Kunsthalle Erfurt 11. Februar – 21. März 2010
Januar 15th, 2010

11. Februar – 21. März 2010
Kunsthalle Erfurt im Haus zum Roten Ochsen
Fischmarkt 7, 99084 Erfurt
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 11 – 18 Uhr
Donnerstag 11 – 22 Uhr
letzter Einlaß: eine halbe Stunde vor Schließzeit
Absolventinnen und Studentinnen der Bauhaus-Universität Weimar
präsentieren ihre Arbeiten
Eröffnung der Ausstellung: 11. Februar 2010, 19:00 Uhr
Begrüßung: Prof. Dr. Kai Uwe Schierz, Direktor der Kunsthalle Erfurt
Einführung: Caroline Hake, künstlerische Mitarbeiterin Bauhaus-Universität Weimar
Die Ausstellung wurde kuratiert von Caroline Hake und Prof. Dr. Kai Uwe Schierz
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit einem Text von Antonia von Schöning (Institut Eikones, Basel)
56 Seiten, 94 Abbildungen
Herausgeber: Prof. Dr. Kai Uwe Schierz, Caroline Hake
Presseinformation
Januar 15th, 2010
»B SIDE«
Ausstellung künstlerischer Fotografie an der Bauhaus-Universität Weimar
Unspektakuläres und Alltägliches, Nebensächliches und Randständiges – unscheinbare Phänomene aktueller gesellschaftlicher Veränderungen wurden für sieben angehende Fotografinnen der Bauhaus-Universität Weimar zum Thema. Die entstandenen Arbeiten wurden erstmalig in einer Gruppenausstellung anläßlich des 90jährigen Bauhaus-Jubiläums im Sommer 2009 in Weimar präsentiert und sind nun erneut vom 11. Februar bis 21. März 2010 in der Kunsthalle Erfurt zu sehen.
Die Ausstellung wird am 11. Februar 2010 um 19:00 eröffnet.
B SIDE zeigt die unpopuläre zweite Seite einer Gesellschaft, die Zugabe zum öffentlichen Bild, welches erst beim genaueren Hinsehen seine volle Intensität entfaltet.
Die Präsentation der Arbeiten reicht von klassischen Formaten über Buchpräsentationen bis hin zu Rauminstallationen und der Einbindung des Mediums Internet in Form eines Blogs. Dabei stehen sozial-dokumentarische Konzeptionen, die sich mit aktuellen politischen Entwicklungen beschäftigen, neben assoziativen Ansätzen und Bild-Text-Arbeiten, welche Fotografie und wissenschaftliche Recherche miteinander verbinden. So beschäftigt sich Aline Stephan in ihrer Arbeit »Über den Fluss« mit dem ehemaligen deutsch/polnischen Grenzgebiet zwischen Görlitz und Zgorzelec. Ihr Interesse gilt der Frage nach Legitimation und Sinn territorialer Grenzen in und außerhalb Europas. Rebekka Mönchs Arbeit »Bild der Frau« hingegen analysiert mit dem Internetmedium Blog die aktuelle Debatte über die Rolle der Frau. Eigene Fotografien von jungen Frauen werden einem Archiv gegenübergestellt, das Artikel aus Zeitungen und Magazinen über die Rolle der Frau zugänglich macht.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit einem Text von Antonia von Schöning.
Die Ausstellungseröffnung findet am 11. Februar 2010 um 19:00 Uhr statt.
Ausstellungsort: Kunsthalle Erfurt im Haus zum Roten Ochsen, Fischmarkt 7, 99084 Erfurt
Ausstellungsdauer: 11. Februar bis 21. März 2010
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 11 – 18 Uhr
Donnerstag 11 – 22 Uhr
letzter Einlass: eine halbe Stunde vor Schließzeit
Die ausstellenden Fotografinnen und ihre Arbeiten:
Ewa Priester: Andernorts
Aline Stephan: Über den Fluß
Rebekka Mönch: Bild der Frau
Cindy Cordt: Tout à fait
Daniela Junghans: Forest Families
Claudia Neuhaus: Über die Schwelle
Nathalie Mohadjer: Past Presents Future
Betreuung der Arbeiten: Caroline Hake, Künstlerische Mitarbeiterin der Bauhaus-Universität Weimar, Fakultät Gestaltung , Studiengang Freie Kunst
Organisation: Caroline Hake und Rebekka Mönch
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Rebekka Mönch
Kontakt:
Caroline Hake
tel. 0531. 707 45 57
mob. 0177. 333 53 46
email: Caroline.Hake@gmx.de
Rebekka Mönch
tel. 03643. 25 16 75
mob. 0176. 320 700 46
email: post@rebekkamoench.de
Die Ausstellung wurde gefördert von der Kunsthalle Erfurt, Bauhaus-09 Veranstaltungen, KreativFonds der Bauhaus-Universität Weimar, Weimarer Wohnstätte und Lotus Lumina.
B SIDE
Juli 5th, 2009
Antonia von Schöning
Auf der B-Seite einer Vinyl befindet sich normalerweise der Song, von dem sich die Musikindustrie nicht so viel verspricht. Es ist der scheinbar weniger beachtenswerte und weniger eingängige Song, der sich im Gegensatz zum Single Hit auf der A-Seite schlecht verkauft und deshalb nur als Zusatz und Bonustrack veröffentlicht wird. Doch trotz dieses eigentlich marginalen Status ist es in der Musikgeschichte immer wieder vorgekommen, dass es der Song auf der B-Seite letztendlich zu mehr Erfolg und Bekanntheit gebracht hat, wie beispielsweise »I will survive« von Gloria Gaynor und Rod Stewarts »Maggie May«.
Es lohnt sich also, auch den Rückseiten der Dinge Beachtung zu schenken und sich auf Entdeckungen und Überraschungen einzulassen. Die Ausstellung B SIDE von acht Studentinnen und Absolventinnen der Bauhaus-Universität Weimar widmet sich jener
zu oft vernachlässigten B-Seite und lenkt die Aufmerksamkeit auf Phänomene des
scheinbar Randständigen und Unspektakulären. B SIDE hinterfragt die hierarchisierende Kategorisierung in A und B mit den Mitteln der Fotografie.
Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit dem fotografischen Porträt und der Konstruktion und Repräsentation von Raumverhältnissen im Bild. Auf sieben sehr unterschiedliche Weisen problematisieren die Arbeiten der Künstlerinnen Mechanismen von Einschluss und Ausschluss sowie die Zuschreibung von Plätzen und Rollen in der Gesellschaft und der Kunst. Sie thematisieren Passagen und Schwellen, konstruieren komplexe Blickverhältnisse oder verzeichnen Grenzen und ihre Auflösung.
Aline Stephans Arbeit Przez Rzeke/ Über den Fluss beschäftigt sich mit der deutsch-polnischen Stadt Görlitz/Zgorzelec, deren zwei Hälften durch den Grenzfluss Oder voneinander getrennt sind. Die Arbeit kombiniert Ansichten von gespenstisch leeren Straßen und Plätzen mit Porträts von Einwohnern beider Seiten zu einer fotografischen Erzählung von vergangener Teilung, wirtschaftlichen Schwierigkeiten und der Suche nach neuen Perspektiven. Dabei vermischen sich die Eindrücke beider Stadthälften. Die Häuserreihen, Tabakläden und verfallenden Industriebauten verbindet der egalisierende prosaische Stil der Aufnahmen, der keinen Unterschied zwischen deutscher und polnischer Seite macht. Auch die Gesichter der porträtierten Menschen entziehen sich einer eindeutigen Zuordnung zur einen oder der anderen Seite des Flusses. Allein die Oder zieht sich zwischen der Montage von Stadt- und Menschenbildern in einer Sequenz ruhiger Aufnahmen vom Wasser und seinen Ufern entlang und markiert eine natürliche Grenzlinie. Doch selbst in diesen Bildern gibt Aline Stephan dem Betrachter kaum Anhaltspunkte darüber, in welche Richtung sein Blick gerichtet ist. Diese visuelle Verschränkung der Stadthälften Görlitz und Zgorzelec kreiert einen neuen, gemeinsamen Raum, in dem sich die beiden Seiten des Flusses direkt und permanent aufeinander beziehen und nur gemeinsam denk- und wahrnehmbar sind. In Über den Flusserkundet Aline Stephan das ästhetische und politische Potential der Fotografie, ein Gemeinsames herzustellen.
Auch Ewa Priesters Arbeit Andernorts ist eine Auseinandersetzung mit dem urbanen Raum und seiner Wahrnehmung. Ihr Interesse gilt besonders solchen beliebigen Orten, wie sie die moderne Großstadt immer wieder hervorbringt: Fassadenwände aus Glas, an denen der Blick keinen Halt findet, anonyme Transiträume, Parkplätze, Eingänge, Aufgänge und Zufahrten ohne erkennbares Ziel. In den meisten der schwarz-weißen Bilder versperren Häuserwände, Fensterfronten und monochrome Flächen den Weg und die Sicht. »meine Gedanken stossen überall an Häuser«, schreibt Rolf Dieter Brinkmann im Collageband »Schnitte«, aus dem Ewa Priester Textauszüge zitiert und mit ihren Bildern konfrontiert. Dem klaustrophobisch-hermetischen Eindruck wirkt sie jedoch entgegen, indem die von ihr beschriebenen Situationen und Wahrnehmungsfragmente in nahezu kinematographischer Aneinanderreihung präsentiert werden. Es entsteht eine Spannung zwischen der architektonischen Starre und dem Eindruck von Bewegung, einem rastlosen Streifen durch die Stadtszenen. Immer wieder erscheinen schemenhafte Figuren, deuten sich mögliche Begegnungen an, um sich sogleich wieder zu verflüchtigen. Ewa Priesters Andernorts, so könnte man sagen, beschreibt die Wahrnehmung des modernen urbanen Flaneurs und seine prinzipielle Fremdheit gegenüber der gebauten Umwelt.
Tout à fait heißt die Serie von Cindy Cordt, doch statt die im Titel konstatierte Tatsächlichkeit zu illustrieren, geht es vielmehr darum, den fotografischen Akt auf seine Fähigkeit hin zu befragen, die optische Wahrnehmung des Betrachters in ein komplexes Spiel zu verwickeln. Trotz der fast geometrischen Klarheit der Schwarz-Weiß-Fotografien stellt sich eine gewisse Verunsicherung darüber ein, wie der Bildraum organisiert ist, über den genauen Standpunkt des Betrachters und vor allem über das, was sich jenseits des Bildrahmens befindet. Cindy Cordt präsentiert verschachtelte und aufeinander verweisende Raumkonstruktionen, betont die Ausschnitthaftigkeit des Sichtfeldes, indem sie den Bildrand durch optische Rahmen vervielfacht. Sie nutzt Kontraste und Licht-Schattenverhältnisse und bewirkt so ein geheimnisvolles Oszillieren zwischen Fläche und Tiefe, zwischen dem Sichtbaren und dem angedeuteten Anderen außerhalb des Bildraumes. Tout à fait ist eine Arbeit über das Sehen durch die Kamera und die Faszination bildnerischer Kreation von Wirklichkeiten.
Die Frage nach dem eigenen Standort und nach der Macht des Blickes durch die Kamera stellt sich auch Rebekka Mönch. Ihr Thema ist das Bild der Frau, so wie es in den Medien konstruiert und verbreitet wird. In einem umfassenden Blog-Archiv sammelt die Fotografin Artikel aus Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen, in denen tradierte Rollenzuschreibungen und stereotype Frauenbilder verhandelt werden, und stellt sie ihren eigenen Frauenporträts gegenüber.
Wie kann es gelingen, so die große Frage der feministischen Bildtheorie, der sich auch Rebekka Mönch anschließt, dass die Frau sich von ihrem Status als Objekt der Betrachtung befreit und zum Subjekt der Betrachtung wird? Welches Bild macht sich die Frau von sich selbst? Die kritische Auseinandersetzung mit konventionellen Darstellungsweisen weiblicher Identität ist ein erster Schritt zu einer möglichen anderen (Selbst-)Präsentation. Rebekka Mönchs Porträts junger Frauen in ihren vertrauten Umgebungen reflektieren das schwierige Verhältnis von aktiver Selbstdarstellung und dem unumgänglichen Ins-Bild-gesetzt-Werden durch den Kamerablick.
Der ethische und soziale Aspekt von Fotografien lässt sich auch anhand des Fotobuches Past presents Future diskutieren, das eine gemeinsame Arbeit der Fotografin Nathalie Mohadjer und der Grafikerin Nora Kreißl ist. Nathalie Mohadjer hat Kinder und Jugendliche in bosnischen Flüchtlingslagern und Kinderheimen fotografiert. Sie zeigen die jungen Frauen und Männer, für deren Leben die Erfahrung des Krieges einen tiefen und traumatischen Einschnitt bedeutet, in ihrer aktuellen Umgebung und mit dem Wenigen an Gegenständen, mit dem sie ausgestattet sind. Die Bilder geben den Personen viel Raum und Fläche für Projektionen sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft. Das Motiv der Schwelle und der Grenze kehrt in der Serie immer wieder. In jedem Bild tauchen eine Tür, ein Fenster, ein Vorhang oder ein Teppich auf, die eine andere Zeit und einen anderen Ort erahnen lassen und gleichzeitig verstecken. Hinter der verschlossenen Tür, verschleiert vom Vorhang oder unter den Teppich gekehrt, gibt es da immer noch etwas anderes. Vielleicht ist es dieses Andere, der Punkt außerhalb des Bildes, auf den sich die Blicke der Jugendlichen richten, die doch zugleich so introvertiert wirken. Nathalie Mohadjers Fotografien bringen das zur Darstellbarkeit, was nach den traumatischen Erlebnissen übrig bleibt – die Spuren, Narben, aber auch Wünsche und Hoffnungen für ein Leben nach dem Krieg. Ihre Bilder sind wie ein Innehalten während der schwierigen Passage zwischen Vergangenheit und Zukunft. Sie gewinnen ihre Eindringlichkeit durch die Spannung zwischen Innen und Außen, Erstarrung und Aufbruch, Wunde und Heilung.
Claudia Neuhaus setzt sich in ihrer Arbeit Über die Schwelle mit ihrem ganz persönlichen Umfeld auseinander. Sie porträtiert Freunde, die sich am Ende ihrer Ausbildung und am Anfang ihres Berufslebens befinden, gewissermaßen auf einer biographischen Schwelle. Es ist ein Moment sowohl des Rekapitulierens und des sich Sammelns, als auch des Entwerfens, der Planung ins Ungewisse, der Projektion. Claudia Neuhaus Bilder bestehen aus zwei nacheinander aufgenommenen Fotografien, die sie aneinanderfügt: es handelt sich um zweimal dieselbe Aussicht bei Nacht aus einem Fenster; im einen Fall steht im Vordergrund das frontale Porträt einer Person, im anderen richtet sich der Blick auf die schemenhaften Formen in der Dunkelheit jenseits des Fensterrahmens. Diese Komposition hat einen irritierenden Effekt. Der Versuch, sich mit der porträtierten Person zu identifizieren, wird konterkariert durch die Verschiebung der Perspektive hinaus in die geheimnisvolle Dunkelheit. Der Betrachter ist zwischen Gefühlen der Vertrautheit und der Fremdheit, zwischen einer gelassenen Erwartungshaltung und nervöser Ungewissheit hin und her geworfen. Claudia Neuhaus gelingt das Porträt einer Generation, die im Begriff ist, über die Schwelle zu treten und konfrontiert zugleich den Betrachter mit seinen eigenen Plänen, Antrieben und auch Hemmungen.
Der siebte Beitrag zur Ausstellung kommt von Daniela Junghans und stellt wiederum eine neue Seite junger Weimarer Fotografie zur Disposition. Naturwüchsig thematisiert das Verhältnis vom Menschen zur Natur. Daniela Junghans stellt mythologisch anmutende Sinnbilder einer dem Menschen innewohnenden, quasi archaisch-poetischen Natur einer Serie von Motiven der Kultivierungs- und Domestizierungsversuche der Natur durch den Menschen gegenüber. Daniela Junghans assoziatives Vorgehen zeugt nicht zuletzt von viel Humor, wenn sie das bizarre Wechselspiel von Elementen von Wald oder Waldhaftigkeit und artifiziellen Landschaftsarchitekturen aufzeigt oder das Animalische des Menschen herauskehrt. Mit ihren Bildern stellt sie nicht nur die Frage, wie viel Natürlichkeit in den von Menschen geschaffenen Gärten, Grünanlagen und Nutzlandschaften noch übrig bleibt, sondern auch, inwiefern sich in diesen künstlich-natürlichen Welten auch das Verhältnis des Menschen zu sich selbst reflektiert.
Was die stilistisch sehr unterschiedlichen Arbeiten der Ausstellung vereint, ist der Umgang mit dem ästhetisch ambivalenten Status der Fotografie zwischen Dokument und Kunst.
Die sieben Fotografinnen vermitteln ein klares Bewusstsein dafür, dass Fotografien mehr sind als objektive Abbildungen gegebener Tatsachen. Der Akt des Fotografierens konstruiert Wirklichkeiten, er ordnet Dinge und Menschen an und um, bedingt Sichtbarkeiten und folglich auch Sagbarkeiten. Insofern ist der Fotografie ein politisches und gesellschaftliches Anliegen inhärent, indem sie Aufmerksamkeiten steuert und andere oder neue Verhältnisse zur Darstellung bringt.
Das Interesse der Ausstellung B SIDE liegt darin, das Potential der Fotografie als Medium der Neuverteilung von Positionen und Rollen auszuloten und der ästhetischen Verbindung von utopischen und realen Momenten nachzuspüren.
Antonia von Schöning ist Kulturwissenschaftlerin und Mitarbeitende
am Institut Eikones, Basel.







