|
|
|
Mediale Historiographien Editorial Neue wissenschaftliche Periodika werden bei ihrem Erscheinen in aller Regel mit der Notwendigkeit begründet, einen eklatanten oder doch bedauerlichen Mangel an wissenschaftlicher Öffentlichkeit für bestimmte Fach- und Themengebiete zu stillen und damit zu beseitigen. Die Einrichtung des Jahrbuchs "Archiv für Mediengeschichte", das hier in seiner ersten Ausgabe vorliegt, folgt jedoch nicht einem Mangel, sondern, im Gegenteil, formuliert einen immer unübersehbarer werdenden Reichtum. Das "Archiv für Mediengeschichte" versteht sich als ein Organ, das die - auch international - umfangreich angewachsene und qualitativ fortgeschrittene mediengeschichtliche Forschungstätigkeit wenigstens in einigen ihrer wichtigen Teile und Züge sammelt und dokumentiert, dabei bündelt und bisweilen sortiert, aufschließt und verfügbar macht. Medienhistorische Forschung ist heute ein Kernstück dessen, was die Geisteswissenschaften einmal waren. Sie ist aus der - notwendigen - Phase mehr oder weniger gegeneinander abgeschlossener, hochspezialisierter Frühformen herausgetreten, die lange Zeit über als Sondergebiet innerhalb anderer Disziplinen geführt wurden, etwa die Frühfilmforschung oder die Pressegeschichte, oder als "seltenes Fach" nur geringe Aufmerksamkeit genossen, wie die Buchwissenschaft oder die Photographiegeschichte. Von ihnen kann medienhistorische Forschung wertvolle methodische Paradigmen erlernen und mit ihren Augen kann sie bereits wohlsondierte Terrains überschauen. Sie hat indessen eine noch stets einengende Sicht auf isolierte Einzelmedien und Einzeldaten zugunsten einer Integration zu einer zusammenhängenden Gesamtschau aufgegeben, in der das abgezirkelt untersuchte jeweilige Medium, der Kommunikationsvorgang oder das Medienprodukt im Hinblick auf ein umfassenderes Mediales historisch modelliert wird. Genau diesem Anliegen widmet sich auch das "Archiv für Mediengeschichte". Sie ist mittlerweile sogar dabei, sich mehr und mehr als Schaltstelle zu begreifen und - zu wessen institutionellem Vorteil auch immer - in zahlreiche, auch mächtige wie traditionsmächtige, Disziplinen hinein zu verlängern. Keineswegs soll damit, der modischen Tendenz folgend, plötzlich auch alle Literatur- oder Kunstgeschichte Mediengeschichte oder als solche reformulierbar gemacht werden. Dennoch sind heute die historisch-hermeneutischen Disziplinen in der Lage, medienhistorisch zu denken, das heißt, ihre jeweilige mediale Basis, lange aus der Betrachtung ausgeschlossen, und deren historische Dimension mitzubeobachten. Dabei und dadurch nehmen sie eine grundsätzlich gewandelte Richtung an. Nicht mehr nur die Paradigmen setzenden Instrumente der Vermittlung, Aufzeichnung und Übertragung, die Massenmedien etwa, der Film, das Fernsehen, der Rechner, sondern zahlreiche andere Gegenstände auch sind heute als Medien und ihre Geschichte als Mediengeschichte interpretierbar. Dies wurde möglich, nachdem der Medienwandel unübersehbar zum Signum des Zeitalters avanciert ist und auch die Aufmerksamkeit für sein Funktionieren und seine Geschichte und Vorgeschichte exponentiell anwächst. Den Perspektiven und Grenzen einer solchen trans-hermeneutischen, fundierenden Allgemeinen Mediengeschichte geht das "Archiv für Mediengeschichte" nach. Daß die allfällig und explosionsartig angewachsene Bereitschaft, sich mit den Medien als Herzstück kultureller, ästhetischer, sinnstruktureller, gesellschaftlicher und technologischer Umbrüche zu befassen, insbesondere in medienhistorischer Forschung auskristallisiert, hat eine ganze Reihe von Gründen. Geschichtliche Selbstvergewisserung in unsicheren Zeiten etwa; Absicherung fragwürdig gewordener Identitäten in der Gegenwart durch Rückprojektion in die geschichtliche Vergangenheit, das Aufsuchen der Präzedenz spielt dabei zweifellos eine wichtige Rolle. Medien unterlagen schließlich schon immer vielfältigen Wandlungsprozessen, wo sie sie nicht sogar selbst mit auslösten und formten. Aber der Hauptgrund für die Aufmerksamkeit, die die Mediengeschichte derzeit genießt, dürfte weniger in gesellschaftlichen Problemlagen als vielmehr in der Dynamik der wissenschaftlichen Diskurse selbst liegen. Ihnen gilt das Medium zunehmend als Inbegriff für ein allfällig anzutreffendes Mittleres, das Mediale als Zone der Vermittlung, als zunächst so unbemerkbare wie unentbehrliche Ermöglichung aller Erkenntis, Erfahrung und Sozialisierung, aller Produktion, Reproduktion und Repräsentation. Es setzt Rahmen und Reichweite wissenschaftlicher Beobachtbarkeit; es wird zur Chiffre für die Bedingtheiten der untersuchten Welt schlechthin, eingeschlossen noch die Bedingtheit wissenschaftlichen Fragens selbst. So beansprucht heute ein mediales Apriori Geltung, ein wie immer paradoxes Apriori der Vermitteltheit, d.h. der Nicht-Unmittelbarkeit, Nicht-Ursprüglichkeit und Nicht-Gegebenheit des Realen. Das mediale Apriori rückt damit, und das ist entscheidend, eng zusammen mit dem älteren historischen Apriori, das immer schon auf der Gewordenheit und Gemachtheit aller empirischen und diskursiven Wirklichkeit beharrt hatte. Insofern sind historisches und medienwissenschaftliches Fragen, so wie das "Archiv für Mediengeschichte" sie aufnimmt, im Innersten verwandt. Genau an dieser Stelle nimmt die Themenstellung der vorliegenden ersten Nummer des "Archivs für Mediengeschichte" ihren Ausgang. Wenn hier mit durchaus programmatischem Oberton "Mediale Historiographien" in den Focus rücken, also die Prozeduren und Verfahren einer Geschichtsschreibung der Medien, dann steht am Anfang die Frage nach der medialen Dimension des Historischen selbst. Damit ist zunächst eine Umkehrbewegung zur traditionellen Frage nach der Geschichte eingeführt, die noch stets beim geschichtlichen Bestand und den wissenschaftlichen Methoden seiner Erschließung angesetzt hat und die Frage nach der Darstellung des Historischen dem nachordnete. Hier aber geht es zuerst um die Problematik verschiedener Formen der - medialen - Vermittlung auch des Historischen. Vermittlung aber heißt immer, daß das Vermittelte, also die Geschichte, in unserem Fall die Geschichte der Medien, unter Bedingungen gesetzt wird. "Mediale Historiographien" werden in diesem Sinne als Bedingungsgefüge verstanden, die durch die Beschreibung der Mediengeschichte diese mit produzieren. Mediale Historiographie besitzt wiederum drei Seiten oder Pole. Zum Einen geht es dabei um die geschichtliche Exploration; um die Erörterung und Prüfung dessen, was überhaupt in historischer Beschreibung als medienhistorischer Bestand, als Datum in der Mediengeschichte ausgewiesen werden kann; was Gegenstand medienhistorischer Darstellung werden kann und auf welche Weise. Hier steht also die Konstitution des medienhistorischen Gegenstands in Rede; es geht nicht zuletzt um die noch immer wichtige Frage danach, was ein Medium eigentlich "sei", historisch gewendet, wie etwas zum Medium werde. Es geht zum Zweiten um methodische Probleme mit und bei der Darstellung der Mediengeschichte, sei es in der Einzelfall-, sei es in der Integrationsperspektive. Unterschiedliche historiographische Schreibweisen und Verfahren produzieren als je eigenständige diskursive Ansätze spezifische Versionen der Mediengeschichte, die sich im epistemologischen Gehalt, in ihrer Funktion und Funktionsweise deutlich unterscheiden können und wohl auch divergierenden Untersuchungsinteressen Raum geben. Zum Dritten jedoch befaßt sich mediale Historiographie mit dem Umstand, daß alle Geschichtsschreibung ihrerseits medienabhängig ist; ohne Medien des Beobachtens, Archivierens, Sortierens, Erschließens, aber auch der repräsentierenden Beschreibung, der Codierung und Darstellung in Bild, Wort und Zahl sowie schließlich solche der Verbreitung ist Geschichtsschreibung (und ist vermutlich sogar Geschichte) nicht möglich. Die Medien sind also nicht nur Gegenstand historischer Betrachtung, Codierung und Darstellung, sie setzen die historische Betrachtung, Codierung und Darstellung auch ihrerseits unter Bedingungen; so gibt es stets ein - unausgesprochenes, aber freizulegendes - Konzept des Historischen, das spezifisch ist für das jeweilige Medium, etwa ein spezifisch filmisches; ein spezifisch digitales. Und dies gilt natürlich auch und ganz besonders da, wo die Medien auch auf der Gegenstandsseite der Historiographie fungieren; wo also ein Medium im Lichte eines anderen historisch beschreibbar wird oder sogar selbst die Mittel bereitstellt, derer es zu seiner Historisierung bedarf. In diesem dreifachen und oftmals dreifach verquickten Bezug bewegen sich medienhistorische Darstellungen heute. Der vorliegende Band des "Archivs für Mediengeschichte" bemüht sich, zumindest einigen wichtigen Autoren, Positionen und "Schulen" medienwissenschaftlichen Denkens die Frage nach Stellenwert und Funktionsweise des Historischen und namentlich der Historiographie in diesem Verständnis zu stellen. Dabei ergibt sich eine erste Gruppe von Beiträgen, die stärker von modellbildenden, generalisierten Überlegungen zur medialen Historiographie ausgeht, die dann an Beispielen erhärtet werden können; und eine zweite, die eher von exemplarischen Einzelfällen oder spezifischen Problemstellungen aus argumentiert, die dann zu Leitideen oder -fragen medialer Historiographie ausgearbeitet werden können. Zum ersten Teil zählt Brian Winstons sozialgeschichtliches Modell technologischer Innovationsprozesse; der einführende Text Daniel Bougnoux' zur Schule der französischen "Médiologie" und ihrer spezifischen mediengeschichtlichen Perspektive; Lorenz Engell schlägt eine funktionalistische Beschreibung der Verschränkung des Medialen mit dem Historischen vor. Weiter ist zu den eher modellbildenden Ansätzen William Uricchios Beitrag zum Problem der Historisierung von Übergangsmedien, namentlich des Films, zu zählen; Oliver Fahle entwickelt eine konzeptgeschichtliche Überlegung, die am Beispiel der Bildmedien das Historische in der Eigenbewegung des medialen Denkens freilegt. Nach Friedrich Kittlers mediengenealogischer Skizze über Bild, Schrift und Zahl schließt Bernhard Siegert diesen ersten Teil ab mit dem Vorschlag, im Anschluß an Michel Serres' das "parasitäre" Moment im mediengeschichtlichen Prozeß historiographisch zu erschließen. Den zweiten Teil, der die Beiträge in der geschichtlichen Abfolge der gewählten Bezugspunkte anordnet und eher paradigmatisch argumentiert, eröffnet Jochen Hörischs Überblicksdarstellung der Mediengeschichte im Ausgang einmal vom Heiligen Abendmahl, zum anderen vom Medium Geld. Joseph Vogl beschreibt anhand des Galileischen Fernrohrs typologisch den mehrschichtigen Prozeß der Medien-Genese als nur historisch lesbare Figuration des Medialen; Brian Rotman behandelt die Differenzen zwischen Graphie, Phonie und Gestus als medienhistorischen Komplex. Charles Grivel erläutert impressionistisch das Programm einer Geschichte der photographischen Bilder. Siegfried Zielinski beschreibt seine eigene medienarchäologische, dispositv-geschichtliche Forschung anhand des technischen Hörens und Sehens; Lev Manovich begründet das Interface als nicht nur technische, sondern mediengeschichtsliche, gleichsam wandernde Schnittstelle, die er vom Film bis in die jüngsten Entwicklungen hinein faßt. Claus Pias postuliert eine kybernetische Geschichte ohne Geschichtsschreibung, in der Geschichtsverfertigung und Geschichtsbeschreibung echtzeitlich zusammenfallen. Schließlich beleuchtet Hedwig Wagner anhand der Diskussion einiger Arbeiten Valie Exports die historiologischen Implikationen des Paradigmenwechsels vom Feminismus zu den "Gender Studies". Damit liegt hier erstmals eine - niemals vollständige - Erfassung von Texten zum Stand der Methodenprobleme und der Gegenstandsbreite der Mediengeschichtsschreibung vor. Sie kann als erster Ausgangspunkt für weitere Konzeptualisierungen des schwierigen Prozesses der medialen Historiographie dienen. Zukünftige Bände des "Archivs für Mediengeschichte" werden diese programmatisch-metawissenschaftliche Linie gelegentlich wieder aufnehmen, auch wenn der Schwerpunkt der nächsten Ausgaben von den Problemen zweiter Ordnung zu denen erster Ordnung übergehen und die Bearbeitung ausgewählter Bezirke der Mediengeschichte wie "Licht und Leitung" oder "Medien in der Antike" vorziehen werden.
|