Lärm im Krankenhaus

Lärmsituation auf Intensivstationen

Der technische Fortschritt und die Zunahme der Therapiemöglichkeiten haben einen hohen Apparateaufwand in modernen Intensivstationen mit sich gebracht. Die Entwicklung hoch spezialisierter Geräte und die Spezialisierung vieler Hersteller auf einzelne Gerätegruppen führte zu einer Fülle akustischer Alarmsignale. Viele dieser Signale besitzen allerdings kein auf ihre medizinische Relevanz abgestimmtes Sounddesign und eine oft unnötig hohe Lautstärke, die sich häufig nicht individuell an die Raumsituation anpassen lässt. Laute, impulsartige Alarmsignale und kontinuierliche Dauergeräusche – von medizinischen sowie nichtmedizinischen Geräten – stellen auf Intensivstationen eine permanente Geräuschkulisse dar.

Ausgangssituation

Der hohe Lärmpegel auf Intensivstationen wird nicht nur oft von Seiten der Patienten beanstandet, sondern auch vom Personal als Hauptursache für ein stressbehaftetes Arbeitsumfeld angegeben. Die physiologischen und psychologischen Auswirkungen sind aus zahlreichen Untersuchungen bekannt. Eine hohe Geräuschbelastung stört die Konzentration bei geistigen Tätigkeiten und schränkt die Problemlösungsfähigkeit ein. Sehr direkte Auswirkungen hat ein hohes Lärmniveau insbesondere für den Schlaf. Dabei führt ein lärmendes Umfeld nicht nur zu einer objektiv nachweisbaren Veränderung der Schlaftiefe, sondern vor allem auch zu einer subjektiven Verschlechterung der Schlafqualität, was den Gesundungsprozess negativ beeinflussen kann. Das betriebsbedingte Lärmniveau auf Intensivstationen steht damit im deutlichen Gegensatz zum generellen Bedürfnis der Patienten nach größtmöglicher Ruhe und einem Arbeitsumfeld, dass der hohen Verantwortung des Personals gegenüber den Patienten gerecht wird.

Zielstellung

Gegenwärtiges Ziel dieser Arbeit ist es, die Lärmsituation auf Intensivstationen quantitativ zu erfassen. Da sich Intensivstationen in ihrer räumlichen und technischen Ausstattung sehr stark voneinander unterscheiden, ist die momentane Lärmsituation durch eine möglichst breit angelegte Messreihe festzuhalten. Dafür werden Langzeitpegelmessungen von der Dauer mehrerer Tage in verschiedenen Krankenhäusern durchgeführt, wobei der Schallpegel in neuen, modernen und großen Intensivstationen mit bis zu 60 Patientenbetten genauso erfasst wird wie in älteren und kleinen Intensivstationen mit lediglich 10 Patientenplätzen.


Anhand dieser statistischen Erfassung und Unterscheidung lassen sich die Auswirkungen der architektonischen sowie medizintechnischen Entwicklung der letzten Jahre auf die Lärmsituation analysieren. Damit können mögliche Ansatzpunkte für zukünftige lärmreduzierende Entwicklungen im architektonischen und technischen Bereich sowie beim Einsatz und der Organisation des Pflegepersonals näher eingegrenzt werden.

Um die Lärmeinwirkung auf Patienten und Personal differenziert zu analysieren, wird der Lärmpegel für die Arbeitsbereiche des Personals und typische Patientenzimmer getrennt erfasst. Zusätzlich werden der Schalldruckpegel und dessen Frequenzzusammensetzung von charakteristischen Alarmsignalen sowie Dauergeräuschen relevanter Medizingeräte aufgezeichnet. Zur Einordnung dieser objektiv messbaren Schalleinwirkung wird zudem die durch das Personal und die Patienten subjektiv empfundene Lärmbelastung mittels umfangreicher Befragung ermittelt.

Messergebnisse

Die Aufnahme des Langzeit-Schalldruckpegelverlaufs erfolgt mit einem integrierenden Schallpegelmesser (Genauigkeitsklasse I nach DIN EN 60651) über ein Kondensatormikrofon. Dabei wird der Schalldruckpegel über die gesamte Messzeit parallel mit der Integrationszeit “FAST“ sowie der Integrationszeit “IMPULS“ mit einem Daten-Trigger aufgezeichnet. Der zeitliche Verlauf eines so aufgezeichneten Schalldruckpegels LAF ist für einen charakteristischen Ausschnitt von 24 Stunden in der unten stehenden Abbildung dargestellt. Zusätzlich zu dem zeitlichen Verlauf wird für jede Arbeitsschicht der energieäquivalente Dauerschalldruckpegel LAFeq berechnet, der in der Abbildung quantitativ sowie als gelbe Hinterlegung angegeben ist.

Beurteilungsgrößen

Aus den aufgezeichneten Messdaten werden anschließend Beurteilungspegel gebildet, die den zeitlichen Verlauf des Schalldruckpegels in einer Einzahlangabe zusammenfassen. Dafür wird der energieäquivalente Dauerschalldruckpegel LAFeq mit Zuschlägen beaufschlagt, die unter anderen die Ton- und Impulshaltigkeit während der Messdauer widerspiegeln.


Für die Beurteilung der Lärmeinwirkung auf das Personals wird der Beurteilungspegel LAr gemäß DIN 45645 Teil 2 herangeyogen, der anschließend mit dem Grenzwert der Arbeitsstättenverordnung für eine maximal zulässige Lärmbelastung am Arbeitsplatz verglichen werden kann. Zur Beurteilung der Lärmimmissionen auf Patienten existiert in Deutschland keine gesetzliche oder normative Regelung. Aus diesem Grund müssen internationale Richtwerte (z.B. von der WHO) herangezogen werden, die sich meist auf den energieäquivalenten Dauerschalldruckpegel LAFeq beziehen.

Als ein weiteres Qualitätsmerkmal für den Lärm wird zusätzlich die Dichte impulshaltiger Lärmereignisse bestimmt, also die Häufigkeit des Auftretens eines Lärmereignisses über einer gewissen Schwelle innerhalb einer bestimmten Zeit. Als Schwelle wurde ein Pegel von 70 dB(A) angesetzt, bei dem ein Aufwecken fast sicher ist. Diese so genannte Aufwachschwelle ist in der Abbildung des zeitlichen Schalldruckpegelverlaufs durch eine rote Linie gekennzeichnet. Die Überschreitungen je Stunde können in Diagrammen zusammengefasst werden, wie in der unten stehenden Abbildung exemplarisch dargestellt.

Schlussfolgerung

Bei der gegenwärtigen Situation auf Intensivstationen ist davon auszugehen, dass sowohl Patienten als auch Personal von lärmbedingten Stress betroffen sein können. Für das Personal bedeutet das eine starke Beeinträchtigung bei geistigen Tätigkeiten, während bei Patienten der Gesundungsprozess negativ beeinflusst werden kann, was wiederum zu verlängerten Krankenhausaufenthalten führt.


Nach den bisher durchgeführten Messungen sind die empfohlenen Grenzwerte der WHO für Patientenzimmer in Intensivstationen klar überschritten. Auch aus Sicht der VDI 2058 ist die geistige Arbeit des Pflegepersonals deutlich beeinträchtigt und der Grenzwert für überwiegend mechanisierte Tätigkeiten wird fast erreicht. Dabei kann von einem dauerhaften Einfluss gesprochen werden, denn die Überschreitungen treten zu jeder Stunde auf.

Die bisherigen Untersuchungen haben ergeben, dass ein Großteil der Geräuschbelastung auf Intensivstationen von den Stationsmitarbeiten selbst ausgeht. Dabei ist vielen Mitarbeitern vermutlich gar nicht bewusst, dass sie selbst für die Patienten und Kollegen eine zum Teil nicht unerhebliche Lärmquelle darstellen. Mittels umfangreicher Aufklärung und Umstrukturierung der Arbeitsprozesse kann an dieser Stelle ein großes Potential zu Lärmreduzierung ausgeschöpft werden. Neben dem personenbedingten Lärm birgt auch der gerätebedingte Lärm ein hohes Verbesserungspotential. Da akustische Signale sehr viel wirkungsvoller als optische sind, werden diese zur Gefahrenanzeige im direkten Patientenbereich nicht entfallen können. Daher sollte unbedingt ein professionelles Alarmmanagement etabliert werden, dass zum einen die Alarme an sich steuert sowie eine Harmonisierung und Standardisierung der Alarmsignale und Signallautstärken zwischen den Herstellern anstrebt.

Ansprechpartner

Dipl.-Ing. Jörg Arnold
Tel.: +49(0)36 43/58 48 25