Forschung

Ziele der Professur

Digitalisierung und Vernetzung haben die Strukturen der Medienbranche fundamental verändert. Die Juniorprofessur für »Organisation und vernetzte Medien« wurde zum Wintersemester 2018/2019 an der Fakultät Medien der Bauhaus-Universität Weimar neu eingerichtet und verfolgt seitdem ein eigenständiges Forschungsprogramm zu innovativen Organisations-, Arbeits- und Managementformen in digitalen, vernetzten Medien.

Schon das historische Bauhaus, wie es zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Weimar entstand, hatte neue Arbeits- und Organisationsformen sowohl der Lehre als auch des praktischen Bauens erprobt. An diese Historie knüpft die Juniorprofessur für »Organisation und vernetzte Medien« mit einem Schwerpunkt auf Medien und Journalismus an. Primäres Ziel der Forschung ist es, Innovationen in der Organisation digitaler Medien zu erforschen. Dazu verbindet das Team der Juniorprofessur medien- und kommunikationswissenschaftliche Perspektiven mit theoretischen Ansätzen der Organisationsforschung und greift in der Empirie auf Methoden der qualitativen und quantitativen Sozialforschung zurück.

In der Tradition des Bauhauses wird Forschung an der Juniorprofessur als Transformative Forschung verstanden: Wissenschaftliche Erkenntnisse sollen auch aktiv in die Verbesserung von Praxiszusammenhängen eingebracht werden. Wissenschaft wird so selbst zum Akteur des Wandels und der Zukunftsgestaltung von Medien und Journalismus.

Themen unserer Forschung

Die Forschung an der Juniorprofessur ist gegenwärtig auf die folgenden Schwerpunktfelder fokussiert:

Neue Formen der organisierten Zusammenarbeit im Journalismus (seit 2021)

Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

Presseverlage, Rundfunksender und ihre Redaktionen sind durch die Digitalisierung unter ökonomischen und gesellschaftlichen Druck geraten. Es ist absehbar, dass die mehr als 100 Jahre alte Organisationsform der Redaktion schon bald nicht mehr der zentrale Ort für journalistische Arbeit sein wird. Seit einigen Jahren entstehen in digitalen, vernetzten Medien ganz neue Formen der journalistischen Zusammenarbeit. An die Stelle der Redaktion als dem einzigen und eindeutig abgrenzbaren Arbeitskontext treten eine Vielzahl neuer Produktionsstätten. Dieser veränderten Organisationslandschaft des Journalismus widmet sich das DFG-geförderte Forschungsvorhaben.

Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt konzentriert sich auf neuartige Organisations- und Arbeitsformen im Journalismus. Diese werden unter den Bedingungen digitaler, vernetzter Medien erst möglich. Es fragt: Wo werden in Zeiten zunehmender Digitalisierung journalistische Inhalte für eine informierte, kritische Öffentlichkeit geschaffen? Welche Neuerungen von Organisationsstrukturen, redaktionellen Prozessen und journalistischen Arbeitspraktiken können identifiziert werden? Und: Welche Formen der organisierten Zusammenarbeit im Journalismus bieten geeignete Bedingungen, unter denen der Journalismus seine gesellschaftliche Rolle auch weiterhin erfüllen kann?

Um diese Fragen zu beantworten, verfolgt das Projekt vorrangig drei Ziele: (1.) wird eine empirisch fundierte Typologie neuer Organisationsformen für journalistisches Zusammenarbeiten vorgelegt, die die entstandene Vielfalt im Feld erstmals für Deutschland sichtbar machen wird. Den Ausgangspunkt bilden dabei neugegründete Organisationen und Start-ups im Journalismus, die sich nach dem derzeitigen Forschungsstand häufig durch eine alternative Arbeitsorganisation auszeichnen. Hierauf aufbauend werden (2.) einzelne Organisationen in multimethodischer Fallstudienforschung tiefgehend hinsichtlich ihrer Strukturen, Prozesse und Praktiken erforscht und vergleichend analysiert. Diese Faktoren prägen journalistisches Handeln und damit den Charakter von Medieninhalten. Das Vorgehen fußt auf einem offenen, explorativen Theoriezugriff und schließt an die ethnographischen Wurzeln der Redaktionsforschung an. Teilnehmende Beobachtung wird dabei mit teilstandardisierten Leitfadeninterviews und Dokumentenanalyse kombiniert. Im Ergebnis steht (3.) eine empirische wie auch theoretisch-konzeptionelle Erweiterung der Redaktionsforschung. Sie geht über den klassischen Forschungsgegenstand der Redaktion deutlich hinaus und hilft, die Einflüsse neuer Organisationsformen auf die gesellschaftlichen Leistung des Journalismus einzuordnen.

Schlüsselpublikationen

Buschow, C. & Suhr, M. (2022). Change Management and New Organizational Forms of Content Creation. In M. Karmasin, S. Diehl & I. Koinig (Hrsg.), Media and Change Management. Creating a Path for New Content Formats, Business Models, Consumer Roles, and Business Responsibility (S. 381-397). Springer International. https://doi.org/10.1007/978-3-030-86680-8_21 

Buschow, C. & Suhr, M. (2022). Business Ecosystems in Digital Journalism: Cross-border Collaborative Investigations as a Novel Organizational Form. In. S. Baumann (Hrsg.), Handbook on Digital Business Ecosystems: Strategies, Platforms, Technologies, Governance and Societal Challenges (S. 292-306). Edward Elgar Publishing. https://doi.org/10.4337/9781839107191.00027 

Transformative Innovationsforschung für den Wissenschaftsjournalismus (seit 2022)

Gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)

Während der COVID-19-Pandemie hat sich eindrucksvoll gezeigt, welchen besonderen Stellenwert ein hochwertiger und handlungsfähiger Wissenschaftsjournalismus in der Gesellschaft einnimmt.

Im selben Moment muss er mit einer grundlegend veränderten Kommunikationslandschaft umgehen. Insbesondere die stetig voranschreitende Digitalisierung schafft neue Voraussetzungen, die das Handeln von Journalistinnen und Journalisten maßgeblich bestimmen. Innovation gilt als entscheidender Faktor, um die Zukunftsfähigkeit des Wissenschaftsjournalismus zu sichern und seine demokratiepolitische Rolle im Sinne einer informierten Öffentlichkeit zu bewahren.

Hier setzt das Verbundprojekt „Transformative Innovationsforschung für den Wissenschaftsjournalismus“ an, das gemeinsam mit der Wissenschaftspressekonferenz e.V. (WPK), dem Berufsverband der Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten in Deutschland, durchgeführt wird. Ziel des gemeinsamen Vorhabens ist die umfassende Begleitung des neu geschaffenen Innovationsfonds für den Wissenschaftsjournalismus der WPK sowie der geförderten Projekte mittels transformativer Forschung.  

Transformativer Forschung orientiert sich an konkreten Herausforderungen der Praxis und ist durch den Anspruch gekennzeichnet, wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt aktiv in Entwicklungen des untersuchten Gegenstandsbereichs einzubringen. An der Juniorprofessur werden in den nächsten drei Jahren Erkenntnisse vorgelegt, die einerseits die Innovationsforschung im Wissenschaftsjournalismus vorantreiben, andererseits die Ausgestaltung und Weiterentwicklung des Innovationsfonds prozessbegleitend unterstützen sollen.

Die Plattformisierung der Medien (seit 2019)

Die Organisationsform der Plattform dominiert zunehmend mehr Medienteilmärkte: Spotify ist zum wichtigsten Distributionskanal für Musik geworden, während sich im Bewegtbildmarkt Netflix, Amazon Prime und Co. als zentrale Zugangskanäle zu Videoinhalten etablieren. Auch im Journalismus sind „algorithmisierte Wege“ der zentrale Anlaufpunkt für die Nachrichtennutzung der 18- bis 24-Jährigen. Es werden also vorwiegend Suchmaschinen wie Google, Aggregatoren wie Apple News oder Social-Media-Dienste wie Facebook und Twitter genutzt. 

In diesem Forschungszusammenhang liegt der Fokus auf der voranschreitende Plattformisierung von Journalismus und Medien, die von Seiten der Medienunternehmen, der Nutzer*innen und mit Blick auf verschiedene Medienmärkte in Deutschland untersucht wird. 

Schlüsselpublikationen

Wellbrock, C.-M. & Buschow, C. (2022). Plattformen im Digitaljournalismus: Interindustrielle und interdisziplinäre Grenzübertritte. Communicatio Socialis, 55 (1), 44-56. https://doi.org/10.5771/0010-3497-2022-1-44 

Weber, J., Steffl, J. & Buschow, C. (2021). Plattformen für digitalen Journalismus in Deutschland: Eine Bestandsaufnahme und Typologie der Angebote am Markt. MedienWirtschaft, 18 (2), 20-33. dx.doi.org/10.15358/1613-0669-2021-2-20

Wellbrock, C.-M. & Buschow, C. (2020). Money for Nothing and Content for Free? – Paid Content, Plattformen und Zahlungsbereitschaft im digitalen Journalismus (Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien NRW, Band 82). Baden-Baden: Nomos. https://doi.org/10.5771/9783748907251

Innovationsförderung im Journalismus (seit 2020)

Gefördert u.a. durch die Landesanstalt für Medien NRW

Im Zuge der Digitalisierung sieht sich der Journalismus mit tiefgreifenden Veränderungen konfrontiert. Angesichts der bestehenden Probleme (und vor allem bezüglich seiner Finanzierung) besteht die Gefahr, dass er in Zukunft seiner Funktion als zentraler Eckpfeiler des demokratischen Gemeinwesens einbüßt. Innovationen werden in der Branche und von der Wissenschaft als eine essenzielle Voraussetzung verstanden, um den bestehenden Herausforderungen des Journalismus entgegenzuwirken und neue Lösungen zu entwickeln.

Die seit 2020 laufende Forschung untersucht sowohl Kontextbedingungen als auch Schlüsselakteure des journalistischen Innovationssystems in Deutschland. Unter anderem wurde im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW das Gutachten „Die Innovationslandschaft des Journalismus in Deutschland“ erstellt, welches Innovationsbarrieren untersucht und erfolgversprechende Instrumente der Innovationsförderung ermittelt. Ein besonderer Fokus liegt auf der Innovationspolitik, d.h. der Innovationsförderungen durch die öffentliche Hand. Ein wichtiges Ziel der Forschung ist es, evidenzbasierte Handlungsempfehlungen und Vorschläge für eine zukunftsgerichtete Innovationspolitik im deutschen Journalismus zu unterbreiten.

Schlüsselpublikationen

Buschow, C. (2022). Innovationsförderung im Lokaljournalismus: Woran es bei bisherigen Programmen hapert und was es für nachhaltige Unterstützung braucht – Impulse aus der Debatte in Deutschland. In A. Kaltenbrunner, M. Karmasin, S. Luef & R. Lugschitz (Hrsg.), Journalismus Report VII: Lokaljournalismus (S. 102-115). Wien: facultas.wuv.

Buschow, C. & Wellbrock, C.-M. (2020). Die Innovationslandschaft des Journalismus in Deutschland.  Wissenschaftliches Gutachten im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW. Düsseldorf: Landesanstalt für Medien NRW. https://doi.org/10.25643/bauhaus-universitaet.424

Diversität und Gleichstellung in journalistischen Neugründungen (seit 2020)

Mangelnde Diversität und Gleichstellung sind im Journalismus ein fortdauerndes Problem. Einer transnationalen, vielfältigen Gesellschaft in Deutschland steht heute noch immer ein Journalismus gegenüber, der personell weitgehend homogen besetzt ist und besonders auf Führungsebene Menschen aus verschiedenen marginalisierten Gruppen zu wenig berücksichtigt. Im Hinblick auf die Aufgabe der Medien, die Gesellschaft zu repräsentieren, ist dieses Problem nicht nur im Sinne der Chancengleichheit relevant, sondern auch von hoher demokratischer Bedeutung.

Während in den traditionellen Medien nur langsame Fortschritte erzielt werden und es vielerorts an konkreten Maßnahmen und Strategien zur Herstellung von Diversität und Gleichstellung mangelt, entstehen seit einigen Jahren neue journalistische Organisationen, die unabhängig von etablierten Verlagen oder Rundfunksendern agieren und journalistische Arbeit oftmals auf andere Art organisieren als klassische Redaktionen. Einige dieser Neugründungen definieren sich explizit über den Anspruch, diversere Stimmen zu vertreten, andere lassen durch flache Hierarchien oder eine starke Offenheit im Sinne einer partizipativen Produktion bessere Zutritts- bzw. Aufstiegschancen für marginalisierte Akteur*innen vermuten. Im Hinblick auf die veränderte Organisationslandschaft im Journalismus stellt sich die Frage, ob mit neuen Medien-Start-ups auch neue Chancen für Diversität und Gleichstellung im Journalismus verbunden sind.

Das Dissertationsprojekt von Maike Suhr, M.A. untersucht zehn journalistische Neugründungen in Deutschland mithilfe ethnographischer Redaktionsbeobachtung, teilstandardisierten, leitfadengestützten Interviews und der Analyse interner sowie externer Dokumente. Im Fokus stehen dabei Strukturen, Praktiken und Kultur der Organisationen.

Zahlungsbereitschaft für digitaljournalistische Inhalte (seit 2019)

Gefördert durch die Landesanstalt für Medien NRW

Frei nach dem Motto „Money for nothing and content for free“ werden tagesaktuelle Informationen ebenso wie aufwändig recherchierte Reportagen im Digitalen vornehmlich kostenfrei genutzt. Wie können journalistische Angebote sich also nachhaltig refinanzieren? Dies bleibt die Kernfrage für Medienhäuser und journalistische Start-ups bei der Entwicklung und beim Aufbau von digitalen Geschäftsmodellen. Denn der Journalismus ist schon seit langem kein stabiles Geschäftsfeld mehr und insbesondere die Finanzierung des digitalen Journalismus stellt sich als herausfordernd dar – und das, obwohl er zugleich in hohem Maße konsumiert wird.

In dem Forschungsprojekt wurden auf Grundlage einer repräsentativen Befragung der deutschen Online-Bevölkerung sowie mittels qualitativer Gruppendiskussionen mit insgesamt 55 Personen individuelle Bedürfnisse, Motive und Einstellungen zur Zahlungsbereitschaft für digitalen Journalismus untersucht. Aus den erhobenen Daten konnten Handlungsempfehlungen für Medienunternehmen und Medien-Start-ups abgeleitet werden. 

Schlüsselpublikationen

Wellbrock, C.-M. & Buschow, C. (2020). Money for Nothing and Content for Free? – Paid Content, Plattformen und Zahlungsbereitschaft im digitalen Journalismus (Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien NRW, Band 82). Baden-Baden: Nomos. https://doi.org/10.5771/9783748907251

Buschow, C. & Wellbrock, C.-M. (2019). Money for nothing and content for free? Zahlungsbereitschaft für digitaljournalistische Inhalte (Unter Mitarbeit von D. Kunkel). Whitepaper im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW, Düsseldorf.