Das Kurzschluss-Projekt

Im ersten Semester im Studiengang Produkt-Design werden die Studierenden im wahrsten Sinne des Wortes »kurzgeschlossen«. Das empfohlene Einführungsprojekt »KURZSCHLUSS« besteht aus Kurzzeitprojekten und Workshops, die von den Professoren und künstlerischen Mitarbeitern des Studiengangs angeboten werden.

 Auf diese Art lernt man alle Profs, deren Verständnis der Lehre und ihre Spezialgebiete genau kennen, hat aber auch jede Menge in kurzer Zeit zu tun. Die einzelnen Projektabschnitte dauern nämlich in der Regel nur zwei Wochen, in denen oftmals eine konkrete Aufgabe bearbeitet werden muss. Das bedeutet natürlich auch, dass man die einzelnen Werkstätten und unterschiedlichen Arbeitsmaterialien und Techniken kennenlernt und sich super orientieren kann.

Besucht haben wir die Kurzschluss-Studierenden im Wintersemester 2013/2014 zu ihrer Abschlusspräsentation bei Gast-Prof. Hannes Mayer. Das Thema lautete »Aleatorik im Produktdesign«. Aleatorik bedeutet soviel wie »Zufall«. Der Reiz der Aufgabenstellung besteht tatsächlich im Zufallsprinzip. Denn jeder Studierende musste aus den drei Kategorien »Objekt«, »Material« und »Verarbeitungstechnik« je einen Begriff ziehen. Dabei ergeben sich scheinbar unlösbare Kombinationen, die zu überraschenden Ergebnissen führen.

Makrogalerie

Können Sie vom Foto her erraten, was abgebildet ist? Erkennen Sie das Material oder die Fertigungstechnik? Klicken Sie sich einfach auf gut Glück durch die Galerie oder erkunden Sie die Ergebnisse der Kurz-Projekte in der unten stehenden Auflistung!

Davide: Einen Hausschuh aus Nudeln knoten

Davide hatte die Aufgabe, einen Hausschuh aus Nudeln zu knoten. Zahlreiche Experimente mit Spaghetti und Makkaroni schlugen fehl: entweder rissen die italienischen Teigwaren, die Knoten lösten sich beizeiten oder alles verklebte miteinander. »Selbst ist der Mann« lautete die Lösung fürs Problem mit der Pasta: rohe selbstgemachte Nudeln in Freundschaftband-Flechttechnik verschlungen, brachten den Erfolg. Eine Schicht aus Eigelb sorgt für edlen Glanz – und kochen und verspeisen kann man die Latschen theoretisch auch noch.

Davide präsentiert seinen Nudelhausschuh...
Davide präsentiert seinen Nudelhausschuh...
...und Gast.-Prof. Hannes Mayer fragt sich, ob man ihn wirklich essen kann.
...und Gast.-Prof. Hannes Mayer fragt sich, ob man ihn wirklich essen kann.

Alessa: Eine Teekanne aus Kork stecken

Erstmal hat sich Alessa Gedanken und Skizzen gemacht, wie so eine Kork-Kanne aussehen kann. Als sie die passende Form gefunden hatte, ging es direkt in die Holzwerkstatt. Die Fräse kam zum Einsatz und heraus am Ende eine ziemlich formschöne und stabile Teekanne. Eine Lösung für die Stellen, die noch undicht sind, hat sie auch schon parat. Die Kerbe zum Einstecken muss tiefer werden – dann sollte nichts mehr lecken. Von Gast-Prof. Hannes Mayer gab´s ein »Daumen-Hoch«.

Das Material Kork bringt viele gute Eigenschaften mit: es ist leicht, dämmt wunderbar und ist zudem ein nachwachsender Rohstoff.
Das Material Kork bringt viele gute Eigenschaften mit: es ist leicht, dämmt wunderbar und ist zudem ein nachwachsender Rohstoff.

Erik: Eine Gießkanne aus Filz nageln

Fast Mantra-artig wiederholt Hannes Mayer die Zauberfomel des Produkt-Design: »Man muss sich von den konventionellen Formen und dem schon Vorhandenen lösen! Geht neue Wege – denk von der anderen Seite her!« Und das hat Erik gemacht. Seine Gießkanne sieht so gar nicht aus wie das, was normalerweise in der Fensterbank steht. Eine der Haupteigenschaften von Filz, ziemlich saugstark zu sein, hat er sich zunutze gemacht: ein Art Reservoir aus Filz mit langen Tentakeln wird mit Wasser gefüllt. Langsam läuft das kühle Nass an den übergroßen Dochten herunter und landet im Blumentopf, an dem die Schnüre befestigt sind – die ›Gießqualle‹ ist geboren. Die Nägel tauchen übrigens in Form der Tackernadeln auf, die das Gefäß zusammenhalten.

In der Blumenecke aufgehängt...
In der Blumenecke aufgehängt...
...bewässert die »Qualle« stetig die Planzen.
...bewässert die »Qualle« stetig die Planzen.

Alexander: Einen Tennisschläger aus Ton stecken

Alexander hat einen echten Brocken gezogen. Einen Tennisschläger aus Ton zu fertigen macht aufgrund der Eigenschaften des Materials keinen Sinn: nach dem ersten Aufschlag würde das Sportgerät in tausend Einzelteile zerschellen. Also hat er über die Form nachgedacht und eine stabilere Version in Tellerform ohne traditionellen Griff, sondern mit einer einsteckbaren Art Halterung entwickelt. Am interessantesten ist aber das verwandte Material. Clay ist eine Modelliermasse auf Wachsbasis, die aus dem Modellbau nicht mehr wegzudenken ist. Der Prof erklärt die Vorzüge und so mancher wird im Laufe seines Studiums noch dankbar für diesen Tipp sein. 

Gast.-Prof. Hannes Mayer preist die Vorzüge dieses Materials für Formen-Studien.
Gast.-Prof. Hannes Mayer preist die Vorzüge dieses Materials für Formen-Studien.
Alexander hat in der Modellbauwerkstatt Bekanntschaft mir Clay gemacht.
Alexander hat in der Modellbauwerkstatt Bekanntschaft mir Clay gemacht.

Lisa: Einen Rucksack aus Schaumstoff wickeln

Lisas Rucksack soll gewickelt werden – und zwar aus Schaumstoff. Auf der Suche nach dem richtigen Material wurde sie beim Orthopäden fündig. Kautschuk-Schaumstoff lässt sich gut verbiegen und reißt oder bricht nicht. Während sie sich nach der perfekten Wickeltechnik erkundigte, traf Lisa eine alte Bekannte wieder: das Strickliesel. Also musste eine große Ausgabe der Kordelstrickmaschine angefertigt werden. Der Rucksack sieht am Ende so perfekt aus, dass man ihn glatt kaufen würde. 

Die Materialrecherche hat sich gelohnt...
Die Materialrecherche hat sich gelohnt...
...am Ende steht ein schicker und tragbarer gewickelter Schaumstoff-Rucksack.
...am Ende steht ein schicker und tragbarer gewickelter Schaumstoff-Rucksack.

Jakob: Einen Gürtel aus Stroh falten

Ob so etwas brüchiges wie Stroh die Hose tatsächlich gegen die Schwerkraft verteidigen kann? Und ob! Jakob machte zunächst erst einmal Bekanntschaft mit unterschiedlichen Strohsorten: ob Roggenstroh oder Maisstroh – nass oder trocken – gepresst oder lose. Nichts schien sich zu eignen. Am Ende half die Kombination aus selbstgebautem Webstuhl und Bast. Beim Weben wickelt man ja einen Faden (den sogenannten Schussfaden) um andere Fäden herum. Und heraus kam ein sommerlich wirkender und stabiler Gürtel. 

Jakob ist so überzeugt von seinem Gürtel...
Jakob ist so überzeugt von seinem Gürtel...
dass er ankündigt, ihn im Sommer auch zu tragen.
dass er ankündigt, ihn im Sommer auch zu tragen.

Lara: Einen Eierkköpfer aus Teig nageln

Wie einen Eierköpfer entwickeln, den es nicht schon gibt? Ein neues System musste her, um an die Lieblingskomponente des deutschen Frühstücksmenüs heranzukommen. Back to the roots: Lara besann sich auf die Urtechniken in der Werkzeugherstellung. Ein Stein, gespickt mit Nägeln müsse das Ei doch knacken können. Der gute alte Salzteig aus Kindertagen wurde ergonomisch geformt und in Kieselgrau angestrichen. Und am Ende geht´s dem Frühstücksei an den Kragen.

Gast-Prof. Hannes Mayer findet den Ansatz gut.
Die kreisrund angeordneten Nägel sorgen für eine problemlose Köpfung des Eis.

Moritz: Eine Urne aus Fasern tackern

Fast wie aus blondem, lockigem Haar geflochten, wirkt Moritz' Urnen-Prototyp. Dass er dafür natürliche Fasern verwenden möchte, war ihm von Anfang an klar. Schließlich liegt es nahe, dass sich der Behälter für die sterblichen Überreste nach der Urnenbeisetzung in der Erde auch zersetzt. Ein Seil zerteilte Moritz dafür in seine einzelnen Fasern und begann sie zu einer fragilen Form zu legen. Miteinander verbunden sind die dünnen Strähnen mit Tackernadeln.

Moritz beschreibt seine Schwierigkeiten mit dem Material...
Moritz beschreibt seine Schwierigkeiten mit dem Material...
...während Hannes Mayer ganz fasziniert ist von der Haptik der Urne.
...während Hannes Mayer ganz fasziniert ist von der Haptik der Urne.

Katja: Eine Leiter aus Klebeband nieten

Katja hatte eine klebrige Aufgabe vor sich. Welches Klebeband eignet sich für eine Leiter? Das standardmäßige Tesa schied schnell aus: es reißt zu schnell. Speziell an den Stellen, wo die Nieten angebracht waren, traten Risse auf. Also sattelte sie um auf Paketklebeband, das es überdies auch in poppigen Farben gibt. Miteinander in verschiedenen Schichten verklebt und zur Hälfte aus transparentem Material gefertigt, entstand so die Leiter, die im Raum zu schweben scheint. Der finale Haltbarkeitstest wurde erfolgreich live vorgeführt. Fraglich ist nur die Funktion der Nieten – die scheinen eher Accessoires zu sein.

Anfangs machten die Nieten noch Probleme...
Anfangs machten die Nieten noch Probleme...
...Am Ende schwebt die Leiter scheinbar Schwerelos im Raum.
...Am Ende schwebt die Leiter scheinbar Schwerelos im Raum.

Phuoc: Eine Handtasche aus Holzspänen häkeln

Vor eine fast utopische Aufgabe wurde Fork gestellt. Wie soll aus Holzspänen überhaupt etwas stabiles entstehen? In der Holzwerkstatt bekam er erst einmal einen Hobel in die Hand gedrückt, mit dem nicht leicht umzugehen ist. Letztlich eignete sich von den vorrätigen Holzarten die Esche am besten. Die entstandenen Späne kräuselten sich zu sperrigen Locken. Schließlich nutzte Fork die natürlich entstandene Form der Späne und rollte sie zu einzelnen Kettengliedern auf, die er miteinander verband. Das Ergebnis wirkt wie eine gehäkelte Luftmaschenkette. Bis zur fertigen Handtasche haben die zwei Wochen aber leider nicht gereicht.

Die lockigen Holzspäne...
Die lockigen Holzspäne...
...erwiesen sich als äußert sperrig und schwer zu handhaben.
...erwiesen sich als äußert sperrig und schwer zu handhaben.

Freya: Ein Messer aus Beton gießen

Freya stellte sich ihrer Aufgabe zunächst über die Formfindung. Eine Skizze nach der anderen ließ das favorisierte Modell auf Papier nach und nach entstehen. Nun führte ihr Weg sie in die Betonwerkstatt der Bauingenieure. Dort empfahl man ihr einen besonders festen Beton, der sich gut gießen lässt. Ein Positiv-Modell aus Kunststoff diente als Abguss-Objekt für eine Silikonform, die dann wieder gefüllt und mehrfach verwendet werden kann. Am ersten Messer brach die fragile Spitze während des Lösens aus der Form ab – das zweite wird nach dem Trocknen sicher heil bleiben.  

Hannes Mayer untersucht die Silikonform.
Hannes Mayer untersucht die Silikonform.
Gut zu erkennen ist die gebrochene Spitze des ersten Versuchs.
Gut zu erkennen ist die gebrochene Spitze des ersten Versuchs.

Carolin: einen Kamm aus Stoff drehen

Auch Carolin wurde vor eine Mammutaufgabe gestellt: ein Kamm aus verdrehtem Stoff! Sie beherzigte den Rat von Hannes Mayer und versuchte sich vom traditionellen Bild des Kammes zu lösen. Also stürzte sie sich in die Welt der Stoffe und identifizierte Leinen als am besten geeignet. Zwei Fasern miteinander verzwirbelt und anschließend mit einer dritten Faser umwickelt, ergeben eine ziemlich feste und aufrecht stehende Form. Diese nun mit einem faltbaren und Fingerlöchern versehenen »Griff« kombiniert, ergeben tatsächlich ein Objekt, mit dem man sich im Prinzip die Haare kämmen kann.

Kaum zu glauben, dass Leinen nur durch Verdrehen so steif werden kann.
Kaum zu glauben, dass Leinen nur durch Verdrehen so steif werden kann.
Der wohl ungewöhnlichste Kamm der Welt.
Der wohl ungewöhnlichste Kamm der Welt.

Michael: Ein Basecap aus Pappe kleben

Fast schon ein bisschen enttäuscht von der Einfachheit seiner Kombinationsaufgabe war Michael. Ein Basecap aus Pappe zusammenzukleben ist zugegebenermaßen nicht die Schwierigkeit. Also hat er sich Gedanken über die möglichen Einsatzszenarien einer solchen Kopfbedeckung gemacht. Beispielsweise als Merchandise-Artikel bei Sportereignissen aber auch auf Demonstrationen oder Festivals könnte die Kappe zum selber basteln Einsatz finden. Das Ergebnis ist ziemlich schick!

Das Basecap kann mit verschiedenen Slogans oder Logos bedruckt, beklebt oder bemalt werden.
Das Basecap kann mit verschiedenen Slogans oder Logos bedruckt, beklebt oder bemalt werden.

Susanne: Einen Geldbeutel aus Draht häkeln

Warum den Draht selbst häkeln, wenn es schon gehäkelten gibt? Susanne kürzte einfach ein bisschen ab und benutzte Siebgewebe für ihr Portemonnaie. Selbst erklärtes Ziel war es, eine kleine und handliche Party-Geldbörse zu entwickeln. Dabei kamen ihr ihre Vorkenntnisse aus der Ausbildung zur Innendekorateurin zugute. Da ist von Saumnäten und anderen Techniken die Rede und das Plenum spitzt die Ohren. Susannes Geldbeutel besteht am Ende aus einer kleinen Kiste, in der die Münzen Platz haben. Geschlossen wird das Ganze von einem Geldschein, der in der Klemme obenauf befestigt ist.

Susanne erklärt, wie sie das Drahtgewebe mit einer Saumnaht befestigt hat.
Susanne erklärt, wie sie das Drahtgewebe mit einer Saumnaht befestigt hat.
Das handliche Portemonnaie scheint hosentaschentauglich zu sein.
Das handliche Portemonnaie scheint hosentaschentauglich zu sein.

Lars: Einen Korkenzieher aus Leder flechten

Es gibt ja die unterschiedlichsten Techniken, den Korken aus einer Flasche zu bekommen. Aber wie soll das mit Leder funktionieren? Nach zahlreichen Experimenten, Recherchen und Überlegungen dazu, wie das biegsame Material so hart zu bekommen ist, dass es in einen Korken eindringt, hat Lars den Spieß einfach herumgedreht. Er hat einen Korken mit Lasche zum Herausziehen geflochten. Der sieht nicht nur toll aus, sondern entwickelt zusammen mit dem Aroma des Weines auch noch eine berauschende olfaktorische Wirkung. 

Auch der Lederkorken ist...
Auch der Lederkorken ist...
...in der Freundschaftsband-Flechttechnik gefertigt.
...in der Freundschaftsband-Flechttechnik gefertigt.

Marie: Eine Schwimmweste aus Frischhaltefolie nähen

Marie hätte wahrscheinlich nie gedacht, dass sie ausgerechnet im ersten Semester Produkt-Design in die Verlegenheit käme, ihr eigenes Körpervolumen zu berechnen. Aber genau das war die erste Hürde, die genommen werden musste. Sie musste herausfinden, wie viel Frischhaltefolie nötig ist, um sie über Wasser zu halten. Auftrieb, Dichte und Volumen...und am Ende steht eine Weste mit kieselartigen Luftpolstern, die ganz vertrauenswürdig aussieht und auch noch bequem zu sein scheint.

Ein mondäner Kragen sorgt dafür, dass der Nacken gut gestützt wird.
Ein mondäner Kragen sorgt dafür, dass der Nacken gut gestützt wird.

Malte: Einen Kreisel aus Sperrholz klemmen

Maltes Sperrholzkreisel dreht sich auf dem Estrich des Projektraumes. Und damit er das gleichmäßig und auch lange tut, musste viel mit unterschiedlichen Schwerpunkten experimentiert werden. Auch an einen Griff, mit dessen Hilfe man das Spielzeug ordentlich in Rotation versetzen kann, musste gedacht werden. Und das alles hält ohne Klebstoff und Schrauben zusammen – geschickt gesteckt eben.

Leoni: Salatschleuder aus Sand kleben

Leoni war schon beinahe am Verzweifeln über der Aufgabe, Sand so zu verkleben, dass man eine Salatschleuder daraus machen kann. Gut, dass ein Kommilitone aus den höheren Semestern ihr das Wort »Polycaprolacton« zu raunte. Mithilfe dieses biologisch abbaubaren Kunststoffes, ließ sich der Sand immerhin im Mischverhältnis zwischen 2:1 und 3:1 in eine geflechtartige Kugelform bringen. Mit Salat gefüllt wird sie zu einer ganz gut funktionierenden und echt schick aussehenden »Salat-Rassel«.

Gast-Prof. Hannes Mayer befühlt das kreisrunde Objekt.
Gast-Prof. Hannes Mayer befühlt das kreisrunde Objekt.
Mit Salat gefüllt, ergibt sich ein interessanter Kontrast der Farben und Formen.
Mit Salat gefüllt, ergibt sich ein interessanter Kontrast der Farben und Formen.