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Archiv für
Mediengeschichte, No. 3:
Medien der Antike
Herausgegeben von
Lorenz Engell, Bernhard
Siegert und Joseph
Vogl, Weimar (Universitätsverlag) 2003, 211 S.
Editorial Im Entferntesten kann das Nahe am
besten beobachtet werden, mit dem Nahen ist das Entfernteste gerade deswegen
andererseits noch immer besonders belastet. Der historische Medienbegriff
ist an der Antike und diese an jenem zu schärfen. Genau um diese
Rückwirkung zwischen dem Antiken und dem Medialen geht es hier.
Mit der allmählichen Durchsetzung eines erweiterten und zunehmend
begründeten Medienbegriffs hat sich nämlich eine neue Chance
ergeben, die Antike geschichtlich zu bestimmen oder wenigstens zu umreißen.
Nachdem »Medien« nicht mehr automatisch identifiziert werden
müssen mit den modernen, technisch, soziologisch und ästhetisch
begriffenen Massenmedien wird es möglich, auch frühere Gesellschaften
als die moderne in ihren Grundzügen als Mediengesellschaften zu analysieren.
Harold Adams Innis hat dies schon sehr früh und mit einer bis heute
verblüffenden Inspiriertheit vorausgedacht. Seine Schriften sind
deshalb bis heute wegweisend für eine Befassung mit der Medialität
des Antiken. An die überragende Bedeutung seines Denkens für
das Konzept der Medienantike versucht das Archiv für
Mediengeschichte zu erinnern, indem Gedankensplitter aus Innis berühmten,
aber noch völlig unausgewerteten und auch nicht übersetzten
Idea Files, den losen Aufzeichnungen des Autors, in das vorliegende Heft
aufgenommen wurden. Wie weit Innis dabei vorausdachte wird deutlich, wenn
man seine Gedanken aus der Zeit um 1950 daran misst, dass die allgemeine
Medienund Kommunikationsgeschichte und nicht weniger Archäologie
und Altphilologie doch erst in allerjüngster Zeit die Untersuchung
der medialdinglichen Basis auch antiker Gesellschaften ins Blickfeld genommen
haben. Das bezieht sich in erster Linie einmal auf den unüberschaubar
folgenreichen Bruch oder Übergang , der mit dem Eindringen
der Schrift in die diskursive Praxis der Antike vorliegt. Es bezieht sich
weiter auf traditionell schon,
wenigstens implizit, als Medien behandelte Dispositive und ihre ästhetischen
Ausformungen wie das antike Theater. Es bezieht sich auf Kommunikationseinrichtungen
wie Leuchtfeuer, Botensysteme, öffentliche Post
und öffentliche Rede. Es ist dann aber auch auszudehnen auf
um einen modernen
Begriff zu verwenden symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien
wie das Geld, auf lange Zeit wegen der Dominanz des Schriftlichen unterschätzte
Basalmedien wie die Zahl oder gern kunsthistorisch verstellte wie das
Bild oder prinzipiell sogar auf die Geschichte der materialen Werkstoffe
und ihrer Bearbeitung.
Auch das vorliegende Heft des Archivs für Mediengeschichte wendet
sich in mehreren Beiträgen den Apparaturen und Praktiken der Medienantike
zu. Allerdings werden dabei wie es für die Mediengeschichte
als einer Geschichte der Dispositive kennzeichnend ist: ein Medium kommt
selten, ja niemals allein Bezüge hergestellt und meist
durchaus überraschende Kreuzungen und Hybridisierungen zu
medialen Komplexen verdichtet. So betrachtet Jan Assmann einmal nicht
die Literarisierung Griechenlands durch die phonetische Schrift, sondern
das Schriftsystem Ägyptens; so stellt Hans Christian von Herrmann
einen Zusammenhang zwischen Schriftpraxis, Theaterform und politischer
Verfassung her und so besticht Bernhard Siegerts Auseinandersetzung mit
der römischen Post dadurch, dass sie den »cursus publicus«
als Medienbedingung der Ausbreitung des Christentums insbesondere durch
Paulus erkennt. Damit ist auch das Thema des Straßenwesens erschlossen,
das Wolfgang Pircher einmal aus der Perspektive des Brückenbaus angeht.
In ihren Untersuchungen zum wichtigen Thema des Geldes
machen sowohl Stefan Heidenreich als auch ganz anders gelagert
Marc Shell sehr deutlich, wie aktuelle medientheoretische Kontextualisierungen
und Bezugsperspektiven den Blick auf die Antike verändern und schärfen
können.
Von Mediengeschichte aber kann im Grunde, so lautet die Arbeitshypothese,
der sich das Archiv für Mediengeschichte verpflichtet fühlt,
stets nur in einem Doppelsinne die Rede sein. Dies betrifft zunächst
die Seite des historischen Materials, der historischen Thematik. Denn
wie alle Medienwissenschaft, so fragt auch die Mediengeschichtsforschung
und -schreibung nach den Medien als den Möglichkeitshorizonten und
Bedingungsgefügen des Historischen. Medien sind die Konstitutionsmerkmale
dessen, was dann als Gegebenes, als historischer Gegenstand erscheinen
mag und doch immer als ein Gemachtes, Gewordenes gerade unter historischen
Bezügen, aber nicht nur unter ihnen sich erweist. Medien gehen
als Ermöglichungen dem, was ist, voraus und sind zugleich als definierbare
Formen, etwa der Übertragung, der Speicherung und der Verarbeitung
von Daten, der kommunikativen Prozessierung von Sinn ebenso, seine Produkte.
Medien sind so auf unhintergehbare Weise mit dem historischen Gegenstand
und seiner Konstitution verknüpft. Keine Epoche, keine Gesellschaftsformation,
keine Wirtschafts und Verkehrsform, keine technisch-wissenschaftliche
Kultur, kein ideengeschichtlicher Komplex und insbesondere keine Kulturgemeinschaft
ist denkbar ohne die Medien. Jede Geschichte, so ließe sich überspitzt
sagen, ist die
Geschichte eines bestimmten Mediengebrauchs. Jedoch haben all diese Phasen,
historischen Figurationen und Konstellationen auch stets ihrerseits an
der Überarbeitung der medialen Basis, an der Neuentwicklung und Neuprojektierung,
an der gedanklichen, gesellschaftlichen und technischen Neueinrichtung
bislang unrealisierter Medien und ihrer Gebrauchsweisen gearbeitet, was
ja etwa besonders die traditionelle Mediengeschichtsschreibung als eine
Geschichte der Erfindungen und Entwicklungen zu Recht betont und erforscht
hat.
Die zweite und ihrerseits mit der ersten untrennbar gedoppelte
Zweiseitigkeit der Mediengeschichte ergibt sich aus der Medienabhängigkeit
des historischen Verfahrens selbst (im Kontrast zum historischen Gegenstand).
Das Historische ist beschreibbar, ja überhaupt erkennbar besonders
dann, wenn alles Erkennen ein Beschreiben ist nur mithilfe von
Medien. Dingliche Quellen und ihre Entzifferung, Texte und ihre Lektüre,
Statistiken, aber auch Mythen und Erzählungen sind ebenso Mediendinge
wie die historische Darstellung in Wort, Bild und Datum mediendiskursive
Verfahren benötigt.
Also sind die Medien nicht nur ihrerseits historisch bedingt und beschreibbar,
sie begründen auch Möglichkeiten und Bedingungen des historischen
Erkennens und Beschreibens selbst. Jedes historische Erkenntisund Beschreibungsverfahren
verdankt sich bestimmten und bestimmbaren Medien, die es instrumentalisiert,
während sie es instrumentieren. So sind die historischen Gegenstände
doppelt medial konstituiert, einmal nämlich durch den Diskurs des
Historischen selbst in Forschung und Beschreibung, zum anderen
im zuerst genannten Sinne in ihrer Eigendimension innerhalb des
jeweils konstruierten historischen Gefüges. Beide Seiten hängen
miteinander eng zusammen; sie erzwingen eigentlich, dass die Mediengeschichte
neben der Medienbedingtheit des historischen Gegenstands auch die eigene
Medienbedingtheit immer mit reflektieren müsse und so aufzuzeigen
hätte, wie das historiographische Medium sich selbst im historischen
reflektiert, reproduziert, kontrastiert, überholt und überformt.
Das kann man vernünftigerweise von ein und demselben Forschungstext
kaum erwarten. Dennoch ist es möglich, die aufgezeigten Spiegelverhältnisse
zu beobachten, mindestens in der Berücksichtigung der verschiedenen
Aspekt- und Objektebenen. Die hier versammelten Texte haben dies gemeinsam,
dass sie entweder bereits in der Themenstellung oder aber in der Aspektierung
den Gedanken entfalten, dass die Frage nach der Geschichte der Medien
immer auch der Medialität und damit Historizität der Geschichte
selbst, der Qualität des historisch (Re-)konstruierten als Machwerk
und der Medienbedingtheit jeglicher (Re-)konstruktion von Geschichte gilt.
Alle schon oben genannten Beiträge sind dieser Sichtweise verpflichtet.
Ausdrücklich und thematisch wird dies zusätzlich da relevant,
wo beispielsweise Bettine Menke mit der Erinnerungskonzeption der Antike
zugleich
deren eigene historische Selbstbeschreibung, ihre Selbsthistorisierung
und deren Elementarprozess, eben das Erinnern, untersucht. In ähnlicher
Perspektive stellt Jasper Svenbro ein antikes Sinngebungsverfahren als
Prozessieren schriftförmiger Daten vor, das zugleich von der Reflexion,
der Rückkopplung des beschreibenden Textes auf das Verfahren selbst
gekennzeichnet wird. Auch darin wird das antike Medienbewusstsein angesprochen.
Haben diese Autoren es mit verschiedenen Aspekten der Eigenkonstruktion
antiker Mediasphären zu tun, so beziehen andere Beiträge die
Position der neuzeitlichen Antikenrekonstruktion und ihrer Medienbedingtheit
bzw. Medienreflektiertheit. Dies gilt etwa für Wolfgang Ernst, der
darlegt, wie veränderte Medien der archäologischen Forschung
und Darstellung eine grundlegend umzudenkende Antike produzieren können.
In ähnlicher Absicht rekonstruiert auch Irina Podgorny die archäologische
Rekonstruktion als ein besonderes Verfahren der Wissensgenerierung, das
seine eigene Formation in die seiner Resultate hineindrückt. Aber
dieser Aspekt der Nachträglichkeit, mit der
die Medien und Konfigurationen der Geschichtsforschung und -schreibung
ihren Gegenstand erst konstituieren und dann als einen primären inszenieren,
um so selbst als nachträgliche erscheinen zu können, wird auch
an ganz unvermuteten Zusammenhängen deutlich gemacht, etwa in Frank
Haases präzi-
ser Entmythologisierung der antiken Feuertelegraphie. Und so zielt Volker
Wortmanns Beitrag nicht nur auf eine Bestimmung des Bildes als Grundmedium,
sondern vor allem auf das antike Wissen vom Bild und seine vielfältigen
Wandlungen zum und Wechselwirkungen mit dem neuzeitlichen
Wissen vom antiken Bild.
Insgesamt werden in den Beiträgen Annäherungen sichtbar, die
den Spiegelungsprozess des Nahen im Fernen, also die Reflexion der neuzeitlichen
und modernen Kultur und Wissenschaft in ihrer Antikenprojektion, neu begreifen
wollen, nämlich weder vom Nahen und Aktuellen noch vom Antiken und
notwendigerweise Virtuellen her, sondern diesmal aus der Perspektive des
Spiegels, des Mittleren und Verbindenden, das Antike und Gegenwart verschweißt
und eben darin das eigentliche Medium der Antike ist. Aus der Perspektive
ihrer Medien erweist sich die Antike allemal als das Verhältnis zu
ihr.
Diesen Prozess sichtbar zu machen ist das Anliegen des vorliegenden
Heftes.
Die Herausgeber
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