DFG-Forschergruppe Medien und Mimesis (FOR 1867/2)

Die Forschergruppe untersucht die Kulturtechnik der Mimesis vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen in der Medienforschung. Dabei geht das Vorhaben über die in den Kultur- und Literaturwissenschaften ebenso wie in der Philosophie bislang dominierende ästhetische und epistemische Betrachtung der Mimesis hinaus und stellt das geschichtsphilosophische Selbstverständnis der Moderne als eine grundlegend amimetische kulturelle und soziale Formation infrage. Mimesis und imitatio werden nicht länger in die Perspektive einer zu überwindenden Vorgeschichte der Idee des schöpferischen Menschen und seiner Werkherrschaft gestellt. Anstatt die Mimesis in einen Gegensatz zur modernen Technik und der auf ihr beruhenden Zivilisation zu manövrieren und sie als mit dem konstruktivistischen Selbstverständnis der Neuzeit grundsätzlich unvereinbar anzusehen, verfolgt das Projekt auf unterschiedlichen Ebenen die kultur- und sozialitätskonstitutive Funktion mimetischer Praktiken.

Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Schweizerischen Nationalfonds (SNF) geförderte Kooperationsprojekt hat zum 1. April 2014 an den Universitäten Weimar, Bochum, Frankfurt am Main, Basel und Zürich sowie an der Akademie der Bildenden Künste München seine Arbeit aufgenommen – seit Juni 2017 ist auch die Universität Bielefeld Forschungsort von Medien und Mimesis.

Weitere Informationen erhalten Sie auf der Website der Forschergruppe: www.fg-mimesis.de.

Teilpojekte (aktuell)

Subalterne Mimesis

Rekursive Verfahren in Literatur, Lektorat und anderen Medien

Prof. Dr. Markus Krajewski (Universität Basel, Seminar für Medienwissenschaft)
Ines Barner, M.A. (Universität Basel, Seminar für Medienwissenschaft)

 
Das Teilprojekt „Subalterne Mimesis“ widmet sich kollaborativen Formen des Schreibens. Anhand von Untersuchungen zur Zusammenarbeit von Autoren und Lektoren einerseits sowie von Autoren und ihrer Schreibsoftware andererseits gilt es den Anteil der ‚unsichtbaren‘ Akteure innerhalb des Schreibprozesses herauszuarbeiten. Dabei geht es uns zum einen darum, jene literarischen Szenen und Motive zu analysieren, die Aufschluss geben über den Schaffensprozess und die daran beteiligten Akteure. Zum anderen wird danach gefragt, wie die Relation von Autor und Lektor/Schreibsoftware den literarischen Schreibprozess prägt und zu medien- und literaturwissenschaftlich aufschlussreichen Effekten führt.

Ein erster Fokus des Projekts liegt dabei auf der Literatur der Moderne, namentlich auf den Autor-Lektor-Konstellationen Robert Walser und Christian Morgenstern sowie Rainer Maria Rilke und F.A. Hünich. Ein zweiter Fokus liegt auf den informatischen Akteuren der Gegenwart, welche – wie etwa die Rechtschreibüberprüfung (AutoCorrect) oder die Thesaurus-Funktion in Schreibsoftware wie OpenOffice etc. – die Literaturproduktion auf spezifische Weise prägen.

Das Ziel der Untersuchung besteht darin, eine Denkfigur von mimetischen Handlungen zu formulieren, die das Verhältnis zwischen Vorbild und Abbild im literarischen Schaffensprozess neu justiert. Diese Figur der subalternen Mimesis wird insbesondere aus dem Konzept der Rekursion gewonnen.

Mimetische Existenzweisen

Prof. Dr. Friedrich Balke (Ruhr-Universität Bochum)
Prof. Dr. Maria Muhle (Akademie der Bildenden Künste München)
Elisa Linseisen, M.A. (Ruhr-Universität Bochum)
Sebastian Althoff, M.A. (Akademie der Bildenden Künste München)
Frauke Zabel, B.A.


Das in der ersten Förderphase gewonnene Verständnis von Mimesis, das die normative Ausrichtung des imitatio-Paradigmas infrage stellt, nutzt das Teilprojekt 1 für seine neue Schwerpunktsetzung. Mimesis soll nicht nur als eine Darstellungstechnik, sondern zugleich als eine Existenzweise betrachtet werden. Am Kreuzungspunkt medienphilosophischer, medienhistorischer und medienästhetischer Überlegungen wird das Konzept der ‚Mimetischen Existenzweisen‘ systematisch und historisch auf den folgenden Ebenen entfaltet.

Erstens: Unter dem Eindruck der Etablierung technischer Analogmedien im 19. Jahrhundert entstehen folgenreiche Theorien, die das Soziale als ein medienbasiertes Nachahmungsgeschehen definieren und in Kategorien der Suggestibilität und der Übertragung fassen. Daran anschließend, und in Übertragung auf eine Gesellschaft unter digitalen Kommunikationsbedingungen, fragt das Teilprojekt unter dem Aspekt (exzessiver) Verbreitungsdynamiken, wie sich fluktuierende Überzeugungen und Begehrensströme formieren, am Beispiel digitaler Bildgebungs-, Bilddistributionstechniken und der auf ihrer Grundlage entstehenden Ästhetiken.

Zweitens: Im Anschluss an Roger Cailloisʼ Konzept der ‚Mimese‘ wird der digitale Raum als mimetisches Milieu konzipiert, das durch komplexe und nicht-hierarchische Angleichungsgesten zwischen Umwelt und Organismus gekennzeichnet ist. Das gegenwärtige Interesse an der Rolle von Affekten sowie ihren digitalen Modellierungen greift das Teilprojekt auf, um ein Konzept des ‚Sozioaffekts‘ zu erarbeiten, das auf die Bedeutung von Prozessen der tendenziellen Verschmelzung von Organismus und technisch-apparativer Umgebung abzielt. Das mimetische Spiel von Unterscheidung und Anschmiegung an ‚ein Anderes‘ wird an aktuellen Transformationen von Personen, Identitäten und ihren ‚Masken‘ untersucht, die als spezifische Ausprägungen einer ‚digitalen Mimikry‘ begriffen werden, weil sie die von Caillois unterschiedenen Spielarten der Mimese (Travestie, Tarnung und Einschüchterung) aufgreifen.

Drittens: Das Teilprojekt befragt Mimesis schließlich unter dem Aspekt ihrer exzessiven Modulationsfähigkeit. Im Mittelpunkt stehen hier die Übergänge und Appropriationen sowie die technische (‚hohe‘) Auflösung einer spezifisch digitalen Bildlichkeit. Die Wende von der Manipulation künstlerischen Materials zum Management von Bildern oder Bildpopulationen im digitalen Milieu erfordert die Ausarbeitung einer transitiven Mimesis, die nicht-deterministische und nicht-kausale Reaggregationen von Bildern bzw. zwischen Bildern in den Blick nimmt. Die am Phänomen der HD-Bildlichkeit zu beobachtende spezifische Virtualität verschiebt Mimesis von der notorischen Nachahmung eines Vor-Bildes in den Bereich eines ‚Vor-dem-Bild‘: Mimesis wird hier als ein ‚Bildwerden‘ (devenir image) untersucht, das nur im Rahmen spezifischer Realisierungsmilieus Gestalt annimmt, woraus die extreme Flexibilität und Wandlungsfähigkeit der abgeleiteten Bildformen folgt.

Produktive Imitationen

Wissensformen und Techniken mimetischer Ökonomien

Prof. Dr. Monika Dommann (Universität Zürich, Historisches Seminar)
Dr. Gleb J. Albert (Universität Zürich, Historisches Seminar)
lic. phil. Wendelin Brühwiler (Universität Zürich, Historisches Seminar)
Anna Baumann, B.A. (Universität Zürich, Historisches Seminar)


Seit der Frühindustrialisierung und den Anfängen der seriellen Massenproduktion sahen sich Marktteilnehmer mit einem wachsenden Angebot an Produktvarianten konfrontiert. Vor dem Hintergrund der Grunderfahrung des Überflusses wurde, wie im Patent- und Markenrecht zum Ausdruck kommt, Nachahmung ab- und Originalität aufgewertet. So spielten sich neue Bewertungsgewohnheiten und Wertverhältnisse ein. In der zweiten Förderphase beschäftigt sich das TP mit der erhöhten Umlaufgeschwindigkeit von Informationsträgern. Während der materielle Aspekt der Massenproduktion juridische Dispositive nach sich zog, die das Gegenstandsfeld aus eigentumsrechtlicher Perspektive ordnen sollten, brachte der Informationsaspekt neue Wissens- und Praxisformen mit sich, die dazu geeignet waren, die (Re-)Produktion von diesen Dispositiven unbeeindruckt in Gang zu halten.

Mit der Differenzierung von materiellen und informationellen Aspekten ist keine Unterscheidung historischer Phasen bzw. Entwicklungsstufen, jedoch eine Fokussierung des zeitlichen Schwerpunkts auf die 1970er und 1980er Jahre intendiert. Diese Jahrzehnte werden als Phase begriffen, in der sich in Europa und Nordamerika gesellschaftliche Strukturen der Nachkriegszeit lockern und neue individuelle Handlungsspielräume entstehen. Das Projekt nimmt drei Bereiche in den Blick, in denen sich diese gesellschaftlichen Veränderungen medien- und wissenshistorisch plausibilisieren lassen: erstens (Monika Dommann) die Verbreitung der Fotokopie, die ab den 1970er Jahren gleichermaßen von Unternehmen, Verwaltungen und politischen Bewegungen genutzt wird; zweitens (Gleb J. Albert) die Kopierpraktiken von Heimcomputernutzern und -subkulturen in den 1980er Jahren, die beachtliche Folgen für die internationale Verbreitung von Software hatten; drittens (Wendelin Brühwiler) wirtschaftswissenschaftliche Modelle und Theorien, die auf einen individualisierten Begriff von Wissen setzten und die Planungs- und interventionsorientierten Modelle der Nachkriegszeit ablösen.
 

Mimesis des Raumbildes

Das Diorama als serielle und immersive Mimesis

Prof. Dr. Lorenz Engell (Bauhaus-Universität Weimar, Internationales Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie)
Prof. Dr. Christiane Voss (Bauhaus-Universität Weimar, Fakultät Medien, Professur Philosophie audiovisueller Medien)
Franziska Winter, M.A. (Bauhaus-Universität Weimar, Fakultät Medien)
Ida Brückner, B.A. (Bauhaus-Universität Weimar, Fakultät Medien)


Im Fokus des Forschungsprojekts Mimesis des Raumbildes. Das Diorama als serielle und immersive Mimesis stehen Analysen der handwerklichen Verfertigung, der Ästhetik und operativen Wirksamkeit von Habitat Dioramen. Ziel solcher Raumbilder ist es, erstens Lebewesen in ihren biologischen Habitaten naturgetreu und repräsentativ abzubilden; darin erst werden Lebensräume als angeschaute Einheiten mimetisch erzeugt. Zweitens zielen sie dadurch, dass sie die toten Tierkörper in lebendigen Posen darstellen, auf eine transformierende Revitalisierung des toten Materials. So wird Endlichkeit in Ewigkeit überführt. Drittens geht es darum, die Betrachter*innen durch die szenische Anordnung, ihre Ausleuchtung und perspektivische Blickführung in beide Prozesse immersiv einzubeziehen. Durch diese Illusionsbildung gelingt den Dioramen eine anschauliche Form der Vermittlung von Wissen. In Rede stehen nicht nur sprachlich-kognitive, sondern auch dinglich-materielle, nicht nur epistemische, sondern notwendig ästhetische Operationen.

Ein zweites Anliegen des Projekts ist die Analyse der Herstellung solcher Habitat Dioramen. Die Abfolge und das Zusammenwirken der dafür notwendigen Arbeitsschritte (z.Bsp. Jagd, Aufzeichnung, Vermessung, Photographie, Taxidermie) weisen die Spezifika einer seriellen Logik auf. Eine weitere Form der Serialität zeigt sich in der Migration einzelner Bestandteile des Dioramas (Faux Terrain, Hintergrundmalerei und Trennscheibe usw.) in andere Ausstellungs- und Kunstformate hinein.
Mit diesen Aspekten des Dioramatischen steht auch das Nachwuchsprojekt zum bewegten Raumbild in Zusammenhang: Hier geht es zum einen um die gegenwärtig neu in Einsatz gebrachte digitale Technik großräumiger „Hologramm“-Projektionen zur Abbildung menschlicher Körper und Dinge, zum anderen um ihre Settings und Anwendungsgebiete (von Konzerten und Wahlkämpfen bis hin zu Kunstinstallationen). Es verknüpft die Fragestellung der immersiven und seriellen Illusionsbildung mit dem avancierten Medieneinsatz der Unterhaltungsindustrie. So wird unter anderem in Bezug auf die audiovisuelle Vermischung und Transformation virtueller und biologischer Körper die Frage nach immersiver, bewegter Mimesis, nach Original und Kopie auf neue Weise aktuell.

Einbetten, Aufklappen, Anhängen

Mimesis des Hybrid-Objekts

Prof. Dr. Helga Lutz (Universität Bielefeld, Arbeitsbereich Historische Bildwissenschaft/Kunstgeschichte)
Prof. Dr. Bernhard Siegert (Bauhaus-Universität Weimar, Internationales Kolleg für
Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie)
Linda Keck, M.A. (Bauhaus-Universität Weimar, Fakultät Medien)
Maja-Lisa Müller, M.A. (Universität Bielefeld, Arbeitsbereich Historische Bildwissenschaft/Kunstgeschichte)


Das TP vertieft den Begriff der ‚exzessiven Mimesis‘ und übersteigt ihn zugleich. Insofern unterschiedlichen Phänomenen exzessiver Mimesis Schwellenzustände oder Grenzüberschreitungen im weitesten Sinne zugrunde liegen, die heterogene Wirklichkeiten koppeln oder ambiguisieren, konkretisieren sich diese Schwellenzustände und Grenzüberschreitungen in der technischen Form hybrider Medien.

Einerseits schließt das TP an Theorien an, mit deren Hilfe Objekte als hybride Kollektive aufgefasst werden können, andererseits richtet sich das Interesse des TP jedoch konkret auf Formen einer Mimesis, die darstellt, indem sie amalgamiert, verkettet, einbettet und ‚reenactet‘ – die mithin auf Operationen der materialen Hybridisierung heterogener Seinsordnungen beruht. Die mimetische Darstellung ist dabei nicht auf die Schaffung von Fiktion aus, sondern auf die Produktion von faitiches (Latour), auf die Schaffung oder Sicherung hybrider Realitäten. Faitiches lösen die ontologische Differenz von Sprache und Welt, von Konstruktivismus und Realismus in eine Kette von Übersetzungen auf, die sich konkret in Hybridobjekten materialisieren.
Das TP wendet sich drei Gegenstandsbereichen zu, deren Untersuchung jeweils einen bestimmten Aspekt von Hybridobjekten akzentuiert.

1. Intarsien. Die Grenze zwischen Bildwelt und Betrachterwelt, die das Trompe-l’oeil zu durchstoßen sucht, wird im Fall der tarsie prospettiche komplett aufgehoben; das Bild ist nicht der Realität entgegengesetzt, sondern ist in sie eingelassen (in Architektur und Möblierungen). Die Verschränkung zwischen Bildträger und Bildzeichen ist nicht an die Operation der Rahmung gebunden, sondern greift tendenziell auf ganze Räume über (wie etwa im Fall des Studiolo di Federico da Montefeltro in Urbino).

2. Klapp- und faltbare Bildträger, die unter den allgemeinen Begriff von Scharniermedien gefasst werden können, lassen als bewegliche technische Gefüge den prozessualen Aspekt von Hybridobjekten in den Vordergrund treten. Scharniermedien prozessieren Übergängigkeiten zwischen verschiedenen Existenzweisen wie dem Profanen und dem Sakralen (im Fall von Diptychen und Triptychen), realen und fiktionalen Objekten, zwischen dem Visuellen und dem Haptischen, zwischen ‚Denkakten‘ und ‚Medienakten‘. Das Exzessiv-Mimetische zeigt sich im Fall von Scharniermedien in Form der gegenseitigen Inanspruchnahme von technischen und semantischen Operationen, aber auch von Natürlichem und Übernatürlichem. Im Rahmen dieses Arbeitsschritts werden daher auch außereuropäische Klappobjekte wie z.B. die Transformationsmasken der Kwakwakaʼwakw an der amerikanischen Northwest Coast berücksichtigt werden.

3. Quasi-Objekte. Schließlich will das Projekt die theoriegeschichtlich vorhandenen Bezüge zwischen der Theorie des faitiche und der Theorie des Quasi-Objekts, wie sie von Serres entwickelt worden ist, anhand einer dritten Serie von Hybridobjekten zu entfalten: am Körper tragbarer, klappbarer Amulette, Miniaturanhänger und -reliquiare. Bei diesen tritt (neben dem Aspekt der Subjekt-Objekt-Relation) der Praxis-Aspekt von Hybridobjekten in den Vordergrund (ihre Gebrauchsweise), durch den sie zu Mit-Akteuren bei der Konstruktion genealogischer, politischer und sozialer Identität werden.

Das Eingelassensein des Bildes in die Realität durch die Intarsie, der performative Vollzug von Transitionen zwischen heterogenen Ontologien mittels Scharniermedien und die gegenseitige Bindung von sakralen und politischen K.rpern durch Quasi-Objekte: Dies sind die drei Aspekte von Hybridobjekten, die das TP für ein vertieftes und erweitertes Konzept exzessiver Mimesis fruchtbar machen will. Mimesis wird als eine spezielle Agency ausgezeichnet, die (ästhetische, politische, soziale) Realität schafft und sichert, indem sie Serien von Differenzen ambiguisiert und zu hybriden Ensembles verkoppelt.

Mimesis tropical

Stile der Nachahmung in den brasilianischen Jesuitenmissionen

Dr. Stephan Gregory (Bauhaus-Universität Weimar, Fakultät Medien)
Martin Siegler, M.A.


Das Projekt beschäftigt sich mit dem Zusammenspiel mimetischer Praktiken in den brasilianischen Jesuitenmissionen des 16. und 17. Jahrhunderts. Auf der einen Seite interessiert es sich für das, was man als mimetischen Modus der Kolonialherrschaft bezeichnen kann; auf der anderen Seite geht es um die allgemeinere Frage, wie unterschiedliche Formen oder Artikulationen von Mimesis miteinander kommunizieren und sich transformieren können.
Innerhalb des jesuitischen Missionsunternehmens werden fünf Schichten mimetischer Aktivität unterschieden: erstens die mimetischen Techniken der ignatianischen Spiritualität und der jesuitischen Erziehung, die das grundlegende ideologische Gepäck jedes nach Südamerika geschickten Missionars bildeten; zweitens die wesentlich von Jesuiten formulierte und getragene ‚política católica‘ des portugiesischen Kolonialregimes, die ein kompliziertes System der sozialen Platzanweisung und der Regulierung von Kommunikation darstellte; drittens die Neigung der Jesuiten zu listigen, ‚machiavellistischen‘ Verfahrensweisen, die im Bereich der Mission eine eigene und von rivalisierenden Orden heftig bekämpfte Strategie der mimetischen Anverwandlung an lokale Gewohnheiten, Lebensstil und Riten hervorbrachte; viertens die lokale Umsetzung dieses mimetischen Programms innerhalb der jesuitischen Missionsdörfer (aldeias), die als komplexe Subjektivierungsapparate auf der Grundlage einer Mischung aus Disziplin und Verführung zu beschreiben sind; und, fünftens, die Interferenzen und Rückwirkungen, die sich ergaben, sobald der mimetische Apparat der Jesuiten durch andere, insbesondere indigene mimetische Strategien herausgefordert wurden.
Anstatt, wie es in der Forschung meist der Fall war, die Untersuchung auf einen bestimmten Aspekt jesuitischer Mimesis (z.B. die Imitationspraxis der jesuitischen Kolonialarchitektur oder die Akkulturationsstrategien der Mission) zu beschränken, interessiert sich das Projekt gerade für die Beziehungen zwischen all diesen unterschiedlichen Formen von Ähnlichkeit, Repräsentation, Inkorporation, Assimilation, Simulation, Ausdruck, Werden etc. Erkenntnisleitend ist dabei die These, dass die „Familienähnlichkeit“ der jesuitischen Mimesis-Praktiken nicht die einer „Ideenfamilie“ (Stephen Halliwell) ist, sie beruht eher auf der wechselseitigen Anziehung, auf der ‚Wahlverwandtschaft‘ der Interaktionen. Heuristisch kann eine Praxis als ‚mimetisch‘ angesehen werden, wenn sie auf eine andere mimetische Praxis reagiert, sie beeinflusst oder transformiert.
Anhand des reichen Materials, das die brasilianischen Jesuitenmissionen zur Verfügung stellen, geht das Projekt der Frage nach, wie die unterschiedlichen Register des Mimetischen ineinandergreifen, welche Arten von „seltsamen und kreativen Übersetzungen“ (Deleuze/ Guattari) oder welche Arten von zerstörerischen Wirkungen sich aus der transsemiotischen Verkettung verschiedener mimetischer Systeme ergeben können. Der Begriff des ‚Tropischen‘ scheint gut geeignet zu sein, um diese Untersuchung anzuleiten. Roland Barthes hat darauf hingewiesen, dass in der antiken Rhetorik eine Trope als eine Bewegung der Ersetzung („Substitution“) und Transformation („Konversion“) verstanden wurde. So bezieht sich der Titel „Mimesis Tropical“ nicht nur auf eine Mimesis, die in den Tropen liegt; er bezieht sich auch auf die ‚Tropen‘, die Transformationen oder Umwandlungen, die zwischen den verschiedenen Formen oder Figuren der Mimesis stattfinden.

Teilprojekte (beendet)

Mindere Mimesis

Prof. Dr. Friedrich Balke (Ruhr-Universität Bochum, Institut für Medienwissenschaft)
Prof. Dr. Maria Muhle (Akademie der Bildenden Künste München)

Der im Teilprojekt verhandelte Begriff von Mimesis, der als eine Mimesis des Kleinen, des Unteren oder des Minderen umschrieben werden soll, erweitert die Mimesis dahin gehend, dass es keineswegs allein übermächtige Phänomene religiöser Art sind, die mimetische Darstellungstechniken erfordern, sondern ebenso inframächtige: ‚infame‘ oder ‚infime‘ Phänomene, für die kein kultureller Code existiert oder die sich als Effekte einer parasitärreproduktiven Aneignung und ‚Entleerung‘ kulturell etablierter Darstellungsformen beschreiben lassen. Die Fragestellung der minderen Mimesis entfaltet sich historisch und systematisch zwischen zwei Polen. Zum einen geht es um eine Rekonstruktion zentraler Etappen der Geschichte einer kultur- und medienkritischen Verwerfung oder uneingestandenen Verwendung minderer Mimesis. Zum anderen wird gezeigt, dass eine zunehmende Revalorisierung minderer Mimesis mit spezifischen Entwicklungen auf dem Feld der Erfindung und Durchsetzung neuer analoger Medientechniken in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts korreliert und wie die mindere Mimesis dann zu einem zentralen medienästhetischen und medientheoretischen Faszinosum und Theorieprogramm wird. Dabei lassen sich drei Etappen einer Krisen- und Faszinationsgeschichte minderer Mimesis unterschieden: von der ästhetischen und metaphysischen Zurückweisung des Nachahmungsbegriffs im Zeichen von Autonomie- und Genieästhetik um 1800 über die verschärfte Pathologisierung und Politisierung minderer mimetisch-assimilatorischer Praktiken im Verlauf des 19. Jahrhunderts bis hin zu ihrer medienästhetischen und medientheoretischen Revalorisierung. Ziel ist der Entwurf einer Genealogie der Formen minderer Mimesis. Das ‚Mindere‘ soll als missing link einer Zusammenführung von Mimesis- und Medientheorie sichtbar werden, die sich auf den drei unterschiedlichen Problemfeldern der antimimetischen Verwerfung, der medientechnologisch induzierten inframimetischen Mimesis sowie der hypermimetischen ‚Nachstellung‘ in den unterschiedlichen Strategien des filmischen Reenactments manifestiert.

Mimesis des bewegten Bildes

Prof. Dr. Lorenz Engell (Bauhaus-Universität Weimar, Internationales Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie)
Prof. Dr. Christiane Voss (Bauhaus-Universität Weimar, Fakultät Medien, Professur Philosophie audiovisueller Medien)

Das Teilprojekt, das sich aus zwei Unterprojekten zusammensetzt, analysiert mithilfe des Mimesisbegriffs Schlüsselpotenziale der zeitbasierten Medien Film und Fernsehen, die bislang noch nicht erschöpfend theoretisch modelliert worden sind. Konkret fokussiert auf eine immersive Zeit- und Affektorganisation, wie sie filmisch u. a. über den Aufbau von Spannung durch sogenannte McGuffins erzielt werden. Dabei handelt es sich um einen von Alfred Hitchcock eingeführten Terminus, mit dem im Film stark handlungsantreibende und zentrierende Motive bezeichnet werden, die zweierlei kennzeichnen: Erstens sind sie meist dinghaft (z. B.: Koffer mit Geld) oder als Rätsel innerhalb einer Handlung repräsentiert (z. B. Rosebud aus Citizen Cane). Zweitens entpuppen sie sich bei Aufdeckung paradoxerweise als unbedeutend. Dieser ironisch-funktionale Einsatz von McGuffins unter Ausblendung von rational-sinnhaften Handlungslogiken im engeren Sinne versetzt den Zuschauer in affektive Bewegung und antizipatorische Erwartungsspannung, die ihn in den Fortgang des Filmflusses verstricken. Der filmische Einsatz von McGuffins vermag mithin eine verlebendigende Zeitwahrnehmung eigener Ordnung freizusetzen, welche sich nicht über Ähnlichkeitsbeziehungen zu Außerfilmischem auszeichnet, sondern einer fiktionalen Logik folgt (Antimimesis). Diese filmisch evozierte Zeiterfahrung ist weniger in narratologischer als vielmehr in affekttheoretischer Perspektive als ‚immersive Mimesis‘ zu rekonstruieren. Zum anderen geht es um die mimetische Aneinanderreihung von Bild und Bild sowie Folge und Folge im Modus der Serialität beim televisiven Bild. Die – scheinbar unendliche – Fortsetzbarkeit und Wandelbarkeit eines dennoch identischen Bilderstroms in Fernsehserien soll als mimetischer Prozess beschreibbar werden, als selbstantreibende Bilderflucht, die wiederum eine eigene Zeit- und Regellogik aufweist.

Damit schlägt das Projekt im Ganzen eine theoretische Neuorientierung vor: Gemeinhin wird filmische Mimesis vertikal befragt, unter den Gesichtspunkten der Diegese, der Repräsentation und der Welterzeugung. Dagegen setzt dieses Forschungsvorhaben konsequent solche mimesisorientierten Modelle und Begriffe ein, die es erlauben, die horizontalen Binnen- und Bindungskräfte von Bewegtbildern zu beleuchten, namentlich deren Fähigkeit, mediale Zeitformen sui generis hervorzutreiben. Umgekehrt soll das Projekt auch dazu beitragen, das Verständnis von Mimesis durch Heranziehung des massenmedialen, bewegten Bildes zu erhellen und systematisch zu erweitern. Gemeinsame Leitintuition beider Teilprojekte ist, dass Mimesis sich nicht nur differenztheoretisch, z. B. als Funktion symbolischer oder semiotischer Ordnungen fassen lässt. Vielmehr regiert sie im bewegten Bild die Herstellung von Selbstähnlichkeit in Zeitdynamiken und rhythmisierter Bewegung. Sie wird, so gewendet, als mediale Struktur des Filmischen generell greifbar.

Mimesis tropical

Prof. Dr. Stephan Gregory (Bauhaus-Universität Weimar, Fakultät Medien, Juniorprofessur Mediale Historiographien)

Ausgehend von Benjamins Satz, dass das „mimetische Vermögen“ „eine Geschichte“ hat (Benjamin 1980 210), zielt das Teilprojekt auf eine vergleichende historische Untersuchung verschiedener ‚Politiken der Mimesis‘. Gemeint sind die unterschiedlichen Formen, mimetische Potenziale in Gebrauch zu nehmen, sie zu einem Prinzip der kulturellen Reproduktion und Erweiterung zu machen oder aber sie einzudämmen und in Schach zu halten. Gegenstand sind die mimetischen Praktiken und Regulationsweisen verschiedener Kolonialsysteme, die vom 16. bis zum 18. Jahrhundert auf brasilianischem Boden Fuß gefasst haben. Der Wahl des kolonialen Schauplatzes liegt die Vermutung zugrunde, dass sich die Besonderheit einer mimetischen Ordnung am ehesten im Augenblick ihrer Herausforderung durch ein ‚fremdes‘ Nachahmungssystem zu erkennen gibt. Für die Kolonisatoren stellen mimetische Handlungen eine überaus wirksame, aber auch gefährliche Waffe dar. Umso wichtiger ist es, die Macht der Nachahmung in beherrschbaren Bahnen zu halten. So entwickeln die unterschiedlichen Kolonialregime ihre jeweils eigenen Verfahren, Medien, Techniken und Programme, um die Kräfte der Nachahmung strategisch zu nutzen und zugleich ihre Gefahren und Verlockungen zu begrenzen. Folgende vier Komplexe sollen im Hinblick auf die darin wirksamen Politiken der Mimesis untersucht werden:

1) Die portugiesische Kolonisierung (ab ca. 1503) Hier fällt vor allem die relativ freizügige Mischungspolitik auf, deren Effekte nicht nur auf familiärer und politischer, sondern besonders auch auf religiöser und kultureller Ebene greifbar sind. Es bleibt abzuwarten, ob im Vergleich der unterschiedlichen Anpassungs- und Mischungseffekte so etwas wie ein gemeinsames Muster, eine spezifisch ‚portugiesische‘ Regulationsweise des Mimetischen hervortritt.

2) „La France Antarctique“ (1555–1567)Das kurzlebige französische Kolonialprojekt in der Bucht von Rio de Janeiro ist reich an hochkomplexen mimetischen Verwicklungen. Von besonderem Interesse ist der vor tropischer Kulisse ausgetragene Abendmahlsstreit zwischen katholischen und calvinistischen Siedlern. Zugleich wirft die von den benachbarten Tupinambá praktizierte Anthropophagie ein bizarres Licht auf das mimetische Versprechen der christlichen Eucharistie: „Dies ist mein Fleisch.“

3) Das jesuitische System der „Reduções“ (1604–1767)Der Erfolg des jesuitischen Missions- und Siedlungssystems in Südamerika beruhte auf einem außerordentlich entwickelten ‚mimetischen Vermögen‘. Davon zeugt nicht nur die Umarbeitung des indigenen Tupí zur Missions- und Verkehrssprache der lingua geral, sondern auch die weitgehende Bereitschaft, die christliche Botschaft dem Code der Empfänger anzupassen. Die Konsequenz dieses Vermittlungsprogramms, das sich in Kirchenarchitektur und Malerei ebenso zeigt wie in der Liturgie, der Kirchenmusik oder in den kommunalen Theaterprojekten, erlaubt es, von einem spezifisch jesuitischen Dispositiv der kolonialen Mimesis zu sprechen.

4) Niederländisch-Brasilien (1624–1654)Das Kolonialregime der niederländischen Westindien-Kompanie sticht durch seine ‚wissenschaftliche‘ Ausrichtung hervor. Auf der Ebene der Naturbeschreibung wie der Ethnografie findet sich hier das Interesse an einer ‚realistischen‘ Darstellung der kolonialen Wirklichkeit, nicht zuletzt zum Zweck ihrer besseren Beherrschbarkeit. Mit dem Maler Frans Post, der der brasilianischen Natur mit den Kompositionsgesetzen und Geräten der Haarlemer Vedutenmalerei zu Leibe rückt, kommen auch die neuen optischen Medien ins Spiel, die die mimetische Angleichung an die Natur zu einer Frage der technischen Herstellung machen.

Subalterne Mimesis. Strategien der Anähnlichung zwischen Herr und Diener

Prof. Dr. Markus Krajewski (Universität Basel, Seminar für Medienwissenschaft)

Das Teilprojekt zur subalternen Mimesis widmet sich der Frage, wie sich mimetische Handlungen in einer der fundamentalsten Sozialrelationen, namentlich zwischen Herr und Diener, bestimmen lassen. Die Basis der Untersuchung bilden vorzugsweise literarische Texte und Autoren. Die dabei wirksamen mimetischen Praktiken und Verfahren lassen sich im literarischen Kontext auf wenigstens zwei Ebenen beobachten: Einerseits geht es darum, auf der inhaltlichen Ebene von literarischen Quellen jene Szenen zu analysieren, die Aufschluss geben über das Verhältnis von Herr und Diener, und um die Frage, wie sich dabei Elemente der einen mit Handlungsmustern der anderen Seite überlagern. Andererseits geht es auf der poetologischen Ebene darum, wie die grundlegende Sozialrelation zwischen Herrschaft und Dienerschaft auch den literarischen Schaffensprozess mitbestimmt und zu medienwissenschaftlich aufschlussreichen Effekten führt. Das Ziel der Untersuchung besteht darin, eine medienwissenschaftliche Denkfigur von mimetischen Handlungen zu formulieren, die das Verhältnis zwischen Vorbild und Abbild neu justiert. Aufbauend auf dieser Figur der subalternen Mimesis soll dann in einem Folgeschritt das Konzept mit den literarischen Erzeugnissen der Subalternen auf ihre seriellen Aspekte hin überprüft werden, um zu analysieren, wie sich derartige Angestelltenverhältnisse in einem spezifischen Subgenre der seriellen Mimesis sowie in weiteren literarischen Strukturen widerspiegeln.

Metamorphosen der Fläche. Zur Medientheorie und Geschichte des Trompe-l'Œils in der alt-niederländischen Buchmalerei des 15. und 16. Jahrhunderts und im frühen niederländischen Stillleben

Dr. Helga Lutz (Bauhaus-Universität Weimar, Fakultät Medien)
Prof. Dr. Bernhard Siegert (Bauhaus-Universität Weimar, Internationales Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie)

Das beantragte Forschungsprojekt versucht, die Trompe-l'Œils in den franko-flämischen Stundenbüchern und verwandten Stilllebenvorläufern als Figuren der Selbstreferenz der illuminierten Buchseite des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts zu deuten, aus deren Ausdifferenzierung, so die These, das niederländische Stillleben entstanden ist. Das Trompe-l'Œil wird dabei entziffert als ein Zeichen, das auf ein Selbstreflexivwerden der zweidimensionalen Materialität des illuminierten Buchs verweist, das sich in der Bearbeitung der Differenz zwischen imaginärem Bildraum und realem Raum des Lesers/Betrachters ausdrückt. Als ein Bindeglied zwischen Buchmalerei und Stilllebenmalerei, das zudem den Kunst- und Wunderkammerkontext mitführt, fungiert im Projekt das Werk Joris Hoefnagels, dessen Stillleben und Buchilluminationen exzessive Formen von Trompe-l'Œils aufweisen (z. B. Recto- Verso-Trompe-l'Œils, scheinbare Durchbohrungen von Buchseiten usw.). Sie dienen als Schlüssel für die medientheoretische wie kunstgeschichtliche Rekonstruktion des Übergangs vom Stundenbuch zum Tafelbild bzw. zu anderen Medien wie dem kleinformatigen Kupfertäfelchen, dem gedruckten Vorlagenbuch oder der Assemblage. Das Teilprojekt begreift sich als Beitrag zu einer Geschichte der exzessiven Mimesis; es interessiert sich für die Beschäftigung mit Strategien der Regulierung von Mimesis. Die Strategien, die Bildräume der Bordüre und der Miniatur auf der Buchseite zu homogenisieren und die Konflikte zwischen vertikaler und horizontaler Auffassung der imaginären und realen Flächen aufzulösen, die noch bis in die Frühzeit des Stilllebens virulent bleiben und z. B. die frühe Bindung des Stilllebens an eine hybride Nischenarchitektur verursachen, können aus dieser Perspektive als Vermeidungs- oder Regulierungsstrategien exzessiver Mimesis gelesen werden.

Praktiken der Ähnlichkeitserzeugung in der neueren europäischen Architektur

Prof. Dr. Hans-Rudolf Meier (Bauhaus-Universität Weimar, Fakultät Architektur und Urbanistik, Professur Denkmalpflege und Baugeschichte)
Prof. Dr. Carsten Ruhl (Goethe-Universität Frankfurt am Main, Fachbereich Sprach- und Kulturwissenschaften, Kunstgeschichtliches Institut)

Mimetische Praktiken und Techniken sind in der Architektur und ihren Diskursen allgegenwärtig. Bereits Vitruv erklärte die Entstehung der Architektur weitgehend mimetisch. In der Folge bot der Vitruvianismus des 15. bis 18. Jahrhunderts mimetischen Konzepten breite Entfaltungsmöglichkeiten, wobei die Nachahmung der Natur in der Regel über die Aneignung antiker Vorbilder erfolgte. Zur Topik der Selbsterklärung von Architekten gehört bis heute, ihren Entwurfsprozess mit dem Rekurs auf etwas vorzugsweise in der Natur Vorgefundenes zu erklären. Praktiken des Zitierens, Kopierens, der Montage, des Remakes und der Mimikry sind gängige Verfahren im architektonischen Alltag. Dennoch ist das Paradigma der Originalität bis heute beherrschend und verstellt oft den Blick auf mimetische Phänomene, und dies, obwohl im Zeichen von Re-Semantisierung und Identitätskonstruktionen Phänomene wie Rekonstruktionen, Kopien oder Neubauten in historisierenden Formen allgegenwärtig sind. Darüber hinaus blieb bisher weitgehend unberücksichtigt, dass sich seit dem 18. und 19. Jahrhundert das Verständnis architektonischer imitatio naturae vom Motivischen zum Prozessualen gewandelt hat. Für die neuere westliche Architektur ist es vor diesem Hintergrund symptomatisch, dass das Spektrum der klassischen Analogiebildungen um Begriffe wie Naturgeschichte, morphing, folding und Autopoiesis erweitert wurde. Die damit skizzierten Konzepte architektonischer Mimesis ließen sich unter folgenden Stichworten in einem größeren Horizont zusammenfassen: Anthropometrie und Vitruvianismus, Kritik der Mimesis und Krise der Repräsentation, Architekturgeschichte als Naturgeschichte, Nachahmung der Technik und Techniken des Nachahmens.

Das vorgeschlagene Projekt widmet sich auf der Grundlage dieser sich historisch überlagernden Paradigmen der Untersuchung von Nachahmungsstrategien in der Architekturtheorie und Architektur seit der Postmoderne. Das Spektrum reicht von Rekonstruktionen oder Konstruktionen historischer Fassaden bis zur Mimikry natürlicher Veränderungsprozesse oder der Interpretation des architektonischen Körpers als kybernetischen Organismus. Die damit benannten Facetten gliedern sich in die vier folgenden Teilaspekte des Projekts:

a) Rekonstruktionen, Kopien oder historisierende Neubauten als Prozess der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Architektur;
b) Aspekte der Wunscherzeugung und der Magie von Rekonstruktionen, Kopien etc.;
c) Übernahme materieller Reste (Spolien) in Neubauten als Prozess der Bedeutungsstiftung;
d) Nachahmung oder Reproduktion schöpferischer Naturprozesse als architektonische Mimikry.

Durchweg wird es darum gehen, die mimetischen Praktiken auf die Spezifika der Architektur zu befragen, auf die Materialität, Körperlichkeit und öffentliche, institutionelle Präsenz der Architektur.

Imitationskulturen und Markenpflege seit 1800

Prof. Dr. Monika Dommann (Universität Zürich, Historisches Seminar)

Unter dem Stichwort mimetische Ökonomien werden unternehmerische und gestalterische Praktiken der Invention, Innovation und Imitation vor dem Hintergrund ihrer Regulierung durch Marken betrachtet. Mimetische Ökonomien operieren im Spannungsfeld zwischen einem Postulat zum Modernen (seit Charles Baudelaire als Akt der permanenten Erneuerung verstanden) und der Aneignung von Traditionen. Zudem agieren sie unter Anbindung an die Logik des Rechts (bzw. dessen Umgehung oder gar Überschreitung) und an die Spielregeln kapitalistischer Märkte. Mittels eines Studiums der Markenpflege, des Markenschutzes und der Markenimitation soll den Praktiken der Mimesis gleichsam durch die Hintertür auf die Spur gekommen und einer kultur- und medientheoretischen Analyse zugänglich gemacht werden. Sie werden erstens medientheoretisch betrachtet, weil sie als Informationsträger in Aufmerksamkeitsökonomien figurieren und als Medien der Beschleunigung der Aufmerksamkeit sowie als Strategien der sozialen Bindung (zwischen Produzenten, Konsumenten und Distribuenten) in Umlauf gebracht werden. Sie sind auch als Versuche zu untersuchen, die darauf zielen, das Neue, Unbekannte und Flüchtige (beispielsweise modische Muster in der Textilindustrie, ein neuer pharmazeutischer Stoff oder ein neues Surrogat in der Nahrungsmittelindustrie) an das Alte, Vertraute und Beständige zurückzubinden. Sie sollen zweitens als visuelle und materielle Kulturen untersucht werden, weil sie als Versuche verstanden werden müssen, der mechanisierten Massenproduktion und den damit verknüpften Tendenzen der technischen Standardisierung, Produktnormierung und Verbilligung der Waren durch Strategien der Produktdifferenzierung und Warenveredelung mittels Bezeichnung und Verpackung (unter Einsatz von Bild, Schrift und materiellen Kulturen) entgegenzutreten. Und sie sollen drittens kulturwissenschaftlich als Verbindungen von Menschen und Dingen analysiert werden. Dabei wird untersucht, welche sozialen und ökonomischen Logiken im Spiel sind, wenn die an Marken gebundene „Conspicuous Consumption“ (Thorstein Veblen) gepflegt wird, wann sie fragwürdig erscheint oder gar der Kritik anheimfällt. Dem transatlantischen Raum als kulturelle Kontaktzone wird für den Untersuchungszeitraum ab 1800 ein besonderes Gewicht beigemessen. Dabei wird zu untersuchen sein, wann und in welchen gesellschaftlichen Konstellationen sich die Marken von ihrem ursprünglichen Charakter als Warenzeichen lösen und dabei zu kulturellen oder gar nationalen Herkunftsbezeichnungen mutieren. Zudem soll auch den Praktiken des „Culture Jamming“ (Naomi Klein) auf die Schliche gekommen werden, indem untersucht wird, wann und mit welchen gestalterischen Techniken sie zu Arenen sozialer Bewegungen und künstlerischer Interventionen avancieren.

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