| Beschreibung |
Norden, Osten, Süden, Westen: Uns in der Welt nach vier Himmelsrichtungen zu orientieren und lokale, regionale wie globale Räume entsprechend zu gliedern und zueinander ins Verhältnis zu setzen, erscheint im Alltag als eine natürliche Gegebenheit. Im Modul werden wir diese scheinbare Selbstverständlichkeit kritisch hinterfragen. Auf der Grundlage von Theorielektüren (u.a. von Sybille Krämer, Edward Said und Sara Ahmed) setzen wir uns mit der medialen und kulturellen Bedingtheit räumlicher Orientierung, Vermessung und Kartierung auseinander. Konkrete Medienbeispiele – von mittelalterlichen Weltkarten über die Mercator-Projektion bis zu Google Maps – dienen dabei als Ausgangspunkt für die Frage, wie vermeintlich neutrale Verfahren der Erfassung und Darstellung von Raum ebenso wie mediengestützte Navigationspraktiken Bezugspunkte, Perspektiven, Maßstäbe und Grenzen festlegen und dadurch bestimmte Vorstellungen und Erfahrungen von Raum mitprägen oder überhaupt erst hervorbringen. Himmelsrichtungen fungieren dabei nicht nur als räumliche Koordinaten. In medialen Imaginationen und Erzählungen werden „Norden”, „Süden”, „Westen” und „Osten” zu affektiv und politisch aufgeladenen Räumen. Insbesondere im Hinblick auf Europa prägen die damit verbundenen Zuschreibungen historisch wie gegenwärtig regionale, nationale und transnationale Zugehörigkeiten, Grenzziehungen sowie die Verortung Europas in der Welt und werden zugleich immer wieder neu ausgehandelt. Mit einem Schwerpunkt auf Bewegtbildmedien untersuchen wir anhand von Beispielen aus unterschiedlichen nationalen und historischen Kontexten – von Auszügen aus de Staëls Corinne ou l’Italie und Goethes Italienischer Reise bis zu aktuellen Beiträgen unter #EasternEurope auf TikTok und Instagram –, wie solche räumlichen Vorstellungen narrativ und ästhetisch gestaltet und unter je spezifischen medialen und technischen Bedingungen hervorgebracht und verbreitet werden. Dabei fragen wir insbesondere danach, wie sie Selbst- und Fremdverortungen, Zugehörigkeiten und Grenzziehungen prägen und mitbestimmen, was von unterschiedlichen europäischen Standpunkten aus als zugehörig oder fremd, als Zentrum oder Peripherie erscheint. Ziel des Moduls ist es, grundlegende medienkulturwissenschaftliche Konzepte und Analyseverfahren kennenzulernen bzw. zu vertiefen und auf Fragen räumlicher Orientierung, Repräsentation und kultureller Bedeutungsproduktion anzuwenden. Die Studierenden sollen nachvollziehen können, wie Medien und Kulturtechniken an der Hervorbringung räumlicher Ordnungen – und insbesondere an sich wandelnden Vorstellungen von ‚Europa‘ – beteiligt sind, und diese Prozesse an konkreten Fallbeispielen eigenständig analysieren und reflektieren können. |
| Literatur |
- Edward W. Said: Orientalismus. [1978] Aus dem Englischen von Hans Günter Holl. Frankfurt am Main: S. Fischer 2009. - Sara Ahmed: Queer Phenomenology: Orientations, Objects, Others. Durham/London: Duke University Press, 2006. - Krämer, Sybille: „›Kartographischer Impuls‹ und ›operative Bildlichkeit‹. Eine Reflexion über Karten und die Bedeutung räumlicher Orientierung beim Erkennen”, in: Zeitschrift für Kulturwissenschaften 12.1 (2018), S. 19–31. |