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Rettet die Maker-Culture das Design?
Christine Schwienhorst und Kai Rosenstein
23.11.2013

Am Horizont erscheint wieder einmal ein weißer Ritter: unter dem verheißungsvollen Antlitz der Maker-Culture vereint er die Bewegungen, die derzeit in den diskursiven Fokus drängen. Die subkulturellen Bewegungen der Maker, Sharer und Participator verheißen die scheinbar rettenden Strategien lokaler, sozialer und ökologischer Kooperation. Sie zeigen augenscheinlich Wege in eine gerechtere und nachhaltigere Zukunft für alle auf. Die Zweifel an dieser Verheißung (und der Macht des weißen Ritters) sind natürlich berechtigt, denn gerade die Maker können auch schnell als eine dem Konsum- und Warenfetischismus unterworfene Bewegung identifiziert werden. „Maker waren […] einst Konsumenten, die etwas haben wollten, was es noch nicht gab. […] Das sie zu Produzenten wurden, hat Ihre Konsumorientierung aber nicht grundlegend verändert. Sie optimieren das industrielle Prinzip, sie stellen es nicht, wie DIY/DIT infrage.“ (BAIER/MÜLLER/WERNER; S.165)

Doch bedeutet „Maker“ auch einfach „Macher“ – und das ist in diesem Zusammenhang eine entscheidende Frage: Wer macht hier was? Wer hat hier die Macht über was und wen? Es geht also hier und heute um nicht weniger als die „Politik der Macher“ (vgl. Titel-Thema der DGTF Jahrestagung 2013). Im Design wird allzugerne vom selbst initiierten Projekt oder von der Handlungs- und Gestaltungsmacht gesprochen, welcher (wieder) Leben eingehaucht werden müsse – unter dem Topos der Maker kommen Designer also wie gerufen. Oder gilt doch noch immer, was Max Bill bereits 1970 behauptet (und passender Weise gerade neu veröffentlicht wurde):

„Die Umwelt kann nur so weit gestaltet werden, als die Sozialordnung es nicht nur zulässt, sondern fordert.“ (BORRIES/FEZER; S. 114)?

Ist der Disziplin Design also lediglich eine passive Rolle zugeschrieben? Welche Rolle spielt Design – und der Designdiskurs – in der „Politik der Maker“? Schon stellt sich wieder die Frage nach der sozialen und – in diesem Fall – politischen Verantwortung des Designers und entsprechend bleibt die Suche nach seinen Einflussmöglichkeiten auf zukünftige Entwicklungen die zentrale Herausforderung.

Eine leichtfertige Zusammenfassung der Ansätze aus Maker-Culture, Do-It-Yourself-Bewegung und diversen Ausprägungen offener Designprozesse (wie Open Source Design, Co-Design, Open Design) greift zu kurz, wenn man die Frage nach der politischen Wirkmächtigkeit der Phänomene stellt und die Ideale und Versprechen der verschiedenen Bewegungen ins Feld führt. Die – durchaus berechtigte – Hoffnung nach alternativen Produktionszusammenhängen, gemeinwohl-orientierten Nutzungskreisläufen und ökologisch vertretbaren Produktkreisläufen de-sensibilisiert scheinbar für die drohenden Verwertungs- und Vereinnahmungstendenzen der grünen aber nicht minder konsumistischen Wirtschaftslogik.

„Seid kreativ und macht mit“ (CFP zur DGTF-Konferenz 2013) als Paradigma des DIY kann dann auch als Drohung verstanden werden, die zu einer weiteren Taktik der Vermarktung verkommt.

Aber wo verläuft die Grenze zwischen den Verlockungen eines Markt- und Marketingparadigmas des „brand yourself, empower yourself, establish yourself“ von dem Unternehmen in vielfältiger Weise Gebrauch machen (MILEV) – und das eben vor den Makern nicht halt macht – auf der einen Seite und der „kreativen Subsistenz“ mit entsprechender „Nutzungsintensivierung durch Gemeinschaftsleistung“, „Verlängerung der Nutzungsdauer“ und „Eigenproduktion“ (PAECH) die den theoretischen Nährboden vieler DIY-Kulturen aber bisher nicht der Designtheorie bildet?

Es gilt, den Blick genauer auf die Diskurse zu richten, die bisher offenbar keinen Einfluss auf den Designdiskurs genommen haben.

Zunächst gilt es also tiefer zu gehen und genauer zu analysieren, vor welchem Hintergrund die einzelnen Bewegungen agieren. Die Strategien, Techniken und Impulse des DIY und der Maker können dabei nicht als eine gemeinsame alternative Handlungs- und Lebensform identifiziert werden. Es zeigt sich, dass es bei allen Bewegungen sehr fein differenzierte Zielsetzungen und klare Unterscheidungsmerkmale gibt, die sehr stark in den jeweiligen Anfängen impliziert bzw. begründet sind. Dabei zeigt sich aber auch, dass Design – und erst recht der Design-Diskurs – dabei vordergründig keine maßgebliche Rolle spielt(e).

Wo und auf welcher Ebene finden sich also brauchbare Anknüpfungspunkte für die Gestaltungsdisziplinen? Und wo kristallisieren sich aus dieser Perspektive neue Forschungs- und Handlungsfelder für das Design heraus? Könnte am Ende doch mehr Verwertbares in der „Politik der Maker“ stecken als ein paar neue Schlagworte für das Design-Praxis-Portfolio?

Es gilt, den Blick darauf zu richten, welche Implikationen die von den DIY-Kulturen praktizierten Produktkreisläufe und Dingverhältnisse auf den Designprozess und auf das Designergebnis haben und welche Forschungsfragen sich daraus ableiten lassen. Ein Schwerpunkt sollte dabei künftig einerseits auf Überlegungen, welche Anforderungen unter dem Paradigma des DIY/DIT an den Beruf des Designers gestellt werden, liegen. Entwickelt sich beispielsweise der Produkt- und Warendesigner wieder zum Objektdesigner? Oder liegt der Schwerpunkt – andererseits – auf der Zukunft der Dinge selbst. Welche Veränderungen sind in den Entwurfs- und Produktionsprozessen notwendig um zu anderen Dingen zu gelangen die den veränderten Nutzungsverhältnissen gerecht werden? Bedarf es dafür gar einer grundsätzlichen Haltungsänderung im Sinne eines neuen Denkens im Design?

Wir sind überzeugt, dass diese kulturelle Entwicklung auch eine neue designerische Praxis notwendig macht. Veränderungen werden zukünftig nicht mehr zentral und im Großen statt finden, sondern sie vollziehen sich heterogen, kleinteilig und zeitlich versetzt mitten in der Gesellschaft und außerhalb der Institutionen (WELZER). Dieser Beobachtung und Bruno Latours Idee der matters-of-concern als zentraler Gegenstand des Designs folgend, plädieren wir für ein nachdenkliches Design. An anderer Stelle haben wir dafür auch schon den Begriff des Concerned Design in den Ring geworfen. Ein Design, dem es wieder gelingt im Möglichkeitsraum zu operieren und welches eben nicht nur Erfüllungsgehilfe einer an den vorgeblichen matters-of-fact orientierten und reichlich begrünten Konsumkultur ist. Von diesem Standpunkt aus eröffnen sich vollkommen neue Perspektiven für das Design. Bleibt unser Diskurs jedoch auch weiterhin auf der Betrachtungsebene der „Praktiken, Technologien und Verfahren“ (CFP) stecken, bleibt am Ende wohl die einzige Option, Max Bill doch noch mal kanonisch zuzustimmen.

Kai Rosenstein und Christine Schwienhorst im Oktober 2013

Quellen:
Andrea BAIER, Christa MÜLLER, Karin WERNER: Stadt der Commonisten. Neue urbane Räume des Do-it-yourself. transcript 2013, Bielefeld

Friedrich von BORRIES, Jesko FEZER: Weil Design die Welt verändert …, Texte zur Gestaltung. gestalten 2013, Berlin

Call for Papers, DGTF-Jahrestagung 2013

Yana MILEV: Emergency Design. Merve 2011, Berlin

Niko PAECH: Befreiung vom Überfluss. oekom 2012, München

Harald WELZER: Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand. S. Fischer 2013, Frankfurt/Main

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Christine Schwienhorst ist als Designerin und Forscherin tätig. Sie berät und entwickelt Konzepte in Gestaltungsprozessen mit dem Ziel, zu gesellschaftlichen Veränderungsprozessen und einer sozial-kritischen Designkultur beizutragen.

Kai Rosenstein ist als Designer und Forscher tätig. Er vermittelt und berät in unterschiedlichsten Gestaltungsprozessen. Mit dem Ziel, zu einer sozial und ökologisch nachhaltigen Designkultur beizutragen, initiierte er verschiedene Projekte und ist als Dozent, Referent und Experte tätig. www.kairosenstein.de

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