Lorenz
Engell
Vorlesung:
"Umberto Eco"
(WS 1998/9,
Do., 19-21, Hs C)
2.
Vorlesung (22. 1o. 98):
Grundlagen, 1: Information
o.
Einleitung.
1.
Rückblick.
- warum Eco
interessant ist: Die theoretische Praxis der
Differenz.
- Die
Bibliothek; das Buch; die Gliederung eines Buches; die
Medien.
- Ecos
Grundposition.
2.
Ausblick.
- heute eine
etwas genauere theoretische Fundierung der Probleme von Ordnung,
Anordnung etc., die für Eco Grundlagen darstellen: Der
Begriff der Information.
- Vorgeschichte
des Inf.begriffs; Entstehung des modernen Inf. Begriffs und seine
Karriere in den 5oer Jahren.
- Die Welt des
Signals (oder: Die "untere Schwelle").
- Die Welt des
Sinns und die ästhetische Information.
1. Ordnung
und Vorgang: Phantasma und Funktion der Gliederung.
- Damit
zurück zum Buch und zu Ecos eigener Art, Bücher
abzufassen.
1. Ein Beispiel:
Ecos Gliederungen.
- Folien:
Inhaltsverzeichnisse/Gliederungen. Beschreibung: Ungeheure
Kleinteiligkeit; Dezimalnumerierung (Rationalität, logischer
Aufbau) Vgl. Bibliothekskatalog; alles hat seinen Ort.
- andererseits:
Der Querverweis und seine Logik der Prozessualität, der
Navigation.
2.
Verallgemeinerung.
- Modularität
des Gegliederten (Austausch-, Anwähl- und
Verknüpfbarkeit: Kombinatorik) - Beispiel: Lexikon - vs.
Dramaturgie des Textes (Text als Szene des Gedankens) - Beispiel:
Erzählung. Hinweis: ZEIT
- Vollständigkeit
und Abschließbarkeit: Die modulare Gliederung ist zwar nicht
vollständig und abgeschlosen, aber sie suggeriert die
prinzipielle Möglichkeit mindestens der Vollständigkeit.
Zeitstruktur des "Und so weiter".
- Das Buch als
Bibliothek: Die Idee des Fraktals.
3. Ecos
Bücher.
- Die Idee der
Enzyklopädie und der Gliederung,
- ABER: Das
ständige Eindringen erstens der Dramaturgie und zweitens
außertextlicher Elemente: z.B. Anwendung, z.B.
Anknüpfung an die Erfahrungswelt, z.B. Witz und Ironie;
Pointe; Zeitstruktur: Jetzt.
2.
Information: Geschichte und Karriere eines Begriffs.
1. Zwei
Traditionen des Informationsbegriffs.
- Information
als Form: die platonische Tradition.
- Form und
Materie ("information is information, not matter nor energy",
Norbert Wiener); forma formans und forma formata: "difference that
makes a difference" (Gregory Bateson).
- Information
als Ordnungsphänomen.
- Information
als Nachricht: die ciceronische Tradition.
- rhetor.
Figur: Erwecken einer bestimmten Vorstellung beim
Zuhörer.
- Information
als Wissens- und Koordinationsphänomen.
2. Der
mathematische Informationsbegriff.
- Berechenbarkeit
von Ordnungsphänomenen (erste Stufe der
Mathematisierbarkeit).
- Konzept der
Information als Beseitigung einer Unsicherheit (Unkenntnis) durch
Eintritt eines Ereignisses (zweite Stufe der
Mathematisierbarkeit).
- Zusammenhang
von Informationsberechnung und Probabilistik: Leibniz, Pascal,
Kolmogoroff.
- Technische
Relevanz der Informationstheorie: Signalübertragungstechnik
(Rundfunktechnik): wie viele und wie viele verschiedene Signale
kann ich mit bestimmten technischen Mitteln von A nach B
übertragen ? - Kriegsrelevanz -
- Formulierung
der math. Informationstheorie u.a. durch Shannon/Weaver und durch
Cherry; Zeitgleichkeit mit Wieners "Kybernetik".
3. Zur Rezeption
des Informationsbegriffs.
- Der Boom der
5oer Jahre: Zivile Anwendung des Wissens; Entwicklung der ersten
Rechner.
- Erste Welle
technikphilosophischer und bald auch kulturphilosophischer
Verarbeitung der neuen Maschinen und Theorien, z.B. bei Heidegger,
bei Gotthard Günther.
- Um 196o
Vordringen informationstheoret. Gedanken (oft falsch verstanden)
in die Kunst- und Kulturtheorie.
- Max Bense:
aesthetica, "Überführung der Welt von einem
metaphorischen in einen mathematischen Zustand", Idee der
Generierbarkeit von Kunstwerken mithilfe des Rechners ( 196o !!
).
- Abraham
Moles: Art et Ordinateur: Berechnung des "Informationsgehaltes"
von Kunstwerken; Informationstheorie als Werkzeug zur Analyse
insbesondere abstrakter und kombinatorischer (OpArt z.B.)
Kunstwerke.
3. Die Welt
des Signals: Ecos informationstheoretische Grundlagen.
1. Das
Lampen-Beispiel.
- Folie 1:
Eine Glühbirne. Die Lampe hat zwei mögliche
Zustände; die Unsicherheit darüber, welcher Zustand
eintritt, ist quantifiziert (1 bit)(Information) danach, aus
wievielen Möglichkeiten der Zustand ausgewählt
wurde.
- Potentielle
Information: mögliche Zustände; aktuelle Information:
tatsächlicher Zustand. Hier quantitativ gleich.
- Digitalität
des Informationsbegriffs; Zerlegung von Entscheidungsprozeduren in
diskrete Schritte.
- Folie 2:
Vier Lampen. Informationsmenge beim Eintreten des Ereignisses
jetzt 3 bit.
- Für den
Fall kombinierter Ereignisse (mehrere Lampen dürfen leuchten)
logarithmische Zunahme des Informationsgehalts in Relation zur
Zahl beteiligter Elemente.
2. Das
Tastatur-Beispiel.
- Folie 3:
Eine Schreibmaschinen-Tastatur. Welche Taste wird (z.B. von einem
Affen) angeschlagen ? (Vgl. a.: Kuh-Bingo): Höherer Inf.
wert.
- Welche
Kombination von 5 Tasten wird vom Affen angeschlagen ?
- Welche
Kombination von 5oo "Wörtern" à 5 Tasten wird vom
Affen angeschlagen = 1 Schreibmaschinenseite ? Wieviele
verschiedene "Texte" sind möglich ? Wieviel Unsicherheit wird
durch das Eintreffen eines bestimmten Textes beseitigt ? Über
die Unwahrscheinlichkeit.
- Ende der
Beliebigkeit: Einführung eines Codes = regelgeleiteter
Beschränkung der Kombinationsfreiheit (Orthographie,
Grammatik, Struktur).
- Code schafft
REDUNDANZ und verringert damit INFORMATION, indem er
- nicht alle
Ereignisse gleich wahrscheinlich, sondern manche häufig,
manche selten, manche gar nicht auftreten
läßt.
- REPERTOIRE
(Tastenfeld) = gleichwahrscheinlich (Eco:
Information);
- CODE (Regel
zur Texterzeugung) = ungleichwahrscheinlich,
redundant.
3. Die
Zerstörung des Durstes durch Wasser.
- Folie 4: Max
Bense, Die Zerstörung des Durstes durch Wasser
(Auszug).
- Formprinzip
1: Kombinatorik über einem Repertoire von 6 Wörtern
(ergibt sehr hohe Zahl möglicher Kombinationen und damit
hohen potentiellen Informationsgehalt)
- Problem:
Werden alle Kombinationen aufgeführt, dann wird das Gedicht
sehr lang(weilig) und sehr vorhersagbar: Verschwinden der
Unsicherheit auf der nächsthöheren
Komplexitätsebene.
- Formprinzip
2: Es werden ausschließlich die nach den Regeln der
deutschen Sprache zulässigen Kombinationen ausgewählt
und angeführt (Code).
- Effekt:
Aussage über die Unwahrscheinlichkeit der
Satzbildung.
- Wenn man
einen Rechner mit derlei Kombinationsregeln programmiert, kann er
auch Gedichte schreiben, vgl. Benses "AUTOPOEME", auf dem IBM 3oo
der Stuttgarter Universität erzeugt !
4. Die
Beschreibung einer süßen Erinnerung.
- Folie 5: Die
Beschreibung einer süßen Erinnerung (Eco, OKW,
1o6).
- als
Textereignis ziemlich unwahrscheinlich, selbst wenn man den Code
der Orthographie etc. akzeptiert.
- daher werden
zusätzliche, hochkomplexe Codes (Meta-Codes)
darübergelegt, die den Text weiter plausibilisieren, so
daß er am Ende mühsam und länglich
wird.
4. Die Welt
des Sinns.
1. Vom Signal
zur Auslösung.
- Das
Katlewski-Beispiel: Über die Tätigkeit eines
Pförtners zwischen Klingeln und Öffnen.
- Ecos
Beispiel (OKW, Einf. Sem. et aliud): Wasserstand im Staubecken,
der von den Lampen angezeigt wird; ggf. wird Öffnung des
Ablaufs ausgelöst.
- neue, zweite
Art der Information: VERKNÜPFUNG zweier Ereignisse; Frage
jetzt: mit welcher Sicherheit tritt, wenn Ereignis 1 eintritt,
Ereignis 2 ebenfalls ein ?
- Wasserstand:
Verknüpfungsinformation ist ( = Inf. 2) (normalerweise) NULL,
denn das zweite Ereignis (Öffnen des Überlaufs) tritt
immer ein.
- Katlewski,
angesichts des informatorischen Nullniveaus seines Arbeitsplatzes,
vernichtet diesen.
2. Von der
Auslösung zur Bedeutung.
- Information
2 kommt erst zustande, wenn Ereignis 2 nicht mit Sicherheit
eintritt, sondern unwahrscheinlich oder unsicher wird.
- Sonderfall:
Beispiel Katlewski, der mit dem Klingelsignal zu Beginn nicht nur
den Auslösereflex verbindet, sondern auch weitere, z.B.
gespeicherte oder selbst produzierte Signalmuster.
- Es klingelt
und ich mache auf: Wer mag das sein ? Wer stört ? Endlich ist
sie da!
- Tut
Katlewskis automatischer Pförtner dies auch ? Das
Wasserstands-Beispiel Ecos (der Automat hat keine Angst vor
Überschwemmungen).
- Semantische
oder semiologische Ereignisse: Ein eintreffendes (Signal-)ereignis
wird mit einem z.B. früher schon einmal eingetroffenen
Ereignis verknüpft. Die Verknüpfung geht nicht nach
"außen", sondern verbleibt im "Inneren" des
Signalsystems.
- Verknüpfung
einer Information 1 / Signals (Signifikanten) mit einer anderen
Signalkonfiguration, z.B. im Speicher oder im "Prozessor", die
dann als Information 2 "internen" Typs aufgefaßt werden kann
(Signifikat) = "Referenz" oder "Bedeutung".
- Hinweis:
Grundsätzliche Unterscheidungen von Inf. 1 und Inf 2 SOWIE
von "externer" und "interner" Inf. 2.
- Menge
interner Inf. 2 (oder Bedeutung) bemißt sich nach der
Sicherheit, mit der die Verknüpfung hergestellt wird; wie
sicher ist, daß eine bestimmte Signalkonfiguration auf eine
eintreffende folgt ?
- Auf hoher
Kopmlexitätsebene (vgl. Textbeispiel) verdichten sich die
ausgelösten Signalkonfigurationen praktischerweise zu
"Begriffen", "Vorstellungen" etc.
3. Von der
Bedeutung zum Sinn.
- Folie 5
(Wh.): Das Signalmuster (Inf. 1) löst eine ganze Reihe von
Signalmustern (Inf. 2) aus, die wiederum weitere Binnenmuster
auslösen usw.: der nur noch schwer quantifizierbare und
objektivierbare Prozeß der Sinnbildung setzt ein (Forts.
dazu im Z.'hang mit Interpretation).
- Exkurs: Die
Maschinisierbarkeit dieses Vorgangs und das Problem der
REPRÄSENTATION: Bilden Begriffe und Vorstellungen
Außenwelt ab ? Eco: Keinesfalls ! Dennoch gibt es
Repräsentation durch Zuordnung.
4.
Ästhetische Information.
- Folie 6:
Petrarca "Dolci, chiare e fresche acque ..."
- dasselbe
Signalmuster (Inf. 2) wird ausgelöst (dieselbe semant.
"Bedeutung"), aber das Signalmuster 1 (Signifikant) ist
völlig anders: Sehr viel einfacher und zugleich sehr viel
höher organisiert, codiert: Ungeheure
Codierungsleistung.
- Effekt 1:
Inf. 2 ist unendlich viel reicher als Inf. 1 (umgekehrt zur
Umschreibung desselben Sachverhaltes durch Folie 5).
- Effekt 2:
Die Differenz zwischen den verschiedenen Arten, dasselbe an Inf. 2
durch verschiedene Inf 1 zu realisieren (Erwartungsgefälle):
Wie ist die Nachricht eigentlich gemacht ?
- das durch
Auslösung weiterer Signalmuster (Sinnprozeß) und einer
neuen, differentiellen Information: ÄSTHET. INFORMATION, die
aus der Differenz verschiedener vorgehender Informationen
(Meta-Inform.) entsteht und hoch unwahrscheinlich ist.
- Frage:
welche Wahl steht hinter der Form ?