Der zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf dem geistigen Boden der Aufklärung sowie der Ideen Johann Gottfried Herders und Jean-Jacques Rousseaus entstandene europäische Nationalismus übte einen nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung der musikalischen Kulturen verschiedener Regionen und Gesellschaften aus. Ausgehend von der Vorstellung einer homogenen und souveränen „Volksgemeinschaft“ sollte Musik als Ausdruck eines spezifischen „Volksgeistes“ bzw. „Nationalcharakters“ fungieren und über ästhetische Mittel zur kulturellen und politischen Legitimierung des Nationalstaats beitragen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden nationalistische Ideologien und nationale Kulturkonzepte zunehmend kritisch hinterfragt und nicht mehr als naturgegeben, sondern als soziale Konstruktionen im Sinne von „imagined communities“ (Benedict Anderson) interpretiert. Der Kurs widmet sich der Analyse nationaler Schulen in der Musik des 19. und 20. Jahrhunderts im Kontext ihrer identitätsstiftenden Funktion und politischen Instrumentalisierung. Darüber hinaus werden aktuelle Perspektiven auf musikalische Kultur im Spannungsfeld zwischen fortwirkendem nationalem Bewusstsein und transkulturellen Prozessen diskutiert. |