Wintersemester 2012/13

Studienmodul Europa Schreiben (B.A.)

Seminar: Europäische Historiografie (Sarah Czerney)

“I have a dream. My dream is that one day all Europeans will feel like […] ‘Moi Européen de France’ or ‘Moi Européen de Grèce’ or ‘Moi Européen d’Allemagne’ […].” Aussagen wie diese eines hochrangigen EU-Beamten bestimmen seit den 1980er Jahren den Diskurs der EU über eine noch nicht genug vorhandene und daher herzustellende europäische Identität. Eine wichtige Rolle kommt in diesem Prozess der Konstruktion einer europäischen Identität der Geschichtsschreibung zu, ist es doch der Blick in die scheinbar gemeinsame Geschichte, der einer Gruppe Halt in der Gegenwart und Orientierung für die Zukunft verspricht. Wie eine solche europäische Geschichte gegenwärtig in verschiedenen Medien „geschrieben“ wird, welche Debatten und Schwierigkeiten es angesichts verschiedener noch immer stark national geprägten Geschichten gibt, und was als gemeinsame historische Referenz- und Identifikationspunkte Europas konstruiert wird, sind Fragen, denen sich das Seminar widmet. Dabei wird es zunächst um Theorie und Geschichte der Geschichtsschreibung gehen, bevor wir uns konkreten Projekten einer europäischen Geschichtsschreibung wie dem Europäischen Geschichtsbuch zuwenden.

Möglichkeitsformen des Realismus: Die neuen Wellen im ost- und westeuropäischen Kino
(Ulrike Hanstein)

Gegenstand des Seminars ist die Rolle der Erneuerungsbewegungen nach dem zweiten Weltkrieg im ost- und westeuropäischen Kino für eine europäische Geschichtsschreibung. Unabhängig davon, ob Filme historische Stoffe aufgreifen oder sich einer Beschreibung der aktuellen Lebenswelt  verpflichten geben sie immer auch eine Deutung des Verhältnisses von Vergangenheit und Gegenwart.

Eine Geschichtsschreibung in und durch Filme lässt sich auf mehreren Ebenen untersuchen. Einerseits ist nach  der Geschichte von Filmen zu fragen, also nach dem Wandel  von Erzähl- und Darstellungsformen, von Räumen und Praktiken des Zuschauens oder von filmkritischen und filmtheoretischen Beschreibungen. Andererseits organisiert das Medium Film  immer komplexe Zeitordnungen, die nicht nur die audiovisuelle Bearbeitung oder Konstruktion einer aktuellen oder vergangenen Wirklichkeit betreffen, sondern auch die Zeit des Filmerfahrung, bei der eine abgeschlossene, montierte Bildfolge und Handlung  vor Zuschauern gegenwärtig aufgeführt wird und eine offene Zukunft im Vorübergehen aufscheinen lässt.

Das Seminar bietet eine Einführung in Theorien zur Filmgeschichte und zur Rolle audiovisueller Bilder für eine Geschichtsschreibung, die die medialen Bedingungen filmischer Geschichtserzählung mit bedenkt. An ausgewählten Filmen seit den 1950er Jahren (Italienischer Neorealismus, Nouvelle Vague, Neuer deutscher Film, DEFA-Film sowie die neuen Wellen im polnischen, ungarischen und tschechischen/slowakischen Kino) werden Ausprägungen eines filmischen Realismus untersucht, die gerade die mögliche Zukunft der Vergangenheit und der Gegenwart thematisieren.