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Institutionen der ZeitverschiebungZeit ist nicht nur etwas, das vergeht – sie wird organisiert, gemessen, verteilt und diszipliniert. Uhren, Arbeitszeiten, Fahrpläne, Öffnungszeiten und Fristen strukturieren unseren Alltag und prägen unser Verhältnis zu Bewegung, Aufenthalt, Erwartung und Erinnerung. Doch auch Räume und Institutionen erzeugen spezifische Zeitordnungen: Das Kino lässt uns in eine fremde Dauer eintreten, das Panorama dehnt einen Augenblick ins scheinbar Unendliche, der Wartesaal lässt Zeit verstreichen, während die Behörde sie in Termine, Fristen und Abläufe übersetzt. Das Seminar untersucht solche „Institutionen der Zeitverschiebung” und fragt danach, wie kulturelle und räumliche Ordnungen unsere Wahrnehmung von Zeit hervorbringen. Wann wurden Stunden und Minuten zu gesellschaftlich verbindlichen Größen? Wann entstanden öffentliche Uhren und feste Arbeitszeiten? Wie wurde Zeit zu einem Instrument der Disziplinierung – und was bedeutet es heute, in einer Kultur der permanenten Beschleunigung zu leben? Ausgehend von kulturwissenschaftlichen und medientheoretischen Texten beschäftigen wir uns mit Begriffen wie Zeitgefühl, Zeitgeist, Dauer, Beschleunigung und Stillstand. Paul Virilios Begriff des „rasenden Stillstands” dient dabei als eine zentrale Denkfigur: Wie verändert sich unsere Gegenwart, wenn technische Beschleunigung nicht mehr einfach Bewegung bedeutet, sondern eine neue Form des Stillstands hervorbringt? Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem Verhältnis von Architektur und Zeit. In einer eintägigen Exkursion nach Bad Frankenhausen untersuchen wir Werner Tübkes monumentales Panorama als einen Raum, in dem historische Zeit, Erinnerung und Wahrnehmung auf eigentümliche Weise ineinandergreifen. Das Seminar lädt dazu ein, die vermeintlich selbstverständliche Zeit des Alltags als kulturell und räumlich hergestellte Ordnung zu betrachten – und die Institutionen sichtbar zu machen, die bestimmen, wann wir warten, arbeiten, uns bewegen oder stillstehen. |