Lorenz Engell
Vorlesung: Umberto
Eco
(WS 1998/9, Do.,
19-21, Hs C)
10. Vorlesung
(21. 1. 1999):
Reise ins Reich der Hyperrealität und die Kritik der Ähnlichkeit:
Epistemologische und semiotische Grundlagen massenmedialer Kultur.
o. Einleitung
1. Allgemeines.
- Begrüßung. Hinweis auf den medien
hoch i Vortrag. Hinweis auf die Netzadresse der Vorlesung (notizen): http:/www/uni-
weimar.de/medien/ws9899/eco.
- Ausblick: Zwei Themen, die miteinander
verknüpft sind und deren zweites uns von der (Massen-)Kulturanalyse wieder auf
grundlegende theoretische Probleme zurückführen wird; zudem stehen beide im Zusammenhang
mit anderen in den 8oer / 9o er Jahren viel rezipierten Theorien (nämlich im ersten Teil
Baudrillards Simulationstheorie und Derridas Dekonstruktion der Ursprünglichkeit; im
zweiten Teil Michel Foucaults Beschreibung einer Epistemologie der Ähnlichkeit in
Die Ordnung der Dinge).
2. Rückblick.
- Im ersten Teil der letzten Vorlesung:
noch einmal geordnete Darstellung der Grundzüge einer Kulturgeschichte des Mittelalters:
Wissenschaft und Philosophie; Kunst.
- Ecos veränderte Haltung zum MA: Nicht
mehr Spiegel der Gegenwart (eir in der Auseinanderstezung mit Vacca entwickelt), sondern
ein in sich funktionales Sinnsystem; von der Gegenwart durch einen tiefen Absatz getrennt:
Vom Ausschluß jeglicher Widersprüchlichkeit zum Interesse an der Artikulation und der
Domestizierung der Widersprüche in der Neuzeit.
- Charakteristisch u.a. die
Stabilitätsideologie, die das MA weitgehend dominiert: Alles Neue muß sich
als schon Dagewesenes legitimieren (unter Rückgriff auf Auctoritas). Dies, so Eco, hat
sich heute ins Gegenteil verkehrt: Übung ist die Wiederholung Desselben unter dem
Deckmantel des Neuen.
- Damit ist angesprochen: Thema der
Wiederholung, der Serialität als Kennzeichen moderner Massenkultur. Eco will Serialität
analysieren und zeigen, daß sie als kulturelle Strategie gerechtfertigt ist.
- Grundbestimmungen: Serialität meint
hier nicht bloß Massenherstellung identischer Exemplare (Tokens) nach einem Modell
(Type), sondern Hervorbringung von Modellen (Types) auf dem Wege der bloßen Wiederholung.
Beispiel: Designobjekte, Autos, Mode, aber v.a. fiktionale Erzählungen, die die
Hauptware der Unterhaltungsindustrie bilden.
- These: Hinter dem bloßen Schein des
Immer Neuen, das sich doch als bloß oberflächliche Differenzierung erweist, wirkt das
strukturell und wesentlich Immer Gleiche. Hinweis: Was ist das Wesentliche, was das
Akzidentielle ? Gefahr der Zirkeldefinition des Wesentlichen durch das Wiederholte,
Wiederholbare, Wiederkehrende und umgekehrt.
- Zur Typologie des Seriellen:
Wiederaufnahme, Wiederholung (Kopie), echte Serie, Schleife,
Spirale, Saga.
- Interessantester Typ:
Intertextualität: Spielarten des Zitats (direkt, indirekt, erkennbar, nicht erkennbar);
Stilzitat und Anspielung; ironisches Topos- (=Klischee-)Zitat;
enzyklopädische Intertextualität.
- Zu den kulturellen Strategien des
Seriellen: Moderne Strategie, die zwischen Strukturell-Wiederholtem und Variablem,
Oberflächlichem unterscheidet; postmoderne Strategie, die die Zusammenghörigkeit von
Konstanz und Wiederholung erkennt; post-postmoderne Strategie, die nicht mehr
zwischen dem Wiederholten und dem Variierten unterscheidet und daher auch nicht mehr
zwischen Wesentlichem und Akzidentiellem.
- Das stellt ein ziemliches Problem für
unsere Epistemologie dar.
1. Reise ins Reich der
Hyperrealität.
1. Überleitung.
- Wo die Wiederholung nicht mehr
unterschieden werden kann von der Variation, also dem Neuen, da kann auch nicht mehr
zwischen einem authentischen Einzelstück und seiner bloßen Kopie unterschieden werden.
- Folge: Nichts ist per se
echt und originell bzw. originär im Sinne von
ursprünglich, oder umgekehrt alles und jedes ist es; Serialität und Nicht- Serialität
werden ununterscheidbar.
- Was hat das für denkbare und
beobachtbare Folgen für die Kulturproduktion, und zu welchen zusätzlichen Verwerfungen
kann es kommen ?
- Eco findet in der Gegenwartskultur
speziell Nordamerikas Phänomene, in denen diese Tendenz abgelesen werden kann.
2. Beschreibungen.
- Die Reise durch die nordamerikanischen
Museen: was findet Eco hier ? 1. Etappe: Historische Museen (Lektüre: Eco, Über Gott
..., S. 41 f).: Das historische Museum bemüht sich darum, das notwendigerweise
Unsichtbare (nämlich Vergangene) sichtbar, erlebbar zu machen; das nur Vorgestellte
sinnlicher Erfahrung aufzuschließen, zugleich aber die historische Distanz nicht völlig
aufzugeben, eine Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart im Moment des Erlebens.
- 2. Etappe: Phantastische Museen,
(Beispiel: Fishermans Wharf) (Lektüre: Eco, Über Gott ..., S. 47 f). Das Verfahren
ist ähnlich: Personen und Szenen, die fiktiv, also künstlichen Ursprungs
sind (etwa. aus Romanen, aus Filmen, aus Legenden) werden exakt
dreidimensional als Diorama reproduziert: Vergegentsändlichung der Imagination.
- Zusätzlich: Mischung
historischer und fiktionaler Szenerien: Alles gehorcht derselben Ordnung. Es
gibt keine Fälschung im engeren Sinne, im Gegenteil: alles wird genauestens
dokumentiet und kommentiert. Dennoch Vermischung der Ebenen vollständig durch die Art der
Darstellung.
- 3. Etappe: Kunstmuseen (Lektüre: Eco,
Über Gott ..., S. 53 f und 55). Kunst ist besonders authentizitätsfixiert (und
originalitätsfixiert: Moderne). Da die Kunstwerke selbst nicht am Ort verfügbar sind,
werden sie reproduziert (Erinnerung an verlorengegangenen Ursprung); Reproduktionen und
Originale werden (Getty Museum) völlig durcheinandergemischt (allerdings jeweils deutlich
markiert), s.o..
- Zusätzlich: Plastische
Rekonstruktionen (Dioramen) der Situationen, wie sie dem Original zugrundegelegen haben
sollen bzw. aus denen heraus das Original entstanden sein soll.
3. Analyse der Hyperrealität
- Was geschieht in allen diesen Fällen,
wie funktioniert das, was bedeutet es ? Simple Abwehr, alles Unsinn, hilft
nicht weiter.
- Eco: Hyperrealität: etwas
ist realer als das Reale, echter als das
Echte, und das in einer kulturellen Situation, in der Echtheit und
Originalität kaum mehr auszumachen sind. Wie ist das möglich ?
- Grunddichotomie: Kopie und Original.
Dem Verlust des Originals entspricht seine Fetischisierung; dem Bewußtsein für die Kopie
der Versuch, nunmehr die Kopie mit Bedeutung und Würde aufzuladen.
- Es genügt nicht, eine Kopie
fälschlich für das Original auszugeben, da wir genau wissen, daß es sich um eine Kopie
handelt; da wir überdies wissen, in einer Kultur des Kopierten zu leben.
- Also eine andere Strategie: 1. Enorme
Aufwertung des Originals (das berühmteste Gemälde der Welt, das
teuerste Gemälde der Welt, das einzige, in dem, das
rätselhafte) durch Argumente, die trivialkulturell sind;
- 2. Unerreichbarkeit des Originals:
Original ist entweder zerstört oder verfallen oder eben räumlich und finanziell
unerreichbar; muß dann aber an einem auratischen Ort stehen.
- 3. Besondere Beziehung, die die Kopie
zum Original unterhält: Stücke des Originals befinden sich in der Kopie;
Übereinstimmung wird von Experten bestätigt; Kopie wurde vor Ort angefertigt; Eins zu
eins Übereinstimmung etc.
- 4. quantitative
Überlegenheit der Kopie über das Original: Vollständiger, besser erhalten (bunt,
dreidimensional, begehbar);
- 5. qualitative
Überlegenheit. Die Kopie bringt uns etwas, was das Original selbst zu seinen besten
Zeiten nicht bringen konnte: Sie kopiert nicht das Original, sondern die Situation, aus
der heraus das Original entstanden ist (etwa: Das Atelier des Malers ...), also sozusagen
das Original des Originals.
- 6. Zur Bestätigung der Überlegenheit
wird eine andere, (schlechtere) Reproduktion des Originals beigegeben.
- Nicht immer werden alle Schritte in
Anwednung gebracht.
4. Zur Semiotik der Hyperrealität
- Rekonstruktion setzt auf
Anschaulichkeit, Sinnlichkeit, Multidimensionalität (vgl. dagegen: archäologische
Museen): hohe Ikonizität.
- Ikonizität wird möglichst durch
Teil-Identität erhöht.
- Reproduktion als Retro-Semiose:
Kunstwerk als Zeichen einer vorfindlichen Wirklichkeit (Objekt, Referent); Reproduktion
als Zeichen des Zeichens; aber: Reproduktion reproduziert nicht das Zeichen, sondern den
Referenten.
- Damit ist die Reproduktion zugleich
originaler als das Original: Hyperreal.
- Voraussetzung: Referentialität, und
zwar dinglich-außenweltliche, des Originals.
- Wichtig auch: die lückenlose
Reproduktionskette, durch die die gleichsam mechanische Übereinstimmung, die
dinglich-stoffliche Übereinstimmung von Kopie und Original belegt und
nachvollziehbar gemacht wird.
- Folge: Ent-Semiotisierung: Zeichen und
Objekt werden austauschbar gemacht; Reproduktion ist nicht ein Zeichen des Gegenstands,
sondern eben ein zweiter, besserer Gegenstand.
4. Vergleich mit Baudrillards
Simulationsbegriff.
- Sehr ähnliche Beschreibung zur
gleichen Zeit: Baudrillards Simulationstheorie (Baudrillard: Agonie des
Realen).
- Ebenfalls am Beispiel der Massenmedien
in Nordamerika sowie der Alltagskultur und insbesondere Disneylands formuliert B. die
Situation, in der zwischen der Realität und den Zeichen nicht
mehr unterschieden werden kann: Simulation als Abbildung, die alle
Eigenschaften des Abgebildeten besitzt und daher das Abgebildete ersetzt oder verdrängt.
- Besondere Pointe: Würden wir zwischen
Gegenständen und Zeichen nicht mehr unterscheiden, würde unser gesamtes Weltverständnis
und unsere Gesellschaft zerbrechen. Daher ist die Simulationstheorie subversiv: Die
Machthaber versuchen, den zustand zu verschleiern, immer noch Originale zu behaupten: Kult
ums Echte soll Verlust bemänteln.
- Beispiel: Disneyland. Disneyland
formuliert den amtlichen (simulativen, hyperrealen) Zustand der Kultur; aber zugleich
dient es der Verschleierung der Tatsache, daß die Kultur außerhalb Disneylands in genau
dem gleichen Zustand sich befindet: L.A. ist die Simulation, die sich aber mit dem Verweis
auf Disneyland tarnen kann.
5. Seitenblick auf Derridas/Descombes
Idee von der ursprünglichen Wiederholung.
- Derrida: Jacques D. zeigt,
insbesondere in den frühen Schriften (Grammatologie), daß die Unterscheidung
in Signifikant und Signifikat, in Äußeres und Inneres, in Sichtbares und Denkbares usw.,
immer ein bloßes Konstrukt war, das bestimmte Widersprüche in sich trägt.
- Das Zeichen (und innerhalb des
Zeichens der Signifikant) ist, so Derrida, immer als etwas der Sache selbst Nachgeordnetes
begriffen worden. D.h., es gibt Ursprüngliches, Letztbegründendes usw.
- Ursprünglich kann aber etwas nur in
Relation zu etwas Späterem, Zweiten, Abgeleiteten sein. D.H., um Ursprünglichkeit zu
definieren, benötigt man Zweitrangigkeit; um Originale zu defibieren, benötigt man
Kopien. daraus folgt: Kopien sind ihrerseits die Bedingung für Originale.
- Derrida erarbeitet dies anhand der
Sprache und der Schrift sowie anhand der Stimme; Descombes formuliert es struktureller so:
(Descombes, I).
- Anmerkung hierzu: Derridas Anspruch
geht sehr viel weiter als derjenige Ecos und Baudrillards: philosophiegeschichtliche
Dimension; gilt für grundsätzlich alle binären Systeme und hat eigentlich nichts mit
dem Realitätsproblem zu tun. Andererseits: eine philosophische Rechtfertigung
der Hyperrealität.
- Da ohne die Hierarchisierung Sa - Sé
wahrscheinlich nichts mehr ausgesagt werden kann, muß jede Analyse dieser Beziehung die
Beziehung selber voraussetzen. Daher entwickelt Derrida die sog.
Dekonstruktion, die das Konstrukt aus sich selbst heraus widerlegen soll, die
aber hier nicht Thema ist.
Ausblick:
- Von der Analyse der Hyperrealität zur
Kritik der Ähnlichkeit.
- Grundlagen der semiotischen Theorie
des Objektbezugs (der Referenz): Eine Wiederholung.
- Nochmalige Analyse des Begriffs der
semiotischen Ikonizität = Objektbezug durch Ähnlichkeit.
- Ecos Versuch einer theoretischen
Widerlegung der Ikonizität.
- Fortsetzung dieses Versuchs als
Literatur: Das Foucaultsche Pendel.
- Seitenblick: Ähnlichkeit bei
Foucault.