Lorenz
Engell
Vorlesung:
"Umberto Eco"
(WS 1998/9,
Do., 19-21, Hs C)
7.
Vorlesung (18. 12. 98):
Von der (Theorie und Praxis der) Interpretation zur (Theorie und
Praxis der) Kultur.
o.
Einleitung.
1.
Begrüßung und Ausblick.
- Begrüßung
und allgemeine Hinweise: Der nächste Gastvortrag bei medien
hoch i Quadrat.
- Ausblick:
heute erstens ein (kurzer) Rückblick auf das Phänomen
der (semiotischen) INTERPRETATION; dann im ersten Hauptteil eine
weitere Beispielanalyse; im zweiten Hauptteil zur Theorie der
Kultur anhand zweier Positionen, Max Bense und Umberto
Eco.
2.
Rückblick: Zur Semiotik der Interpretation, 1.
- Semiotische
Grundposition: Jedes Zeichen steht im Zusammenhang mit anderen
Zeichen, und zwar in zweierlei Hinsicht:
- Erstens:
Zeichen treten gemeinsam, in Komplexen auf: Rhema, Dicent,
Argument.
- Zweitens:
Zeichen "reagieren auf" Zeichen; ein Zeichen, das auf ein anderes
"reagiert", ist der "Interpretant" dieses Zeichens. Beispiel des
"unbekannten Zeichens".
- Zeichenabfolge
bildet einen Prozeß aus, der in mehreren Stufen vom
gegebenen Zeichen über seine Einordnung in Zeichenkontexte
zur Handlung und zur Handlungs- oder Haltungsgewohnheit
führt.
3.
Rückblick, Forts.: Zur Semiotik der Interpretation, 2: Das
Kölner Dom Beispiel.
- Unmittelbarer
Interpretant: Ein von Kinderhand bearbeitetes Stück Holz,
offenbar eine Kirche darstellend, spätes 2o. Jhdt. (also:
lexikalische, beschreibende Interpretation, z.B. Bildunterschrift
in einem volkskundlichen Katalog).
- Dynamischer
oder Enzyklopädischer Interpretant, der ein weiter gespanntes
Wissen umd die Umstände mit einbezieht, unter denen das
Zeichen auftritt, hier etwa: auf dem Schreibtisch eines vor
wenigen Jahren aus dem Rheinland Eingewanderten Menschen mit einer
großen Familie.
- Logischer
Interpretant: zieht daraus die Schlußfolgerung: Es handelt
sich um den Kölner Dom, um ein Geschenk innerhalb der
Familie, um ein Zeichen der Verbundenheit mit dem pays natal, der
heimatlichen Region.
- energetischer
Interpretant (Handlung): Ein "Antwortzeichen" wird produziert,
z.B. ein Kommentar abgegeben (etwa: "hübsch"), eine Handlung
eingeleitet (in die Hand nehmen des Objektes etc.).
- schließlich:
finaler Interpretant: das unbekannte Zeichenobjekt ist nicht mehr
unbekannt, sondern es zieht eine gewohnheitsmäßige
Reaktion (und Interpretation) nach sich, die sich in mehreren
(tendenziell unendlich vielen) Kommunikationssituationen
(energetischen Interpretationen) bewährt hat.
- Beachte:
Auch der Objektbezug des Zeichens wird damit geklärt
!
4. Erweiterung
des Rückblicks durch Anmerkungen.
- erster
Hinweis: Jedes Zeichen der Interpretationskette ist seinerseits
Beginn einer neuen Interpretationskette !
- der finale
Interpretant ist nicht wirklich final im Sinne von definitiv
abgeschlossen: Ein Zeichenobjekt kann uminterpretiert werden, d.h.
eine Denk- oder Verhaltensgewohnheit durchbrechen (und eine neue
aufrichten). Dies ist sogar die äußerste Wirksamkeit,
die ein Zeichen überhaupt erzielen kann, die Veränderung
einer (Interpretations-, Denk- oder Verhaltens-)
Gewohnheit).
- wie ist das
möglich ? Die lexikalische Definition dürfte sich kaum
einfach ändern lassen; ebenso ist der logische letztlich eine
Schlußfolgerung.
- Daher:
dynamischer und energetischer Interpretant als Einfallstore
für neu- und Uminterpretationen, d.h.: die Enzyklopädie
oder die Umstände, unter denen das Zeichen angetroffen bzw.
interpretiert wird und die Anschlußhandlung.
- Zeichen
können neue Bedeutung erlangen, wenn sie in neue
Umstände eingelassen werden und im Zusammenhang mit neuen
Handlungen auftreten.
- Beispiel:
Kunst.
- Es gibt aber
auch Beispiele für Zeichen, die von sich aus bestimmte
Enzyklopädien voraussetzen, um sich dann von ihnen
abzusetzen; Texte, die "wissen", daß sie mit bestimmten,
festgefahrenen Interpretationsgewohnheiten zu rechnen haben, und
die diese Gewohnheiten dann durchbrechen, indem sie sie ad
absurdum führen, in logische Paradoxien etc.
1. :
Fallbeispiel zum Prozeß der Interpretation,
Vorüberlegungen.
1.
Vorbemerkungen zur Geschichte der Literatur- und
Kulturtheorie.
- Wenn die
Interpretation aber nicht beliebig ist, wie ist sie dann geregelt
? Übertragen wir diese Frage noch einmal vom Verhältnis
Zeichen-Interpretation auf das Verhältnis Zeichen -
Zeichen-Nutzer.
- Der Eco des
Offenen Kunstwerkes hatte gesagt: Das Zeichen ist nicht
völlig determiniert (sogar eigentlich recht wenig); der
Zeichen-Nutzer hat die Funktion, die Unklarheiten,
Unbestimmtheiten etc. entweder aufzulösen ("disambiguieren")
oder offenzuhalten: Motiv der Wahl, der Entscheidung
etc.
- Dieses
Bemühen, von verengten, deterministischen Werkkonzepten und
Interpretationsgewohnheiten wegzukommen, teilen in den 5oer/ 6oer
Jahren viele, z. B. in der Literaturwissenschaft auch die frz.
semiologische Schule um Barthes und in Deutschland die
berühmte Schuile von Konstanz um Iser und Jauß, die die
sog. Rezeptionsästhetik entwickeln, die sich also mit den
Freiheitsgraden eines Lesers bei der Lektüre, der Rezeption,
der Interpretation von Texten befaßt und fragt, inwieweit
diese Freiheit des Lesers einerseits für das Verständnis
de Textes unentbehrlich ist (der Text also gar nicht anders
funktionieren kann), andererseits aber auch begrenzt wird durch
den Text selbst.
- In den 7oer
Jahren und nemantlich in den 8oer Jahren gewinnen andere Schulen
große Beachtung, die diese Ideen weiterführen (Umschlag
des Strukturalismus in den Poststrukturalismus): Texte sind so
vielen Interpretationen zuführbar, wie es Zusammenhänge
gibt, in die sie gestellt werden können, und jeder Text kann
gegen seine eigene Aussage, sein Thema und seine Struktur hin
interpretiert werden in Bezug auf ganz Anderes. Dies hat
insbesondere, in der Folge Derridas, die Schule des
Dekonstruktivismus entwickelt.
- Semiotisch
bedeutet das, daß der finale Interpretant, aber auch schon
der logische aufgehoben werden und daß schließlich
auch der Objektbezug stets ungeklärt bleiben muß. Es
bleibt stets unklar, wovon ein Text (ein Zeichen) eigentlich
"handelt", (was es bezeichnet).
- Dagegen Eco:
Nein. Keineswegs ist jede Interpretation möglich bzw. gleich
gültig. Sehr wohl enthalten Texte bestimmte Festlegubgen, die
den Interpretationsspielraum einschränken, und es ist sehr
wohl möglich, zu einem - wenngleich vorläufigen -
Finalen Interpretanten eines Zeichens zu gelangen, ganz wie Peirce
es forderte.
2. Weitere
Vorbemerkungen zum Vorgehen Ecos.
- Wie aber ist
es möglich, daß ein Zeichen, konkret ein Text,
Einfluß nimmt auf die Freiheit, mit der er interpretiert
wird ? Und dabei darf man nie vergessen, daß damit ja auch
der Objektbezug mit in Rede steht.
- Typisch Eco,
untersucht er diese Frage mithilfe detaillierter Analysen, d.h. er
sucht nach den textuellen Mechanismen, durch die der Text
versucht, Einfluß auf unser Verständnis eines Textes zu
nehmen.
- Er sucht
sich dazu einen Text aus, der so extrem und absurd ist wie zuvor
das Pyramidenbeispiel, ein Negativbeispiel gleichsam, nämlich
einen Text, der gezielt unsere Interpretation des Textes (und
damit unsere Annahmen über das, wovon er handelt bzw. unsere
Annahmen darüber, wovon er eigentlich handelt) in die Irre
führt.
2.
Lektüre und Analyse: Alphonse Allais, ein gutpariserisches
Melodram.
1: Erste
Lektüre.
- Zeichen der
Verunsicherung: Der Text nimmt ( in Kap. VI) eine
überraschende Wendung, die wir nicht erwartet haben. Unsere
Überraschung wird jedoch von den fiktionalen Figuren geteilt:
Auch sie sind überrascht von der Wendung der
Dinge.
- Daraus
resultieren zwei Fragen: Erstens, warum sind wir eigentlich
überrascht, zweitens, warum sind die Protagonisten
überrascht ?
- Offensichtlich
handelt es sich um ein Spiel mit der Interpretation: Wir haben bei
der Lektüre (Interpretation) eine stillschweigende
Voraussetzung getroffen, eine Annahme zugrunde gelegt, uns
für eine Interpretation entschieden, die dann aber am
Schluß des Textes ausdrücklich ausgeschlossen wird,
also falsch und unzulässig war.
- Und genau
das Gleiche gilt für die Protagonisten: Auch sie haben
offenbar in eine Situation (und genauer: in einen Text) etwas
hineininterpretiert, was da gar nicht stand: Deren Erstaunen ist
unser Erstaunen.
- Schließlich:
Dieser Text, den wir falsch interpretiert haben, ist der gleiche,
den auch die Protagonisten falsch interpretiert haben,
nämlich die Briefchen in Kap. IV. Unsere Fehlinterpretation
resultiert aus den Umständen (der Enzyklopädie), die in
dem umgebenden Text, etwa in den vorausgehenden Kapiteln, angelegt
werden, und die die Weltumständte der Protagonisten
sind.
- Anders
gesagt: wir machen Annahmen über die Welt (Enzyklopädie)
der Fiktion, um die innerfiktionale Nachricht (Briefchen) zu
interpretieren.
- Schließlich:
Wir zweifeln nicht daran, daß der Text "stimmt", d.h.
daß es logisch ist. Wir schämen uns (genau wie Raoul
und Marguerite, die aber eigentlich aus dem geschehen, das sie
nicht betrifft, keine Lehre ziehen können !).
2. Zweite
Lektüre.
- Wo sitzt der
Fehler ? Es ist gleich eine Kette von Fehlern, die immer auf den
gleichen beiden Prinzipien beruhen:
- Erstes
Prinzip: Es werden unzutreffende Annahmen und Voraussetzungen
getroffen, die der Text nirgends wirkloch explizit behauptet oder
erfordert, wohl aber nahelegt.
- Zweites
Prinzip: Der Text veranlaßt uns, unsere Annahmen und
Voraussetzungen als kongruent zu denen der handelnden Personen
anzunehmen.
- Einige
Beispiele: Erste Annahme: Raoul und Marguerite sind
einander untreu (Kap I, Motto: Mißverständnisse;
Streit; Kap. II: L'infidèle; Porto-Riche; Dialog).
- Zweite
Annahme: Die Nachricht aus dem Brief trifft zu: Raoul wird,
als Templer verkleidet, auf den Ball gehen; Marguerite wird, als
Piroge verkleidet, auf den Ball gehen.
- Dritte
Annahme: Beide werden dort ihre jeweiligen Geliebten/Geliebte
treffen, was durch nichts gesichert ist, sondern lediglich durch
Annahme 1 gestützt wird.
- Vierte
Annahme: Marguerite und Raoul wollen nunmehr erst recht auf
den Ball gehen (Bestätigung insbesondere der Zweiten Annahme,
die damit selbsterfüllend geworden ist).
- Fünfte
Annahme: jeder will den anderen dadurch überraschen,
daß sie/er in der Verkleidung der/des jeweiligen Geliebten
auf dem Ball erscheint.
- Hinzu kommt
jetzt aber ein logisches Problem: Wir haben es mit zwei Paaren zu
tun, von denen jeweils eine Person völlig imaginär ist.
In den Briefen steht nichts darüber, wie diese Person
ihrerseits verkleidet sein soll (kann auch nicht: diese Person
existiert ja nicht). Woher weiß Marguerite, daß sie,
um mit der präsumptiven Geliebten verwechselt zu werden, was
sie will, als Kongo-Piroge verkleidet sein muß ? Und
entsprechend für Raoul ?
- Sie kann es
nur wissen, wenn sie auch den anderen Brief kennt. D.H.: Hier
übertragen wir, in fortgesetzter Anwendung des Prinzips 2,
unser (Überblicks-)Wissen als Leser in den Text auf die
Personen im Text.
- Jetzt nimmt
das Unheil seinen Lauf: Wir erwarten, Raoul und Marguerite
anzutreffen unter den Masken. Diese Erwartung wird wiederum auf
die beiden maskierten Personen übertragen (sonst könnten
sie nicht überrascht sein).
- Beachte die
logische Kohärenz: Wäre er Raoul, könnte er nicht
überrascht sein, Marguerite unter der Maske vorzufinden (er
müßte vielmehr im umgekehrten Fall überrascht
sein); wäre sie Marguerite, könnte sie nicht
überrascht sein (dito). Sie können nur überrascht
sein, weil sie weder Raoul noch Marguerite sind: Selbstreflexive
Konstruktion.
- Einzige
Rettungsmöglichkeit der Situation: Weder Raoul noch
Marguerite sind auf dem Ball erschienen, wohl aber die beiden
angeblichen Geliebten; dann aber müßten beide von den
beiden Billets gewußt haben, d.h. wir unterstellen jetzt
unsere Annahmen, statt auf die Protagonisten (was ja gescheitert
ist), auf die imaginären Personen. Aber auch das funktioniert
nicht (finden Sie heraus, warum !)
3. Dritte
Lektüre.
- Bei einer
dritten Lektüre stellt sich heraus, daß der Text auf
sein eigentliches Vorhaben (nämlich: die Interpretation
unmöglich zu machen bzw.: die Interpretation des Textes durch
den Leser zum eigentlichen Thema zu machen) zahlreiche Hinweise
enthält, die uns hätten stutzig machen
sollen:
- "Mißverständnis"
z.B. bekommt eine neue Bedeutung: Mißverständnis des
Textes durch die Interpretation ! "Leute, die sich in Dinge
einmischen ...": Damit ist nicht nur der anonyme Briefschreiber
gemeint, sondern natürlich auch wir, die wir uns durch unsere
Annahmen in den Gang der Handlung einmischen. Das Auslachen (Kap.
VI): Wir werden ausgelacht etc.
- Schließlich:
Kap. II gibt den Schlüssel für das Ganze !
- Diese
Hinweise werden aber ignoriert, weil unsere Textgewohnheiten so
festgefahren sind. Diese Gewohnheiten, die z.B. schon immer
wissen, wie Dreiecksgeschichten bzw. Ehedramen verlaufen, werden
hier attackiert: Änderung einer Gewohnheit !
- Zitat Eco,
Lector, S. 276 f: Es geht um das Glauben machen, das fraglose
Voraussetzungen: Um Ideologie-Kritik.