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Published: 05 January 2022

Call for Papers

Jahrestagung AKTLD an der Universität Siegen 29.09. bis 01.10.2022

ALLTÄGLICHES ERBEN

Das Alltägliche hat zu jeder Zeit den Großteil der Bauproduktion ausgemacht. Eben diese Bauten und Ensembles sind oftmals ortsbildprägend und als Zeugnisse der Alltagskultur beispielhaft für ihre Zeit. Bauwerke der Moderne und der jüngeren Zeit sowie Vertreter weniger repräsentativer Baugattungen (wie Arbeiterhäuser, Großsiedlungen, technische Anlagen und Funktionsbauten) sind längst Teil unseres Verständnisses von Kulturerbe geworden. Doch hierarchisierende Kriterien wie Gestaltungsqualität und Innovationsgrad bilden im Zuge weiterer Auswahlprozesse nach wie vor Aspekte für eine Ausweisung als Kulturerbe – was nicht zuletzt auch das Kriterium des „outständig universal value“ des Weltkulturerbeprogramms verdeutlicht. Abgesehen von dieser globalen Perspektive sind es jedoch insbesondere auf lokaler und regionaler Ebene gerade die alltäglichen zeittypischen Bauten, die auch durch ihr massenhaftes Auftreten Lebensräume prägen, und zwar meist ohne dabei technisch oder konstruktiv innovativ oder von besonderer künstlerischer Qualität zu sein – also keine „Highlights“ und damit oft auch keine Denkmale.

Vor diesem Hintergrund rückt ein alltägliches Erbe in den Fokus, das lange Zeit „unter dem Radar“ der Forschung lag. Architekt:innen und Planer:innen, Historiker:innen, Erbeforscher:innen und Denkmalpfleger:innen schauen heute mehr auf die Breite des Bauens: vernakuläre Architektur, das Gros der alltäglichen Bauten und die sogenannte „Graue Architektur“. Diesbezügliche, zumeist interdisziplinäre Forschungen und Praktiken fokussieren auf die Bedeutungsdimensionen des Zeugnisses, der Identitätsstiftung oder der Erinnerung mit einem entsprechenden Schwerpunkt auf den Akteur:innen und den Prozessen (z. B. der Partizipation). Gerade in den Disziplinen, die sich mit Erbe oder Heritage als soziale Praxis beschäftigen, gibt es eine andauernde Debatte darüber, wie bis dato ausgeklammerte Formen von Erbe jenseits der etablierten Narrative und Auswahlkriterien sichtbar gemacht werden können. Dabei reichen die Vorschläge von einer Unterwanderung des Kanons und dem Aufstellen eines Gegenkanons bis hin zu einer Ablehnung jeglicher hierarchisierender Selektion. Hier verschiebt sich der Schwerpunkt weg von der Bewertung hin zu einer kritischen Reflexion von Möglichkeiten der Repräsentation sozialer Vielfalt.
Zudem erhält dieses alltägliche Erbe auch im Zeichen der aktuellen Klima-, Nachhaltigkeits- und Ressourcendiskussionen neue Relevanz. So zeigt die einsetzende Perspektivweitung auf das massenhaft auftretende Gewöhnliche und Alltägliche, dass Umweltbewusstsein und Denkmalpflege enger zusammengehören als man lange Zeit zur Kenntnis nehmen wollte.

Aber wie können wir dem drohenden Verlust der für ihre Zeit und Region charakteristischen Bauten begegnen, ohne die befürchtete „Inflation“ der Denkmale auszulösen? Wie verhalten wir uns gegenüber der Kritik an der als uneinheitlich und intransparent erscheinenden Unterschutzstellungspraxis der primär lokal und regional bedeutsamen Bauten? Inwieweit bleiben Methoden der Kanonisierung auf Vorstellungen angewiesen, die von Peripherie und Zentrum ausgehen? Welche Herausforderungen birgt eine dezentrale Perspektive auf Prozesse, Alltägliches“ zu erben? Und falls ja, mit welchen bereits vorhandenen und erprobten, aber vielleicht auch erst zu entwickelnden Instrumenten könnte innerhalb wie außerhalb fachdenkmalpflegerischer Entscheidungen dieses alltägliche Erbe geschützt und bewahrt werden? Und schließlich: Wie können diese oftmals unscheinbaren, wenig spektakulären Zeitdokumente der Öffentlichkeit vermittelt werden?

ALLTÄGLICHES ERBEN soll in drei Sektionen diskutiert werden:

Nur die „Highlights“?
Wann wird das Alltägliche relevant, was wird wo zum „Highlight“ und welche gesellschaftliche, soziale und politische Bedeutung geht mit solch einer Ausweisung einher (Referenzrahmen: von der lokalen Initiative bis zum OUV des Weltkulturerbes)? In welchem Verhältnis stehen Denkmalausweisung zu kunstwissenschaftlichen Methoden und Architekturhistoriographie (Werkbegriff, Kanonbildung, Zentrum-Peripherie-Modell etc.)? Was wären alternative oder ergänzende Methoden bei der Erfassung von Erbe und Denkmalen des Alltages (wie z.B. Ansätze einer sozialwissenschaftlichen Ermittlung)?

Erben als soziale Praxis
Wie konzeptualisieren Diskurse auf einer theoretischen Ebene marginalisiertes Erbe (z.B. „sub-altern heritage“ oder „unofficial heritage“)? Wer soll an den Entscheidungen beteiligt werden, wie weit sollen die Befugnisse gehen, welche Rolle sollen die Fachämter einnehmen (Demokratisierung und Partizipation)? Welche Erfahrungen zeigen bisherige Ansätze der Partizipation?

Beispiele des Alltäglichen
Was wäre unter dem Alltäglichen konkret zu verstehen und was kann ein „alltägliches Erbe“ sein: eine erweiterte Anzahl von „Highlights“ oder doch der gesamte Altbaubestand? Wie passen dabei die Kategorien des Exemplarischen und des Allgemeinen zusammen?

Berücksichtigung finden können in allen Sektionen zudem folgende Aspekte und Themen: Erfahrungen der Inventarisation alltäglicher / gewöhnlicher / „grauer“ / vernakulärer Architektur, Möglichkeiten und Ansätze der Erhaltung, Akteur:innen und ihre Zielsetzungen.

Wir freuen uns über Ihre Vorschläge für einen 20- bis 25-minütigen Vortrag in Form eines aussagekräftigen Abstracts von max. 200 Wörtern und einen kurzen CV bis zum 20.2.2022.
Bitte senden Sie Ihren Beitrag mit Angabe der Sektion als pdf-Datei an:
engelberg[at]architektur.uni-siegen.de