Lorenz
Engell
Vorlesung:
"Umberto Eco"
(WS 1998/9,
Do., 19-21, Hs C)
9.
Vorlesung (14. 1. 1999):
Ecos Mittelalter (Zusammenfassung und Schluß). Serialität
und Hyperrealität (Beginn): Grundzüge der Massenkultur nach
Eco.
o.
Einleitung.
1.
Allgemeines.
- Begrüßung.
Hinweis auf Medien hoch i.
- Ausblick.
MA-Thematik wird noch einmal aufgenommen; danach: Aspekte der
Massenkultur, nämlich: Serialität und - ansatzweise -
Hyperrealität.
2.
Rückblick, Teil 1.
- Thema der
Kulturtheorie: Ausgehend von der Interpretationstheorie nun Ecos
Kulturtheorie, im Vergleich mit der ebenfalls semiotisch
begründeten Kulturtheorie Benses.
- Bense:
Dualistische Kulturtheorie, die vom Gegensatz Natur-Kultur
ausgeht; Zweckrationalität, Technisches Handeln, Umformung
der Welt vom metaphorischen in den mathematischen Zustand mit dem
Ziel der weitgehenden Planbarkeit der Welt zum Zwecke ihrer
humanen Bewohnbarkeit. Kultur demnach: Ausschluß des
Unwahrscheinlichen.
- Eco:
Triadischer Kulturbegriff, der den Gegensatz Kultur-Natur
aufnimmt, aber um das Gesellschaftliche erweitert;
Sinn-Rationalität; Kommunikatives Handeln; ständige
Neuformung des metaphorischen, interpretativen Verhaltens zur
Welt; Prozeß gegenseitiger Formung von Welt und Zeichen,
vermittelt durch Materialität des Zeichens und durch
Handlung.
- Hinweis:
Dieser Gegensatz findet sich wieder bei C.P Snow, Die zwei
Kulturen. (Ingenieurkultur und "Kunst"-Kultur).
3.
Rückblick, Teil 2.
- Wie
schlägt sich ein solcher Ecoscher Kulturbegriff nieder, wenn
es um die historische Beschreibung kultureller Proizesse und
Epochen geht ?
- Darin,
daß eine historische Betrachtung selbst als Sinngebung
aufgefaßt werden muß, die also ihren Grund in der
Gegenwart, nicht in der Vergangenheit hat.
- Zweitens
aber darin, daß eine zurückliegende Epoche nicht als
defizienter, überwundener Entwicklungszustand begriffen wird,
der das jetzt hervorgebracht hat, sondern als in sich fungibles
Interpretationssystem, das ein mehr oder weniger
abschließbares Weltverständnis hervorbringt, Zeichen
generiert, die wiederum Handlungen in der Welt steuern können
etc.
- Beispiel:
Das MA; Anknüpfung bei Roberto Vacca; Stichworte:
Wirtschaftskrise, Machtkrise, Krise des Verkehrs und der
Kommunikation; Überwindung der Krise durch technologischen
Wandel und kulturelle Anstrengung im Ordnen und Begreifen der
Welt.
1. Zur
mittelalterlichen Kultur (Wiederholung und Forts.)
1.: Wissenschaft
und Philosophie im MA
- Vielleicht
die nachhaltigste Erfindung des Mittelalters: die
Universität.
- Exkurs: Aus
der Geschichte der Universität (Kairo um 8oo; Italien um
1ooo; Bologna 1054; Padua, Pavia etc; Paris 12. Jhdt.,Prag 13.
Jhdt., Köln , Erfurt 14. Jhdt. usw.).
- Wissenschaft:
Um im Zusammenbruch der äußeren, erfahrungsweltlichen
Ordnung wieder Halt zu finden, wurde auf die AUCTORITAS
zurückgegriffen, d.h. es wurde eine kleine Zahl verbindlicher
Denkansätze sanktioniert: Die Bibel, Aristoteles, soweit
überliefert; die Kirchenväter, z.B. Benedikt und
Augustinus.
- Diese
Bücher enthielten bereits alles Wissen (vgl. Vorl. 1 und 2);
alles weitere, was zum Verständnis der Welt notwendig war,
konnte durch Kommentare dieser Bücher erschlossen werden.
Umgekehrt mußte sich jede Idee durch Beleg und
Rückgriff auf die Auctoritas legitimieren.
- Eco sieht
diese Praxis in der heutigen Ehrfurcht vor den Meisterdenkern
wiederkehren (z.B. im (westlichen) Neo-Marxismus der 7oer Jahre,
im Poststrukturalismus der 8oer Jahre, in der Diskurs- und
Technologiekritik der 9oer Jahre ?)
- Akademische
Disziplinen: Lectio, Quaestio, Disputatio: Lectio: Lektüre
eines Textes mit dem Ziel, die Autorenintention eindeutig
festzulegen; Quaestio: Zusammenstellen aller Lesarten eines Textes
mit dem Ziel, eine eindeutige Interpretation festzulegen;
Disputatio: Freie Diskussion der Meinungen mit
abschließender versöhnender Zusammenfassung,
"determinatio", durch den Lehrer.
- Scholastischer
Diskurs: Geprägt durch eine strenge Identitätslogik und
negation des Historischen; Eco: Vgl. Strukturalismus; man
könnte auch mit Eco selber (Klassifikationswut etwa)
vergleichen.
- Funktion der
Universität: Für Vacca ein Hort des Bewahrens und
Überlieferns, wie die MA-Bibliotheken und Klöster;
dagegen Eco: Es wurde schlecht aufbewahrt (Palimpsest-Kultur:
papierlose Zeit des Pergaments zwingt zum Überschreiben
älterer Texte); vielmehr: Klöster und Universitäten
des MA haben die Kultur ständig wechselnden Anforderungen
angepaßt; um dies bruchlos tun zu können, haben sie
dabei den Diskurs der Konstanz, des Bewahrens, des Rückgriffs
auf Autoritäten usw. geführt.
2.: Die Kunst im
MA.
- Bedenken: Es
handelt sich beim MA um einen 1ooo Jahre umfassenden Zeitraum, der
kaum unter wenige Entwicklungen zusammengefaßt werden kann
!
- Dennoch,
nach Eco: MA geprüägt durch ausgesprochene
Unterscheidung zwischen dem reich des Sprachlich-Begrifflichen
(Schrift / Latein) und dem des Anschaulich - Visuellen
((Buch)Malerei, Plastik). Funktion der Bildkultur ist die
Erläuterung und Vermittlung dessen, was begrifflich erkannt
wurde. Beispiel: Buchillustration; Kathedralenplastik als biblia
pauperum.
- Eco: Hoch-
und Massenkultur; "Kathedrale als Hollywood des MA";
tatsächlich verselbständigt sich der bildliche Bereich
zunehmend vom schriftlichen, z.B. können weder die
Buchkopisten selbst noch die Illustratoren lesen, so daß die
Buchmalerei zunehmend frei operiert; Kathedralenplastik bleibt
stärker gebunden, aber auch hier nimmt die Bizarrerie lange
Zeit zu.
- Zitat: Name
der Rose, S. 57 f und Seite 1o2 f.
- Kunst
genießt keinen eigenen Status; sie gilt als
Merkwürdigkeit neben anderen und wird unterschiedslos auch
sammlerisch behandelt, Eco: "Gleichmacherei des
Staunens".
- Zunehmend
verfährt die Kunst nach formalen Spielereien und Basteleien.
Repertorik, Ornamentik, Kombinatorik (eben
scholastisch).
- Erst die
Gotik ab ca. 115o integriert nach und nach bis ca. 14oo die
überbordenden Einzelarbeiten wieder in ein mehr oder weniger
verbindliches Gesamtkonzept.
3. das MA und
wir: Schluß.
- Eco verfolgt
die Idee, das MA habe Parallelitäten mit unserer heutigen
kulturellen Lage aufzuweisen, auch noch im "Namen der Rose": Thema
des Romans ist zum einen das sehr frühe Aufscheinen moderner
Erkenntnismittel (technisch: Brille, methodisch: Empirie, logisch:
Schlußfolgerung) im noch andauernden Mittelalter der
Inquisition, zum anderen der breit diskutierte Ansatz, Züge
heutiger Alltagskultur im MA wiederzufinden (s.o).
- In seiner
Schrift über Kunst und Schönheit des MA läßt
Eco diesen Ansatz jedoch wieder fallen und besteht darauf,
daß das MA (wie jede Epoche) nur in sich selbst verstanden
werden kann und auch in sich einigermaßen abgeschlossen
ist.
- Er arbeitet
hier sogar einen fundamentalen Unterschied zwischen dem
mittelalterlichen und unserem modernen Denken heraus: Das
Verhältnis zum Widerspruch. MA: Identitätsorientiert,
versucht es (am Ende erfolgreich, aber zu spät) die Welt in
ein großes System zu ordnen. Theoretisch: Die Summae, etwa
des Thomas von Aquin; ästhetisch: Die
Kathedralen.
- Zu
spät, weil zu diesem Zeitpunkt bereits Schriften wie Nikolaus
Cusanus im Umlauf sind, die sich für die Artikulation des
Widerspruchs (coincidentia oppositorum) interessieren.
- Dagegen
heute: Zunehmende Differenzorientierung: Widersprüche nicht
wie im MA auszuschließen, sondern (zunächst) zu
integrieren (etwa. Dialektik) oder sogar (Postmoderne) umgekehrt
als Hauptprinzip zu installieren.
- Zusammenfassung:
der Blick aufs MA fördert für Eco heute Differenz
zutage, und das ist ja auch ganz konsequent und stimmt mit der
Diagnose überein (Selbstbezüglichkeit der
Diagnose)
2.
Serialität und Wiederholung als Kennzeichen der
Massenkultur
1.
Überleitung vom Mittelalter in die Gegenwart.
- Das MA, so
Eco, ist gekennzeichnet durch die Praxis, jede Neuerung, jede
Innovation, auch jede ästhetisch-kulturelle Innovation, unter
dem Deckmantel des Alten, des gewesenen, des Legitimierten und
Bekannten zu verbergen.
- Gerade in
der Kunstproduktion (auch der Trivialkunst, s.o.) kann das
beobachtet werden, wo sich immer weiter getriebene
Skurillitäten als Illustration der Ewigen Texte rechtfertigen
ließen.
- Heute ist
genau das Gegenteil der Fall: gerade die Kulturindustrie
produziert, unter dem Deckmantel ständiger Neurung, ewig das
Gleiche. Dies ist ein Signum der Kulturindustrie der Gegenwart,
oft kritisiert: Das Problem der Serialität.
2.
Makrostrukturen des Seriellen.
- Quelle. Ecos
Aufsatz in "Spiegel"; in leicht veränderter Form in
"Labyrinth"
- Ecos
Interesse: Rechtfertigung des Seriellen (d.h. Abkehr von der
Abwertung der Kulturindustrie), indem es als Grundzug auch
anerkannter künstlerischer, namentlich avantgardistischer
Ästhetiken isoliert wird; Funktionsweise des Seriellen
erklären.
- Vorgehensweise
wie immer a - historisch, b - klassifikatorisch.
- In
historsicher Hinsicht: Techne / Ars als Geschicklichkeit in der
Herstellung funktionsfähiger, angenehmer,
zweckmäßiger Objekte, und zwar durchaus nach
feststehenden Modellen. Beurteilung des Einzelstücks (Token)
nach den Qualitäten des Modells (Type).
- Dies zieht
sich durch die gesamte abendländische
Ästhetik.
- Daß
also heute kulturelle Waren massenhaft hergestellt, d.h. vom
gleichen Modell ganz viele Kopien (eines Films, eines Bestsellers,
einer Cassette etc.) hergestellt werden, ist nicht das Problem des
Seriellen. Das Problem ist vielmehr die Serialität der
Modelle, der Types.Heute aber, wie gesehen, Umkehrung
gegenüber früher: Das Gleiche wird als Neues
ausgegeben.
- Erste
Definition des Seriellen: Serialisieren heißt Wiederholen,
indem von einem Typ (Muster) Tokens (Replika) hergestellt
werden.
3. Typologie des
Seriellen.
- Wiederaufnahme:
Fortsetzung eines bereits realisierten Themas oder Stoffes
(Literatur und Film / Fernsehen: Star Wars; Musketiere Zwanzig
Jahre später; aber auch: Design, Architektur).
- Wiederaufbereitung:
Die Neuaufbereitung der dientischen Geschichte, des identischen
Themas, ohne Fortsetzung, lediglich Neuinszenierung. Frage
natürlich: Was ist hier gleich, was verschieden ? Kann man
überhaupt Themen usw. identifizieren ? Was sind Haupt-, was
Nebendinge ? Wir kommen darauf zurück. Wiederaufbereitung
kann auch als KOPIE bezeichnet werden. Sie kann sich zu erkennen
geben oder auch nicht.
- Frage: Ist
der NEW Beetle eine Kopie des Käfers ?
- Serie: Hier
sind v.a. narrative Strukturen gemeint, d.h. das Seriellem wird
hier, in der Serie strictu sensu, als Art begriffen, eine
Geschichte zu erzählen. Definition: Hinter einem scheinbaren
Fortschreiten oder Abwechseln der Erzählung verbirgt sich die
Wiederkehr des Immergleichen.
- Untergruppen
der Serie: "Einfache" Serie in Episoden; "Schleife" in die
Vergangenheit (Anfang liegt schon vor; Bonanza); "Spirale" zur
Vertiefung der Charaktere bei zeitlichem Stillstand;
Stereotypie.
- Sonderfall:
Saga bzw. Soap: Zeitlich weitgehend lückenloses Fortschreiten
der Geschichte; Geneaologie; "Fluß des Lebens" wird jedoch
ebenfalls als Wiederkehr des Immergleichen realisiert. Hinweis
Ecos: Keine Erfindung der Massenmedien.
- 4.
Intertextualität
- Dies alles
sind Fälle, in denen serielle Strukturen leicht auszumachen
sind und auch kaum kaschiert werden. Interessanter: "Indirekte
Serialität": Intertextualität.
- Wiederaufnahme:
Intertextualität (vgl. Vorl. 1 und 2).
- Interpretation
des Intertextuellen als Serialöität: Es wird etwas
wiederholt; das Original kehrt wieder; die Kultur des
Zitats.
- Fälle:
Das einfache, direkte oder indirekte Zitat (erkennbar oder nicht);
das Zitat mit Zusammenhang oder ohne Zusammenhang (erkennbar oder
nicht).
- weitere
Fälle: die Anspielung, Eco: Das Stilzitat (Ein Film à
la Schwarze Serie z.B.); Parodie; Hommage etc.
- "Ironisches
Topos-Zitat": (Klischee-Zitat). Es setzt voraus, daß die
Leser oder Betrachter das Klischee (denn Topos9 kennen und mit
seiner üblichen Verwendung vertraut sind. Dann kann ein
klischee oder ein Topos ironisiert werden. Dh: Massenkultur setzt
sich dadurch seriell fort, daß sie sich selbst ironisiert /
distanziert / dabei aber doch zitiert. Eco: "Interextuelle
Enzyklopädie".
- Sonderfall:
Es wird außertextliches Wissen benötigt. Beispiel:
Berti Vogts als Nachbar im letzten Tatort; Auftritt eines
Regisseurs im Film eines anderen Regisseurs. Ecos Beispiel: Die
Begegnung zwischen E.T. und dem Gnom aus EMPIRE ...
- Zusammenfassung:
Eco gelingt es, das Raffinement im Seriellen herauszustellen,
zugleich wird auch klar, wie sehr tatsächlich die
Kulturproduktion vom Seriellen, von der Wiederholung geprägt
ist. Zitat: Eco, Spiegel, S. 173.
5. Zur
Interpretation des Seriellen.
- Was bedeutet
aber diese Zunahme der Serialität als Kennzeichen heutiger
Kulturproduktion, insbesondere der massenmedialen Produktion
?
- Es gibt
Zeichen für einen tiefgreifenden Wandel im Umgang mit dem
Seriellen bzw. sogar in den Grundlagen unserer modernen Kultur,
die sich im Umgang mit dem Seriellen lediglich
niederschlagen.
- Wie gesehen,
kommt es in der Beschreibung des Seriellen darauf an, das
Identische und das Differente in Beziehung zueinander zu setzen,
oder: Wiederholung und Variation.
- Das, was
gleich bleibt, ist in der Regel das Wesentliche, Strukturelle,
Schematische, das andere ist das Akzidentielle, die
Variation.
- Der moderne
Zuschauer: Sieht entweder dasselbe (das Schema), das in jeder
Serie steckt, und freut sich daran (Wiedererkennungseffekt), oder
aber die Variation.
- Die moderne
Kultur, die insbesondere der Idee der Originalität, der
Authentizität usw. verpflichtet ist, wird v.a. die
Variabilität betonen bzw. die Repetitivität kritisieren.
Darin liegt ein Widerspruch: man definiert Hauptsachen durch
Konstanz und kritisiert dann deren Vorkommen; Variationen werden
zu Nebensachen erklärt.
- Völlig
anders dagegen der postmoderne Zuschauer: Sieht die
Variabilität der "Nebendinge", d.h. der "bloßen"
Akzidentien und Äußerlichkeiten.
- Andeutungsweise
spricht Eco sogar von einem post-postmodernen Publikum, das
überhaupt nicht mehr zwischen Haupt- und Nebendingen
unterscheidet: Alles könnte variiert werden, alles kann aber
auch auf Konstanz gestellt werden. genau das ist in Fernsehserien
etwa zu beobachten.
- Dann
könnte man die Wiederholung (Desselben) von der Variation
(also der Einführung des Anderen) gar nicht mehr
unterscheiden. Damit wäre jedoch ein Fundament unserer
Epistemologie in Frage gestellt. Philosophisch hat sich z.B.
Deleuze damit auseinandergesetzt.
6.
Schluß.
- Die
Unterscheidung der Moderne zwischen Original und Kopie kann also
nicht mehr klar getroffen werden.
- Daran
anknüpfend werden wir uns das nächste Mal mit Ecos Idee
der Hyperrealität befassen.