Charlotte Bolwin

Projekttitel

Post-Naturen digitaler Bildmilieus: Visuelle Re/Konstruktionen des Materiell-Organischen in der zeitgenössischen Medienkunst (Arbeitstitel)

Projektbeschreibung

Unter dem Eindruck von Klimawandel, ökologischen Krisen und Anthropozän-Diskurs sowie im Lichte der voranschreitenden technologischen Entwicklung und Digitalisierung steht die moderne Leitunterscheidung von Natur und Kultur grundsätzlich zur Disposition. In der Proliferation von Naturmotiven – Pflanzen, mineralischen und organischen Formationen, Organismen und ökologischen Milieus – in den visuellen Gegenwartskünsten wird diese Unterscheidung einerseits in Zweifel gezogen, andererseits sehen sich klischeebehaftete Naturbegriffe und naturalistische Ästhetiken aktualisiert. Diese zeitgenössische Szene beleuchtet das an der Schnittstelle von Kunst- und Medienwissenschaft situierte Dissertationsprojekt. Im Vordergrund steht dabei nichtzuletzt das Anliegen einer medien- und technikphilosophischen Erweiterung des begrifflichen Repertoires der klassischen Ästhetik angesichts der theoretischen Herausforderung, wie eine medienbasierte „Techno-Ästhetik“ (Peter Weibel) sie stellt.
Gegenstand der Untersuchung sind künstlerische Videoinstallationen, postkinematografischen Konfigurationen und Virtual-Reality-Anordnungen ab 2000 (u.a. Hito Steyerl, Heleen Blanken, Susan Schuppli, Jakob Steensen), die als Beispiele für die technoästhetische Rekonstruktion des Materiell-Organischen in der digitalen Kultur befragt werden. Konstatiert wird ausgehend von den untersuchten Gegenständen eine bisher untertheoretisierte ‚Medienästhetik der Natur‘, die von der medialen Ontologie ihrer Bilder aus zu denken ist. An die Stelle einer klassischen Materialästhetik treten dabei apparative Logiken, technische Reproduzierbarkeit, Abstraktion und Diskretion, aber auch Relationalitäten und Performanzen des Materiell-Organischen und der digitalen Bildmilieus.
Ihren theoretischen Ausgangspunkt nimmt die Untersuchung im Komplex „technischer Bilder“ (Vilém Flusser), womit gleichsam der materielle und konzeptuelle Einsatz der untersuchten gegenwartskünstlerischen Praktiken gefasst wird. Den Fluchtpunkt bildet das Phänomen synthetischer Bewegtbildlichkeit, wie sie in diversen gegenwarts-künstlerischen Entwürfen als zentrales Element der visuellen Re/Konstruktion materiell-organischer Milieus zum Tragen kommt. Damit rückt in der zeitgenössischen Medienkunst unweigerlich ein Umschlagpunkt innerhalb der Kunst- und Mediengeschichte technischer Bilder in den Blick: Rechnerbasierte Bilder sind von 'traditionellen' Bildern (wie denen der Malerei), ebenso zu unterscheiden, wie von analogen oder elektronischen Bildern, insofern sie von einem optischen in ein algorithmisches Register wechseln. Während tradierte bildtheoretische Paradigmen wie Indexikalität, Materialität oder visueller Realismus für das digitale Bild zunächst von Relevanz bleiben, wird mit der Computergrafik in eine konstruktive Situation datenbasierter Modellierung umgeschaltet.
Die Medienästhetik, die sich in den gegenwartskünstlerischen Entwürfen kondensiert, lässt sich demnach nur auf den ersten Blick als Aktualisierung des klassischen kunsthistorischen Topos der Naturdarstellung deuten. Schlussendlich vollzieht sich die gegenwärtige künstlerische Verhandlung von Natur und Umwelt unter rigoros veränderten Vorzeichen als die Referenzen aus Malerei, Fotografie und Film, auf die die medienkünstlerischen Bildanordnungen anspielen. Denn synthetische Bilder sind nicht mehr im klassischen Sinne Darstellung, sondern immer auch „Meta-Bilder“ (T.W. Mitchell), die als Signum für die Virtualisierung der empirischen Welt und ihrer Phänomene fungieren.

Vita

Charlotte Bolwin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des DFG-Graduiertenkollegs „Medienanthropologie“ an der Fakultät Medien der Bauhaus-Universität Weimar. Zuvor wissenschaftliches Volontariat in Berlin sowie Studium in den Fächern Kulturwissenschaft (M.A.; Abschluss mit einer Arbeit zu dokumentarischen Bildmedien und Archivpraktiken der performativen Künste) an der Humboldt Universität zu Berlin sowie Komparatistik, Publizistik und Mediensoziologie (B.A.) an der Freien Universität Berlin und der Sorbonne Université Paris. Während des Studiums diverse Praktika und Assistenzen in Medien, Kunst und Wissenschaft. Von 9/2016 bis 10/2018 studentische Hilfskraft am Exzellenzcluster "Bild Wissen Gestaltung“ und am Lehrstuhl für Kultur- und Technikgeschichte (Prof. Dr. Christina Vagt / Prof. Dr. Petra Löffler).

Publikationen

Bolwin, Charlotte; Brannys, Maria; Polze, Anna: „Ästhetisch-epistemische Grenzobjekte. Transversale Konfigurationen im Ausstellungsraum", in: ffk-Journal 7, Avinus, Hamburg 2022 (im Erscheinen).

Rezension: Bolwin, Charlotte: Kim Knowles (2021): Experimental Film and Photochemical Practices", in: Zeitschrift für Medienwissenschaft ZfM.

Rezension: Bolwin, Charlotte: „Katia Schwerzmann (2020): Theorie des graphischen Feldes", in: Zeitschrift für philosophische Literatur – ZfphL. 9.1 (4/2021), S. 67–76.

Bolwin, Charlotte: „Der Körper als Erinnerungsort. Zum Kulturerbe performativer Künste“. Berliner Museums Journal 1/2020, Berlin. 2020.

Vorträge, Workshops und Veranstaltungen

„Drehmomente. Ginan Seidls SPIN zwischen Essay und Experiment" (im Rahmen der Filmreihe Medienanthropologie, GRK Medienanthropologie, Bauhaus-Universität Weimar) 24.11.2021.

Artist Talk mit Ginan Seidl und Ben Russell (im Rahmen der Videokunstausstellung „paradoks – an den Rändern des Dokumentarischen"), 24.10.2021, Alte Spinnerei Leipzig.

„Inter-intra-infra: Eine Wissensökologie des Da/zwischen aus medienanthropologischer Perspektive" – Vortragspanel (gemeinsam mit Charlotte Brachtendorf, Maria Brannys, Gabriel Geffert, Martin Kallmeyer, Hannah Peuker, Gereon Rahnfeld, Max Walther und Shirin Weigelt) auf Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft zum Thema „Wissensökologien", 23.9.2021, Universität Innsbruck.

„Nach der Natur. Visuelle Ökologien in der Medienkunst des Anthropozän", im Rahmen der Vorlesung Ästhetik des Anthropozän (Prof. Dr. Maria Muhle, Akademie der Bildenden Künste München), 10.6.2021.

„Ästhetisch-epistemische Grenzobjekte. Audiovisuelle Konfigurationen im Ausstellungsraum" (Vortragspanel (gemeinsam mit Maria Brannys und Anna Polze), im Rahmen des 34. Film- und Fernsehwissenschaftliches Kolloquium, Weimar, 23.3.2021.

Lehre

Analog – elektronisch – digital: Theorie und Ästhetik technischer Bilder"
Akademie der bildenden Künste München, WiSe 2021/22

Mitgliedschaften

Gesellschaft für Medienwissenschaft
Deutsche Gesellschaft für Ästhetik