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uni-weimar
Urbane Praxis
Vokabeln für eine kreative Wissenschaft – für eine reflektierte Gestaltung

Vortrag 1: Prof. Frank Eckardt (Weimar)
Vortrag 2: Dr. Yana Milev (Berlin) - ausgefallen

Prof. Frank Eckardt

ist Professor für sozialwissenschaftliche Stadtforschung am Institut für Europäische Urbanistik der Bauhaus-Universität Weimar. Er promovierte in Politikwissenschaften und lehrt seit 1999 in Weimar. Dort ist er für das Masteprogramm Advanced Urbanism (in Kooperation mir der Tongji-University Shanghai) verantwortlich, koordiniert die Master-Programme in Urbansimus und Stadtplanung und ist einer der Leiter der Bauaus Research School. Seine Forschung fokussiert auf soziale und kulturelle Fragen in Stadtentwicklung und -planung. Eckhardt veröffentlicht regelmäßig zu Stadtsoziologie – z.B. die Einführung „Soziologie der Städte“, 2004. Für seine Forschungsarbeit wurde er zuletzt von der Hanns-Martin-Schleyer-Stiftung ausgezeichnet. www.uni-weimar.de/Stadtsoziologie

Zusammenfassung

Urbane Praxis – Vokabeln für eine kreative Wissenschaft – für eine reflektierte Gestaltung

Unter dem Titel «Urbane Praxis – Vokabeln für eine kreative Wissenschaft – für eine reflektierte Gestaltung» konfrontiert uns, aus stadtsoziologischer Perspektive, Prof. Dr. Frank Eckardt (Bauhaus-Universität Weimar) mit weitreichenden Fragestellungen zu einem zeitgenössischen Kunst- und Designbegriff. Die zentrale Frage, die Frank Eckardt bewusst als (noch) offene Frage sehen möchte, zielt auf die Korrelation zwischen Wissenschaft (die er für seine Disziplinen beansprucht) und den entwerferischen Disziplinen. Er schlägt vor die Frage über den Begriff der Urbanen Praxis konzentriert zu diskutieren.

Was genau sich hinter dem Begriff Urbane Praxis, als, wie es Frank Eckardt sieht, avangardistischer Wissenschaftsbegriff (kreative Wissenschaft) und provozierender Entwurfsbegriff (reflektierte Gestaltung) verbirgt, erklärt er exemplarisch anhand eines Projektes zwischen UrbanistInnen, BauingenieurInnen und KünstlerInnen in Tichuana.Link zum Projekt

Was ist Urbane Praxis?

Urbane Praxis ist alltägliche Raumproduktion. Urbane Praxis ist community based. Urbane Praxis ist nicht das Ergebnis eines formalisierten Entwurfprozesses, sondern Gestaltung in und aus einer urbanen Umgebung heraus. Urbane Praxis ist alltägliche lokale Produktion, die vom Vorhandenen ausgeht und in einer Abhängigkeit zum Vorhandenen steht. Urbane Praxis ist Bedeutungs- und Umdeutungsproduktion im Ästhetischen, Emotionalen so wie Funktionalen zugleich. Urbane Praxis ist demnach gekennzeichnet durch: Intentionalem Handeln; den städtischen Kontext und einem ästhetischen Konzept. Urbane Praxis unterliegt des weiteren einer lokalisierten, personalisierten und körperlichen Chronologie: Idee – Experiment - Erfahrung – Wissen.

Was ist der Rahmen der Urbanen Praxis?

Urbane Praxis ist eingerahmt. Sie ist nicht frei verfügbar, sie ist auch nicht in jeder Form und jedem Ort durchsetzbar/umsetzbar, sondern sie ist von den Strukturen abhängig, in denen sie stattfindet. Frank Eckardt definiert vier Kategorien struktureller Abhängigkeiten. Die erste ist die Struktur des Politischen. Diese ist (zwar) nicht determinierend, aber sie strukturiert Handlungsmöglichkeiten vor. Je rigider sie sind, desto weniger sind urbane Praktiken möglich. Die Strukturen des Politischen wiederum sind eingebettet in Strukturen der Materialität (Zweite Strukturebene). Doch, so Eckardt weiter, besitzen Strukturen der Materialität auch eigene Strukturvorgaben, die es u.a. unmöglich machen jedes politische Anliegen umzusetzen; wie umgekehrt die gebaute materielle, physische Umwelt in ihrer Materialität eigene Strukturen vorgibt, die ihrerseits Handeln ermöglicht oder verhindert. Die Strukturen der Materialität sind in dem Sinne autochthon, aber sie sind für uns nicht erschließbar ohne Möglichkeiten der Wahrnehmung (dritte Strukturebene). Die Strukturen der Wahrnehmung können die Materialität zwar beeinflussen, nicht aber verändern. Vielmehr, so Eckardt, können sie unsere Sicht auf Materialität durch andere Bedeutungskontexte verschieben. In diesem Sinne ist die Struktur der Wahrnehmung fast zwangsläufig gebunden an die vierte und letzte Strukturebene, die des Narrativen. Die Strukturen des Narrativen sind es, die Wahrnehmung in bewusste, explizite Bedeutungszusammenhänge einbetten und so Wahrnehmung einerseits bestätigen oder andererseits in Frage stellen können. Auf jeden Fall funktioniert Wahrnehmung im Rahmen der Urbanen Praxis nicht ohne Bedeutung, ohne symbolische Zusammenhänge.

Wie können wir die Urbane Praxis erkunden?

Heute würde es nach Eckardt nicht mehr ausreichen auf klassische Methoden der Sozialforschung zurückzugreifen, um urbane Praktiken zu erkunden. Um ein tieferes Verständnis der Urbanen Praxis zu erlangen, fordert Eckardt reale Teilhabe an alltäglichen, materiellen urbanen Praktiken ein. In diesem Punkt, so Eckardt, verfügen entwerferische Disziplinen über einen höheren Kompetenzgrad im Vergleich zu klassischen Wissenschaften. Hauptargument für diese These ist die enge Bindung von Entwerfen zur materiellen Produktion. Entwerfende stellen in dieser Vorstellung eine Art Bindeglied zwischen etablierten ForscherInnen und der Urbanen Praxis da. Aber, so Eckardt, auch Teilhabe an Urbaner Praxis reicht letztendlich noch nicht aus. In Anlehnung an Richard Rorty muss innerhalb der Teilhabe auch das Vokabular, also die Art und Weise wie etwas in Bedeutungskonstruktionen überführt wird, übernommen werden.

Wie können wir Urbane Praxis reflektieren?

Will man Urbane Praxis, wie sie bisher dargestellt wurde, verstehen, ist neben der bereits dargestellten Vokabularadaption eine weitere Kompetenz von Bedeutung; die kritische Methodenreflektion. Nach Eckardts Erfahrung werden beide Kompetenzen von EntwerferInnen in der Regel nicht hinreichend erfüllt. So gut es EntwerferInnen gelingt urbane Praktiken zu übernehmen, an ihnen zu partizipieren oder sie darzustellen, so schwer scheint es ihnen zu fallen eine intersubjektive Perspektive, also eine Haltung, die über das eigene Ich und die eigenen disziplinären Grenzen hinaus reicht, einzunehmen. Das Vokabular bleibt zumeist in den Sphären der Kunst und des Designs verhaftet. Weder das Vokabular der entsprechenden Urbanen Praxis, noch das Vokabular der AdressatInnen wird reflektiert und bewusst eingesetzt. Vergleichbar verhält es sich mit methodischen Zugängen zur Urbanen Praxis. Diese orientieren sich zumeist an persönlichen Kompetenzen und nicht an situativen Notwendigkeiten.

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