Forschungsprojekte

»Gewaltgemeinschaften«

Im August 2009 hat die Forschergruppe »Gewaltgemeinschaften« ihre Arbeit aufgenommen. Sie ist von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über zwei Förderperioden finanziert worden; beteiligt waren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Bochum, Erlangen, Gießen, Kassel und Siegen sowie des Herder-Instituts Marburg. Die Forschergruppe befasste sich aus historischer Perspektive mit Gemeinschaften, die sich wesentlich durch Gewalt definieren, ihren Zusammenhalt durch Gewaltausübung festigen, ihre Identität aus gemeinsamer Gewalt ableiten oder ihr materielles Überleben durch Gewalt sicherstellen. Der Zeitrahmen reicht von der Antike bis ins 20. Jahrhundert.

Unter Gewalt versteht die Forschergruppe ausdrücklich nur physische Gewalt, einschließlich angedrohter oder imaginierter Gewalt. Das besondere Interesse gilt Räumen, in denen ein staatliches Gewaltmonopol fehlt oder die administrative Durchdringung nur schwach ausgebildet ist. Im Blick stehen nicht primär die Ursachen, sondern die Praktiken der Gewalt, die Regelhaftigkeit und innere Logik der Gewaltausübung, darüber hinaus Abgrenzung, Inklusion, Ordnung und Selbstbeschreibung von Gewaltgemeinschaften. Aspekte wie soziale Herkunft, Generation, Geschlecht, Ethnizität und Religion werden einbezogen, Bedingungen des Zusammenhalts, etwa Charisma, näher analysiert, Faktoren der Motivation und Dynamik, etwa Beute, in den Fokus gerückt.

In diesem Rahmen hat Winfried Speitkamp an der Universität Kassel afrikahistorische Projekte betreut, die sich mit Kriegergruppen in Ostafrika im 19. Jahrhundert sowie mit sogenannten »Leopardenmännern« in West- und Zentralafrika in kolonialer Zeit befasst haben.

»Tier-Mensch-Beziehungen«

Anfang 2014 hat der vom Land Hessen im Rahmen des Landesexzellenzprogramms LOEWE finanzierte Forschungsschwerpunkt »Tier-Mensch-Gesellschaft. Ansätze einer interdisziplinären Tierforschung«, seine Arbeit an der Universität Kassel aufgenommen. Beteiligt sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Agrarwissenschaften sowie der Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte, Philosophie und Theologie. Unter dem Leitbegriff der »Relationalität« werden Tier-Mensch-Beziehungen in Geschichte und Gesellschaft untersucht. Natur- und kulturwissenschaftliche Ansätze werden dabei verbunden. Abgrenzungen zwischen den Spezies spielen ebenso eine Rolle wie Grenzüberschreitungen und Vorstellungen von Tier-Mensch-Verwandlungen.

Winfried Speitkamp war von 2014 bis Ende März 2017 Sprecher des Schwerpunktes. Er betreute dort zwei historisch ausgerichtete Teilprojekte: Zum einen geht es dabei um die Rolle von Wärtern und Pflegern in Zoologischen Gärten als Mittlern zwischen Tier- und Menschenwelt. Zeitlich reicht der Rahmen hier von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Zum anderen werden Konzepte und Praktiken des »Auswilderns« von Tieren am Beispiel einer Insel im Viktoriasee (Rubondo/Tansania) in spät- und nachkolonialer Zeit untersucht. Hier werden auch die für den gesamten Forschungsschwerpunkt zentralen Kategorien und Vorstellungen von Wildnis und Natur einerseits, Zivilisation und Kultur andererseits erörtert.