Lorenz Engell
Vorlesung: Umberto
Eco
(WS 1998/9, Do.,
19-21, Hs C)
11. Vorlesung
(28. 1. 99):
Kritik der Ikonizität / Zum
Universalismus bei Eco
o. Begrüßung und Rückblick
1. Zur Kritik der Ähnlichkeit.
1. Überleitung.
- Hyperrealität funktioniert, wie
gesehen, auf der Basis der größtmöglichen Übereinstimmung ( Ähnlichkeit) zwischen
Modell (Original, Referent) und Repräsentation (Zeichen, Reproduktion), damit auf der
Aufhebung der Repräsentation.
- Um diesen Vorgang, in dem die Zeichen tendenziell zum Verschwinden gebracht werden, zu
vertsehen, ist eine genaue Analyse der Ähnlichkeitsbeziehungen zwischen dem Modell und
der Nachbildung oder dem Gegenstand und dem Zeichen notwendig: Rückkehr zum Problem der
Ikonizität.
2. Struktur und Kritik der Ikonizität: Grundlagen. Der Objektbezug des Zeichens, der
Referent.
- Quellen: Zur Semiotik der Visuellen Codes"; Kritik der
Ikonizität"; Suche nach der vollkommenen Sprache"; Das Foucaultsche
Pendel".
- Wiederholung: was ist ein Ikon: Ein Zeichen, das auf sein Objekt verweist dadurch, daß
es ihm ähnlich ist, ähnlich" wiederum: (Morris): hat eine oder mehrere
Eigenschaften mit dem Objekt gemeinsam.
- Erinnerung: Objektbezug des Zeichens: Ein eintreffendes (materiell-physisches) Reiz-
oder Signalmuster löst ein weiteres Reiz- oder Signalmuster aus (internes Objekt),
welches wiederum von weiteren, z.B. früher eingetroffenen, anderen Signalmustern
ebenfalls ausgelöst werden kann (worden sein kann) (externes Objekt) - SKIZZE. Dies keine
Eco- Formulierung, aber eine nützliche Modellvorstellung.
- Wenn dieses externe Objekt ein Gegenstand der realen" dreidimensionalen Welt
ist, dann wird es bisweilen auch Referent" genannt: die außersemiotische
Wirklichkeit.
3. Struktur und Kritik der Ikonizität: Die Widerlegung" der Ikonizität
beim mittleren Eco".
- Für die Ikonizität heißt das: Empfangenes Signalmuster ist dem ausgelösten bzw. dem
von einem äußeren Gegenstand, etwa anläßlich seiner Wahrnehmung angeregten,
Signalmuster ÄHNLICH, d.h. die drei Signalmuster haben Eigenschaften gemeinsam. ANALOGIE,
analoge Zeichen.
- D.h. weiter: Die Ähnlichkeit besteht keineswegs zwischen materiellem Zeichen und
materiellem Refrenten, sondern zwischen Strukturmerkmalen der jeweiligen Signalmuster.
- Die Struktureigenschaften solcher Signalmuster können exakt, d.h. DISKRET, z.B.
mathematisch, struktualistisch etc. beschrieben werden. Diese Beschreibung nennt Eco die
iconischen Codes. Es gibt diskrete, digitale iconische Codes. Eco: alles, was digital
beschreibbar (=digitalisierbar) ist, ist digital und damit nicht analog.
- Anders gesagt: Es gibt gar keine Iconizität im strengen Sinne; denn sie kann
vollständig durch indexikalische und symbolische Verfahren beschrieben werden.
- Warum besteht (der )Eco (der mittleren Phase: 7oer Jahre) darauf ? Weil alles andere
dazu führen würde, daß das Zeichen Eigenschaften hätte, die ihm vom Referenten
aufgeprägt werden, die Trennung in Referenten (Wirklichkeit) und Zeichen wäre keine
vollkommene. Zeichen wären nicht selbstständig, Eco. bleierne Last des
Referenten", Wenn die Semiotik eines nicht akzeptieren kann, dann ist es die
Verwechslung von Zeichen und Referent".
- Anmerkung: hier würde Derridas Dekonstruktion des Binärgegensatzes natürlich
beispielhaft greifen !
4. Das Problem und die kulturelle Praxis der Ähnlichkeit
- Ikonizität wird aber, sowohl bei Peirce, wie bei Morris und nahezu allen anderen
Autoren, immer verstanden als tatsächliche" Ähnlichkeit des Zeichens mit dem
Referenten.
- etwa in der Rede vom Grad" der Ikonizität: Höhere Ikonizität meint
Übereinstimmung in mehreren Eigenschaften; dazu Eco: Vollkommenes Ikon etwa der Königin
Elisabeth ist die Königin Elisabeth selbst (Ich komme darauf zurück).
- Die Idee aber, Zeichen könnten substantielle Gemeinsamkeiten mit Objekten, die sie
bezeichnen, haben, liefe darauf hinaus, daß es möglicherweise auch umgekehrte
Beziehungen gibt.
- Dann könnte eine Manipulation der Zeichen zu einer Manipulation der bezeichneten
Objekte, der Referenten werden. Problem der Ikonizität besteht demnach in ihrer Nähe zu
völlig irrationalen Praktiken, etwa der Magie (Beispiel: Voodoo).
- Tatsächlich kann Eco auch nachweisen, daß in der Kulturgeschichte die idee von der
Übereinstimmung der Zeihen mit dem, was sie bezeichnen, sowie der Manipulierbarkeit der
Welt durch Zeichen (ohne den Umweg über die semiotische Interpretation und die Handlung),
immer wieder anzutreffen ist.
- Es gibt einen ganzen kulturgeschichtlichen Unterstrom, der nie abgerissen ist, der auf
dieser Epistemologie der Ähnlichkeit beruht, und dem Eco größte Aufmerksamkeit widmet,
v.a. in der Zeit um 199o.
- Beispiel. Die Suche nach der Vollkommenen Sprache: Vom späten MA an kann man die
Auffassung antreffen, daß die verschiedenen existierenden Sprachen abgeleitet sein
müssen (Kopie - Reproduktion) aus einer ursprünglichen, vollkommenen Sprache.
- Diese Sprache müsse das Hebräische sein, weil Gott sich im Hebräischen offenbart
habe. Die Gestalt der Buchstaben des Hebräischen darf deshalb nicht willkürlich sein,
sondern muß motiviert sein. Das Hebräische ist deshalb als a - Ikon der Welt und b -
Ikon des göttlichen Willens anzusehen. Die Struktur des Hebräischen ist der Struktur des
göttlichen Willen ähnlich, Problem: Dechiffrierung dieser Ähnlichkeit.
- Ähnliche Bestrebungen auch in jüngerer Zeit bei dem Versuch, Universal- und
Synthesesprachen künstlich zu schaffen und zu motivieren: Auch sie sollen dann
irgendwelche Realstrukturen, z.B. Logik, qua Ähnlichkeit abbilden.
5. Wiederkehr der Ähnlichkeit in der Gegenwartskultur.
- Eigenartig aber ist, daß dieses Denken sich keineswegs verflüchtigt hat, d.h. trotz
Ecos luzider Widerlegung funktioniert die Auffassung vom ikon als Realität(steil)
ungebrochen. Daher hat Eco sich auch immer wieder damit befaßt, zunächst mithilfe
theoretsicher Widerlegungen.
- etwa im Falle des Films. Über den ikonisch-magischen Charakter des Films ist viel
debattiert worden; hier bemüht sich Eco namentlich in der Auseinandersetzung mit Pasolini
um die Widerlegung der Verwechslung von Referent und Zeichen.
- Es müßte deutlich sein, wie sehr dieses Problem in der Kultur der Hyperrealität
wiederkehrt, aber nicht nur in trivialen amerikanischen Museen:
- Wenn wir Objekte haben, die alle Eigenschaften anderer Objekte haben, ohne jedoch (wie
bei der Königin) diese Objekte zu sein, dann haben wir das Problem der Hyperrealität
oder der Virtuellen Objekte bzw. der Virtuellen Welt. Sind diese Objekte Zeichen der
anderen Objekte ?
- Nach Eco: Nein, sie sind Kopien, Abklatsch". Allerdings sind sie semiotisch
generiert (d.h. über komplizerte Zeichenprozesse).
- Da auf der Ebene der Theorie offenbar hier nichts auszurichten ist, hat Eco zum Mittel
der Literatur gegriffen: Das Foucaultsche Pendel beschreibt die katastrophalen Folgen, die
das Wirken der Ähnlichkeits-Epistemologie hat.
- Dabei bezieht Eco sich offen auf Michel Foucault, der genau diese Epistemologie der
Ähnlichkeit als verbindliches kulturelles Muster der 16. Jhdts. beschrieben hat und auch
dargelegt hat, daß solche Muster nicht einfach verschwinden, sondern historisch
klandestin überleben können.
- Eben das läßt Eco in seinem Roman - mit wie gesagt katastrophalem Ausgang - geschehen.
- Schluß: Lektüre, Eco, Pendel, S. 726 / 727.
- Anders gesagt: Wenn man so handelt, als ob es die naiv gemeinte Ähnlichkeitsbeziehung
gäbe, dann ist es so, als ob es sie gäbe: und genau das tun zumindest Teile der
gegenwärtige Kulturproduktion.
2. Zum Universalismus Ecos:
- Lektüre und Kommentar aus Vier moralische Schriften".
3. und Letztens.