WAS GEWESEN SEIN KÖNNTE. FOLGEKONSEQUENZEN EINES SATZES

From Practices and Politics of Representation
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Am 24. Januar hielt Birte Kleine-Benne den letzten Vortrag im ersten Kernmodul. Sie ist Kunstwissenschaftlerin aus Berlin und arbeitet an relevanten Kunstwissenschaften. Dazu unternimmt sie theoretische und angewandte Forschungen zu zeitgenössischen bzw. sogenannten nächsten Formen von Kunst- und Theorie-produktion, von Präsentations-, Rezeptions- und Vermittlungs-formen, die ihrerseits Bild-, Kunst-, Ästhetik- und Wissenstheorien sowie dazugehörige Geschichten der Moderne informieren.

Sie hat 2006 in Hamburg promoviert und seitdem Lehraufträge, Gast- und Vertretungsprofessuren an der Bauhaus-Universität Weimar, der Universität der Künste Berlin, der Universität Hamburg, der Burg Giebichenstein/Kunsthochschule Halle und der Ludwig-Maximilians-Universität München übernommen.

Ihr Vortrag unter dem Titel „Was gewesen sein könnte. Folge-konsequenzen eines Satzes" widmete sich der Frage, wie und durch wen Geschichte entsteht, welche Handlungen sich durch den Prozess der Geschichtsschreibung legitimieren und welche Neuverhandlungen durch dessen Infragestellung denkbar werden. Ausgehend von dem Begriff der Kunstgeschichte, der sich im westlichen kanonisierten Kontext mehr oder weniger als Linie konstituiert, stimuliert Kleine-Benne die Potenziale, die in der Spekulation über das, „was sein könnte" liegen.

„Jede Geschichte ist perspektivisch" schreibt Birte Kleine-Benne in dem Skript ihres Vortrags, das öffentlich auf Ihrer Website einsehbar ist (unter dem Link: https://bkb.eyes2k.net/Bauhaus-Uni-2024.html). Geschichte wird immer erzählt und schenkt bestimmten Ereignissen und Figuren notwendigerweise mehr Beachtung als anderen. Dieses Bias ist der (Kunst-)Geschichte einprogrammiert und bringt aufgrund von Hierarchien, die sich seit ihrer disziplinären Entstehung reproduzieren, bestimmte Bevor- und Benachteiligungen mit.

Als „blinde Flecke" benennt Kleine-Benne An- und Aberkennungssysteme, Aus- und Einschließungen, Sexismen, Rassismen, Klassismen, Kapitalismen und Algorithmen. Anhand von Memes, Twitter-Posts, Zeichnungen, Grafiken und Organigrammen von verschiedenen Autor*innen illustrierte sie diese Mechanismen systemischer Gewalt der westlichen patriarchalen (Kunst-/Philosophie-/Architektur-) Geschichtsschreibung.

Unterbrochen wurde der Vortrag durch vier performative Übungen:

UNTERBRECHUNG 1

Beobachte, ohne zu verändern: Wie sitze ich gerade? Welche Körperhaltung und welchen Gesichtsausdruck habe ich? Lass für 30 Sekunden deinen Atem fließen. Möchtest du vielleicht eine bequemere, für dich besser ausgerichtete Position annehmen?

( Danke an Diana Sirianni!)*

UNTERBRECHUNG 2

Stoß eine Minute lang bei jedem Ausatmen langsame, kontinuierliche Töne aus deiner Brust aus.

UNTERBRECHUNG 3

Schau eine Minute aus dem Fenster, ohne zu sprechen.

UNTERBRECHUNG 4

Ändere deine Position.

Nimm im Raum eine der folgenden Positionen ein:

  • eine Position, die der Gegensatz zu der Position ist, die du gerade einnimmst;
  • die die Schwerkraft herausfordert;
  • die dich interessiert.

Geh (nach 1 Minute) zurück in deine Anfangsposition oder verbleib in deiner eingenommenen Position.

Als letzte performative Übung ließ sich ihre Aufgabe für die Studierenden des ersten Kernmoduls begreifen. Ausgehend von der kritischen Auseinandersetzung mit institutionalisierten Hegemonien, sollte über die Gründung neuer Institutionen spekuliert werden.

Wenn wir den Satz „Was gewesen sein könnte." mit Substantiven wie „Geschichte", „Architekturgeschichte" und/oder „Kunstgeschichte" ergänzen und konkretisieren, ergäbe sich für uns die Chance, „Geschichte", „Architekturgeschichte" und/oder „Kunstgeschichte" neu zu denken und neu zu begründen: „Was Kunst-/Architektur-/Geschichte gewesen sein könnte."

Eine schlüssige Folgekonsequenz dieses Satzes könnte sein, eine Institution, ein Institut, eine Abteilung oder einen Studiengang zu gründen. Wie könnten die instituierenden und institutionellen Praxen unserer „Arbeit im Gelände" (Deleuze) aussehen? Welche Icons, Skizzen, Codes, Policies (Richtlinien), Infrastrukturen, Organigramme, Performanzen, Räume, räumlichen Praktiken, Rituale, Routinen … wären von uns dar- und herzustellen, um eine Institution zu gründen, die Kunst-/Architektur-/Geschichte neubegründet, gestaltet und ihr Offenhalten garantiert?

Diese Fragen können wir mit Menschen, die uns auf dem Campus, in unseren WGs und Familien begegnen, diskutieren. Die von uns notierten, skizzierten und/oder in einen Text-Bild-Zusammenhang gebrachten Ergebnisse werden wir einander vorstellen und uns hierzu austauschen.