Wässrigen

vergleiche auch Form und Farbe.

Diese Darstellung geht auf die antike Philosophie zurück: "Wenn Platon in Timaios geometrische Elementarkörper als Bausteine der Schöpfung darstellt und dabei der Erde die kubische Form zuweist, 'denn sie ist die unbeweglichste', dem Feuer die Pyramide, 'die spitzigste von allen', so ist die Nähe zu den Bestimmungen von Quadrat und Dreieck bei Itten augenfällig. Die dritte Größe, Kreis bzw. Kugel, gehört nicht zu den platonischen Elementarkörpern, die sämtlich auch Dreiecken konstruierbar sind." (Fußnote #8 aus: Itten, Elemente der Bildenden Kunst, S.159, 2002)

 Übung: Morphologische Tafel - Grundform-Morphing auf einem 5x5er Raster
 - links oben Quadrat
 - rechts oben Dreieck
 - links unten ein auf der Spitze stehendes Quadrat
 - rechts unten ein auf der Spitze stehendes Dreieck
 - in der Mitte ein Kreis


Das Quadrat

  • männlich, bestimmt, hart, kalt, rational, statisch
  • symbolisches Objekt, umgrenzende Liegenschaft, Wohnraum (Boden, Wände, Decke), Schutz
  • Prähistorisch: Erdfläche, 4 Himmelsrichtungen
  • Bei Veränderung zum Rechteck wird die Differenz zwischen Höhe und Breite wichtig
  • Bei Veränderung zum auf die Spitze gestellten, gekippten Quadrat entsteht Beunruhigung, Instabilität (vgl. Signalzeichen USA)


Das Dreieck

  • spannungsvoll, konstruktiv, dynamisch, unstabil
  • Die starke Horizontale bzw. Vertikale bietet die Basis des Dreiecks (vgl. AF44 & Rubins Experiment) und prägt so die (Aus-)Richtung
  • Nach rechts oder links (von der "starken" Achse weg-zeigend): richtungsweisend. Schwierig bis unmöglich bei oben/unten oder gar schräg
  • Stabilität bei Basis unten (freundlich), Aktivität und Labilität wenn auf Spitze stehend (alarmierend)

Es wäre interessant für einen Architekten, darüber nachzudenken, warum und weshalb Mansarden-Zimmer mit abgeschrägter Decke so intim wirken. Die rechtwinklige obere Fluchtlinie eines kubischen Raumes hat etwas Beängstigendes, während der obere gebrochene Winkel ein vertrautes Gefühl der Geborgenheit aufkommen lässt. -- Adrian Frutiger, Zeichen und Symbole


Der Kreis

  • weiblich, unbestimmt, weich, warm, emotional, geschlossen (vgl. AFT144)
  • Prähistorisch: Welt, Sonne <-> Modern: Rad, Aerodynamik
  • Kreis oder Loch?
  • Ein Kreis wird zum Kringel oder Reifen: Das Geschlossene wird zum Umschlossenen
  • Dualität zwischen Innen und Außen:
    • Drang zur Mitte
    • Strahlung zur Peripherie
    • Schutzraum (Ei, Leib der Mutter) und Öffnung
    • beruhigende Abgeschlossenheit <-> beängstigende Eingeschlossenheit
    • Ausstrahlend (Sonne)
    • Bewegung (Rad) mit "panischer Nuance", da ohne Anfang und ohne Ende
 Übung GC72: wie GC70, nur mit:
 - mehreren (gleichen) Formen
 - unterschiedlicher Größe
 - unterschiedlicher Drehung



Formkontraste

Größenwirkung:

  • weiß auf schwarz: Hauptform wirkt größer, das Helle strahlt aus
  • schwarz auf weiß: Hauptform wirkt kleiner, das Helle strahlt aus

(vgl. AF85, JI36)

Die Sinnesfunktionen sind gebunden an das Gesetz der Kontrastwirkung. Das heißt: Wir sehen Helles, weil Dunkles entgegensteht, Großes, weil Kleines dazu kontrastiert. Alles was wir sehen, hören , riechen, schmecken, tasten, fühlen, ist in Relation gesetzt zu einem Zweiten, das dem Ersten entgegengesetzt ist. Im Gebiet der Formen und Farben ist diese Tatsache von größter Bedeutung. - Johannes Itten, Elemente der Bildenden Kunst (JI98)

siehe auch Kontrast.

  • Form-an-sich Kontrast
    • Die Grundformen bilden den einfachsten und stärksten Kontrast
  • Qualitätskontrast
    • regelmäßig - unregelmäßig
    • geschlossen - offen
    • scharf - weich
    • unterschiedliche Helligkeit - ähnliche Helligkeit
  • Quantitätskontrast von Formdimensionen, wie z.B.
    • groß - klein
    • breit - schmal
    • viele - wenige
  • Richtungskontrast in Richtung - Gegenrichtung, wie z.B.
    • aufsteigend (auf) - fallend (ab)
    • schwingend (hin) - schwingend (her)
    • bewegt - statisch

(vgl. GC74)

 Übung: Visualisierung von o.g. Formkontrasten (und weiteren)


Form-Form-Beziehung:

  • Beziehungen zwischen Zeichen gleicher Form
  • Beziehungen zwischen Zeichen unterschiedlicher Form
 Übung AF53ff: Beziehungen zwischen Zeichen. 
 Zu untersuchen sind anhand Quadrat, Dreieck, Kreis:
 - Verschiebung
 - Verschachtelung
 Die Übungen sind zuerst anhand gleicher, dann mit unterschiedlichen Formen durchzuführen

vgl. Beispiel AF61 "Das Spiel mit den Gabelzeichen"


Figur-Grund-Beziehung

  • Zwischen Figur und Hintergrund gibt es einen Qualitätsunterschied, eine Grenze oder Kontur, die durch stoffliche und förmliche Unterschiede entsteht. Je stärker der Qualitätsunterschied, desto deutlicher die Abgrenzung und der Kontrast.
  • Ein Rahmen in der gleichen Färbung wie die Hauptformen lässt die Vorderform zur Hintergrundform werden und erscheint so als gestanzte Negativ-Form (Gesetz der Gleichheit)

(vgl. GC95)

 Übung GC41: Kombinatorik, Permutation: 
 Ein Kreis wird in vier gleiche Quadrate aufgeteilt (a,b,c,d)
 Die vier Quadrate werden nun neu zusammengesetzt, (z.b. a,b,d,c).



 Übungen (HA bis in 14 Tagen)
 -- Übung GC79: Zuordnung serifenloser Versalien zu den drei Grundformen Quadrat, Kreis, Dreieck.
 Spannungsvolle Aufteilung und Komposition durch jeweils einen weißen Buchstaben 
 in/über/auf einer schwarzen Form.
 Jeweils ca. 6 bis 9 Kompositionen pro Form unter Beachtung der o.g. Formkontraste!
 -- Übung GC36: Spannungsvolle Kompositionen aus Formdetails von Buchstaben
Übung GC79 Zuordnung Buchstaben zu den Grundformen: Sylvia Rohr
Übung GC36 Details von Serifen: Sylvia Rohr
Übung zu Buchstaben und Grundformen: Sophie Brüning




Daseinsform – Wirkungsform (Sein und Schein)

Übung JI77 von Sophie Hausig
 Übung JI77 Bäume & Baumkronen
 Es sind verschiedene Bäume (frei, aus dem Gedächtnis) zu zeichnen -
 mit besonderem Augenmerk auf unterschiedlichste Formen der Baumkronen.
 Umriss, Linie, Blatt sind zu bedenken!
 "Bei Darstellungen von Bäumen ist die Formfigur der Krone 
 sehr oft die entscheidende Wirkungsform".


Aus Johannes Itten, "Elemente der Bildenden Kunst":

Die physische Beschaffenheit des Auges bewirkt, dass wir in hohem Grade geneigt sind, alle Formen nach der Kreisform hin zu ergänzen. Es bedarf besonderer Willensanstrengung und Spannung, um z.B. mit Genauigkeit die Spitzen eines Dreiecks sehend abzutasten.

(...)

Die Daseinsform ist die Sach- oder Seinsform der Dinge. Die Wirkungsform ist der Schein, der Abglanz der Seinsform. Die Wirkungsform eines Dinges wird wesentlich bestimmt durch:

  • die Seinsform selbst als Größe, Umriss, Struktur und Farbe (Lokalfarbe);
  • die Stellung und räumliche Lage des Dinges zum Sinnesorgan des erkennenden Subjekts;
  • die Stellung des Objektes zu seiner Umgebung;
  • Beleuchtung und Färbung des ganzen Komplexes.




Diese Seite ist Teil der Werkmodule Bauhaus-Vorkurs, Grundlagen der Mediengestaltung und Generative Bauhaus von Michael Markert für Interface Design an der Bauhaus-Universität Weimar.