Oliver Fahle

Vorlesung: Geschichte und Gegenwart der Bilder (SoSe 2004)

 

Es folgen:

-         Skript der Vorlesung zum „technischen Bild“

-         Bildnachweise

-         Power Point-Folien der letzten drei Sitzungen ohne Bilder und Grafiken

 

 

7. Vorlesung (1.6.): Das technische Bild

 

1. Das mediale apriori (McLuhan)

 

- Moderne:

- technische Bildmedien; technisch-apparative Bedingungen beeinflussen Wahrnehmung und symbolische Form:

- Schule von Toronto:

- Innis: Zusammenhang von Raum, Zeit und Macht; zentralisierte und nicht-zentralisierte Reiche jeweils unterschiedlichen Gebrauch von Medien: Raum- (Pyramiden) oder Zeitbeherrschung (Papyrus)

- Havelock und Ong: mündliche und schriftliche Kulturen

- McLuhan:  Medium ist die Botschaft: bei jeder Äußerung teilt sich das Medium entscheidend selbst mit

- Doppelschritt bei Mc Luhan:

zunächst Medien als Ausweitungen des Körpers, dann als Ausweitungen des ZNS, schließlich Rückwirkung der Medien auf ZNS; Angleichung, beide nur noch Schnittstellen im technischen Gefüge; das gilt grundsätzlich, wenn Mensch zum Servomechanismus seines Apparates wird (Cowboy-Pferd, Indianer-Kanu, Beamte-Uhr), aber offenbar noch spezieller bei den elektronischen Medien (Verlagerung des ZNS nach außen) –

  geschlossene Schaltkreise wird Friedrich Kittler das nennen;

- worauf läuft das hinaus: Ersetzung des Subjekts durch Apparate; bekannt ist das ja schon: Maschinen ersetzen Menschen in Fabriken; aber hier nimmt das eine andere Dimension an: hier geht es um das selbstbewußte, verstandesmäßig „autonome“ Subjekt;

- damit ist das Subjekt in seiner Dimension reduziert; es ist Teil eines Medienverbundes und nicht mehr autonomes Subjekt, das die Medien als Objekte begreifen und problemlos in seinem Sinngefüge verorten kann; da die Medien als Verlängerung unserer Sinne begriffen werden müssen, kann keine klare Grenze ausgemacht werden, wo der Körper endet und wo die Maschine beginnt; McLuhan führt also hin zum medialen apriori;

- von hier aus ist es dann nur ein weiterer Schritt, zu sagen, dass alle transzendentalen Momente wie Verstand und Autonomie und Denken in technischen Verschaltungen und Programmen verschwinden zu lassen;

 

2. Lacan

 

Um das genauer zu erläutern, empfiehlt sich der Durchgang durch einen anderen Ansatz:

Jacques Lacan (man könnte auch über Foucault sprechen oder über Flusser und Baudrillard)

 

 

 

 

Jacques Lacan: frz. Psychanalytiker und Kulturwissenschaftler

 

- Lacan denkt in Fortsetzung Freuds

beide wollen die Funktionsweise des psychsichen Apparats erklären – darin sind sie auch Kulturtheoretiker oder Anthropologen, weil sie grundlegende Funktionen des Menschen als Kulturwesen zu erklären versuchen:

 

- beide konstruieren triadische Systeme, die den psychischen Apparat erklären sollen:

Freud: Ich – Es – Über-Ich  (ersetzt 1923 das System von Vorbewußtem und Unbewußtem)

Erklärung

Lacan: Imaginäre – Symbolische - Reale

verschiedene Ordnungen, die Individuum durchziehen; wie ein Kräftefeld, das Individuum selbst konstituieren;

- Imaginäre: Konfrontation mit dem Spiegelbild: Ordnung der Spiegelungen, Identifizierungen, Abhängigkeiten; Andere wird zum Gleichen gemacht (narzistisch); Wahrnehmung und inneres Objekt;

- Symbolische: Ordnung, die wir vorfinden, außerhalb; Verschiedenartigkeit, soziale und intersubjektive Welt: Sprache, Unbewußte, Andersartige, das als solches anders bleibt;

- Reale: Ort, in dem die anderen ihren Streit ausfechten; nicht assimilierbar;

 

- Freud: Realität legt Lustsuche Beschränkungen auf;

- Lacan: Reales als Macht außerhalb des Symbolischen

 

- Freud eher aufklärerisch; Unbewußte bewußt machen; andererseits: Mensch als „Sack voller Eingeweide mit motorischen Fortbewegungsvorrichtungen und lustsuchenden Organen“ (Bowie);

Lacan eher skeptisch: immer Trennung des Begehrens von seinen Gegenständen; Sprache bleibt immer hinter den Gegenständen zurück; in der Sprache etwa befindet sich immer Ungesagte, das in keiner Positivität aufgehen kann;

 

- für beide gilt: Individuum immer von Welten durchzogen, die größer sind als es selbst;

- Es (bei Freud) als Außen, das ein Innen ist; (zweite Außenwelt des Ich, wichtiger als eigentliche Außenwelt);

 

- triadische Systeme: die aber Widerstreit ausfechten und niemals vollständig konsolidiert werden können;

 

3. Kittler

 

Optische Medien (1999):

 

1. Vorannahmen

Medien mobilisieren vor allem drei Begriffskonstellationen:

 

- Speichern, Übertragen, Verarbeiten

Medienentwicklung geht dahin, dass sie alles auf einmal tun und es immer schneller machen

 

- Rauschen – Information

Medien werden informationstheoretisch verstanden: zwischen Rauschen und Information

Wichtige Figur: das Kommunikationsmodell von Claude Shannon (1948)

Wie finden Informationen überhaupt statt ? frei von Semantik, Sinn und Bedeutung, sondern Konzentration auf den Mechanismus der Kommunikation

- Nachrichtenquelle (Buchstaben, Farben, Farbwerte, Zeichen, Morsezeichen, Schallwellen)

- Sender (analog oder digital, macht aus Nachricht ein Signal: Schalldruck in elektrischen Strom umwandeln)

- Kanal (Telefonleitungen oder Glasfaserkabel): Umwandlung des Rauschens in Information

- Empfänger (Dekodierung; Nachricht aus dem Signal rekonstruieren)

- Nachrichtenziel (Person oder Sache)

 

 

- Imaginäres – Symbolisches – Reales 

lassen sich in lacansches Schema einordnen

 

Vorgehen Kittlers: Durchgang durch verschiedene Bildmedien (durchaus historisch):

LP, laterna magica, camera obscura, Fotografie, Film, Fernsehen, Computer

- Geschichte der Medien als Doppelbewegung: einerseits Erfindung und Bestärkung des Subjekts (ZP, Aufklärung), andererseits wird Subjekt zunächst in Szene gesetzt und sofort wieder entmachtet, indem alle seine Funktionen operationalisierbar werden;

- Foucaults Entdeckung, dass Mensch im 19. Jhd. transzendentaler und empirischer erfunden wird zugleich als; Kittler: Empirisierung des Menschen entscheidend; Mensch wird fotografiert, vermessen, verdatet, rückgekoppelt, vervielfältigt, serialisiert etc., solange bis er nur noch als Teil eines ständig optimierten Datenflusses begriffen werden kann

- Lieblingswort von Kittler ist Implementierung: Einbau oder Einsatz des Mediums; Verknüpfung von Mensch und Maschine

 

Drei Beispiele:

- Bertillonage (1885): Zerlegung des menschlichen Körpers; 1) Vermessung 2) Einmaligkeit 3) Identifikation

 - Hermann von Helmholtz (Wahrnehmungsphysiologie): Hyperbolische Kurven des Sehfeldes (1886): Sehen entsteht aus der Kombination von rezipierendem Auge und Sinnesdaten, die aus dem Gehirn kommen; es gibt also kein reines geometrisches Sehen (Alberti), sondern ein „gekrümmtes“; ungleiche Ausdehnung des Raums in verschiedene Richtungen; Aufhebung der linearen Perspektive, dem das tatsächliche Sehen nicht entspricht;

- Guillaume Duchenne de Boulogne (1876) : Haut übersetzt psychische Spannung in elektrische Spannungen (das ist Psychotechnik); Messung der Regungen der Seele

(alle Beispiele aus Asendorf: Ströme und Strahlen)

 

 

Historischer Dreischritt   (Kittler: Optische Medien, Merve 1999)

 

1) zunächst können die Funktionen des Auges nur theoretisch hergestellt werden; vor allem camera obscura und die LP sind nur Versuche Daten zu schaffen; laterna magica als erste Illusionsmaschine; Unterschied zwischen Illusion und Simulation

 

2) erst technische Medien können wirklich die Welt als Datenfluss herstellen; erst Abwesenheit des Menschen schafft es tatsächlich, die Welt in Simulation zu verwandeln;

- Fotografie als erstes technisches Medium: Zufallsverteilung von Licht und Schatten,

- Erfindung des Realen und des Rauschen: technisch erzeugte Welt, die Welt in Informationen auflöst

- gleichzeitig: Entstehung des Imaginären in Roman (Romantik) und vor allem Film:

Alphabetisierung ersetzt lautes Lesen und Nachsprechen; dadurch entsteht der einsame Leser, der sich eigene Fantasiewelten erfindet; damit wird die materielle Seite der Sprache vergessen; Signifikat statt Signifikant; nicht mehr Sprache, sondern der hinter ihr liegende Sinn wird wichtig: Dichtung als Ausdruck des menschlichen Geistes; Imaginäre ensteht zunächst in Leserseelen;

- zugleich ist Literatur voller Anspielungen auf die technische Bildmedien (camera obscura, laterna magica); besonderes Beispiel: Doppelgängerproblematik in Literatur und Film;

- Film löst Dichtung schließlich als Realisierungsort des Imaginären ab;

- andererseits ist Film nicht anderes als eine Psychotechnik; die Wandlungen der Psyche sind exakt diejenigen des Films (hier vor allem: Münsterberg);

- Münsterberg: Privatdozent für experimentelle Psychologie (Freiburg): Film als Psychotechnik: technische Simulationen des Unbewußten (z. B. die Möglichkeiten frei in Zeit und Raum zu springen, die Zerstückelung von Einstellungen, die Rückblende, das Wegfiltern unwichtiger Bildteile etc.). Zitat 241.

 

3) dritter Schritt ist die Ablösung der technischen durch elektronische Medien:

- Fernsehen und Computer: Reale wird ausgeschaltet zugunsten von Rückkoppelungseffekten, Eintritt ins symbolische Universum;

- wichtig: Fernsehen wird selbst als Waffe entwickelt (Nebenprodukt anderer Entwicklungen): aber gerade hier wird die Argumentation etwas dünn: S. 302. (später)

 

- Innehalten: laterna magica und romant. Literatur ( erstes Imaginäre), Einzug des Realen (Fotografie und Grammophon), Reinstallierung des (technogenen) Imaginären durch den Film, Ausschaltung des Imaginären durch die rückgekoppelte Datentechnik des Fernsehens und Computers (symbolisch); Kittler nennt das die symbolische Verschlüsselung des Realen; Schema !

 

 

3. Krieg als Vater aller Medientechnik (ähnlich wie bei Virilio)

Krieg kehrt bei Kittler als ständiger Begleiterscheinung von Medien fast schon obsessiv in Erscheinung:

- einfache Assoziationen: Buchdruck, LP, Schießpulver

- einfache Namen: Daguerre

- Erfindungen, die für den Krieg erfunden und zivil genutzt werden und umgekehrt, die zunächst zivil erfunden und dann für militärische Zwecke genutzt werden;

Beispiele:

Problem: Kittler wirft das manchmal durcheinander, dabei ist eine sorgfältige Reihenfolge oder Kausalkette doch wichtig;

- die These allerdings, inwiefern besonders im 20. Jhd. Krieg auch ein Krieg der Technik und damit der technischen Medien ist überhaupt nicht trivial;

 

- Zitat S. 302.

- assoziatives Geflecht von modernen Medien und Krieg; zunehmende Ununterscheidbarkeit beider; der reale Krieg ist nur ein Ausdruck des Krieges, der mit Bildern geführt wird; in denen sich technische Bilder und reale Aktionen in einem undurchsichtigen Geflecht durchdringen;

 

- Zitat S. 31.

Kombination aus Psychotechnik und technischen Verschaltungssystemen, die zum einen den Begriff des Subjekts, zum anderen den Begriff der Idee, der Theorie oder des Sinns überflüssig machen;

 

- Einschub Virilio:

- ähnliche Thesen zum Film: gemeinsame Dispositive von Krieg und Kino: aggressiver Blick auf die Leinwand oder den Feind; Blick als Verfügbarkeit des Terrains; Beschleunigung des Blicks (Erstschlag), d. h.: im Kino werden Wahrnehmungsweisen eingeübt und eingezwungen, wie sie üblich sind und sein werden für die Bedingungen des Schlachtfeldes;

- allerdings bezeichnet Virilio eher Parallelen als notwendige Zusammenhänge; aus gemeinsamen Basistechniken geht noch keine zwingende Verbindung hervor; 

 

- dabei ist ein Ansatz bemerkenswert: der Krieg, so Kittler, wird zunehmend aus dem Sichtbaren ins Unsichtbare verlagert (Zitat: 254); es gibt kein übersichtliches Schlachtfeld mehr, sondern alle Orte sind zugleich Schlachtfelder; Informationen werden weitgehend auf virtueller Basis gewonnen (Ortungen des Gegners, Abhören der Funksender, Radargeräte); dadurch so Kittler wird die Welt zu einer riesigen Simulation (wie sie sich im Kalten Krieg fortsetzt, der ja nicht mehr durch Tote, sondern nur noch durch Modelle, wie viele Tote es geben könnte, welche Rakete wo landen könnte etc. geführt wird);

 

 

- daraus folgert Kittler: wenn Simulationen die Instrumente des Krieges sind sowie auch die modernen Medien: Film, Radio, Fernsehen, Computer, dann ist das Fernsehen die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln; gegeneinander stehen also nur noch Simulationsmodelle, die gegeneinander antreten --- Simulation bei Baudrillard

- konsequenterweise interessiert sich Kittler überhaupt nicht dafür, was die optischen Medien zeigen, sondern wie sie neue Rückkoppelungsschleifen entwickeln, die jede technische Innovation herstellt (Tonfilm, Farbfilm, Fernsehen, HDTV, Computer); rein technikhistorische Abhandlung;

Technikhistoriker: welche Modelle wurden entwickelt (ob realisiert oder nicht), um die Rückkoppelungsschleifen zu verbessern, welchen Begriff vom Menschen hatte das Modell;

 

 

4. Einwände

- zunächst Zustimmung:

- dann: wenn es stimmt, spielen Bilder eigentlich keine Rolle mehr; es geht nur um informationsverarbeitende Systeme (teilweise hat er Recht: Datenrausch nimmt zu, und zwar sowohl in MTV als auch im Hollywoodfilm);  man kann durchaus behaupten, dass Fernsehen, Computerspiele, Internetsurfen Beschäftigungen sind, die nicht mehr im symbolischen Raum, stattfinden, sondern nur noch sinnfreie Beschäftigungen sind; man kann auch gut behaupten, dass kulturelle Tätigkeiten (andere, also juristische, ökonomische sowieso) zunehmend der reinen Effizienz unterliegen (das betrifft auch diese Vorlesung), die sicherlich auch immer eine technische ist;

- dennoch: Einebnung aller Unterschiede: zum Beispiel ist es nicht das gleiche, ob es schnelle Schnitte im Film gibt oder eine lange Plansequenz; das kann Kittler auch nicht erklären; bemüht diese Erklärungen dann, wenn sie ihm passen: Doppelgängermotiv oder die Telegenität Kennedys; das sind aber nur herausgehobene Beispiele, die nur Sinn machen, wenn man genau hinsieht: also wenn man auf Inszenierungsformen, auf bestimmte soziale Strukturen achtet, kurz: wenn die spezifische Wahrnehmung und Erfahrung, auf die das medienhistorische Ereignis trifft, ebenfalls analysiert wird; sonst machen die Beispiele keinen Sinn; der Bezug auf ein Beispiel wirft automatisch die Frage nach der Relevanz der anderen auf;

- hier liegt sicherlich ein entscheidender Ansatz: Inwiefern thematisiert ein Medium seine eigenen Formen und Bedingungen; dazu gehören natürlich auch die technischen, aber nicht nur;   

- teleologische Struktur: warum setzen sich bestimte Erfindungen nicht durch; französisches Minitel etc.

 

Literatur

 

Friedrich Kittler: Optische Medien

Friedrich Kittler: Grammophon, Film, Typewriter

Friedrich Kittler: Draculas Vermächtnis

Norbert Bolz: Theorie der neuen Medien

Jacques Lacan: Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion

Sigmund Freud: Grundbegriffe der Psychoanalyse

Christoph Asendorf: Ströme und Strahlen

Paul Virilio: Krieg und Kino

 

 

8. Vorlesung (8.6.): Das technische Bild 2

 

Bei Kittler spielt der Begriff der Simulation bereits eine entscheidende Rolle, auch wenn er nur am Rande vorkommt. Aber die Grundidee ist klar: Die Kommunikation, die zunächst immer Subjekte voraussetzte, ist durch immer effizientere Rückoppelungsschleifen und Verschaltungssysteme ersetzt.

 

Damit verschwindet eine bestimmte Form der Wirklichkeit. Natürlich nicht die materielle (obwohl auch die zunehmend in Frage steht), aber wenigstens die Wirklichkeit, die das Subjekt noch als Fakor im Kommunikationsprozess begriffen hatte.

 

Grundlegendes Paradox der Moderne: Dort wo sich das Subjekt selbst konstituierte, wo es als Subjekt erst hervortreten konnte, wurde es sofort als Teil der Apparaturen instrumentalisiert und innerhalb von Versuchsanordnungen, Vermessungen und technischen Maschinen begriffen. (Foucault, Freud, Lacan, Kittler, Flusser aber auch Adorno/Horkheimer oder Niklas Luhmanns Systemtheorie). Man könnte andere nennen: Nietzsche und Heidegger.

 

Vielleicht sollte man aber gar nicht unbedingt vom Verschwinden des Subjekts reden, sondern nur vom Verschwinden oder besser der Zurückdrängung des anthropomorph verstandenen Subjekts. Vielleicht sollte man einfach akzeptieren, dass es mehrere Subjekte gibt, nicht nur anthropomorphe, sondern auch z.B. technische oder apparative. Vielleicht sind auch die Medien Subjekte in dem Sinne, dass sie eigene unverwechselbare, selbsterzeugte Denk- und Ausdrucksformen hervorbringen. Dann wären auch die Fotografie, der Film oder das Fernsehen Subjekte. Natürlich keine rein autonomen Subjekte, die man essentialistisch bestimmen könnte und die sich in klarer Abgrenzung anderen gegenüberstellen, sondern immer als Heterogenitäten und Mannigfaltigkeiten, die in vielerlei Hinsicht mit anderen verwoben sind.

 

Oft ist es eine Frage, wie man sich dazu stellt: Bei Kittler etwa ist eindeutig eine Faszination des Technischen zu erkennen, die manchmal Angst machen kann. Bei Luhmann etwa ist das anders: da ist es eher eine lakonische, mitunter ironische Haltung, etwa so: Wenn wir bessere (d.h. eiffizientere) Resultate wollen, dann müssen wir Gesellschaftstheorie halt mit einer gewissen systemischen Kühle betrachten.

 

Baudrillard dagegen ist eher ein Melancholiker. Ihm setzt das von ihm zuerst diagnostizierte Phänomen der Simulation so sehr zu, dass er keinen anderen Ausweg weiß, als die Theorie immer schärfer und unnachgiebiger zu formulieren, weil er weiß, dass er nur so die von ihm geliebten Zustände der Melancholie so richtig ausleben kann (die im übrigen nicht mit Zynismus verwechselt werden sollten).

 

Damit wären wir bei der Theorie der Simulation.

Definition von Kultur: S.64 (kommende Seitenzahlen beziehen sich, wenn nicht anders angegeben, auf Fahle: Vo(r)m Verschwinden. Adornos und Baudrillards Medientheorien, siehe unten Literaturliste)

 

Was ist Simulation: Wirklichkeit und Zeichen, die Wirklichkeit repräsentieren, werden ununterscheidbar.

Paradox: Solange ich das behaupten und deuten kann, kann der Zustand der Simulation noch nicht eingetroffen sein.

Repräsentation dagegen erlaubt diese Unterscheidung noch;

Simulation: Aufsaugen von erfahrbarer Wirklichkeit in Modelle und Codes, die sich anstelle der Wirklichkeit setzen; der Verweis auf auf den Referenten geht damit verloren, oder besser: die imaginäre Distanz zwischen Referent und Repräsentation verschwindet;

 

 

Baudrillards Theorie der Simulation entwickelt sich in vier historischen Stufen oder Ordnungen:

 

  1. Ordnung der Repräsentation oder Imitation (Illusion): Theater, Malerei, Architektur (65)
  2. Ordnung der Serie und Produktion: Fotografie und Film (65)
  3. Ordnung der Reproduzierbarkeit, der Simulation: Fernsehen (67)

Rolle des Codes; warum Massenmedien keine Instrumente der Kommunikation mehr sind; Fernsehen: Rede ohne Antwort;  tatsächlicher Austausch produziert dagegen die Reziprozität von Rede und Antwort; Marcel Mauss: Gabe und Gegengabe;

  1. Ordnung der reinen Wucherung oder Zirkulation: Computer

Ende des Codes; reine, unkontrollierte Wucherungen der Zeichenbewegungen (TdB: 11)

 

Ein wesentlicher Aspekt der Moderne liegt darin,

dass der Bezug zum Original, zum Authentischen oder zum Ursprung verloren gegangen ist, die Moderne sich das aber nicht eingestehen will. Deshalb ist sie ständig auf der Suche nach Urspüngen, erreicht aber nur die Simulation; Verlusterfahrung; (Zitat B.)

 

Medien nehmen zunehmend auf sich selbst Bezug, thematisieren sich selbst als Bilder, sind immer schon Meta-Bilder;

 

- Allerdings hat Baudrillard ein durchaus ambivalentes Verhältnis zu den technischen Medien und zum Begriff der Simulation: Zum Beispiel ist Simulation ein extrem positiv besetzter Begriff, wenn es um die Verführung geht.

- Er grenzt Verführung gegen Liebe ab;

- Liebe: Sinn, eindeutiges Begehren, Erfüllung, Subjekt, Individuation

- Verführung dagegen: Herausforderung, Duell, Zeichenspiel, keine Erzählung, kein Subjekt; Trugbilder; Ritual statt Gesetz;

- Simulation ist hier die positiv besetzte Selbstüberbietung der Zeichen: Pop-art, Fotografie, Graffiti – Erinnerung an den Stuck und Barock; daher plädiert Baudrillard eigentlich für die Einrichtung im Künstlichen und im Schein, für das selbstlose und scheinhafte Spiel der Zeichen;

Faszination etwa für das Objekt: Moderne heißt Selbstermächtigung des Subjekts über das Objekt; das Objekt entzieht sich jedoch auch diesen Unterwerfungsversuchen des Subjekts, z. B. in der Fotografie: F. zeigt nicht das Objekt, sondern das Verschwinden des Objekts; Objekt ist anwesend und abwesend zugleich; Foto bleibt sich selbst fremd;

 

- Erinnerung an „Lettre à Freddy Buache“: Simulation als Teil moderner Optik

 

 

Literatur

 

Jean Baudrillard: Der symbolische Tausch und der Tod

ders: Agonie des Realen

ders: Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen

ders: Transparenz des Bösen

ders: Fotografien 1985 – 1998

ders: Laßt Euch nicht verführen

ders: La société de consommation

Oliver Fahle: Vo(r)m Verschwinden. Adorno und Baudrillards Medientheorien (in: Duarte, Fahle, Schweppenhäuser: Massenkultur. Kritische Theorien im Vergleich)

 


 

Bildnachweise (fettgedruckt, wenn klausurrelevant):

Die meisten Bilder sind auch in Künstlermonographien leicht zu finden (etwa Velazquez, Manet, van Eyck, Pollock etc.)

 

Bilder zur Ikonenmalerei, in: Hans Belting: Bild und Kult. S. 179, 196, 198, 199.

Bilder zur Ikonik, in: Gottfried Böhm (Hg.), Was ist ein Bild, siehe Text von Max Imdahl, S. 300 ff.

Velazquez: Las meninas , in: Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge (1.Kapitel, Die Hoffräulein), auch in: Walther (Hg.), Malerei der Welt, S. 272.

Pieter Aertsen: Jesus bei Maria und Martha, in: Victor Stoichita: Das selbstbewußte Bild. Vom Ursprung der Meta-Malerei (Erste Bildanalyse im Buch).

Massacio, Die Trinität, in : Samuel Edgerton: Die Entdeckung der Perspektive, S. 30.

Die beiden Bilder von Florenz, in Edgerton: Die Entdeckung der Perspektive, S. 12/13.

Raffael: Die Vermählung der Maria, in: Malerei der Welt, S. 171.

Piero della Francesca, Geißelung Christi, in: Martin Kemp (Hg.), DuMont Geschichte der Kunst, S. 159.

Jan van Eyck: Arnolfini Hochzeit, in: Ingo F. Walther, Malerei der Welt, S. 123.

Pietro da Cortona: Die göttliche Vorsehung (1633 – 1639), Rom, Palazzo Barberini, in: DuMont Geschichte der Kunst, S. 207.

Annibale Carracci (1560 – 1609), Beweinung Christi (1606), in: Malerei der Welt, S. 226.

Manet: La gare Saint Lazare, in Georges Bataille: Manet, S. 93.

Pollock: Nummer 32, in : Monika Wagner, Funkkolleg Moderne Kunst, Band 2.

Bilder zu Kittler (19. Jhd., Bertillonage etc.): in : Christoph Asendorf, Ströme und Strahlen (nicht zur Klausur benötigt) S. 30,35,72.

Hobbema: Die Allee von Middelharnis, in: Malerei der Welt, S. 331

 

 

 

 

Power Point-Texte der letzten drei Sitzungen (ohne Bilder und Grafiken)

 

 

Das technische Bild

 

 

1) Vorannahmen

 

McLuhan:

Medien als Verlängerungen und

Rückwirkungen des ZNS

 

Lacan:

Imaginäre – Symbolische – Reale

 

Shannon:

Rauschen/Information

Quelle-Encoder-Signal-Dekoder-Ziel

 

Kittler:

Speichern-Übertragen-Verarbeiten

 

 

 

2) Repräsentation/Illusion/Fiktion

(Ordnung, Täuschung, Herstellen)

 

Zeichen verweisen auf das Reale

 

 

 

Simulation

 

Ununterscheidbarkeit von Zeichen und Realem;

Zeichen verweisen nur noch auf sich selbst

 

 

3) Kittler

Symbolische (Rückkoppelung, Verschaltung);

Information (Zustände der Medien) statt

Bedeutung und Sinn (Zustände der Welt)

 

 

Baudrillard

Modelle, Codes (technisch induziert, aber nicht nur

darauf zurückführbar);

Kurzschluss von Sinn und Bedeutung in (massenmedialen) Codes

 

 

 

4) Vier Stufen der Simulation (Baudrillards Bildtheorie)

 

 

1. Illusion/Imitation (Barock)

 

- spielerisches, offenes Verhältnis von Zeichen und Realem;

- Unverfügbarkeit des Realen

 

 

2. Serie/Reproduktion (Industrielle Moderne)

 

- Entwurf des Realen in Bezug auf Reproduzierbarkeit

 

 

3. Reproduzierbarkeit/Simulation

 

- Abhängigkeit des Realen von Modellen/Codes

- erst Modell, dann Reales

(Umkehrung des Verhältnisses von Territorium/Karte)

 

 

4. Wucherung/Zirkulation

 

- Ende des Codes/unkontrollierte Wucherung der

Zeichenbewegungen (Transparenz des Bösen)

 

 

 

5) Baudrillards Theorie der Moderne

 

 

- Verlust des Ursprungs

 

- Suche nach dem Authentischen

 

 

Wiederherstellung in der Ordnung der Simulation

(Bsp: Museen, Tourismus, Medien)

 

 

 

6) Baudrillards Kommunikationstheorie

 

Symbolischer Tausch versus codierte Kommunikation

(Massenmedien)

 

 

Massenmedien als Codierungsapparate !

Produktion des Realen in Funktion von Codes

(dritte + vierte Stufe der Simulation):

 

- Codierung ohne Widerspruch

- Rede ohne Antwort

- Gabe ohne Gegengabe (Marcel Mauss)

 

 

7) Kommunikation (symbolischer Tausch) vollzieht sich

diesseits der Codes

 

- Graffiti

 

- Verführung

-

- Pop-Art

 

- selbstloser, defunktionalisierter Austausch der Zeichen

- Selbstüberbietung der Zeichen

- Einrichtung im Künstlichen und im Schein

 

 

8) Gemeinsamkeiten der Bildtheorien von

Kittler und Baudrillard

 

- Absorption des Realen

im Symbolischen (Kittler),

in Codes (Baudrillard)

 

- Bilder nicht in Bezug auf den Referenten,

sondern als Produkt von Apparaten, die sich

subjektiver Verfügung zunehmend entziehen

 

- Bilder realisieren die Programme/Dispositionen

ihrer Medien; Programme/Codes sind ihr Referent

 

 

 

9) Das Bild und das Sichtbare

 

Eine Bildtheorie moderner Bildmedien

 

 

10) Paléofernsehen                  Neofernsehen

 

- hierarchische Kommunikation            - enthierarchisiert (Nähe)

- Bildungsraum                                             - Ereignisraum

- eigene Zeitlichkeit                                      - Alltagszeit

- strukturierte Kommunikation            - keine vektorisierte Form                                                                               der Kommunikation (Interaktion)

- Adressat: Kollektiv                       - Adressat: Individuen

 

- Bild: Information                                       - Meta-Bild: energetisch                         

 

 

These: Fernsehbild in der Tradition moderner Bildmedien

                (Evolution des Bildes)                        

 

 

 

11) Klassisches Bild (Malerei)

 

- Herstellung eines Illusionsraums

 

- Geschlossenheit des Dargestellten

 

 

12) Modernes Bild 1

(moderne Malerei/Fotografie)

 

-Auflösung des Illusionsraums

  (Verweis auf ein Außen)

 

- Offenheit des Dargestellten

 

 

13) Modernes Bild 2 (Film)

 

-kein feststehendes Bild

  (Kamerabewegung, Montage)

 

- hors-champ

  (ständige Überschreitung des Bildes)

 

 

Folge: permanente Durchdringung des Bildes

durch das Sichtbare

 

 

14) Unterscheidung von Bild und

Sichtbarem

 

Bild                                                    

 - multipel

 - variabel

 - Feld des Möglichen

   und des Simultanen

   (des Mannigfaltigen)

 - Außen des modernen

   Bildes

 

Sichtbare

 - kadriert

 - komponiert

 - Bestimmbarkeit

   von Raum und Zeit

 - Repräsentation

 

 

15) Maurice Merleau-Ponty (1909 - 1961)

 

Wie funktioniert Wahrnehmung ?

 

- Wir sind zugleich Wahrnehmende und Wahrgenommene;

das heißt:

kein Subjekt/Objekt-Dualismus, weil Wahrnehmung nicht

vom Wahrgenommenen zu trennen ist

 

- Wahrnehmung nicht als Trennung von der Welt, sondern

aus ihrer Mitte heraus

 

- Betrachter steht nicht der Welt gegenüber, sondern sein Blick ist ein

inkarnierter Blick

 

- Wahrnehmung des Bildes immer in umfassendes Sichtbares eingelassen;

Bilder entstehen erst im Vollzug des Sehens

 

16) Modernes Bild 2 (Film)

 

-kein feststehendes Bild

  (Kamerabewegung, Montage)

 

- hors-champ

  (ständige Überschreitung des Bildes)

 

Folge: permanente Durchdringung des Bildes

durch das Sichtbare

 

 

17) Modernes Bild 3 (Fernsehen)

 

-Verschärfung der Ununterscheidbarkeit

  von Bild und Sichtbarem

 

- Bild nur noch asymptotisch herstellbar, flüchtig

 

 

18) Dies war der erste Schritt.

 

Der zweite besteht darin zu zeigen, wie die Differenz

von Bild und Sichtbarem in die Bilder der Medien selbst

wieder eingeht.

 

Bsp: klassische/moderne Malerei

        klassischer/moderner Film

        Paléo-Neofernsehen

 

Differenz von Bild und Sichtbarem artikuliert sich doppelt:

- als medienexterne und medieninterne Schwelle

 

 

19) Zusammenfassung der Klausurthemen

 

1) Lettre à Freddy Buache (Godard)

 

2) Platon:

     - Bilder als Nachahmungen

     - Unterscheidung Ebenbild/Trugbild (Simulakra)

       Warum gibt es das Nichtseiende ?

 

3) Plotin: Einheit und Vielheit

    Lukrez: Bilder als Simulakra

 

4) Bilderstreit: pro und contra

    Funktion der Ikone

 

5) Zentralperspektive:

    - Sehtheorien (Alhazen, Grosseteste)

    - Brunelleschis Experiment

 

Albertis Konstruktion

- Einordnung bestimmter Bilder (Giotto, Stadtansichten von Florenz,

  Massacio, van Eyck etc.)

 

 - Erfolg der ZP

   Subjekt- und Raumvorstellungen

   ZP und Sehen

 

  - Folgen der ZP:

    Errichtung und Störung der klassischen Repräsentation

    (Aertsen, Velazquez)

 

6)  Bildparadigmen der Neuzeit (Martin Jay)

 

7)  Ikonographie (Panofskys Ebenen)

     Ikonik (Imdahls Fortsetzung von Panofskys Modell)

 

 

7) Neudefinition des Bildes und des Sehens in der Moderne

    (Pollock, Manet)

 

8) Das technische Bild: Kittler

-

- Vorannahmen (McLuhan, Lacan, Shannon)

- Speichern, Übertragen, Verarbeiten

- Was ist Psychotechnik ?

- Warum Krieg ?

- Was machen elektronische Medien mit dem Realen ?

 

9) Baudrillard: Vier Stufen der Simulation

    Rolle des Codes; symbolischer Tausch, Kommunikation

 

10) Theorie der modernen Bildmedien (Bild und Sichtbares)