 |
|
| |
|
|
2009 ]
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
| |
|
|
Archiv für Mediengeschichte No. 9:
Gefahrensinn
Editorial
Hat man neuzeitliche und moderne Gesellschaften verschiedentlich als Sorge- oder Angstkulturen charakterisiert, so ist damit der Blick auf Verfahren der Vorsorge und Prävention, der Identifikation, des Banns, der Abwendung oder Handhabung innerer wie äußerer Gefahren eingeschlossen. Das ist mit der Rede vom "Gefahrensinn" gemeint, dem das vorliegende Heft des Archivs für Mediengeschichte gewidmet ist. Seine Beiträge versammeln nicht nur unterschiedliche historische und aktuelle Perspektiven auf Gefahrenlagen, auf ihre Konstruktion und ihre Bildreservoirs, auf ihre Sondierung und Bewältigung. Es geht zugleich um die Überprüfung einiger Grundannahmen, unter denen die Frage nach dem Gefahrensinn, seiner Wirksamkeit und seinen historischen Transformationen überhaupt gerechtfertigt erscheint. Ganz allgemein lässt sich mit diesem Begriff nämlich eine Art Witterung bezeichnen, ein Verbund aus Wahrnehmungsformen, Darstellungsweisen und Verarbeitungsprozeduren, in denen wirkliche Bedrohungen und eingebildete Gefahren, Risiken und fantasmatische Heimsuchungen kaum zu unterscheiden sind.
Das führt einerseits zur Frage danach, welche Rolle die Ausmalungen manifester oder imaginärer Gefahren in der Geschichte abendländischer Zivilisationen übernommen haben. So geben Konzepte und Visionen des Bedrohlichen Aufschluss darüber, wie man sich hier und dort den Zusammenhalt und die Sollbruchstellen sozialer, politischer und kultureller Ordnungen vorgestellt hat. Wie einmal die Raserei des Achill nicht nur ein erstes abendländisches Epos, sondern eine flagrante Vorstellung vom Ruin der antiken Welt hervorgebracht hat, so liefern alle weiteren Rapporte über offene und latente Gefahren, über innere und äußere Feindschaften, über Szenen des Katastrophalen Perspektiven dafür, wie sich Gesellschaften über den fortlaufenden Bann von Schreckenshorizonten definieren und sichern. Andererseits liegt in den Gestalten von Gefahr und Gefährlichkeit ein ebenso dunkler wie zwingender Handlungsgrund vor. Was man als Bedrohung adressiert, folgt einer Logik, die Handlungsmöglichkeiten ausrichtet und Aktionsweisen programmiert. Sind neuzeitliche Gesellschaften idiosynkratisch auf Gefahren eingestellt, und wird heute mit einer Konjunktur höchster Gefährdung spekuliert, so lässt sich darin die Versammlung eines Aktionspotentials erkennen, das unmittelbar wirksam werden will. Die Frage nach dem Gefahrensinn und seinen historischen Varianten soll also Gegenstand einer historischen Pragmatik sein, in der Bilder, Erzählungen, Protokolle nur ein Spiegelreflex konkreter Interventionsformeln sind und ein Handlungswissen konstituieren, das Gefahrenkonzepte und Sicherheitsdispositive miteinander verschränkt. Dabei wird die Artenvielfalt des Gefährlichen nicht nur als Angelpunkt für eine politische Epistemologie, sondern auch als Kernelement in den Selbstbeschreibungsformeln neuzeitlicher Gesellschaften betrachtet.
Dieser Fragehorizont legt einige historische und systematische Untersuchungsperspektiven nahe. So ist die Modernisierung von Regierungstechnologien zunächst mit einer Verschiebung und einem Qualitätswandel von Bedrohungsreservaten verknüpft. War schon eine aristotelische Politik vom Motiv bestimmt, das gemeinschaftliche Band der antiken Polis gegen die Gefahren innerer und äußerer Erosion in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. zu sichern, so kann man erst seit dem späten Mittelalter die Entstehung von Verfahren verzeichnen, mit denen soziale und politische Ordnungen auf die systematische Erfassung von Gefahrenlagen ausgerichtet werden. Von der Formierung genossenschaftlich organisierter Risikogemeinschaften, die noch im 19. Jahrhundert als Musterbeispiel einer spontanen gemeinschaftlichen Selbsthilfe gelten konnten, über die Genese von Seeassekuranzen und Versicherungstechniken bis hin zu kaufmännischen Praktiken geschäftlicher Voraussicht reichen institutionelle, mediale und administrative Operationen, die die Unabsehbarkeit von Gefahren in einen Erwartungshorizont riskanter, d.h. kalkulierbarer Vorhaben und Ereignisse übersetzen. Damit wurden nicht nur religiös geprägte Sicherungsmaßnahmen obsolet, die ungewissen Zukünften mit apotropäischen oder divinatorischen Sakralhandlungen begegneten; diese ‚Säkularisierung' des Gefahrensinns verwandelt vielmehr mögliche Schicksalsschläge zu bloßen Unfällen, das Walten der Fortuna zum Spiel der Chancen und Abenteuer zu jenen Risiken, die bewusst und mit rechnerischer Abschätzung eingegangen werden. Etymologisch ist Risiko vom griech. ιζα (mit der Nebenbedeutung ‚Klippe') abgeleitet worden; und in der Kaufmannssprache stand der Begriff seit dem 15. Jahrhundert für ‚Gefahr', ‚Unsicherheit' und ‚Wagnis', aber ebenso für ‚Chance' und ‚Möglichkeit'.
Spätestens nach dem Ende des dreißigjährigen Krieges hat sich eine neuzeitliche Politik der Gefahr einem doppelten Auftrag verschrieben und eine vielgestaltige Regierungsaktivität hervorgebracht, die Michel Foucault als ‚gouvernementales' Regieren zu fassen versuchte. Denn einerseits wird am Leitfaden neuzeitlicher Staats- und Souveränitätstheorien das staatliche Wesen als ein Institut der Gefahrenabwehr konzipiert, das die Sicherung öffentlicher Ordnung nach Innen mit einer rechtlichen Kodifizierung von Ausnahmesituationen, Kriegsszenarien und Feindschaftserklärungen im zwischenstaatlichen Verkehr kombinierte. So bannt etwa die Todesdrohung des Hobbesschen Leviathan jene tödlichen Gefahren, die die Bürger selbst füreinander sind, und transformiert sie insgesamt zu einem wehrhaften Verband. Andererseits lässt sich parallel dazu ein Aufbau von Vorsorgegesellschaften beobachten, die eine Ausschöpfung ökonomischer und sozialer Ressourcen innerhalb der neuen Territorialstaaten mit den Maßnahmen ‚policeylicher' Für- oder Vorsorge, also der Durchwaltung von Bevölkerungen begleiteten. Hat sich bereits die Staatsraison mit jenen Gefährdungen beschäftigt, denen der Bestand von Herrschaftsgebilden und staatlicher Macht - Machiavellis mantenere lo stato - ausgesetzt ist, so wird im Umkreis aufgeklärter Polizeiwissenschaften gutes Regieren nun auf eine cura advertendi futura verpflichtet, auf die Aufgabe also, dem Staat eine solche innere Verfassung zu verschaffen, dass seine Dauer gegen alle möglichen inneren und äußeren Beschädigungen oder Wechselfälle abgesichert erscheinen kann. Neuzeitliche Politik ist damit als eine Kunst, ‚in der Zukunft zu lesen', aber auch als Entwurf eines umfassendes Sorgeprojekts zu begreifen.
Vor diesem Hintergrund wurden im 19. Jahrhundert jene Verteidigungslinien gezogen, die die Rede von einem Jahrhundert der Gefahr rechtfertigen könnten. Dabei geht es um den Ausbau von Solidargemeinschaften und Sekuritätssystemen, die - wie Sozialversicherungen und staatliche Vorsorgeanstalten - heute als ‚Bismarcksche' Hinterlassenschaften zur Disposition stehen. Vor allem aber hat sich die Optik der Gefahrenwahrnehmung auf manifeste oder latente Bedrohungen hin scharf gestellt, die den Sozialkörper insgesamt durchsetzen und aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Rechtspolitik und Kriminologie haben den Begriff des "gefährlichen Individuums" hervorgebracht, und von Lombrosos uomo delinquente über Asoziale und Anarchisten bis zu Wahnsinnigen und Degenerierten reicht nun ein Spektrum, das unterschiedliche Spielarten von Gesellschaftsfeinden versammelt und an konkrete Exklusionsstrategien appelliert. Ein ähnliches Bedrohungspotential wurde in jenen sozialen Formen lokalisiert, die wie die so genannten Massen oder crowds das gesellschaftliche Leben als irreguläre Gebilde, als exzessive Ausnahmeereignisse oder aufrührerische Gewalten von Innen heraus erodieren. Die Kategorie der Gefahr hat in diesen Zusammenhängen eine Reihe von Wissensbereichen begründet, die den Titel moderner Gefahrenwissenschaften verdienen und sich auf verschiedene Einsatzbereiche von Gefahrenabwehr und Risk-Management im sozialen Verkehr beziehen: seien es Sozialstatistik und Probabilistik, Kriminologie und Kriminalistik, Psychiatrie und Sozialwissenschaft; oder seien es Medizin, Hygienik und Epidemologie, die einen spezifischen Gefahrensinn für unsichtbare Bedrohungslagen wie Ansteckung und infektiöse Milieus entwickelten.
Im Übergang zum 21. Jahrhundert haben sich verschiedene Schauplätze ergeben, auf denen sich prominente Spieleinsätze zeitgenössischer Sicherheitsregime abzeichnen. Das betrifft einerseits industrielle Produktionsweisen und riskante Technologien, die gegenwärtige Risikogesellschaften in selbst generierte und evolutionäre Gefahrenpotentiale verwickeln; mit Klimakatastrophen, atomaren Restrisiken oder der Diffusion von Atomwaffenarsenalen wird einen markanter Kontrollverlust und eine kritische Grenze des Versicherbaren angezeigt. Andererseits hat die Politik der Gefahrenabwehr dort ein besonderes Format erhalten, wo sich spätestens seit dem 11. September 2001 und dem so genannten Krieg gegen den Terror Feindschaftserklärungen nach Innen und nach Außen gleichermaßen richten. Im Sinne einer ‚Weltinnenpolitik' wurden kriegerische Interventionen mit Polizeioperationen kontaminiert und damit nicht zuletzt neue Feindschaftsfiguren hervorgebracht - Schurkenstaaten, Schläfer oder feindliche Kombattanten. In den Debatten um Notstandsgesetze und Ausnahmezustand, aber auch um den Rechtscharakter von Internierungslagern und Sicherungsverwahrungen lassen sich Grenzfiguren des Politischen ausmachen, die sich auf prekäre Unschärfebereiche zwischen rechtlichen und polizeilichen Zuständigkeiten, zwischen zivilen und militärischen Bedrohungsszenarien beziehen und insgesamt einen Wandel zu Präventionsgesellschaften anzeigen. Emblem dieser Veränderungen ist der Rekurs auf die Effizienz von Frühwarnsystemen jeglicher Art, die sich auf vielleicht insistierende, vielleicht noch unbekannte, vielleicht schlicht nicht vorhandene Gefahren beziehen - aber eine dauerhafte Alarmbereitschaft reklamieren.
Vor diesem Hintergrund wird in den vorliegenden Beiträgen auch eine Reihe von Fragestellungen angesprochen, die das Thema des "Gefahrensinns" systematisch erschließen. Dazu gehört erstens eine spezifische Zeitökonomie, sofern mit dem Vorgriff auf Gefahrenhorizonte verschiedenartige Figuren des Zukünftigen insistieren. Mit den Adressen von Gefahr und Gefährlichkeit wird die Fragwürdigkeit künftiger Geschicke aktuell; und das Gefährliche kann dabei unterschiedliche temporale Gestalten annehmen: als das plötzliche Hereinbrechende oder Lauernde, als lukrative Chance oder lähmender Schrecken, als Ungewissheit, als Unausweichliches oder Latentes, als verborgener Einschluss einer gefährlichen Zukunft in der Gegenwart. Ähnliches gilt zweitens für die Schauplätze, für die räumlichen Referenzen des Gefahrensinns. Auch hier lassen sich eine Artenvielfalt und historische Verlagerungen gefährlicher Orte verzeichnen. Die Variationsbreite reicht hier von fernen und exotischen Wildnissen bis zu innersozialen Verwahrlosungszonen, von sekreten, katakombengleichen Räumen düsterer Machenschaften bis zu einer Gefahr, die unerkannt gleich nebenan haust. Der Gefahrensinn ist unmittelbar mit einer räumlichen Einbildungskraft und deren Attraktionen verknüpft.
Ein herausragender Aspekt liegt drittens ins der Affinität zwischen Medien und Gefahr bzw. Gefahrensinn. Dabei geht es nicht nur um die Neigung massenmedialer Produktionen zu den sensationellen Bildbereichen des Apokalyptischen oder Katastrophalen, um eine Tendenz, die mit wechselnden politischen Auftragslagen ebenso verknüpft ist wie mit Vorstellungen von besonders verletzlichen oder immunen Kapitalien einer Kultur. Ein besonderer Akzent wird vielmehr vom Gefährlichen der Medien selbst gesetzt; jedenfalls kann die Mediengeschichte jenen seltsamen Sachverhalt verzeichnen, dass die Ankunft neuer Medientechnologien stets eine Ausmalung ihres ruinösen Potenzials nach sich zieht, dass also neue Medien stets Menetekel neuer Mediengefahren sind: von Lesesuchtdebatten über Movie Madness bis zu den Verderbnissen, die digitale Technologien in Kinder- und Jugendzimmer hineingetragen haben sollen. Medienwissen scheint stets gefährliches Wissen zu sein. Dies führt viertens schließlich zur Frage, wie der Zusammenhang von Gefahrensinn und Kommunikationsweisen bestimmte Affektkulturen hervorbringt, die auf unterschiedliche Weise - politisch, psychologisch, pädagogisch, anthropologisch - ausbuchstabiert werden. Lässt sich mit der Entstehung neuzeitlicher Sekuritätsdispositive eine Verwandlung diffuser Bedrohungslagen in konkrete Befürchtungen verzeichnen, so wird die Ambivalenz des modernen Gefahrensinns offenbar durch eine umgekehrte Relation charakterisiert, nämlich dadurch, dass der Zuwachs an Schutzmechanismen und Absicherungen eine psychohistorische Konjunktur von Ängsten provoziert, die die Wege fantasmatischer Ausgestaltung oder existenzieller Deutung gleichermaßen nehmen können. Hier hat die "Gefahr" - über das mittelhochdeutsche "gevare" - ihren alten Nebensinn von (böswilliger) Nachstellung behalten und stattet den Gefahrensinn mit allen Optionen von Verfolgung und Verfolgtwerden aus. Damit wird wohl die Grundfrage nach dem Gefahrensinn, nach seiner Geschichte und seinen Epochen noch einmal gestellt: mit der Frage, wie und mit welcher Intensität die Aktionen von Nachstellung und Verfolgung am Aufbau von sozialen, politischen und symbolischen Ordnungen beteiligt sind.
Die Herausgeber
|