Der
Gute Film, 2.
Wintersemester 99/oo,
Mittwoch, 18 - 22 h, HS A (Lorenz Engell)
1. Vorlesung (2o.
1o. 99): "Die Spielregel" (Jean Renoir, F. 1939)
1.
Begrüßung, Einleitung und Allgemeine Einführung (vor
dem Film).
1.
Begrüßung, Einleitung
- Begrüßung.
- Fortsetzung der
Vorlesung nach vier Jahren mit neuen Filmen.
- Ausblick:
Einleitung, Film, Analyse (Historische Stellung - Erzählung -
Themen - Bilder). Ziel. Sie mit einem der besten, eigenartigsten
und berühmtesten Filme vertraut machen, die je gedreht
wurden; und zugleich: zeigen, was ein guter Film ist (oder sein
kann).
2. Einstellung auf den
Film
- Ein unbekannter,
sechzig Jahre alter Film, der einerseits unangefochten als einer
der zehn besten Filme aller Zeiten geführt wird, als beste
Arbeit seines Regisseurs und in Farnkreich ungeheure Verehrung
genießt und zum nationalen Kulturerbe
zählt,
- andererseits aber
natürlich für uns und von heute aus schwer
zugänglich ist. Sehgewohnheiten andere, Wertehorizont
völlig anderer, Handlungserwartung etc.
- Hilfestelllung;
Betrachtungsanleitung: Lassen Sie sich die Zeit, die der Film
benötigt. Nehmen Sie ihn als Mitteilung aus einer anderen,
untergegangenen Welt. Achten Sie auf die Bilder, auf die
sichtbaren Oberflächen, die visuellen Muster, die
Raumbehandlung.
PROJEKTION: LA
RÈGLE DU JEU
Überleitung:
was ist ein guter Film ?
- ein Film, der
gefällt; ein Film, der auch nach langer Zeit noch
gefällt ? ein Film, der zu einer interessanten Analyse
Anlaß gibt ?
- ein Film, den alle
Leute für gut halten ? Jedenfalls genügt ein "find ich
irgendwie gut, und wenn ich das finde, dann ist das für mich
so" nicht. Ganz wichtig: Wenn ein Film gut ist, dann gibt es auch
Artgumente dafür, und es kann sein, daß sich ein Film
als gut herausstellt, der mir dennoch nicht
gefällt.
- Untersuchen wir das
an einem Beispiel, nehmen wir an: dies ist ein guter
Film.
2. Der
Perseus-Spiegel - Zur Geschichte.
1. "Die
Spielregel"
- Produktionsgeschichte:
Umbesetzungen (Octave, Céline) und Improvisationen
(Drehbuch: Carl Koch).
- Rezeptionsgeschichte:
Scheitern 1939; Neufassung; Verbot 194o; Erneuerung des Verbots
194o; Scheitern 1948; Erfolg der Wiederaufführung
1959.
- Der späte
Erfolg: Eingang in die ewige Bestenliste von Sight And Sound seit
1959 (die zehn besten der Welt).
2. Film und seine
Zeit
- Film als Ausdruck
einer spezifischen Zeit: Der Klassiker; hier: Portrait der
französischen Oberschicht am Vorabend des Zweiten
Weltkrieges, "raffiniert, unbesonnen, dekadent"; Bazin: Was
Beaumarchais für 1789, ist dieser Film für
1939".
- Ergänzung:
Klassiker als überzeitlicher Ausdruck einer archetypischen
Problemlage; hier: die Mehrecksbeziehung, das Verhältnis von
Leidenschaft und Konvention, s. dazu weiter unten.
- Film als
vorausahnendes Sensorium der "Disposition" (Kracauer); hier:
Zerfall der Vorkriegsgesellschaft, Ankündigung der
moralischen und militärischen Katastrophe.
- Film als Aufnahme
und Weitergabe sowie als Neuentwicklung filmästhetischer
Entwicklungen; hier: Anknüpfung an die Bildauffassung des
frz. Stummfilms der 2oer Jahre (Photogénie, s. dazu unten);
Tiefenschärfe (s.u.).
3. Struktur -
Handlung und Erzählung
1. Inhaltsangabe,
"Geschichte"
- Inhaltsangabe 1:
Nacherzählung von zwei Druckseiten Länge, die jede
Wendung und jede Intrige beschreibt.
- Inhaltsangabe 2:
"Eine Frau kann sich zwischen mehreren Männern nicht
entscheiden und übersieht den einzigen, der sie liebt und der
an Stelle desjenigen sterben muß, den sie
erwartet."
- dazu: Inhalt des
Stückes "Les caprices de Marianne", Alfred de Musset (vgl.
oben, Beaumarchais)
- zudem:
Strukturmerkmale werden genannt (Erzählgrammatik): Eine Frau
und mehrere Männer; Täuschung und Verwechslung; eine
Falle oder ein Opfer (und ein Täter); echte und unechte
Gefühle, Ungleichgewichte.
2. Die
Personenkonfiguration
- Zwei Dreiecke, ein
Viereck: Robert-Christine-André / Robert-Christine-
Geneviève ...
- Ein drittes
Dreieck: Lisette-Schumacher-Marceau. - Anmerkung: Schumacher und
Christine: Deutsche Namen / Herkunft
- Zusatzpersonen:
Octave, der Graf; deren Funktion: Scharnier und
Überlauf
- Andere Personen mit
Scharnierfunktion: Lisette, Robert
3. Die Struktur der
Erzählung
- strenge
Linearität; drei Tage und ein zeitlich undefinierter Vorlauf;
Einheit von Handlung, Ort und Zeit im Hauptteil.
- Protasis
(Exposition), Epitasis (1 + 2) (Steigerung), Katastasis (Wendung),
Katastrophe (Zusammenbruch): Klass.
Fünf-Akt-Schema.
- Parallelhandlungen:
Jagdsequenz; Theatersequenz; Schluß (Verwechslung); Zunahme
der Parallelisierungen.
- Steigerung:
Handlungsgeschwindigkeit; Parallelführung; Partnerwechsel;
Demütigungen Schumachers.
- Sonderstellung der
Jagdsequenz (Syntagma der Umfassenden Klammerung:
Verallgemeinerung mit Tendenz zur Symbolisierung): "Aussetzen" der
Zeit.
4. Relation und
Prozeß: Spiegelung, Verschachtelung, Vorwegnahme, Verzahnung,
Verschiebung etc.
- Destabilisierung
einer Situation: Der Beginn (André "überschreitet" die
Konfiguration); daraus resultieren immer weiter gehende
Instabilitäten.
- Spiegelung: Die
Lisette-Geschichte spiegelt die Grafen-Geschichte; - Vorwegnahme:
Die Jagd nimmt die Schießerei vorweg etc;
- Verzahnung:
Über die Beziehung Marquis-Schumacher greifen beide Konflikte
ineinander (vgl. oben, Scharnierfunktion);
- Verschiebung:
zeitliche Kategorie, z.B. treffen Trennungs- und
Versöhnungsbereitschaft jeweils nicht im richtigen Moment
aufeinander.
4. Themen
1. Lüge und
Schein, Haut und Herz
- "Lügen sind
Kleider, an denen man sehr schwer zu tragen hat": aber auch wieder
nicht zu schwer; sie lassen sich ablegen, wechseln usw. Es geht
nicht darum, daß man lügt, sondern wie man
lügt.
- alle machen allen
etwas vor, sogar in der Frage, ob sie sich etwas vormachen lassen
(Christine macht Geneviève glauben, sie wisse alles; Robert
aber, sie sei getäuscht worden).
- Der Einbruch der
Aufrichtigkeit (André, Schumacher) bringt alles
durcheinander. Aufrichtigkeit, Authentizität, "echte"
Gefühle als Einbruch der Moderne in ein traditionelles
Regelgefüge, "Liebe ist der Austausch zweier Launen und der
Kontakt zweier Häute" (André ist Flieger !); wird von
Renoir aber durchaus kritisch gesehen.
2.
Intermedialität
- Theater: Neben den
Anknüpfungen an Beaumarchais und Musset: Theater im Film; die
Octave-Sequenz.
- Übergang von
einer theatralischen zu einer filmischen Bild- und Raumauffassung,
dazu s.u.
- Theater als
Metapher des Spiels, der Maske, der Intrige;
- Theater und
Zuschauer, s.u.
3. Automaten und
Konventionen
- Die
Musikautomatensammlung: ablaufende Programme ohne
äußeres zutun (Uhrwerkmetapher): eine Handlung, einmal
in Gang egsetzt, läuft ab; "arithmetisches Chaos", "Uhrwerk
der Gefühle".
- Deleuze: Kino als
"mentaler Automat": mechanische Bewegung, die in unserem
Denkapparat eine Bewegung auslöst und Bild und Gedanken zu
einem automatischen Prozeß zusammenschließt,
"Kontrolle höherer Ordnung"; vgl. a. "Ecriture
automatique".
- In diesem Sinne
wäre die Automatensammlung auch eine Kino-Metapher, und es
ist kein Zufall, daß gerade die filmische Metapher von
Deleuze wiederum als Beispiel eines geistigen Automatismus
eingeführt wird ...: Spiegelungen.
4. Beobachtung
- die berühmte
Fernglas-Sequenz, a - ist für den Fortgang der Intrige
wichtig; b - Thema der "technischen" Beobachtung: Alles, was
hierüber gesagt wird, gilt auch für die Kamera
!
- Theater und Film:
beobachtete vs. unbeobachtete Beobachtung. Vgl. a. die
Octave-Sequenz ("Kontakt mit dem Publikum").
5. Gewalt
- Die Jagd-Sq.:
Beziehung Mensch-Natur (vgl. Deleuze: sensomotorisches Schema;
Bazin: Theater, das von innen nach außen, Film, der von
außen nach innen "arbeitet")
- Von der Jagd zur
Burleske: Die Schießerei im Schloß, die
Schlägerei; zum Ernst, der wieder als Jagd metaphorisiert
wird.
- Gewalt und
Gefühl: Einbruch der Natur.
6.
Zusammenfassung
- Lüge und
Schein; Theatralität; Beobachtung; Automatismus und
Konvention; Gewalt und Gefühl, Natur und Denken: Das ergibt
einen thematischen Zusammenhang, einen Gesamtkomplex, in dem alles
miteinander korrespondiert und aufeinander verweist.
5. Bilder
1. Photogénie,
1: Texturen und Gegenstände; Nahaufnahmen
- Anknüpfung:
Zusammenrücken von Natur und Mensch wird durch die
photographische Qualität der Bilder
unterstützt.
- Texturen: Bild wird
durch Oberflächenraster, lineare Muster gegliedert, z.B.
Zweige oder Schatten, die alles Gezeigte zusammenrücken und
gliedern. Durch Beleuchtung wird die Textur der gezeigten
Oberflächen herausgearbeitet, z.B. Grobkörnigkeit der
Steine.
- Großaufnahmen
unterbrechen das Flächenkontinuum (Jagdsq.)
- dadurch:
"Verfremdung" der Gegenstände und der Oberflächen;
Beiordnung des Belebten und des Unbelebten (Denken/Gefühl und
Materie). Kraft des Filmbildes, bestimmte Aspekte des
gegenstädnlichen Abgebildeten durch die Art der Abbildung
herauszuarbeiten und daurch Eigenschaften freizulegen, die nur dem
filmischenBild zugänglich sind:
"Photogénie"
2. Photogénie,
2: Bewegung, Rekadrierung, Raum
- Dieses
Zusammenrücken kann auch durch die Bewegung entstehen: Kamera
bewegt sich an den Oberflächen entlang (Lateralfahrt z.B.)
oder generiert Raster und Muster durch Bewegung erst.
- Bazin: Kamera ist
selbst handelnder, involvierter Beobachter (ganz im Gegensatz zum
Theaterblick) im Raum.
- Technik der
Rekadrage. Handlung geht jenseits des Bildausschnitts weiter;
Kamera kann sie durch leichte Drehung, Schwenk etc. wieder
"einfangen". Effekt: Offener Handlungsraum, der die Kamera
vollständig umgibt (Gegenstaz zur Montagekonzeption;
Gegensatz zu einer malerischen Bildauffassung, "cadre" in der
Malerei, "cache" im Film.
3. Tiefe
- Ausnutzung der
Bildtiefe: Durch Ausleuchtung und Tiefenschärfe werden
mehrere korrespondierende Bildebenen aufgespannt.
- Verdichtung des
Blicks, der mit der Texturalisierung des Blicks korrespondiert und
sie ergänzt.
4. Das
Kristallbild
- Die Spiegelungen:
Zusammenfassung. Die beiden Ebenen der Herrschaften und der
Domestiken; die Figuren und ihre Ab-/Gegenbilder; das Theater und
der Film; Die Natur und das Denken/Handeln; die sichtbaren
Oberflächen; die Automaten und das Denken; auch: die
Vergangenheit und die Zukunft (durchaus historisch).
- Bildliche Metapher
für die Spiegelungen: Das Gewächshaus (vgl.a. Hell-
Dunkel).
- ein solches mehr
oder weniger geschlossenes Brechungs- und Reflexionsganzes im Film
nennt Deleuze das "Kristallbild" (gemeint ist nicht ein einzelnes
Bild / Motiv, sondern eine Bildlichkeit).
- Das System der
Spiegelungen ist aber nicht geschlossen: Schumacher bleibt
"isoliert", und er ist auffällig oft in der Bildtiefe, im
Hintergrund zu sehen.
- D.h.: Durch die
Tiefenschärfe wird der geschlossene Kristall
gesprengt.
6. Schluß:
Warum "Die Spielregel" ein guter Film ist
- definitiver
Ausdruck einer Zeitlage;
- erheblicher
Einfluß auf spätere Filme;
- ästhetische
Dichte, in der Erzählung, thematische Struktur und Bildgebung
ineinandergreifen und miteinander interagieren;
- paradigmatisches
Kristallbild.