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Über Projektemacherei.
Zur Produktion von Wissen in der Vorform des Scheiterns
Eine Tagung des Lehrstuhls für Geschichte und Theorie der
Kulturtechniken
11.12. April 2003, Bauhaus-Universität Weimar, Fakultät
Medien
Bauhausstraße 11, Raum 14, D-99423 Weimar
Ankündigung
Viele Wege führen ins Unglück, notiert Daniel Defoe im Exil
in Bristol 1692, wohin es ihn auf seiner Flucht vor Gläubigern verschlägt,
um als möglichen Ausweg aus dieser mißlichen Lage drei Alternativen
anzufügen: entweder man werde zum Selbstmörder, Verbrecher oder
Projektmacher. Letztere Kategorie, für die sich Defoe längst
entschieden hat, charakterisiert Meyers Großes Konversations-Lexikon
von 1908 als jemanden, "der sich im Entwerfen neuer, meist unausführbarer
Pläne gefällt." Allein das Scheitern scheint demnach das
unvermeidliche Ergebnis dessen zu sein, worin diese neuen Pläne enden.
Doch der Projektmacher vermag entgegen seiner denkbar schlechten Reputation
eine spezifische Produktivität zu entfalten, um durch seine vermeintlich
mißlingenden Innovationen dem Fortschritt zu genügen und zur
Genese neuen Wissens beizutragen.
Dieser ambivalenten Funktion, in Zeiten der (wirtschaftlichen) Krise durch
gewagte Vorhaben und abenteuerlich anmutende Pläne als Wegbereiter
der Erkenntnis zu dienen, soll im Rahmen der Tagung nachgegangen werden.
Dabei ließe sich der Projektmacher als Vertreter einer Wissensproduktion
verorten, die sich abseits der konventionellen Bahnen, in Opposition zu
den Akademien und etablierten Institutionen ereignet. Der Projektmacher
spielt - nicht nur mit dem Risiko des Mißlingens. Er tritt auf als
Meister der Delegation: seine Pläne schmiedet er vorgeblich für
den Nutzen der Allgemeinheit, die er von anderen mit dem Geld Dritter
auszuführen beabsichtigt. Der Projektmacher als Nutznießer
oder Parasit. Sollte der Plan entgegen aller Erwartung glücken, gelangt
sein Initiator dagegen zu plötzlichen Ehren, und das, was vorher
ein Projekt war, wandelt sich zur Errungenschaft, zum glänzenden
Werk, zur gelobten Erfindung, wobei man diese unter oftmals veränderten
Vorzeichen und anderen Namen kanonisiert. Der Projektmacher als Opfer
von Nutznießern.
Im Mittelpunkt der Tagung stehen zwei Fragen: Zum einen, wie sich die
Verfahrensweise des Pläneschmieds, sein zweifelhafter Status, der
Unsicherheit in Erkenntnis zu überführen hilft, allgemein analysieren
läßt. Zum anderen sei die These diskutiert, inwieweit "Projektemacherei"
nicht bloß historische Episode zu Beginn der Moderne bleibt. Die
Tendenz, Projekte zu entwerfen, hat an Aktualität schließlich
nichts eingebüßt. Läßt sich dieses Phänomen
also generalisieren? Und könnte man den Projektmacher demzufolge
gewissermaßen als Hebel beschreiben, der im Augenblick der Erschütterung,
im Moment des unsicheren Wissens, der herkömmlichen Episteme zu Brüchen
verhilft? Könnte man ihn allgemein als Strategen einer Krisenüberwindung
fassen, der die Grenzen der Erkenntnis gleichermaßen sondiert wie
er sie durch sein Scheitern sichtbar und damit operabel werden läßt?
Anhand von Fallstudien soll damit ein Spektrum von Projekten und deren
jeweiligen Verfechtern versammelt werden, angefangen etwa bei den arbitristas
und proyectistas im Spanien der Habsburger Monarchie, über
die zerplatzten Börsenblasen einer new economy in England
und Frankreich zu Beginn des 18. Jh. bis hin zu Großentwürfen
wie beispielsweise der Verschmelzung von Afrika und Europa zu Atlantropa
durch Herman Sörgel 1931.
Gefragt sei dabei schließlich, inwieweit diese Projekte als Reaktion
oder Vorbereitung einer spezifischen Wissensform zu lesen sind, als status
nascendi einer späterhin gesicherten Erkenntnis. Oder aber als
reine Totgeburt, wovon die Geschichte des Fortschritts immerzu schweigt.
Programm
Freitag, 11. April 2003
14.00: Markus Krajewski:
Begrüßung und Einleitung
14.15-15.15: Bernhard Siegert (Bauhaus Universität, Weimar)
"MUSAEUM GENERIS HUMANI BLOTIANUM. Über ein Projekt, das römisch-deutsche
Reich in einen Schlagwortkatalog zu überführen"
15.30-16.30: Daniel Gethmann (Ruhr-Universität, Bochum)
"Fahrten im Luftmeer:
Die Idee des Luftschiffs seit Bartholomeu Laurenço de Gusmao (1709)"
16.45-17.45: Thomas Brandstetter (Institut f. Kulturwissenschaften, Wien)
"'An incomparably powerful force':
Die Dampfmaschine im Kontext der Projektenmacherei"
18.00-19.00: Florian Schui (St. Edmund's College, Cambridge)
",Die Träume eines guten Menschen':
Der Abbé de Saint-Pierre (1658-1742) und seine Projekte"
20.00: Gemeinsames Abendessen
Samstag, 12. April 2003
10.00-11.00: Jörg von Bilavsky (Historiker, Berlin)
"ErkenntnisGewinn: Die Projektemacher unter den Alchemisten"
11.15-12.15: Markus Krajewski (Bauhaus Universität, Weimar)
"Weltprojektmacher 1900"
12.30-14.00: Anjana Shrivastava und Helmut Höge (Berlin)
"Von der Tugend des Scheiterns:
Erfinder, Querulanten und Hochstapler, heute"
Tagungsunterlagen
Dokumentation
Zu der Tagung ist im Mai 2004 der Tagungsband im Kulturverlag
Kadmos Berlin, mit Beiträgen zur Projektemacherei, u.a. von Georg
Stanitzek, Jürgen Kaube, Maren Lehmann, Bernhard Siegert, Armin Schäfer,
Julia Kursell und Helmut Höge erschienen. Ansehen können Sie
sich den Band hier.
Kontakt: markus.krajewski@medien.uni-weimar.de
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