Forschungsprogramm

Warum Medienanthropologie? Warum jetzt?

Die zeitgenössisch-lebensweltliche Ebene

Heutzutage ist man nahezu täglich mit Meldungen über international bahnbrechende Entwicklungen in Prothetik, Robotik, Biogenetik, Militärtechnik, Kommunikationstechnologie, AR/VR, AI und Gerätemedizin konfrontiert, was grundlegende Fragen danach aufwirft, wie menschliche Existenzweisen angesichts dieser invasiven Veränderungen zu begreifen und zu verorten sind, wo menschliche Existenz anfängt und aufhört und wie mit herkömmlichen Unterscheidungen der Lebensorientierung – wie denen zwischen Mann und Frau, eigen und fremd, Mensch und Nicht-Mensch, Natur und Technik, Herkunft und Zukunft – umzugehen ist. Stand das Alltagsleben im 20. Jahrhundert dominant unter den Zeichen zweier Weltkriege, Demokratisierung sowie unter denen des Einzugs von Massenmedien, Rechen- und Atombombentechnik, so werden menschliche Existenzweisen nunmehr maßgeblich durch pervasiv eingelassene, informationstechnische und ökonomisch-ökologische Entwicklungen verunsichert. Ob Medizin, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Unterhaltung oder Kunst – sie alle stehen gleichermaßen unter den Einflüssen globaler Digitalisierungs- und Neoliberalisierungsschübe. Die daraus resultierenden Probleme der Unüberschaubarkeit und Kontrollierbarkeit der Lebenswelten – also Probleme von Wissen und Macht – drängen auf Lösungen, die jedoch von keiner monopolistischen Souveränitätsinstanz mehr zu bekommen sind. Die Verunsicherungen, die globale Veränderungen für lokal situierte Existenzweisen bedeuten, schlagen schließlich bis auf die Ebenen von Lebensplanung, Ethik und Selbstreflexion durch. Das nahtlose Eingelassen-Sein von Medientechniken in unser Alltagsleben geht auch mit neuen Verhaltens- und Handlungsweisen einher – zu denen etwa das Mailen, Simsen, Chatten, Gamen, Twittern, Posten, Liken etc. gehören – die vermittelt über Prozesse der täglichen Einübung längst zum normalen Habitus zählen. Habitusbildung gilt allerdings seit jeher als die prägende Kraft der Formierung von Existenz. Und gerade weil das Gewöhnliche selten bewusstgemacht werden kann, sprechen manche schon von unserer Zeit als einem postmedialen Zeitalter, das sich der Wahrnehmung tendenziell entzieht. Es ist die insgesamt daraus resultierende Fragilität und das ins Offene Gestellte der Suchbewegungen existenzieller Selbstverortungen in unserer technifizierten Gegenwart, die von sich aus nach einer medienanthropologischen Untersuchung verlangen.

Die medienwissenschaftliche Ebene

Im Jahre 1985 hat Friedrich Kittler ein Diktum ausgegeben, mit dem er zugleich die Medienwissenschaft in Deutschland auf den Plan gerufen hat: „Medien bestimmen unsere Lage, die (trotzdem oder deshalb) eine Beschreibung verdient“ (Kittler). Dieses Begehren nach einer Lagebeschreibung zieht sogleich methodische Fragen auf sich: Wie und von welchem Standpunkt aus kann man sich einer aktuellen Lage zuwenden, die zum einen nicht weit genug entfernt ist, um sie angemessen neutral reflektieren zu können und die zum anderen nicht homogen und begrenzt genug ausfällt, um einheitlich in den Blick genommen werden zu können. Jede Reflexion benötigt bekanntlich Distanz zu ihrem Gegenstand, will sie nicht einfach blind fortschreiben, worin sie selbst distanzlos eingebettet ist. Dieses Problem ist auch auf besonders intensive Weise in der Ethnologie reflektiert worden und hat dort zu innovativen Ansätzen wie „teilnehmender Beobachtung“ und „dichte Beschreibung“ geführt, die auch in anderen Feldern der Forschung – etwa den Science and Technology Studies oder den Production Studies zielführend angewandt werden. Eine andere Annäherung an besagtes Distanzproblem findet sich eben auch in der Medienanthropologie und -wissenschaft. Von Benjamin über McLuhan bis Kittler und andere stößt man generell auf zwei, meist gekoppelte Vorgehensweisen: nämlich einmal auf historisch angelegte Technik- und Medienvergleiche, die es erlauben, das noch Unbekanntere vom Bekannteren her konturierend abzugrenzen. Und zum Zweiten ist ein experimenteller Methoden- und Theoriemix festzustellen, wobei Ansätze zusammengeführt werden, wie etwa Psychoanalyse und Literatur; Ästhetik und Technikgeschichte, die ursprünglich für getrennte Gegenstandsbereiche konstruiert wurden. In seinem Buch Grammophon, Film, Typewriter stellte Kittler programmatisch auf die realitätsstiftende Wirkung technischer Medien scharf, wobei er historisch analoge Medien – eben Grammophon und mechanische Schreibmaschine – mit neueren informatischen Medien wie dem Computer – hinsichtlich ihrer Weisen der Welterzeugung einem Vergleich unterzieht. Die große Erzählung dieses Buches, das ebenfalls Anleihen aus Literatur, Philosophie und Ästhetik einbaut, läuft darauf hinaus, einer seit der Sattelzeit zunehmenden, medientechnisch bedingten Obsoleszenz des menschlichen Faktors das Wort zu reden. Da die Ära des alphanumerischen Codes der informatischen Computertechniken den ehemals dominanten, symbolischen Code mit seinen Sinnorientierungen kulturell abgehängt habe, so lautet Kittlers These, rücke auch das symbolische Tier – bzw. der „sogenannte Mensch“ wie er stets in Anführungszeichen setzend sagt – endgültig an den Rand der Geschichte. Nur (aber immerhin) von ihren Grenzbereichen her könnten sodann die „alten Medien“ von den „neueren Medienentwicklungen“ handeln, wobei sich letztere einer unmittelbaren Erkenntnis prinzipiell entzögen. Diese Aussage enthält neben ihrem erkenntniskritischen Gehalt und ihrem methodischen Vorschlag zur Reflexion einer intransparenten Gegenwartslage auch eine dezidiert medienanthropologische These. Sie ist allerdings eine strikt negative, die auf anthropologische Anstrengungen perspektivisch ganz zu verzichten können glaubt.

Ein nicht kleiner Teil der deutschen Medienwissenschaft hat diesem anti-anthropologischen Impuls mit guten Gründen nachgegeben. Ein anderer Teil hat jedoch durchaus die Konsequenzen medientechnischer Verschiebungen für menschliches Selbstverstehen weiterhin zum Thema gemacht. Diesen Ansätzen folgt auch die Arbeit des GRAMA.

Einsatz des GRAMA

Will man weder hinter die grundlegende Einsicht in die medientechnische Bedingtheit von Existenz zurückfallen, die ja auch eine anthropozentrismuskritische Pointe hat und zudem die hybriden Existenzbedingungen erfassen, in die menschliche Körper und Handlungs- sowie Wahrnehmungsvollzüge im Plural eingelassen sind, so ist eine Blickpunktverschiebung nötig, wie sie für das Forschungs- und Studienprogramm des GRAMA profilgebend ist: Ohne nach einer wie immer zu denkenden, einheitlichen menschlichen Natur zu fragen, die erst durch additiv hinzutretende Technikbedingungen verändert wird, wird alternativ dazu von vornherein auf das Spektrum existenzbildender Operationen der Verschränkung von Medien-und-Menschen in bestimmbaren Medienmilieus umgeschaltet. Einzelne Medienmilieus – wie Theater, Museum oder Kino, aber auch Games, Plattformen oder Modeschauen und andere mehr – können dann hinsichtlich der Effekte ihrer medientechnischen Veränderungen und Entgrenzungen auf die je in ihnen konfigurierten Existenzweisen befragt werden. Das besondere Augenmerk liegt hierbei auf der wechselseitigen Veränderung und Formierung von Milieu und Nutzer*in oder Bewohner*in. Zu fragen wäre dann z.B.: Wie trägt sich das Spieleverhalten von Gamer*innen in die Entwürfe und Logiken von Games ein und umgekehrt? Oder: Wie verändert sich die Illusionsbildung des Kinos im postkinematografischen Zeitalter und die daran hängenden Rezeptionsweisen? Oder: Wie steht es um die erzieherischen und imaginären Effekte von Theateraufführungen in plattformverknüpften Reality-Inszenierungen? Und: Inwieweit sind handybasierte Selbstdokumentationen identitätsrelevant und zugleich prägend für neue Dokumentarfilmästhetiken?  Die Grundorientierung für die Qualifizierungsarbeiten ist in allen Fällen eine Hinwendung zu den unterschiedlichen Operationen der Verschränkung von Medien und Menschen, die je Milieu unterschiedlich ausfallen. Zu solchen Operationen zählen generell Modi der Affizierung, der Nutzung oder Bedienung, der Arbeit, des Entwerfens oder Betrachtens, des Wahrnehmens und der Auslegung etc. Insofern die existenzbildenden Wirkungen solcher Beziehungsmodi ins Zentrum rücken, versteht sich unser Ansatz als ein relationalistischer.

Während man gemeinhin davon ausgeht, dass Relationen nur zwischen zwei bereits für sich existierenden Relata bestehen können, so ist es hier gerade umgekehrt: Der Relationiertheit soll analytisch gegenüber ihren Relata – also Menschen und Medien – der Vorrang eingeräumt werden. Vom Primat der Relationiertheit her zu denken, hat als Heuristik drei entscheidende Vorteile: Es hilft erstens zu vermeiden, in substanzmetaphysische Wesensbestimmungen eines vermeintlich überhistorisch fixierbaren, menschlichen Gattungswesens zurückzufallen. Zweitens hilft es zu vermeiden, einem Anthropozentrismus das Wort zu reden. Und drittens erlaubt der relationalistische Ansatz unterschiedliche Existenzvollzüge im Plural zum Gegenstand zu machen, wie sie an konkreten Schnittstellen in abgrenzbaren Medienmilieus charakteristisch hervortreten und beobachtbar sind. Die dann zur Beschreibung gelangenden Existenzweisen müssen allerdings nicht erneut einer übergeordneten Einheit abstrakt untergeordnet werden. Ihre Gültigkeitsansprüche sind entsprechend nur von mittlerer Reichweite und nicht ohne weiteres universell verallgemeinerbar.

Das GRAMA kann die eigenen Intuitionen und Begriffe zusätzlich dadurch schärfen, dass es sich explizit zu anderen relationalistischen Begriffsangeboten ins Verhältnis setzt. So spricht etwa der Technikphilosoph Günther Ropohl von „soziotechnischen Systemen“, wo er die Unabtrennbarkeit von Maschinentechnik und menschlichen Körpern denkt, wie sie etwa in der Textverarbeitung zu Buche schlage. Donna Haraway spricht von „Cyborgs“, für die die Amalgamierung unterschiedlicher materieller und diskursiver Elemente kennzeichnend ist. Und Bruno Latour spricht von „hybriden Akteuren und Kollektiven“ die er als Knotenpunkte der Vernetzung von menschlichen und nicht-menschlichen Faktoren ausweist. Hybridisierende Verschränkungslogiken lassen sich auch für viele Existenzweisen des Alltags nachweisen, wie z.B. Verkehrsteilnehmer*innen, Massenarbeiter*innen, User*innen, Prosument*innen. Sie alle bestehen aus Kopplungen organischer und nicht-organischer Körper und gehen aus solchen hervor. Sie entstehen an Schnittstellen oder Interfaces, die anders als informationstechnische Programme und Algorithmen durchaus sowohl praktisch wie epistemisch zugänglich sind. An den Schnittstellen der Verschränkung von Maschine bzw. Medium und Mensch nehmen zum Teil auch ganz ephemere Existenzweisen Gestalt an. Vor und an den Screens von Handy, Konsole, Bildschirm sowie vor der Bühne, dem Schaukasten oder der Leinwand werden erst die User*innen oder die unterschiedlichen Typen von Zuschauer*innen als solche adressiert und konfiguriert. Die Milieuspezifität der dafür zuständigen Verschränkungsweisen und Schnittstellenlogiken ist dabei stets im Blick zu behalten. Medienanthropologie ist daher schon als solche grundlegend auf interdisziplinären Austausch und intermediale Vergleiche angewiesen. Eben diesen Anforderungen kann ein Graduiertenkolleg als Format auf ideale Weise entsprechen und darin auch gegenüber Einzelbetreuungen von Qualifikationsarbeiten einen entscheidenden Vorteil bieten.

Die über einzelne Autor*innen verteilten, medienanthropologischen Forschungen des 20. und 21. Jahrhunderts fungieren als Grundlagentexte für gemeinsame Lektüren und als Folien für die historisch-systematisch ausgerichteten Qualifikationsarbeiten im GRAMA. Letztere können zu dem Forschungsfeld dreierlei beitragen: Erstens können sie die bisher vereinzelt auftretenden, medienanthropologischen Ansätze und Konzepte systematisch aufeinander beziehen und sie so als ein eigenes Diskursfeld zu konturieren helfen. Zweitens können sie dieses auch zu anderen Theorien produktiv ins Verhältnis setzen – etwa zu ästhetischen Anthropologien, der Visual Anthropology oder auch zu kulturwissenschaftlichen Anthropologien, die von sich aus weniger dezidiert medienwissenschaftlich perspektiviert sind. Letztere bieten gleichwohl wichtige anthropo-, und eurozentrismuskritische Konzepte sowie postkoloniale und gender-, class-, und race-sensible Perspektiven an, die ebenfalls zentral in die Arbeit des GRAMA einfließen sollen. Drittens zielen die Qualifizierungsarbeiten insgesamt darauf, aktuelle Fragen nach der Veränderung von Existenz in medientechnischen Habitaten einer interdisziplinären Reflexion zu unterziehen und innovativen Antworten zuzuführen.

Schwerpunktsetzung

Wie und auch woher könnte die Distanz methodisch gewonnen werden, die für eine medienanthropologische Reflexion unabdingbar ist. Dieser Aspekt führt direkt zur Begründung unserer Entscheidung, ästhetische Milieus als bevorzugte (wenn auch nicht einzige) Gegenstandsfelder der anzustellenden Untersuchungen zu wählen. Von den Anfängen der Ästhetik bei Baumgarten bis hin zu den Medienästhetiken unserer Tage sind es die kunstästhetischen Milieus, mit ihren Ausfransungen in die Alltagwelt hinein, die als medienbasierte Refugien der Produktion und Beobachtung von Selbst- und Weltkonstruktionen gelten. Sie stellen nicht nur sprechende Materialisierungen eines Zeitgeistes dar, sondern sie verhandeln einen solchen auch stets selbst. Die Befähigung zur medialen Hervorbringung von Welt und Existenz sowie ihr öffentlicher Adressierungsgestus und ihre potenzielle Selbstreflexivität machen ästhetische Milieus und Existenzen zu instruktiven Untersuchungsgegenständen auch für ein medienanthropologisches Anliegen. Anhand der jeweiligen Verschränkung ästhetischer Verfahren, Praktiken, institutioneller Rahmungen und adressierter Körper lässt sich detailliert herausarbeiten, wie Wahrnehmung, Selbstverstehen und existenzielle Verortungen milieu- und medienspezifisch formiert werden. Insofern digitale Inszenierungsstrategien generell dazu neigen, immersive Effekte zu erzielen – also nicht nur in Filmen und Games, sondern auch in interaktiven VR- und AR-Installationen in Museen, auf Messen und in digitalen Archiven, wie dem Visual History Archive – wird es möglich, die aisthetischen Dimensionen auch solcher Medienmilieus medienanthropologisch zu erforschen, die das engere Feld des Kunstästhetischen überschreiten.

Daneben lassen sich in den Untersuchungen ästhetischer Existenzweisen und Milieus auch die Herausforderungen ihre eigenen digitalen Transformationen reflektieren. Digitalisierung meint hier zunächst nur die zunehmend informationstechnische Umstellung von Produktion, Distribution und Rezeption je Milieu, die jeweils ganz unterschiedlich ausfällt und unterschiedliche Effekte erzielt (Stichworte dafür sind: postkinematographische Entgrenzungen von Film, digitale Ästhetik, plattformbasierte Kommunikations- und Entwurfstechniken in Theater, Performance und Musik, informationstechnische Entgrenzung von Archiven und interaktive Ausweitungen von TV oder Museum etc.). Ästhetische Milieus verändern sich selbst dauernd in technischer und diskursiver Hinsicht und damit verändern sich auch ihre Existenzeffekte. Eben die dabei zustande kommenden anthropomedialen Existenzen geraten im GRAMA als milieuabhängige und milieuproduktive gleichermaßen in den Blick. Die Schwerpunktverlagerung auf ästhetische Milieus und Existenzweisen bietet insgesamt den forschungspragmatischen Vorteil für die Qualifizierungsarbeiten im GKMA gut operationalisierbar zu sein. Am Beispiel der Untersuchungen ästhetischer Ensembles, zu denen auch Fiktionen gehören können, lässt sich den wechselseitig verlaufenden Wirk- und Bildungsprozessen zwischen Milieurahmen und Existenzweisen sozusagen bei der Arbeit zuschauen. Insofern ästhetische Milieus immer schon produktions- und rezeptionsästhetische Dimensionen mit Medientechniken in sich zusammenführen und dabei Existenzweisen aller Arten hinter, vor und auf ihren Bühnen, Sets und Screens hervortreiben, verhandeln sie stets auch performativ, was es heißt, Verschränkungshybride oder eben Anthropomedialitäten ins Leben zu rufen. In dieser autonom-poietischen Hinsicht gewinnen ästhetische Milieubezüge für die medienanthropologische Forschung des GRAMA ihren theoretischen Modellcharakter.