Sommer 2024












 

 

Entwurf
4. Kernmodul
BA Architektur / Urbanistik

Common Ground

Das 4. Kernmodul ist eine Einführung in das städtebauliche Entwerfen. Gemeinsam setzen sich Studierende der Urbanistik und der Architektur mit einer städtebaulichen Fragestellung auseinander und lernen in dem Entwurfsstudio in didaktisch aufeinander aufbauenden Phasen von der Analyse über die Konzeptfindung bis zur Ausarbeitung des städtebaulichen Entwurfs in Plänen und Modellen, sich gemeinsam im Team konsequent einen städtebaulichen Entwurf zu erarbeiten. Zwischenpräsentationen nach den einzelnen Phasen helfen, den eigenen Arbeitsstand zu reflektieren und einzuordnen. Die gemeinsame Zusammenarbeit untereinander und zwischen den Disziplinen ist ein wichtiger Bestandteil des Kernmoduls. 

Common Ground: Momentan befinden wir uns innerhalb eines gesellschaftlichen Strukturwandels. Die Geschwindigkeit des Fortschritts, die Umbrüche und der Verlust an traditionellen Bindungen erleben viele als Verlust. Die neuen Erfahrungen scheinen für viele nicht mehr rational erfassbar zu sein. Ängste entstehen und führen zu einer politischen Radikalisierung. Wenn wir davon ausgehen, dass der öffentliche, allen Bürger*innen zugängliche Raum das konstituierende Element der Europäischen Stadt ist, wollen wir in diesem Semester hinterfragen, ob es nach wie vor möglich ist, diesen Stadtraum so zu gestalten, dass er wieder zu einem Common Ground, zu einer gemeinsamen Verständigungsbasis wird. Wir setzen uns aus diesem Grund in diesem Semester mit dem Juri-Gagarin-Ring in Erfurt auseinander. Geplant in Anlehnung an die großen Ringstraßenprojekte des 19. Jahrhunderts wurden auch in Erfurt die Befestigungsanlagen geschliffen und anstelle der Wallanlagen eine Ringstraße angelegt. Die damalige Allee war flankiert von historistischen Villen der Gründerzeit und hat als öffentlicher Raum die Altstadt mit den Vorstädten verbunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele der Häuser und Teile der Altstadt abgerissen, um eines der großen DDR-Stadtumbauprogramme umzusetzen. Die Straße wurde zu einer vielspurigen autogerechten Verkehrsachse. Einzelne moderne Hochhausensembles an den wichtigen Zufahrtsachsen wurden als Demonstration der neuen Zeit erbaut. Besonders auffällig und eindrucksvoll als neue Stadtzufahrt nach Erfurt ist das Ensemble von drei geknickten Wohnscheiben an der Kreuzung zur Löberstraße. Mit der Wende 1989 haben sich die Zeiten geändert, die Moderne –   auch die Moderne sozialistischer Prägung der DDR – wurde fortan beinahe ausschließlich kritisch bewertet. Entlang des Juri-Gagarin-Rings wurden wenige kommerzielle Bauten ergänzt. Zurückgeblieben ist ein komplexer, geschichtlich gewachsener Stadtraum, in dem die einzelnen Architekturen zum Teil völlig unvermittelt nebeneinanderstehen. Ein Straßenraum, der sich den Bedingungen des automobilen Individualverkehrs unterordnet.

Im Sinne einer Stadtreparatur interessiert uns, ob wir die ursprüngliche Idee des Stadtrings als Prachtstraße für alle Bürger*innen wieder aktivieren können. Wir fragen uns, ob wir heute wieder eine verbindliche Stadtarchitektur schaffen können, die auf der einen Seite einen sinnvollen Umgang mit der bestehenden Architektur und ihrer Geschichte findet und auf der anderen Seite die Nutzbarkeit des Rings und die Lesbarkeit der heterogenen, im letzten Jahrhundert entstandenen Architektur erhöht, um wieder einen für alle verbindenden öffentlichen Stadtraum zwischen Altstadt und deren Umgebung zu entwickeln.

Zu Beginn des Semesters werden gemeinsam Analysezeichnungen der Stadt erarbeitet und ein Umgebungsmodell angefertigt. Die Exkursion nach Erfurt dient den Teilnehmer*innen dazu, sich mittels Besichtigungen wichtiger Architekturen, Vor-Ort-Führungen von Expert*innen sowie Gesprächen mit Anwohner*innen ein städtebauliches und (sozial-)räumliches Bild von der Stadt zu erarbeiten. Dazu dienen auch die künstlerischen Übungen. Alle weiteren Workshops, Konsultationen und Zwischenpräsentationen finden im Atelier statt. Die Teilnahme an den Exkursionen und die Anwesenheit im Atelier an den Entwurfstagen ist verpflichtend. Eine Zusammenarbeit in Dreierteams wird angestrebt. Da die Abgabeleistungen nicht allein erbracht werden kann, ist auch die Zusammenarbeit in Teams obligatorisch. 

Die Vorlesung „Die Geschichte des Europäischen Städtebaus“ für das 2. Semester der Urbanistik wird auch allen Architekturstudierenden empfohlen.

Dienstag 9:15 – 18:00
1. Termin Di 09 04 24 um 09:15
Betreuung wöchentlich Di ab 9:15
Exkursion 24 04 – 27 04
Zwischenpräsentationen am 07 05 / 28 05 / 25 06 24
Schlussabgabe am 08 07 24
Schlusspräsentation am 09 07 24












 

 

Seminar
Wahlmodul
BA MA Architektur / Urbanistik

Städtebau und Architektur in Zeitschriften

Als Disziplinen, deren Arbeit zu weiten Teilen im öffentlichen Raum stattfindet, sind Städtebau und Architektur immer auch ein Verhandeln verschiedener Positionen zu den Belangen des Bauens. Die unterschiedlichen Akteure, von den Auftraggebern – privat oder öffentlich – über die Architekt*innen selbst bis hin zur breiten Öffentlichkeit stehen dabei in einem komplexen kommunikativen Verhältnis zueinander. Öffentlichkeit und Fachleute nutzen dafür teils die gleichen – etwa Monatsmagazine, Tages- und Wochenzeitungen sowie Rundfunk –, teils unterschiedliche Medien.

Für den Fachdiskurs kommt den Architekturzeitschriften in diesem Zusammenhang besondere Bedeutung zu. Sie bilden einen Raum für den Austausch von (auch divergierenden) Positionen und durch ihre Verbreitung gleichzeitig einen Rezeptionsraum dieser Diskurse. Besonders deutlich wird diese Rolle in den Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland. Nach den Verheerungen des Krieges herrscht in den deutschen Städten Bedarf an Infrastruktur, Verwaltungsbauten und größte Wohnungsnot. Je nach Statistik fehlen in Deutschland nach 1945 zwischen 5 und 7 Millionen Wohnungen. In den Städten ist bis zur Hälfte der Wohnungen zerstört oder beschädigt. Neben dem Wiedererrichten der Industrie und dem Einsetzen einer neuen Verwaltung, liegt so ein Schwerpunkt der Aufbaubemühungen auf der (Neu)Planung der Städte und der Wiedererrichtung und dem Neuschaffen von Wohnraum. Um den ungeheuren Bedarf möglichst rasch und kostengünstig decken zu können, stehen in den unmittelbaren Nachkriegsjahren Debatten zu städtebaulichen Leitbildern, zu Industrialisierung und Normung des Bauens ebenso im Zentrum der Auseinandersetzungen wie die Typisierung der Wohnbauten und die Rationalisierung des Bauablaufs. Gleichzeitig suchen die Architekt*innen nach aktualisierten formalen Leitbildern und Wohnformen.

Die Architekturzeitschriften spielen dabei für die Debatten des Städtebaus und des Wohnens eine besondere Rolle: als Fachzeitschriften, die als nicht hoch ideologisch belastet gelten, können sie bereits sehr früh nach dem Krieg, ab 1946 wieder erscheinen. Zum Vergleich: der Bund Deutscher Architekten BDA gründet sich erst 1948 neu. Auch die Hochschulen nehmen erst langsam den Betrieb wieder auf. Als Foren des Austauschs sind die Zeitschriften so von besonderer Wichtigkeit.

Im Seminar untersuchen wir unter diskursanalytischer Perspektive die Berichterstattung zu ausgewählten städte- und wohnbaurelevanten Ereignissen der Nachkriegszeit in den Jahrgängen von sechs deutschen Fachzeitschriften für Architektur. Als Case Studies dienen die Neue Bauwelt, Die Bauzeitung, Der Baumeister, die Baukunst und Werkform, die Architektur und Wohnform und die Deutsche Bauzeitschrift. Wir gehen bei unserer Untersuchung dieser Titel der Frage nach, wie der Wiederaufbau im Allgemeinen und die Themen Städtebau, Stadtgestalt und Wohnen im Besonderen diskursiv begleitet wurden. 

Im Seminar werden Grundlagen der Literaturrecherche vermittelt und Methoden der historischen Diskursanalyse erprobt.

Erwartet werden ein Referat eines von mehreren vorgegebenen veröffentlichten Themen sowie die weiterführende Auswertung der Zeitschriftenkorpora und die schriftliche Darlegung der Ergebnisse. Eine verbindliche Form der Darstellung der Ergebnisse wird im Seminar entwickelt. Die Themen sind in Einzelarbeit oder Zweiergruppen zu bearbeiten.

Mittwoch 9:15 – 10:45
1. Termin Mittwoch, 10 04 2024
wöchentlich bis zum 26 06 2024
Abgabe am 31 07 2024 

 












 

Vorlesung
MA Architektur

Arch.( vs. )Stadt 

„Fridays for Future“ hat allen den Spiegel vorgehalten. Die Entschlossenheit der Schüler*innen hat uns verdeutlicht, dass wir einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel brauchen. Mit der Pandemie und dem Ukrainekrieg rückt die Aufmerksamkeit für die Klimaerwärmung und das Artensterben in den Hintergrund. Die Trägheit der Masse, die Pragmatik des Alltags bricht alle radikalen Bestrebungen auf ein Maß für alle annehmbarer Kompromisse hinunter.

In diesem Modul wollen wir der Frage nachgehen, wie wir politisches Handeln zu einem integralen Bestandteil des entwerferischen Denken selbst machen können, welche Möglichkeiten sich innerhalb unserer Gesellschaft bieten, um mit dem spezifischen Fachwissen und den ureigenen Kompetenzen unserer Disziplinen sinnvoll in den politischen Prozess einzugreifen.

Wie können wir dabei eine Vorstellung entwickeln, die abseits der Orthodoxie des Glaubens die notwendige Kraft zum Wandel entwickelt?

Utopia als Projektion der Ideale des Humanismus hat sich zu dem Zeitpunkt verbraucht, an dem die Moderne es zum Evangelium der Neuen Zeit ernannte. Auf den fast schon ekstatischen Glauben an Fortschritt und Wissenschaft, den Neuen Menschen des Bauhauses, konnte nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch die negative Dialektik Adornos und Horkheimers folgen. Während die erste Generation der Postmoderne noch idealistisch die Väter der Moderne kritisierte, folgte mit Rem Koolhaas eine Generation, die intellektuell distanziert die Naivität jeglicher Idealisten bloßstellte. Erfrischend klar in ihren Analysen, verweigerten sie sich fast schon zynisch dem Glauben und verloren dadurch auch das Potential, gesellschaftliche Wirkung entfalten zu können. Nun befinden wir uns in einer Situation, in der wir handeln müssen. 

Die momentane Planung, immer perspektivisch als Grundlage für weiteres Wachstum gedacht, reduziert sich auf eine Überlagerung funktioneller mit territorialer Logik. Der Entwurf oder eine räumlich nachhaltige Strategie unterliegen dabei immer kurzfristigen pragmatischen Überlegungen aus Politik und Wirtschaft. Um Planung weiter betreiben zu können und sich nicht auf eine reine Dienstleistung reduzieren zu lassen, brauchen unsere Disziplinen neue Strategien des politischen Handelns.

Entwerfen ist immer eine Projektion in eine bessere Zukunft. Das Prinzip Hoffnung ist eine der Grundvoraussetzungen, angetrieben von Idealen, Vorstellungen und Sehnsüchten. Unsere Frage ist: Wie können wir, ohne der Dogmatik zu verfallen, wieder politisch denken und handeln, eine neue radikale Zukunft konzipieren, ohne wieder die Freiheit und die Klarheit des Denkens zu opfern. 

Die Vorlesungsreihe setzt sich intensiv mit den städtebaulichen und architektonischen Gestaltungsmöglichkeiten auseinander. Wir fragen uns, inwieweit wir die Disziplin neu definieren müssen, um dem eigenen Anspruch gerecht zu werden. Architektur und Städtebau sind für unseren Lehrstuhl immer eine untrennbare Einheit. Wir können nicht das eine ohne das andere denken. Wenn wir uns der Frage stellen, wie wir der Erosion städtischer und architektonischer Konventionen, die der Architektur den notwendigen Bezugsrahmen entzieht, begegnen können, kommen wir nicht umhin, uns mit unserem europäischen Selbstverständnis auseinanderzusetzen. Für uns Europäer ist der öffentliche, allen freien Bürgern zugängliche Raum das konstituierende Element der Europäischen Stadt. 

Das Modul ist als Zwiegespräch gedacht. Einführende Vorlesungen, Gastbeiträge und Referate der Studierenden wechseln sich ab. Im Anschluss eröffnen wir die von zwei Studierenden moderierte Diskussion. In den 10 Sitzungen setzen wir uns von der Frage des Bodens, der kommunalen Planungshoheit, der Ökologie bis zur sozialen Gerechtigkeit mit den grundsätzlichen Fragen der Stadt (   ) Land Entwicklung auseinander. Dieser einfache Rahmen kann je nach Engagement der Studierenden im Laufe des Semesters angepasst werden. 












 

Seminar
Wahlpflichtmodul
MA Architektur/ Urbanistik

Generic Architecture 

In den vergangenen Semestern haben wir uns unter dem Titel Peripherie (vs.) Zentrum mit der Auflösung der klassischen Stadt-Land-Dichotomie auseinandergesetzt. Mit seiner hohen Komplexität und Dynamik entzieht sich der Urban Sprawl einem einfachen Verständnis von Ordnung und Schönheit. Große Teile unserer Kulturlandschaft wirken austauschbar. Das Verschwinden der Architektur spielt dabei eine wesentliche Rolle. Regionale Bauweisen, eine einzigartige, nur mit der Kulturlandschaft im Zusammenhang denkbare regionale Gebäudetypologie wird nur noch vereinzelt gebaut. 

Architektur als individueller Ausdruck verschwindet. Die technischen Möglichkeiten der Bauindustrie, der gegebene finanzielle Rahmen des Immobilienmarkts und die überregional agierenden Investoren definieren im Wesentlichen das Bauen. Gebäude werden funktional optimiert. Gewerbehallen, Verteilzentren, Lagerhallen, Baumärkte und Einkaufszentren gleichen sich immer mehr an. Reduziert auf das jeweils funktional Wesentliche, sind sie wie ein einfaches Gerüst: jederzeit leicht umbaubar, umhüllt mit Sandwichpaneelen, kostengünstig und flexibel. 

Nach den letzten Semestern und unserer Auseinandersetzung mit dem diffusen Raum der Zwischenstadt, setzen wir uns jetzt konsequent mit dem Verschwinden der Architektur auseinander. Uns interessiert die einfache, industriell produzierte Gebrauchsarchitektur. Wir wollen verstehen, welche Bedingungen der Produktion, welche Paradigmen scheinbar automatisch diese Formen des Ausdrucks generieren. Eine Architektur, der alle individuellen Formen des Ausdrucks fehlen. Das scheinbare Gegenmodell zur Autorenarchitektur. Generiert aus ihren intrinsischen funktionalen Bedingungen, ohne Bezug zum Ort, zur regionalen Kultur, wird sie zu einem wesentlichen Faktor der anonym wirkenden Stadtlandschaft. 

Im Seminar beschäftigen wir uns mit den theoretischen Grundlagen der immer weiter fortschreitenden Rationalisierung. Während in den frühen Texten, bei Jean-Nicolas-Louis Durand, bei Henry Ford und Frederick Winslow Taylor zur Zeit der Moderne und des Bauhaus noch die Euphorie über die Produktionsfortschritte überwiegen, wandelt sich der Blick zu Positionen, die sich kritisch mit den Folgen des Fortschritts auseinandersetzen.  

Im Seminar setzen wir uns mit den verschiedensten Texten zur Generic Architecture, zur Automatisierung und Rationalisierung auseinander. Ziel ist es, mit den Texten das Phänomen der Generic Architecture zu diskutieren, um selbst eigene Denkmodelle und Theorieentwürfe zu entwickeln.