Dr. phil. Michael Cuntz

Unmenge - Wie verteilt sich Handlungsmacht?

Michael Cuntz, Ilka Becker und Astrid Kusser (hg.): "Unmenge – Wie verteilt sich Handlungsmacht?" München (Fink) 2008 (Mediologie; Bd. 16), 396 S. 

Kurzbeschreibung

In der Gegenwart ist die Liste möglicher Akteure scheinbar ins Unüberschaubare angewachsen. Nimmt dabei die Handlungsmacht des Einzelnen in dem Maße ab, wie die Zahl der potentiellen Akteure zunimmt und auch Tiere, Dinge, (Un-)Tote oder Systeme umfasst? Oder aber ist die Logik, auf der diese Rechnung beruht, selbst fragwürdig geworden? Die Unmenge konfiguriert sich in wechselnden, raumzeitlichen Situationen ständig neu. In ihr sind wir Unzählige, die ohne dauerhafte Gestalt oder stabile Ontologie gemeinsam in Handlungen und Kämpfe verwickelt sind. Eine dominante Version der Moderne teilte die Sphären von Mensch, Natur und Technik voneinander ab, um einen stabilen Status von Subjekten und Objekten sowie regulierten Zugang zu (politischer) Repräsentation sicherzustellen. Mit der Problematisierung dieser Moderne ist jedoch fragwürdig geworden, wer oder was überhaupt Träger von Handlungen sein kann. Was häufig als Einschränkung oder Verlust diagnostiziert wird, lässt sich ebenso als Ausbreitung oder Erweiterung verstehen. Welches sind somit neue Formen der Handlungsmacht, die sich nicht nur in der gegenwärtigen Situation, sondern auch in einem symptomatischen Blick auf historische Bewegungen ausmachen lassen? Der Band rückt die Figur der Unmenge als Genealogie der Gegenwart und Gegenentwurf zur zählbaren und repräsentierten Gemeinschaft (wie Volk, Nation, Menschheit) ins Zentrum. Er analysiert diejenigen Formen der Handlungsmacht, denen historisch kein legitimer Ort der Repräsentation zugewiesen werden konnte. Dass diese Formen gleichwohl Veränderungen ermöglichten, lässt sich erst nachträglich in symptomatischen Lektüren nachvollziehen. Die Publikation setzt drei Schwerpunkte: Unter dem Stichwort Mischwesen geht es um Relationen zwischen Menschen und technischen Wesen bzw. ästhetischen Artefakten, in denen klare Grenzziehungen ebenso fragwürdig geworden sind wie die Zuschreibungen Subjekt/Objekt oder aktiv/passiv. Wiedergänger befasst sich mit Konstellationen und Ereignissen, in denen Akteure, deren Handlungsmacht oder schiere Existenz vom ›gesunden Menschenverstand‹ oder der herrschenden Meinung vehement verdrängt oder negiert werden, von den Rändern ins Zentrum der Wahrnehmung zurückkehren. Gewaltenteilung schließlich nähert sich der Rolle der großen oder unbestimmbaren Zahl in politischen Kontexten und analysiert die Grenzen souveräner Macht.

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