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lectures :

 
richard anjou
Jenseits der Bilder
Abstrakt

Richard Anjou, geboren 1975 in Schweden, volontierte von 1996-97 bei VIVA ZWEI Köln bei gleichzeitiger Parallelausbildung an der Adolf-Grimme-Akademie Marl; Als freier Autor war er u.a. für WDR Fernsehen, BMG Music und VIVA ZWEI tätig; Erstellung zahlreicher Magazinbeiträge und Regie bei diversen Live- und Studio-Clips; 1999-2003 Studium der Medien- und Kulturwissenschaft an der Bauhaus-Universität Weimar und dem London Institute - London College of Printing;
2001 Konzeption und Durchführung von Redaktions-seminaren bei MTV Central Europe in London, München und Berlin; seit 2001 Co-Initiator und Kurator des backup.clipaward für experimentelle Musikvideos sowie Koordinator des Rahmenprogramms backup_festival. neue medien im film; 2003-2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät Medien der Bauhaus-Universität Weimar.

Mit gewohnter musealer Verzögerung hat man sich in jüngster Vergangenheit in zahlreichen Überblicksschauen wie Drawing Now, Future Cinema oder Painting Pictures dem Status der Repräsentation in der anbrechenden Ära der digitalen Bildproduktion gewidmet. Zwischen dem Versuch der Wiederbelebung der Leinwand als Aufzeichnungsmedium und den Zukunftsutopien experimenteller Medienkunst scheint jedoch nur wenig Raum für die Auseinandersetzung mit den allgegenwärtigen Erscheinungsformen der Bildschirmkultur. Die digitalen Bilder des Screen- oder TV-Designs, Musikvideos und VJ-Sets, Werbespots und Computerspiels erscheinen noch immer unbegrenzt und ohne jede Verbindung mit dem klassischen Verständnis von Kunst und Kultur. Ihre Rückbindung in die Kulturgeschichte der Medien bleibt daher bestenfalls eine Domäne der Bildwissenschaft. Die folgende Auseinandersetzung basiert daher auf einem nahezu unbeachtet gebliebenen Modell der Bildtheorie Régis Debrays. Als Begründer der Médiologie setzt er den Wandel vom Analogen zum Digitalen in Zusammenhang mit historischen Medienumbrüchen wie der Entwicklung der Schrift, des Buchdrucks oder der technischen Reproduktion. Die in ‚Jenseits der Bilder’ definierte Videosphäre gilt dabei als Gegenwart der Bildkultur und markiert zugleich das durch digitale Medien herbeigeführte Ende der Repräsentation.
Im Vortrag soll dargestellt werden, wie sich dieser Prozess im avancierten Musikvideo beobachten lässt und in der heutigen VJ-Kultur einen vorläufigen Höhepunkt zu erreichen scheint. Durch den direkten Zugriff auf ein Preset bewegter Bilder sowie die unmittelbare Erzeugung generischer Bilder wird die Leinwand als kontingenter Bilderstrom bespielt, welcher die umfassende Repräsentation durch einen synästhetischen Möglichkeitsraum ersetzt.
1 Darüber hinaus vollzieht sich das Ende der Repräsentation sowie der Eintritt in die Videosphäre durch die Abwesenheit eines vorgegebenen Standpunktes im Raum. Als vollständige Immersion, als Verschmelzen des Subjekts mit den akkustischen wie optischen Reizen in der Club-Situation fallen endgültig die Grenzen zwischen Repräsentation und Repräsentiertem; zumal sich die VJ-Performance mitunter auch aus dem direkten Zugriff auf Echtzeitbildern speist und diese als Quellmaterial im visuellen Strom absorbiert werden. Diese Rückkoppelung erhebt den Betrachter’ einmal mehr von der dritten Person zur ersten Person.2
Zugleich möchte der Vortrag einen Beitrag zur Einordnung der VJ- und Clip-Kultur in die Geschichte der Medienumbrüche leisten. Die gestalterische Praxis des avancierten Musikvideos und des VJ-Sets steht aufgrund ihrer Auseinandersetzung mit der eigenen technologischen Herstellung ganz in der Tradition der modernen Bildästhetik und bildet damit einen möglichen Anknüpfungspunkt an die lange Konfliktgeschichte zwischen Kunst und Technologie. So wie es in der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts um die Ästhetisierung der industriellen Mechanik und die Mechanisierung der Ästhetik ging, entwickelt auch die digitale Gestaltungspraxis ihre technische Metaphorik.

1 Vgl. B. Waldenfels, in: G. Boehm 1994
2 Vg. P. Codognet, in: Shaw/Weibel 2003, S. 463



 

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