Charlotte Bolwin

Projekttitel

Nach der Natur: Audiovisuelle Ökologien in der zeitgenössischen Medienkunst (Arbeitstitel)

Projektbeschreibung

Das Dissertationsprojekt widmet sich zeitgenössischen filmkünstlerischen Praktiken (Artists' Cinema, ‚Avant-Doc‘ sowie analoger und digitaler Medienkunst) und erforscht, wie in diesen postkinematografischen Konfigurationen gegenwärtige semantische und ästhetische Konzepte von Natur und Umwelt verhandelt werden. Der Fokus soll dabei nicht auf einer rein motivischen Repräsentation natürlicher Dinge, Topologien und Prozesse liegen; vielmehr gilt es, über die durch technische Operationen eröffneten Erfahrungsräume ein wechselseitiges Durchwirktsein der materiellen Welt und der Sphäre des Medialen als zentralen Topos rezenter filmkünstlerischer Naturdarstellungen zu verfolgen. Hierzu gehört auch, das Filmische in einem postkinematografischen Sinne auf einem erweiterten Spektrum der Formate und Genres zu verorten, welches sich vom techn(olog)ischen Aufzeichnen optisch-phonetischer Daten über diverse Bearbeitungs- und Montagetechniken bis zu den verschiedentlich verorteten Rezeptionserfahrungen in den institutionellen und kulturellen Kontexten der Gegenwart erstreckt.
Dieser medienästhetische Ansatz macht es erforderlich, Filme als aktive Agenturen sinnlich-intelligibler Vermittlung zu diskutieren, die einen zentralen Schauplatz für die Etablierung und Erforschung menschlicher Selbst- und Weltverhältnisse bilden, wobei die ebenso persistente wie aktuelle Frage nach dem Verhältnis von ‚Mensch‘ und Umwelt als eine Frage der wechselseitigen Verfasstheit durch technoästhetische Operationen, d.h. als eine Frage anthropomedialer Relationierung reformuliert wird. Diese Verschiebung lässt sich besonders im Feld künstlerischer Milieus veranschaulichen, da die hier zur Anwendung gebrachten Verfahren in ihrer phänomenalen Varianz und performativen Expressivität zugleich theoretische Reflexion auf die Produktions- und Erfahrungsmodi ihrer Medialität bilden. So zeichnet sich im experimentellen dokumentarischen Gestus der einzelnen Filme eine Auseinandersetzung bzw. Aktualisierung mit dem Topos des Medienrealismus ab. Welche Rolle dabei wiederum die materielle Welt als prädestiniertes Milieu zum einen und aporetischer Gegenstand andererseits spielt, und welche Bezüge zwischen Realitätsbildern und Bildrealitäten gerade über den Exzess und Entzug einer begrifflich und phänomenologisch prekär gewordenen ‚Natur‘ verhandelt werden, gilt es in der Entfaltung des Materials herauszustellen.
Schließlich impliziert eine filmische Medialität, die aus dem Zusammentreffen von Umwelt, Mensch und Technologie emergiert, immer auch politische Lesarten. Die untersuchten Arbeiten sollen daher auch auf ihre affektiven Potenziale befragt werden, die im Kontext von globalen Umweltkrisen, Klimawandel und ‚Anthropozän‘ die Intensitäten einer generalisierten Beeinträchtigung der Mensch-Umwelt-Beziehungen und die Proliferation ökologischen Denkens bzw. Wahrnehmens aufnehmen.

Vita

Charlotte Bolwin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des DFG-Graduiertenkollegs „Medienanthropologie“ an der Fakultät Medien der Bauhaus-Universität Weimar. Zuvor wissenschaftliches Volontariat in Berlin sowie Studium in den Fächern Kulturwissenschaft (M.A.; Abschluss mit einer Arbeit zu dokumentarischen Bildmedien und Archivpraktiken der performativen Künste) an der Humboldt Universität zu Berlin sowie Komparatistik, Publizistik und Mediensoziologie (B.A.) an der Freien Universität Berlin und der Sorbonne Université Paris. Während des Studiums diverse Praktika und Assistenzen in Medien, Kunst und Wissenschaft. Von 9/2016 bis 10/2018 studentische Hilfskraft am Exzellenzcluster "Bild Wissen Gestaltung“ und am Lehrstuhl für Kultur- und Technikgeschichte (Prof. Dr. Christina Vagt / Prof. Dr. Petra Löffler).

Publikationen

Rezension: Kim Knowles (2021): Experimental Film and Photochemical Practices", in: Zeitschrift für Medienwissenschaft ZfM.
Rezension: „Katia Schwerzmann (2020): Theorie des graphischen Feldes", in: Zeitschrift für philosophische Literatur – ZfphL. 9.1 (4/2021), S. 67–76.
„Der Körper als Erinnerungsort. Zum Kulturerbe performativer Künste“ Berliner MuseumsJournal 1/2020, Berlin. 2020.

Vorträge 

„Nach der Natur. Visuelle Ökologien in der Medienkunst des Anthropozän", im Rahmen der Vorlesung Ästhetik des Anthropozän (Prof. Dr. Maria Muhle, Akademie der Bildenden Künste München), 10.6.2021.

„Ästhetisch-epistemische Grenzobjekte. Audiovisuelle Konfigurationen im Ausstellungsraum (Vortragspanel (gemeinsam mit Maria Brannys und Anna Polze), im Rahmen des 34. Film- und Fernsehwissenschaftliches Kolloquium, Weimar, 23.3.2021.

Mitgliedschaften

Gesellschaft für Medienwissenschaft
Deutsche Gesellschaft für Ästhetik