Rodin als Wegweiser in die Moderne – Skandal und Ehrerbietung

Der »Rodinskandal« in Weimar

Rodins Werk markiert die Schwelle von der großen klassischen Tradition zur Moderne am Ausgang des 19. Jahrhunderts, er ist wesentlicher Wegbereiter moderner Kunst und einer der bedeutendsten Künstler seiner Zeit. 

Auf Initiative von Harry Graf Kessler wurde bereits 1904 eine große Retrospektive Rodins in Weimar gezeigt. Daraufhin erfolgte 1905 der Ankauf der Bronzeplastik das »Eherne Zeitalter« auf Wunsch des Großherzogs Wilhelm Ernst. Im gleichen Jahr erhielt Rodin im Rahmen der Schillerehrungen die Ehrendoktorwürde der Friedrich-Schiller-Universität Jena, der er seine Bronzebüste »Minerva« als Ehrerbietung übereignete. Sie steht bis heute im Senatssaal.

Ein weiteres Geschenk Rodins ging an den Großherzog und löste in Weimar den so genannten »Rodinskandal« aus. Als die 14 Aktzeichnungen 1906 in der Kunsthalle ausgestellt wurden, berichtet die Weimarer Landeszeitung vom »Tiefstand der Sittlichkeit«. Daraufhin musste Harry Graf Kessler, Leiter des Großherzoglichen Museums für Kunst und Kunstgewerbe, zurückzutreten.

Ein Rodin für die Großherzoglich Sächsische Hochschule für bildende Kunst Weimar

Um so mutiger scheint es im Rückblick, dass der damalige Direktor der Hochschule, Fritz Mackensen bereits 1911 verkündet, dass er die hervorragende Bronze »Eva« von Rodin für die Halle seiner Hochschule mit finanzieller Unterstützung des Apoldaer Fabrikanten Robert Peter erworben habe.

Die »Eva« ist Teil eines Großprojektes Rodins. 1881 erhielt er den Auftrag für die Eingangspforte des damals geplanten Neubaus eines Kunstgewerbemuseums für Paris. Das 4,50 Meter hohe und 3,50 Meter breite Tor sollte von den auf Postamenten stehenden Figuren der »Eva« und des Adam flankiert werden. Von 1880 bis 1884 arbeitete Rodin fast ununterbrochen an dem Tor. Viele der wichtigsten Werke Rodins der 1880er und 1890er Jahre entstammen der Höllenpforte – oft als Vergrößerung einer Figur, die er aus dem Ensemble herauslöste. Einhellige Anerkennung als völlig eigenständige Werke erhielten der Denker, der Adam und die »Eva«.

»Eva stellte er nach dem Sündenfall dar. Sie kommt nicht als Verführerin daher, sondern dargestellt als Frau mit verschränkten Armen. Sie kreuzt schutzsuchend die Arme vor der Brust und neigt ihr Haupt, ihr Antlitz in der Armbeuge verbogen. Das linke Bein ist leicht angehoben und vor das rechte Knie geschoben. Ihre fülligen Formen erinnern eher eine reifere und mütterliche Frau.

In der Haltung scheint die Eva ihr ganzes Schamgefühl zum Ausdruck zu bringen, so als ob sie sich ihrer Nacktheit bewusst sei. In ihrer Haltung und Gestik drückt sich die ganze Scham um den Sündenfall aus und der Verlust der paradiesischen Unschuld. Rodin verzichtete darauf, sie als sinnliche Verführerin abzubilden und entschied sich, sie als Mutter der Menschheit darzubieten.«
(Auguste Rodin: der Kuss - die Paare, Ausstellungskatalog, hg. v. Bonnet, Anne-Marie, München 2006)  

Die Aufstellung der »Eva« erfolgte zum Wintersemester 1912/13, nachdem Rodin der Bitte Mackensens zugestimmt hatte, für die Hochschule in Weimar einen weiteren Abguss fertigen zu lassen. 

Christiane Wolf, Archiv der Moderne