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Der kinematographische RaumStudienprojekt 6 SWS - 17 Credits Dr. Ute Holl (Geschichte und Theorie Künstlicher Welten) "You're my second chance" schreit Scottie in Hitchcocks VERTIGO. An welcher Stelle? Wen meint er damit? Es geht um Leben und Tod. Könnte es sein, daß der Film doch nicht nur, wie Chris Marker schrieb, vom "Taumel der Zeit" handelt, sondern eben auch vom Schwindel der Identitäten und der Subjektivität im Kino? Von den Halluzinationen, die sich diesem künstlichen Raum verdanken, die dem Ich noch eine Chance geben, ein anderes zu werden - oder aber es irreführen, fallen lassen oder ausliefern an die Architekturen der Macht ? Im geplanten Projekt soll der kinematographische Raum, der sich zwischen kinotechnischer Apparatur, filmischen Verfahren und menschlicher Wahrnehmung aufspannt und insofern allen ikonographischen und narrativen Formen vorausgesetzt ist, in seinen Strukturen untersucht werden. Fragen nach der Historizität der Wahrnehmung, nach Bedingungen der Subjektivität, nach den ideologischen und sozialen Ursprüngen und Effekten technischer Agencements sollen schärfer gestellt werden, um dadurch genauer zu fassen, warum das Kino nicht nur als Repräsentationssystem, sondern als Dispositiv zu begreifen wäre. Zunächst werden die Fragen anläßlich historischer Kinotheorien untersucht (zur Diskussion stehen unter anderem Münsterbergs und Arnheims pychophysiologische Ansätze, die Schriften Vertovs und Pudovkins für die russischen Kinokonzepte der zwanziger Jahre, Bazin, Bresson, Godard für französische Kinotheorie der Nachkriegszeit, dann insbesondere die Apparatustheorie der späten sechziger und siebziger Jahre, sowie neuere semiotische und feministische Kinotheorien.) Kino-Technik wird entdeckt als Organisation von Blickstrukturen, deren Funktionen der Wahrnehmung im Moment des Kinosehens unbewußt bleiben. Insofern erscheint der Kino-"Apparatus" als Maschine des Sozialen, als Wunsch- und Transformationsmaschine oder aber als Vorrichtung, die Wille und Vorstellung steuert und das Subjekt ihrer Perspektive und Bewegung unterwirft. Zu fragen bleibt, inwiefern der kinematographische Raum das symbolische System des Films strukturiert, und inwiefern er nicht nur psychische Zustände formiert, sondern auch gesellschaftliche, politische Verhältnisse - über den Raum der Projektion hinaus. In zweierlei Hinsicht sollen im Laufe des Projekts die Interferenzen
von kinematographischem und politischem Raum untersucht werden: Einmal
ginge es darum, Einbrüche neuer und unbekannter Raumformen bzw. -erfahrungen
in der Kinogeschichte (ermöglicht durch technische Innovationen,
neue Kamerabewegungen, neue Montage-Formen oder neue Möglichkeiten
der Lichtgebung beispielsweise) aufzuspüren und in ihrem politischen
und sozialen Kontext zu untersuchen. Das Projekt beginnt mit einer intensiven Einführungsphase am 10., 11. und 12. Oktober jeweils von 11.00 bis 17.00 Uhr, um dann 14tägig jeweils Donnerstags von 11.00 bis 18.00 fortgeführt zu werden. Es setzt eine Bereitschaft zu intensiver Lektüre und zur selbständigen Entwicklung vereinbarter Themen voraus. Zu den Sitzungen kommen außerdem Film- bzw. Videosichtungen nach Absprache. Eine ausführliche Literatur- und Filmtitel-Liste wird am 10. Oktober ausgegeben. Zum Projekt gehört außerdem das Seminar "Fernsehen im Film" von Lisa Gotto. |