| Beschreibung |
In seiner medizinischen Doktorarbeit „Versuch über einige Probleme, das Normale und das Pathologische betreffend” (1943/1966) bestimmt der Arzt und Philosoph Georges Canguilhem (1904–1995) das Verhältnis von Gesundheit und Krankheit jenseits rein statistischer oder biologischer Normen. Im Zentrum seiner Überlegungen steht der Begriff der Normativität, der Wertsetzung: Gesundheit ist die Fähigkeit eines Organismus, sich nicht nur an seine Umwelt anzupassen, sondern sie aktiv zu gestalten, also neue Normen und Werte hervorzubringen. Krankheit ist in diesem Sinne keine quantitative Abweichung von einem vermeintlichen Normalzustand. Auch wer krank ist, lebt nicht außerhalb der Norm, sondern nach neuen Normen. Canguilhems Buch ist jedoch nicht nur eine philosophische Reflexion über den Wertbegriff in den Wissenschaften vom Leben; es ist zugleich eine Begriffsgeschichte, die den historischen Wandel von Erkenntnisformen aufzeigt. Das Seminar ist der Lektüre dieses Schlüsselwerks der historischen Epistemologie gewidmet. |