Der
Gute Film, 2.
Wintersemester 99/00,
Mittwoch, 18 - 22 h, HS A (Lorenz
Engell)
9. Vorlesung
(5. 1. 00): "Diva" , Jean Jacques Beineix,
1980.
1.
Begrüßung, Rückblick, Vorrede, Einleitung.
1. Begrüßung
und Rückblick
- Willkommen im
dritten Jahrtausend.
- Rückblick.
Zuletzt haben wir behandelt "Ekel", "Rote Sonne" und "Das Gespenst
der Freiheit"; d.h. mit Affektbildern und mit
Traumbildern.
- Rekapitulation
Affektbilder: In den nahtlosen Zusammenhang der Reize und
Reaktionen (Sensomotorische Kette) tritt eine Unterbrechung ein:
Das Gesicht, die Großaufnahme oder (wie bei "Rote Sonne",
hier leider nicht mehr angesprochen) der "Beliebige Raum"
(Deleuze). Auf dem Gesicht z.B. der Carol läßt sich
eine Reaktion nicht mehr ablesen; die Umwelt wirkt auf sie ein,
aber das Gesicht bleibt unverändert; die Rückwirkung,
die Reaktion bleibt ebenfalls aus: Der Moment des nicht
stattfindenden Umschlages, des Innehaltens: Zentrum der
Indetermination. Ähnlich auch in "Rote Sonne": die
beiläufige Beobachtungshaltung wird nicht aufgegeben
(Beischlafszene nach Mord); eine Reaktion kann kaum ausgemacht
werden; die Verkettung auch der Aussagen setzt aus.
- Rakapitulation
Traumbilder: Erstens mithilfe der Freudschen Traumdeutung die
onirischen Strukturen der Filme (Ekel, Gespenst) analysiert:
Verdichtung, Verschiebung, Symbolisierung, Zensur. Zweitens:
Traumbilder als "andere Realität", zu der wir im Traum oder
per Film Zugang haben; Wahrnehmungsinstrumente (Idee auch des
Surrealismus). Traumbilder können auch, wie Affektbilder,
zwischen die auseinandertretenden Pole der sensomotorischen
Beziehung treten. Expliziter und Impliziter Traum: Während
bei "Ekel" noch eine Welt außerhalb des Traums bzw. der
Wahnvorstellung vorkommt, ist dies bei Bunuel umgekehrt: Die
Figuren verhalten sich völlig normal in einer völlig
verückt gewordenen Welt, Deleuze: "impliziter Traum", d.h.:
die grenze zwischen der Realwelt und der Traumwelt wird einmal von
diesseits aus, einmal schon von jenseits aus umspielt.
- Wir haben gesehen,
wie sich von Anfang an (d.h. seit den Vorläufern wie bei
Hitchcock und seit "Die Spielregel" in den späten
dreißiger Jahren) Schritt für Schritt und ganz
allmählich aus dem Klassischen Kino mit seinen Gesetzen der
Handlung und der Handlungsdarstellung, der Bewegungs- und der
Raumaufteilung (wir haben das anhand von "Spielregel", von "39
Stufen", von "Tote schlafen fest" bearbeitet: Diese Filme sind zu
weiten Teilen klassisch, auch wenn sie schon an der
Herausarbeitung der Moderne Teil haben) das Moderne Kino entsteht,
das durch Reflexivität (im Doppelsinne) gekennzeichnet ist,
d.h. das einerseits ein selbstbewußtes, seiner selbst und
seiner Medialität bewußtes Kino ist, das mit seinen
eigenen, klassischen Gesetzen spielt und sie dabei verändert;
andererseits aber auch ein "denkendes", ein der Gedankenarbeit
verpflichtetes, das also "Kino im Kopf der Zuschauer" ist und
weniger Bilder und Geschichten liefert als vielmehr Gelegenheiten
für Zuschauer, Bilder und Geschicten zu konstruieren (wir
haben von "offen" und "geschlossen" gesprochen). Dieses moderne
Kino setzt sich in den fünfziger und sechziger Jahren durch;
ein schubweiser Prozeß;
- beispielsweise
könnte man sich fragen, ob nicht "Gespenst" sich auch durch
einen weiteren Modernitätsschub von "Ekel" unterscheidet
(wird nicht weiter verfolgt).
2. Vorrede und
Einleitung
- "Diva" bezeichnet
nun einen weiteren phänomenalen Umbruch, einen
aufsehenerregenden Einschnitt in der Filmgeschichte, den dieser
Film nicht allein markiert (auch die weiteren des
Semesterabschlusses werden das tun), aber stellvertretend.
Anekdote: Wie ich "Diva" das erste Mal sah; die Welt des "Rosa Lu"
und die des "Casablanca": die Welt der tradierten Bedeutung gegen
die der bloßen Form.
- "Diva" vereinigt
zwei Stränge des jungen französischen Films der 8oer
Jahre, der sich neben den Arbeiten der älteren,
bewährten Regisseure wie Resnais, Rohmer, Chabrol, Malle
etabliert; dies ist einmal der "harte" Gangster- und
Außenseiterfilm, das "Schwarze Paris" der 8oer Jahre mit
Filmen wie "Le choix des armes", Alain Corbeau 198o, "Rue
Barbare", Gilles Béhat, 1983, "Rue du départ", Tony
Gatliff, 1986, "Tchao Pantin", Claude Berri 1983; dazu zählen
auch sozialkritisch gewendete Außenseiter- und
Immigrantenfilme wie "Neige", Juliet Berto, 1981, "le grand
Frère", Francis Girod 1982 und "The au harem
d'Archimède", Mehdi Charif, 1984;
- dies ist
andererseits das Kino der großen visuellen Schauwerte, der
durchinszenierten, kalkulierten Oberflächenbilder und
spekatkulären Effekte wie bei Beineix außer in "Diva"
auch in "Betty Blue", 1985 und in "IP 5" 1987; bei Luc Besson in
"Subway, 1985", "Le Grand Bleu" 1987 und "Nikita", 1989; bei Leos
Carax in "Boy Meets Girl", 1985 und in "Les Amants du Pont Neuf",
1991, alles Regisseure, die vom Werbefilm her kommen.
- Da der erstgenannte
Strang eine Tradition des frz. Kriminalfilms der 5oer und 6oer
Jahre (Melville, Miller) wieder aufnimmt, Anklänge an die
Schwarze Serie und an die Nouvelle Vague bereithält, der
zweite dagegen völlig neuartig ist, were ich in Sonderheit
den zweiten Strang analysieren. ZITAT GERHOLD, Kino der Blicke, S.
216.
- In der Folge werde
ich dies etwas genauer analysieren: Metaphysik des Dekors vs.
Filmstyling; hinzu kommt, ganz unvermeidlich: Mit diesem
Spannungsverhältnis (und mit anderen Eigenschaften) erweist
sich "Diva" als ein frühes Filmbeispiel für das
"postmoderne" Kino, das sich vom "klassischen" und auch vom
"Modernen" Kino absetzen läßt; noch genauer: für
eine erste Phase des postmodernen Kinos.
- Dabei möchte
ich aber auch auf einige Eigenheiten speziell dieses Films
hinarbeiten; ihn also nicht ausschließlich als typisch
für seine Zeit und für eine Gruppe von Filmen
betrachten, sondern das für ihn Typische herausstellen. Dies
liegt u.a. in der Behandlung eines ganz speziellen Themas: der
Oper.
- Ablauf (Ausblick)
daher: 1. Film und Oper; allgemein und hier; 2. Metaphysik des
Designs und Filmstyling, 3. "Diva" als postmoderner
Film.
2. "Das Kraftwerk
der Gefühle" (Alexander Kluge): Die Oper und das
Kino.
1. Die Anekdote von der
Schlernbesteigung
EINSPIELER: Arie der
Wally (Maria Callas)
- Die Anekdote von
der Schlernbesteigung. Die Moral der Anekdote: eine doppelte;
erstens: die Musik betreibt offenbar, jenseits aller Bedeutung,
eine Art Empfindungs-, Sensationsmanipulation (z.B.: Erinnerung
!); zusätzlich: das Medium (in der Anekdote: der Walkman),
das mich meiner Umgebung enthebt, die Umgebung gleichsam
artifizialisiert und damit ästhetisiert (Affekt: etwas tritt
zwischen die Wahrnehmung und die Reaktion darauf !)
- Diese
Phänomene der Sensationsmanipulation, der Affektsteuerung und
der Artifizialisierung und der Ästhetisierung gilt es hier
zum Ausgangspunkt zu machen ! Wir sind nämlich offfenbar
dabei ganz nahe an "Diva" mit seinem Ästhetisierungsbestreben
daran ! Daher:
2. Exkurs zu einer
Mediengeschichte der Oper
- Frühgeschichte.
Barockoper. Entsteht aus dem musikalischen Zwischenspiel, das
verschiedene Teile einer Festinszenierung am Hofe verbindet, z.B.
Feierlicher Einzug, Theaterstück, Ballett, noch ein Ballett:
ein Musikstück mit (zunächst noch sehr
rudimentärer, einfacher) Handlung. Berühmt: Die
Intermedien anläßlich der Hochzeit der Katharina von
Medici mit Henri IV, die nämlich erstmals eine fortlaufende
Szenenfolge ausbildeten: Oper entsteht im 16. Jhdt. als Teil des
sich ausbildenden höfischen Systems, des
höfisch-barocken Repräsentations- und
Illusionszusammenhangs: Inszenierung von Herrschaft.
- Übergang. Im
17. Jhdt. wird die Oper nicht nur in das System der höfischen
Kultur integriert (besonderer ästhetischer Schwerpunkt z.B.
Neapel), sondern auch von der aufstrebenden bürgerlichen
Schicht, ähnlich wie das Theater, nach und nach als eigenes
Selbstverständigungsmedium entwickelt; v.a. in Venedig
(eigenes Opernhaus: La Fenice).
- Klassische Oper:
18. Jhdt. Oper verläßt das reine
Repräsentationsschema (ohne sich daraus zu lösen) und
wird zum "Verhandlungsmedium", das eine Geschichte erzählt,
das Figuren erfindet, welche Gefühlslagen austragen,
Konflikte durchstehen etc. Entscheidend dabei. die Glucksche
Opernreform (2. Hälfte des 18. Jhdts.), die die Soloarie in
den Vordergrund rückt, in der eine Figur ihre
Gefühlslage oder ihre Gedanken erörtern kann.
Psychologische und empotionale Glaubwürdigkeit. Zunehmende
theatralisch-mediale Perfektion (z.B. in der Illusion); zunehmende
Abkehr von den repräsentativ-mythologischen Stoffen zugunsten
historischer oder gar zeitkritischer Stoffe. Soziologisch
kennzeichnend: Nebeneinander höfischer und bürgerlicher
Kommunikationsinteressen. Höhepunkt natürlich:
Mozart.
- 19.Jhdt.:
Durchsetzung der Oper als bürgerliches Medium mit dem
charakteristischen Zugleich von Gefühl und Politik, d.h.: die
Oper wird einerseits als Manipulationsmöglichkeit der
Gefühlswelt (Stichwort: Machbarkeit der Empfindungen)
weiterentwickelt, andererseits als politisches
Selbstverständigungsmedium immer mehr genutzt: Sie bekommt
eine "transzendente" gesellschaftliche Bedeutung: MODERNE OPER.
V.a. die italienische Oper: Rossini, Verdi Donizetti, Pucini; aber
auch die französische "Grand Opéra" des 19.Jhdts.;
auch z.B. Wagner und Weber in Deutschland: Gefühl plus
Politik.
- Paradoxie des
Gefühls: Einerseits wird durch die bürgerliche Kultur
das Subjekt als Ruhepol un Zentrum eigeführt und das
Gefühl als ureigenster, unveräußerlicher
Authentizitätskern des Individuums; andererseits wird die
Gefühlsempfindung als provozierbar, als machbar erkannt (und
zwar mithilfe medialer Manipulationen): Die "Oper im Kopf"
!
- Hierin in einer
Sonderrolle: Richard Wagner mit dem Konzept des Gesamtkunstwerks;
mit dem Festspielhausprojekt in Bayreuth: ein mediales
Großprojekt.
- Schon sehr oft ist
bemerkt worden, daß das Kino da ansetzt, wo Wagners Oper
aufhört: bei der Synästhetsie, beim kompletten
Wahrnehmungs- und Gefühlsdispositiv. Norbert Bolz, Friedrich
Kittler haben auf diesen Zusammenhang hingewiesen, aber auch, und
besondrs schön, Alexander Kluge (in seinem Film über die
Oper: die Macht der Gefühle): "Im 19. Jhdt. entsteht das
Projekt eines Kraftwerks der Gefühle. Das Opernhaus. Irgend
etwas in der Anfangsphase des Projektes ging schief". Beachte
auch: Es gibt immer wieder Opern- und Filmregisseure, z.B.
Visconti, Schroeter, Zeffirelli, Rosi, Bergman,
...
3. Die Funktion der
Oper in "Diva"
- Catalanis "La
Wally": ein Projekt durchaus in Konkurrenz zu Wagner, also mit
ähnlichen synästhetischen, bewußt medialen und
damit modernen Zielsetzungen. Hier also überdeutlich: Film
als die Fortführung der Oper mit anderen Mitteln;
- mit diesen "anderen
Mitteln" allerdings ändert sich ALLES: Als
Medienwissenschaftler wissen wir, daß unter veränderten
medialen Bedingungen alles sich verändert.
- Die Oper (das
Gefühl) wird externalisiert und fetischisiert; sie wird einer
ansonsten gefühlsfreien Umgebung gegenübergestellt als
(noch dazu ziemlich heruntergekommener !) Sonderraum. Das
"Gefühl" stellt sich aber dabei nicht mehr ein: lediglich
Bewunderung für die Perfektion des Vortrags, die
Virtuosität.
- Die Aufmerksamkeit
gilt damit nicht mehr der gesungenen Welt, auch nicht der Arie,
sondern dem Gesang, letztlich dem Konzertereignis selbst. Nicht
die Arie ruft die Gefühlszustände hervor, sondern der
Vortrag, das Ereignis der Stimme selbst; oder auch nur das
Gefühl der besonderen Teilhabe (am Konzert). Das Konzert,
bestenfalls der Vortrag selbst wird zum Fetisch. Das Motiv des
fetischs wird durch das Motiv gestohlenenen Kleides besonders
hervorgehoben.
Zu ertragen ist die Welt aber nur als eine ästhetische
(Rechtfertigung der Welt als ästhetisches Phänomen:
Kierkegaard et al.); nur kann die Oper (oder wie hier: die Arie,
das Recital) zur Ästhetisierung der Welt nichts mehr
beitragen, weil sie in Sonderräume abgedrängt wird
(schwach argumentiert). Nunmehr kann auch die ansonsten hoch
befremdliche, abweisende Welt zum "Wunder" zur besonderen
ästhetischen Erfahrung werden, wenn in ihr die Stimme und die
Arie erklingt. In ähnlicher Weise kann auch eine
heruntergekommene verlassene, ruinierte Fabrikhalle
ästhetisiert werden durch "Stil" z.B., durch seltsamen
Einrichtungswillen etc (vgl. Designabschnitt, s.u.). Vgl. auch:
Der Killer mit seinem Ohrhörer mit der Musette-Musik, der
dadurch immer irgendwie "abwesend" wirkt.
- Das Tonband ist
also einmal Fetisch der Stimme (des Ereignisses), zum anderen aber
auch Export des Ereignisses in andere Horizonte, d.h. Befreiung
der Gefühlsproduktion aus dem Gefängnis der
Fetischisierung und ungeheure Ausweitungsmöglichkeit ihrer
Wirksamkeit (vgl. Schlernanekdote !). Reproduktion nicht im Sinne
einer Wiederholung des Ereignisses ist die Folge, sondern im Sinne
der Vervielfältigung !
- Schluß:
Wiedereinholen der Reproduktion in den Raum des
(ursprünglichen) Ereignisses: Erstmals wird die Diva selbst
Zeugin der von ihr selbst erzeugten Manipulation des Gefühls
! Ohne selbst zu singen, konnte sie sich zuvor nie hören !
Sie wird jetzt erst, als Eigentümerin des Bandes, zur
Eigentümerin ihrer Stimme überhaupt. So ist am
Schluß sogar nicht auszuschließen, daß sie sich
zur Plattenproduktion entschließen wird.
- Beachte: Wiederkehr
des Themas vom Affektbild, jetzt aber gleichsam von der anderen
Seite: Die Diva, sonst immer Aktions"fläche", wird zur
Perzeptions"fläche"; die technische Manipulation
(Tonaufzeichnung) ermöglicht also hier die Schaffung eines
Intervalls zwischen Singen (Aktion) und Hören (Perzeption).
Anders gesagt: Die Aufzeichnung ermöglicht erst den
eigentlichen Affekt (das gilt dann natürlich auch für
die "normalen" Zuhörer ! In die "Gleichzeitigkeitslücke"
kann dann Affekt, Traum, Verzückung, Phantasie etc.
eintreten. Die Aufzeichnung (das Hörbild) wird damit zum
Äquivalent des Kinobildes (vgl. Großaufnahme des
Gesichtes; vgl. auch nochmals
Schlernepisode).
4. Aura und
Reproduktion
- Das Ganze ist
natürlich auch eine Auseinandersetzung mit Walter Benjamins
grundwichtigem Aufsatz: "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner
technischen Reproduzierbarkeit", einem der Basistexte der
Medienwissenschaft überhaupt. (Folgt. Anmerkung zur
Verfügbarkeit des Textes)
- Benjamin:
Kunstwerke besitzen eine bestimmte "Aura": eine schwer
faßliche, nahezu numinose "Hülle", die zugleich als
größte Nähe wie größte Ferne
beschreibbar ist, und deren Erfahrung an unmittelbare Präsenz
geknüpft ist. Technische Reproduktion, so Benjamin,
zerstört die "Aura" eines Kunstwerks (die Reproduktion hat
keine Aura). Genau das ist zunächst die Position auch der
Diva: Nur der präsente Klang, nur die unmittelbare
Interaktion mit dem Publikum, für das sie singt, macht es ihr
möglich, qua Stimme die Entrückung zu erzielen. Dagegen
sind alle Reproduktionen "seelenlos".
- Benjamin: "Aura"
ist jedoch auch immer ein elitäres Konzept, da nicht alle
gleichermaßen an den Kunstwerken partizipieren können.
Daher haftet den Reproduktionsmedien andererseits ein
emanzipatorisches Moment an, das Benjamin begrüßt und
das er (1931) gegen faschistisch-totalitäre Übernahme
der Illusionsmedien zum Zweck falscher Auratisierung verteidigen
will.
- "Diva": Die
"falsche Auratisierung" ist bereits geschehen: der
kulturindustrielle Betrieb hat die Diva bereits gleichsam
enteignet, das Konzerterlebnis ist schon ent-auratisiert bzw.
weist nur noch eine künstliche Schein-Aura auf. Schon die
Wiedergabe der Aufnahme in dem Loft des postboten Jules kommt der
Aura näher (und ist ja in gewisser Weise auch hoch
elitär, nämlich exklusiv). Erst die Rückerstattung
des Bandes bzw. sein Abspiel in dem Konzerttheater ist ein
wirklich auratisches Ereignis. Von hier aus ist alles denkbar:
Belassen in er Einmaligkeit; Vereinigungsversuch von Aura und
Reproduktion; kulturindustrielle Massenreproduktion und
Vermarktung sowohl in einem emanzipatorischen wie in einem
(wahrscheinlich weniger faschistischen, vielleicht aber sehr wohl
totalitären, nämlich totaler Medien- und
Kommerzherrschaft dienenden) Zusammenhang.
3. Design: Zur
Metaphysik des Dekors vs. Filmstyling als Schauwert und Kino als
Erlebnisraum.
1. Zur Funktion des
Designs in "Diva" überhaupt
- Wie Gerhold richtig
sagt: Das Dekor wird zum Protagonisten, was heißt das?
Zunächst können wir negativ verfahren: Die Dynamik der
Geschichte kommt nur zuzstande, weil zwei verschiedene Geschichten
miteinander verschränkt werden (nämlich die
Raubaufnahme-Geschichte mit der Zeugenaussagen-Geschichte); diese
Verschränkung aber ist rein zufällig und durch nichts
motiviert.
- Hinzu kommen
zahlreiche Ungereimtheiten und Ungenauigkeiten: Woher wußte
Gorodish, daß die Taiwanesen ausgerechnet da auftauchen
würden, wo er sich mit Saporta trifft ? Woher weiß er,
daß Gorodish anschließend zu Jules gefahren ist ? Wie
kommt Jules von dem offenbar weit entfernten Leuchtturm so einfach
nach Paris zurück ? Wie finden die Taiwanesen Gorodish ?
Woher wissen die Taiwanesen, daß Jules die Aufnahme gemacht
hat ? Wieso wird Jules so leicht und gleich mehrfach zur Diva
vorgelassen ?
- Die Handlung
besteht also aus einer Reihe in sich funktionaler, aber nicht
reibungslos zu einem Gesamtzusammenhang integrierbarer Fragmente.
Dazu gehört auch der offene Schluß. Ebensowenig wie auf
die Handlung ist der Film aber auf Figuren zentriert: Es gibt
keinerlei Psychologie der Figuren, auch keine Geschichte der
Figuren (Biographie), keine Herkunft, keine Zukunft. Gorodish ist
in keiner Weise motiviert (wo kommt er her ? Was macht er ? Was
will er?); seine Beziehung zu Alba ist ebenso unklar.
- Daher ist es
möglich, daß das Dekor in diese leergelassene
Zentralstellung einrückt. An die Stelle des Seelenlebens und
der Persönlichkeit, des Charakters, tritt ein möglichst
eigenwillig gestyltes Auftreten und eine ästhetisierte
Wohnumgebung. Schon in der Anfangssequenz (das heruntergekommene
Opernhaus) macht das deutlich: die Faszination des Schauplatzes
und seiner Ausgestaltung dominiert. Die sichtbaren
Oberflächen und Umräume der Handlung sind es, denen die
Aufmerksamkeit zukommt: Die Lofts Jules und Gorodishs, dem
Leuchtturm, den Dämmerungsaufnahmen im Jardin des Tuileries,
der Fabrik, die als Treffpunkt dient. Dazu die zahllosen Details:
Das Wellenobjekt; die Autowracks, die Taucherbrille, der
weiße Citroen, das Puzzlespiel.
- Hinzu kommt eine
ausgesprochene Farb- und Lichtdramaturgie, die nicht auf
Plausibilität oder Illusionismus gegründet ist. Die
Farben und Lichteffekte wollen nicht wirkliche Wahrnehmung
imitieren, sondern gerade im Gegenteil, künstliche
Umräume schaffen. Sie entwickeln eine eigene Logik: Blau
(dominant in den Lofts; blau ist das Puzzle etc.) und Weiß
(die Regenschirme, das Klavier, das gestohlene Kleid, aber auch
der Citroen; beachte: die Killer fahren natürlich immer ein
schwarzes Auto !) einerseits in den zentralen Bereichen, rot und
gelb andererseits (z.B. im Inneren des Leuchtturms, in der Wohnung
des Freundes (die Malagutti), in der Automatenspielhalle) in den
marginalen Bereichen, Dabei ist keine Farbsymbolik entscheidend,
sondern es geht um Aufmerksamkeits-, um Stilwerte.
- D.h.: nicht nur
kommen Designobjekte, kommen gestylte Umgebungen und Figuren vor,
sondern der Film selber ist gestylt: Der Film spielt nicht in
einer Design-Welt, er ist selber eine. An die Stelle der Bedeutung
(Tiefenverweis: Was bedeutet das ?) tritt die horizontale
Verkettung in einen Oberflächenzusammenhang.
- Umkehr der
Hierarchien: Dekor und Design sind nicht mehr akzidentielle
Formen, die der Handlung oder der psychologischen Situation der
Figuren zur Seite gestellt werden, um diese zu vermitteln oder
plausibel zu machen, sondern umgekehrt: Handlung und Figuren
dienen lediglich zur Motivation und zur losen Verkettung der
Schauplätze, der besonders gestalteten Räume, Objekte
und Bilder. Der Film ist (dabei,) nicht mehr Erzählung,
sondern reines Bild (zu werden). Vgl. dazu: im Fernsehbereich
"Miami Vice".
- Das bedeutet aber
auch: eine Figur ist nicht mehr das, was sie ist (Charakter), auch
nicht das, was sie tut (Held), sondern die Art, wie sie lebt, wie
sie etwas tut: Lifestyling. Gorodish gewinnt am Ende, weil er mehr
"Stil" hat, weil er raffinierter und ironischer ist als die
Gangster.
2. Zur Analyse
einzelner Design-Motive
- Die allermeisten
dieser Objekte sind völlig bedeutungslos; sie haben in Bezug
auf die Geschichte keinen funktionalen Wert und symbolisieren auch
nichts.
- Beispiel: das
Wellenobjekt. Anekdote: wie die Wellenobjekte "Mittelmeer" und
"Pazifik" plötzlich in den Designerläden und den
Nippesgeschäften auftauchten; überhaupt kamen damals
Läden auf wie "Nanu Nana" u.ä.: Radikale Immanenz des
Objektes, das andererseits auf Sichtbarkeit hin, auf das
Betrachtet-Werden hin entworfen wurde.
- Dennoch lassen sich
einige Regeln entdecken, nach denen die Design-Welt in "Diva"
zusammengestellt wird:
- Herauslösung
von Objekten aus ihrem Zusammenhang (Recycling) und Einbindung
in einen neuen, meist räumlich: "Emily" auf dem Moped;
Taucherbrille als Küchengerät; Schrottautos im
Wohnraum; Rollschuhfahren im Wohnraum;
- Dabei aber nicht
Beliebigkeit, sondern neue Kontextbildung: z.B. Ironisierung
(Emily) oder Umfunktionalisierung (Taucherbrille) oder
Schaffung eines druchgehenden Kontextes (das Automotiv bei
Jules);
- Ironische, im
Grunde "unschuldige" Erotisierung, z.B. er Bettpfosten;
überhaupt die Zeichnung der Alba;
- Steigerung:
Riesenhaftigkeit der Lofts, des Puzzles, Weitläufigkeit
der Fabrik, Länge und Wiederholung der
Verfolgungsjagden;
- Farbliche
Zusammenstellung (s.o.: Blau/weiß; rot/gelb);
- Motiv der
Wiederkehr: Das Meer (Wellenobjekt, Puzzle, Leuchtturm); auch
(selbst-) ironisiert: nachdem die weiße Gangsterlimousine
zu einem besonderen Stück hochkommentiert wurde, wird wie
selbstverständlich eine zweite aus der Versenkung geholt
(Film hebt seine eigene Designphilosophie
auf).
- M.a.W.: Die
Designobjekte bilden einen formalen Gesamtzusammenhang; sie
verweisen aufeinander und ordnen sich in Kontexten an. Sie
beziehen sich nicht auf einen präexistenten Außensinn,
sondern sie formieren einen rein formalen, ästhetischen
Binnensinn.
- Sozusagen
Anti-Werbung: Die Inszenierung der Objekte mit den
Möglichkeiten heutiger Werbe- und Clipäshetik, die aber
gerade das Grundmuster der Werbung, nämlich die Aufladung des
Objektes mit Bedeutung, verweigert.
3. Metaphysik des
Dekors vs. Filmstyling
- Gerhold spricht von
Metaphysik des Dekors, von einer Ontologie der Objekte, von der
Beseelung des Raumes. Dies könnte gerechtfertigt werden, wenn
man noch einmal die Argumentation des Affektbildes zu Hilfe nimmt:
Die Ästhetik der Großaufnahme, die die Objekte aus dem
zusammenhang entfremdet und ihnen gleichsam ein Eigenleben, eine
Eigencharakteristik verleiht; das muß auch nicht unbedingt
durch Großaufnahmen geschehen.
- Andererseits sieht
er die Gefahr eines bloß effekthascherischen Stylings, das
eben gerade nicht mehr der Erforschung der Ontologie der Objekte
(oder, mit Kracauer, der Errettung der physischen Realität)
dient, dem nämlich die Objekte ebenso gleichgültig sind
wie die Charaktere und die Handlung, sondern das nur noch auf den
visuellen Effekt, auf den bloßen Reiz aus ist.
- Tatsächlich
ist eines so falsch wie das andere. Vielmehr geht es gerade darum,
die Objekte von ihrer Wirkung her, und zwar ihrer visuellen
Wirkung her, von ihrer Einsetzbarkeit als Bildmotiv her zu
begreifen. Einerseits stehen die Objekte rein für sich,
andererseits aber stehen sie für die Möglichkeit des
Gesehenwerdens, die allein ihnen Sinn verleiht. Die Objekte selbst
sind Elemente einer visuellen Sprache, in der z.B.
Persönlichkeit ausgedrückt werden kann.
- Der Film befreit
und errettet die Objekte nicht nur (wie für Kracauer, wie in
der Großaufnahme) vor einem ihnen äußerlichen
Funktions- und Bedeutungszwang, sondern er macht sie ihrerseits zu
Instanzen der Bedeutungs- und der Sinngebung.
- Die Objekte sind
vorn vornherein Bildobjekte. Sie besitzen demnach durchaus
Transzendenz (sie weisen über sich selbst hinaus auf den
Blick, dem sie sich stellen) und sogar Sinn, und zwar einen
spezifisch visuellen und mithin filmischen Sinn. Film wird auf die
Gruppierung visueller Reize reduziert, aber gerade dadurch wird
ein spezifisch filmischer Sinn-Raum eröffnet: das alles gibt
nur Sinn im Hinblick aufs Gesehenwerden, und die
Unverschämtheit des Films liegt gerade darin, daß er
dies nicht verbirgt, sondern uns klar herausstellt: es gibt gar
keine Objekte außerhalb einer (noch dazu immer schon
vorstruktuierten) Sichtbarkeit.
- D.h. Beineix
konzipiert Film neu als geordnete Menge optischer Daten, als
Konfiguration visueller Reize, deren Semantik der
Oberflächenorganisation folgt.
4. Postmoderne und
Film (1): Nach der Erzählung.
1. Zur Einführung:
Von der Moderne zur Postmoderne (Abriß)
- Damit ist "Diva"
ein typischer und relativ früher Vertreter des postmodernen
Films.
- Postmoderne: ein
die gesamte Kultur, besonders die Trivialkultur, ergreifendes
Gesamtparadigma, das an die Moderne anschließt. Historische
Situierung schwierig (manche gehen bis ins späte 19. Jhdt.,
beispielsweise zu Nietzsche, zurück); allgemein werden die
Wurzeln für die Postmoderne in den fünfiziegr Jahren
gesehen, die weitgehende Durchsetzung geschieht dann in den 7oer
Jahren.
- Hier nicht der Ort,
ausführlich über Postmoderne zu sprechen (wir setzen das
in einigen er nachfolgenden Vorlesungen fort), nur
soviel:
- Moderne strebt nach
programmatischen, prinzipiellen und einheitlichen Lösungen;
sie ist traditionsvergessen und gerade deshalb
geschichtsorientiert. Sie (gerade als mediale Moderne) ist mit der
Suche nach dem Wesentlichen, dem Authentischen (z.B. eines
Mediums, aber etwa auch der Persönlichkeit etc.)
befaßt. Sie schafft sich mit dem Individualsubjekt (und der
Idee der zu schaffenden Gesellschaft freier Individualsubjekte)
eine zentrale Instanz, auf die alles kulturelle Geschehen
fokussiert ist. Sie ist abstrakt und auf Erkenntnis gerichtet (auf
das Denken), und sie ist reflexiv, wie gesehen. Sie begreift
Kommunikation als Mittel zum Erzielen von Konsens und
Identität.
- Dagegen die
Postmoderne: Aufhebung der Grenze zwischen Trivialität und
Hochkultur (Leslie Fiedler: Cross the Border, Close the Gap.,
1957); Aufhebung des Bedeutsamkeitszwanges (Susan Sontag: Against
Interpretation, 1962); Bejahung des Vielfältigen,
Zufälligen, Koningenten (Marquard: Abschied vom
Prinzipiellen, 1979; Apologie des Zufälligen; auch: Robert
Venturi: Main Street is Almost Alright); Bejahung der
Oberflächen (Venturi: Less is a Bore); Dezentrierung und
Destruktion des Individualsubjektes (Lacan, Foucault, Derrida);
Dekonstruktion der Bedeutung (Derrida, Grammatologie, 1967);
Ablehung der flächendeckenden, umfassenden Erkenntis, der
verbindlichen, konsensorientierten Kommunikationsideologie
(Lyotard, La condition postmoderne, 1979). Tendenz: Differenz
statt Identität.
2. Filmische
Postmoderne, Teil 1: Jenseits von Bedeutung und
Erzählung
- Moderner Film
(Superkurzfassung): Reflexiv im Doppelsinne (wie gesehen);
begreift die klassischen Erzählmuster und Klischees als
Zwangsvorgabe und versuch sich von ihnen zu befreien, indem er sie
analysiert, variiert, auf ihr Zustandekommen und die Bedingungen
ihrer Möglichkeit hin zu befragen; wo der klassische Film
seine eigenen Dispositionen und Bedingtheiten sorgsam verbirgt,
versucht der moderne Film, sie aufzudecken. Zudem geht es dem
modernen Film um Bedeutsamkeit, um relevante Aussagen (Film als
Mittel des Nachdenkens über etwas).
- Postmoderner Film,
erste Annäherung:
- Ironisierung des
eigenen Status: Zitat und Selbstzitat; Arbeit mit
bereitstehenden Versatzstücken der Kulturindustrie;
Bejahung des "Zweithandstatus";
- Verzicht darauf,
etwas "Neues" oder "Wesentliches" sagen zu wollen; Film wird
nicht als Frage der "Botschaft" begriffen, sondern als Frage
des Oberflächenstylings, der erzeugbaren, abrufbaren
"Effekte".
- Aufhebung der
Trennung von Oberflächen- und Tiefenstrukturen; hier:
Aufhebung und Aufbrechen der Erzählung und der Psychologie
der Figuren;
- Verweigerung
eines Außensinns oder einer Außenbedeutung (z.B.
gesellschaftliche "Aussage"); verändertes Verhältnis
von Transzendenz und Immanenz;
- Konzeption der
Welt als Spiel mit oberflächlichen Bedeutungsresten, mit
(bloßen) Signifikanten ohne Signifikate oder wenigstens
ohne Referenten.
- Ausblick: In der
nächsten Woche eine andere Variante: "The Shining";
später noch, mit "Short Cuts" die Wiederkehr der
Erzählung in der Postmoderne; schließlich, bei
"Winterschläfer", die Überwindung der Postmoderne mit
ihren eignen Mitteln.