Stell Dir vor, Du arbeitest in einem autoritär geführten Staat an einer Universität. Dein Forschungsgebiet, das Bauhaus, ist dort nicht gerne gesehen. Denn die Entscheidungsträger*innen wissen nicht so recht, ob sie das historische Bauhaus als elitären Komplex mit rein formalem Gestaltungsanliegen oder doch als wegweisende Strömung im Bereich der Umweltgestaltung verstehen sollen. Du siehst das nicht so schwarz-weiß, Du möchtest einfach mehr über das Bauhaus erfahren. Um dies tun zu können, musst Du einerseits Lobby-Arbeit für Deine Forschung betreiben und Dich andererseits den Verhältnissen anpassen. Dieses Gedankenexperiments geht auf eine wahre Geschichte zurück. Sie hat sich in den 1970er Jahren an der Bauhaus-Universität Weimar zugetragen, die zu jenem Zeitpunkt noch die Hochschule für Architektur und Bauwesen (HAB) in der DDR war. Das Bauhaus war ein marginalisiertes Thema in der Ausbildung und Forschung von Architekt*innen und Designer*innen in der DDR. Langjährige Bemühungen von einzelnen Forschenden an der HAB führten schließlich 1976 zur Einrichtung eines wissenschaftlichen Kolloquiums, das die Geschichte des Bauhauses und die Forschung über das Bauhaus im Sinne der sozialistischen Gesellschaft zum Thema hatte. Seither hat das Internationale Bauhaus-Kolloquium 14 mal stattgefunden. Das nächste, XV. International Bauhaus Colloquium findet zum Thema „Politics of Research“ vom 4. bis 7. November 2026 an der Bauhaus-Universität Weimar statt und wird für alle an der Universität vertretenen Disziplinen geöffnet sein. Gerade in einer Zeit, in der Wissenschaftsfreiheit weltweit unter Druck gerät, stellt sich die Frage nach den „Politics of Research“ mit neuer Dringlichkeit: Wie positionieren wir uns heute als Forschende – und welche Formen der kollektiven Verständigung, der institutionellen Praxis und der öffentlichen Sichtbarkeit entwickeln wir daraus für die Zukunft? Der Kurs widmet sich in diesem Sinne der Aufarbeitung der Geschichte des Internationalen Bauhaus-Kolloquiums. In einem ersten Teil beschäftigen wir uns mit der Geschichte des Kolloquiums, seiner politischen Kontexte und seiner Konstellationen von Akteur*innen. Hierfür konsultieren wir historische Dokumente im Universitätsarchiv und lesen u.a. Texte des Formalismus-Streits in der DDR. In einem zweiten Teil wird eine gestalterische Auseinandersetzung mit den aufgefundenen und kritisch befragten schriftlichen und audiovisuellen Archivquellen stattfinden. Dafür bilden wir Teams, die sich mit der gestalterischen Umsetzung in einem der drei Bereiche befassen: Ausstellung, Audio/Radio, Jubiläumsveranstaltung. - Erarbeitung eines Ausstellungskonzepts zur Geschichte des Kolloquiums mit Bezug zur Problematik „Politics of Research“.
- Bearbeitung des bestehenden Audiomaterials für wahlweise ein Radiofeature oder Audioteile der Ausstellung.
- Erarbeitung eines Konzepts für eine zeitgemäße Jubiläumsveranstaltung zum 50-jährigen Bestehen des Kolloquiums.
Lernziele: Studierende lernen neben der Geschichte des Kolloquiums und seines größeren gesellschaftlichen Kontextes Methoden der Archivarbeit kennen. In der gestalterischen Auseinandersetzung werden Formen der Übertragung, der medialen Aufbereitungen sowie der aktualisierenden Transkription angeeignet. Es soll eine kritische, eigene Haltung zum historischen Material entwickelt und dem Thema angemessen umgesetzt werden. Vorgehen/Erwartung: Mitarbeit in der Quellensichtung und bei den Textlektüren im Kurs. Identifizieren eines eigenen Forschungsgegenstands und entsprechende Recherchen (zu einem speziellen Kolloquium, einer Person, einer historischen Konstellation, einem Themenfeld der Kolloquien oder Ähnliches). Präsentation der Rechercheergebnisse und der Ideen zur Umsetzung in einem bestimmten Format/Medium. Inhaltliche und gestalterische Umsetzung des gewählten Themas. |