Der
Gute Film, 2.
Wintersemester 99/00,
Mittwoch, 18 - 22 h, HS A (Lorenz Engell)
7. Vorlesung
(7. 12. 99): "Rote Sonne" (Rudolph Thome, 1970)
0.
Einleitung
- Begrüßung
etc.
- Ausblick: warum ist
das ein guter Film ? Weil er eine historische Situation
gültig faßt, nämlich die Irritation der Revolte
von 1968; weil er eine filmhistorische Nahtstelle bezieht,
nämlich den Umschwung vom klassischen zum modernen Kino (in
Deutschland); weil er sich schließlich trotz sehr
schwieriger Rezeptionsbedingungen durchgesetzt hat, wenngleich
Jahre später.
- Daher: 1. 1968, die
Gründe und die Folgen; 2. Moderner Film in Deutschland und
überhaupt; 3. Das Affektbild (Forts.).
1. 1968
1. Die fünfziger
Jahre in Westdeutschland
- Die autoritäre
Tradition: Adenauer-Ära, der CDU Staat. Hinter der politisch
korrigierten Republik und den sagenhaften wirtschaftlichen
Erfolgen lauern noch dieselben Systeme von Sekundärtugenden,
die schon den Faschismus möglich gemacht haben. Die
Liberalisierung tritt als Amerikanisierung auf.
2. 1967 / 68
- Der
größte Umbruch zwischen 1945 und 1989; die bis heute
fortwirkende Grundlage gesellschaftlicher Modernisierung der
Nachkriegsgesellschaften.
- Ausgangslage: der
Vietnam-Krieg. Der "Summer of Love" in San Francisco/Berkeley,
1967; Woodstock 1967 - Altamont 197o; der Pariser Mai 68:
Studentenbewegung und Generalstreik. Die Rolle des Films bzw. der
Filmemacher (Godard und Truffaut).
- Der Vietnam-Krieg
und der Faschismus: Die deutsche Besonderheit: Die Abrechnung mit
der Vätergeneration; der Konflikt mit der
Autorität.
- Die Kommune 1:
Langhans, Teufel, Obermaier (Quelle: P.P. Zahl, Die
Glücklichen); die K 2.
- Radikalisierung:
Ohnesorg 1967, Dutschke 1968.
- Die Revolte in der
Revolte. Der Weiberrat und Helke Sander 1968 (Quelle: Helke
Sander, Der subjektive Faktor); auch hier: amerikanische und
französische Quellen (Valerie Solanas: SCUM).
3. Nach 1968
- Die sozialliberale
Koalition 1969; die gesellschaftlichen Reformen: Veränderte
Außenpolitik; neue Hochschulpolitik; "Modernisierung".
Dieser Schub war 1973 verbraucht: von Brandt zu
Schmidt.
- Die Entstehung und
Entwicklung der RAF (197o - 77); die Vielzahl linksradikaler
Splitterparteien.
- Der Marsch durch
die Institutionen: Die Grünen; die taz.
4. Der deutsche Film
nach Oberhausen
- Der deutsche Film
der 5oer Jahre: nach kurzer, sehr kurzer Nachkriegsblüte
("Trümmerfilm") Heimatfilm, Ärztefilm,
Pennälerfilm; Nach-Ufa.
- Das Oberhausener
Manifest 1962 (Zitat); Joe Hembus: Der deutsche Film kann gar
nicht besser sein !
- Vorbild.
Natürlich die Nouvelle Vague, insbesondere
Godard.
- Forderungen der
Oberhausener: Filmförderung, Filmausbildung. Allgemein:
Anschluß des Films an die gesellschaftlichen Problemlagen;
ästhetischer Neubeginn jenseits der Klischees.
- Die Folge:
Gründung von Filmhochschulen (München 1966, Berlin 1967,
Ulm 1965); Kuratorium Junger Deutscher Film; Projektförderung
statt ausschließliche Referenzfilmförderung;
Film-Fernseh-Abkommen; Gründung der "Filmkritik".
- Folge: Alexander
Kluge, Abschied von Gestern, 1965; Volker Schlöndorff, Der
junge Törless, 1965; Jean Marie Straub, Nicht versöhnt,
1965; Reitz, Mahlzeiten, 1966; Schamoni, Schonzeit für
Füchse, 1965; die zweite Generation mit Herzog, Wenders,
Faßbinder; dann die Generation der Frauen: Helke Sander (Die
allseitig reduzierte Persönlichkeit, 1977); Helma Sanders
(Gomorrha, 1973); Ulrike Ottinger (Madame X, 1977); Margarethe v.
Trotta (Das zweite Erwachen, 1977); Jutta Brückner
(Hungerjahre, 1978); Gründung "Frauen und Film"
1976.
- Künstlerische
Anerkennung und ökonomisches Scheitern.
- Dagegen
"nicht-Oberhausener": Berliner Arbeiterfilm (um Christian Ziewer):
Orientierung an direktem, dokumentarischem sozialem Engagement;
die Gruppe um Thome, Lemke und Zihlmann: Ablehnung des
Intellektualismus, des "Künstlerischen", aber auch des
politisch Avantgardistischen; "einfache Geschichten
erzählen". Charakteristisch: Das differenzierte
Verhältnis zu den Hollywood-Traditionen, das auch durchaus
die N.Vague auszeichnet.
- Thome: bewegt sich
zwischen Godard ("Detektive", "Rote Sonne") und Rohmer ("Das
Mikroskop", "Der Philosoph"), nur daß bei ihm weniger
geredet wird.
5. "Rote Sonne" als
Reflex der Situation
- "Dokument der
Verunsicherung" der Geschlechterrollen und -verhältnisse;
d.h. einer Bejahung des Erotischen steht eine Unsicherheit
gegenüber, in welchen Formen der neue erotische Umgang zu
fassen wäre; alte Formen funktionieren nicht mehr, ohne
daß neue bereitstünden;
- Faszination
einerseits; andererseits wird auch die stalinistische
Rücksichtslosigkeit und Gewaltsamkeit ahnbar.
- Vorwegnahme des
Terrorismus und seines Scheiterns; Terrorismus als Ruf nach der
Öffentlichkeit, als fehlgeleitetes und verzweifeltes
Liebesbegehren.
- Am Ende: Sieg des
Klischees als Parodie (Kampf auf Leben und Tod, die Rote Sonne);
das ist das Material, an das Schlingensief anknüpfen
wird.
- Fazit: Film als
gesellschaftlicher Seismograph, als zeitgebunden; "Rote Sonne"
zusammen mit "Der subjektive Faktor" vielleicht der wichtigste
Beitrag zum Post-68.
2.
Nicht-Sinn
- Vorrede: Ort des
Films in der Entwicklung des Filmmediums
1. "Rote Sonne":
Kurzanalyse.
- Die Geschichte:
Eine Gruppe junger Frauen, die in einer Wohngemeinschaft
zusammenleben, bringt, offenbar grundlos, nach einem bestimmten
Reglement, Männer um, mit denen sie zuvor flüchtige
Beziehungen angeknüpft haben. Thomas erzeugt Probleme,
seinetwegen bringt eine der Frauen eine andere um; Thomas und eine
weitere der Faruen erschießen sich gegenseitig am Ufer des
Starnberger Sees.
- Was fällt auf:
Lakonizität, sowohl im Bild wie auch insbesondere in der
Sprache (einfache Aussagesätze, kaum Argumentation);
Unverbundenheit der einzelnen Szenen; dadurch auch
Zeitunklarheiten; Beiläufigkeit der Beobachtungen;
Grundlosigkeit der Handlungen; Bindungs- und Bedingungslosigkeit
der Figuren; Beiläufigkeit der Gewaltanwendung, außer
in der Schlußszene, und auch da noch:
Lungendurchschuß. Nebenhinweis: Die SPIELEN Revolverduell !
Es hat keine Bedeutung !
- "Was soll der
Unsinn" ? Ablehnung all dessen, was Film normalerweise bedeutet:
kaum eine Geschichte, keine Charaktere; überhaupt stark
fragmentarisch; keinerlei Wahrscheinlichkeit, auch keine
binnenfiktionale, etc.
- Von allen Filmen,
die wir bisher gesehen haben, durch einen Abgrund
getrennt.
2. "Rote Sonne" und die
Filmgeschichte.
- Einteilung der
Filmgeschichte: Frühgeschichte bis 1915; Klassisches Kino bis
ca. 195o; Modernes Kino bis ca. 198o; Postmodernes Kino seither.
Einschränkungen der Gültigkeit derartiger
Pauschalisierungen.
- Wie unterscheiden
sie sich ? (Sinnverlust und Sinnproduktion/Sinn und
Gegensinn/Sinnkrisen und Sinnkritik/Sinn und
Nichtsinn).
- Zwei Hauptphasen:
1. Kino, das Zusammenhänge stiftet; 2. Kino, das
Zusammenhänge negiert.
- 1. Phase: Diagnose:
Zerfall der Gesellschaft durch moderne, kapitalistische Ordnung;
Kino: Gegenmittel; 2. Phase: Kapitalist., Moderne,
Industrialistische Gesellschaft als Zwangszusammenhang; Kino:
Gegenmittel durch Aufhebung von
Zwangszusammenhängen.
- Historisch z.B. an
den Erzählformen: Klassisch-narrative Schemata vs.
post-narratives Kino (wie hier); beginnt mit dem italienischen
Neo-Realismus, setzt sich fort mit der Nouvelle Vague Frankreichs
und dem Neuen Deutschen Film.
- "Rote Sonne":;
Typisch für diesen Versuch, eine Geschichte nicht zu
erzählen, keine Sinnabschlüsse zu zeigen, also nicht an
der Stiftung von Zwangssinn
mitzuwirken.
3. Das Affektbild
(Forts.)
1. Wiederholung: Das
Affektbild
- Film als Welt aus
Bildern, die miteinander wechselwirken, nach Deleuze und Bergson
("Bewegungsbild");
- Unterbrechung der
Wechselwirkung: Nur einige Einwirkungen werden weitergegeben,
andere nicht; zwischen Eintreffen einer Einwirkung und Weitergabe
liegt eine Differenz.
- In diesem Moment
Ausdifferenzierung des Bewegungsbildes: Wahrnehmungsbild (das Bild
zeigt Gegenstände der Wahrnehmung); Aktionsbild (das Bild
zeigt Gegenstände der Einwirkung); Affektbild (das Bild zeigt
den Übergang von einem zum anderen, aber weder das eine noch
das andere selbst).
- Anders gesagt:
Zentrum der Indetermination tritt auf: ein Bild, auf das die
anderen Bilder sich beziehen, sei es als Wahrnehmungen, sei es als
Wirkungen (Aktionsbild); das Affektbild zeigt das Zentrum der
Indetermination selbst.
- Affektbild tritt
charakteristischerweise als Großaufnahme, zunächst des
Gesichts, auf.
2. Das sensomotorische
Schema.
- Diesseitigere
Formulierung: Auf handelnde Personen bezogen. Filmfiguren handeln
im Rahmen eines sensomotorischen Schemas: Reiz - Reaktion. Das
wird z.B. in üblicher Montage ausgedrückt: Held - Was
der Held sieht - seine Reaktion auf das, was er sieht:
Handlungsschema.
- Insofern
läßt sich sagen: Heldbild - Sehbild - Aktionsbild:
keine semantische Frage, Frage des Status der Bilder
selber.
- D.h. wichtig ist
nicht nur der Status "Großaufnahmne" des Bildes selbst,
sondern auch seine Einbindung, seine Montage.
- Hier bei Thome: Das
sensomotorische Schema ist zerbrochen, d.h., wir sehen nicht mehr
in Ursache-Wirkungs-Relationen. Das geht bis in die Dialoge
hinein, die oftmals absurden Charakter haben, weil der
"Anschluß" nicht mehr "stimmt".
- D.h. wir sehen
Wirkungen, aber keine Ein-Wirkungen. Die Taten scheinen mit den
Täterinnen keinen Zusammenhang zu haben. Wir sehen Zentren
der Indetermination, die gleichsam auf die ganze Umwelt
ausstrahlen, die ganze Welt des Films anzuhalten scheinen; nichts
ist mehr vorhersehbar. Zwischen Innen und Außen z.B. ist
kein Zusammenhang erkennbar. Insofern werden hier alle Figuren in
die Situation der Carol gedrängt.
- Das paßt auch
gut mit der insistierenden, beobachtenden Kamera zusammen, etwa in
der Liebesszene Thomas / Peggy nach dem ersten Mord.
- Aufbau des Films:
Zunächst werden Wahrnehmungsbilder gezeigt, d.h.
Sinneseindrücke werden erzeugt, ohne daß wir
sähen, auf wen sie einwirken; charakteristisch: die
allerersten Sekunden. die eine Unbestimmtheit der räumlichen
und dinglichen Bezugnahme inszenieren. Dann: Lange Phase der
Affektbilder, die sich gerade in der Unbestimmtheit und
Zusammenhanglosigkeit artikulieren; schließlich (und erst am
Schluß): "Entladung" (wovon eigentlich) in Aktionsbildern,
in denen also Einwirkung und Auswirkung, die Wiederherstellung des
dialogischen Prinzips zu sehen ist.
3. Beliebige
Räume.
- Neben der
Großaufnahme, so Deleuze, ist für das Affektbild
charakteristisch der "Beliebige Raum", was ist das ?
- Marc Augé:
Beliebige Räume als "Nicht-Orte", d.h. definitionslose,
eigenschaftslose, austauschbare Räume, die sich zwischen
definierte Räume einschieben. Bezieht dies insbesondere auf
die moderne Stadt.
- Zusammenhang mit
dem Problem des Affektbildes: Räume der Wahrnehmung und
Räume der Handlung sind wohldefinierte Räume,
vermeßbar, voller Eigenschaften, in einem Raumnetz
angeordnet. Bei Schwarzer Serie gesehen, wie Räume auch
topologisch angeordnet werden können, wie Zwischenräume
(Auto) funktional aufgeladen werden können.
- Beliebige
Räume hier: Außenräume zwischen der Wohnung und
dem Starnberger See: München. J. Vogl: ein Versuch, einen
metropolitanen Film, einen Stadtfilm neu zu gründen (nachdem
die Tradition des Stadtfilms abgerissen war).
- Es werden gezeigt:
"beliebige" Straßenszenen, Unterführungen, ein
Busbahnhof, Parkplätze etc., d.h. typische Stadträume,
die dennoch "beliebig" sind, anders: Die Definitonskraft des
metropolitanen Raums ist verschwunden.
- Darin kann man
sehen a) einen Reflex auf die Nach-Kriegs-Situation
(Zerstörung der Städte, des Städtischen), dadurch:
Anschluß sowohl an die Revolution, die der Neo-Realismus
eingeleitet hatte, wie auch an die 68 er Debatte über die
Tradition des Faschismus in Deutschland;
- b) eine Kritik an
der entdifferenzierenden Kraft des ubiquitären Kapitalismus
(Pasolini). d.h. am Zwangszusammenhang, Zwangssinn.
- Was festzuhalten
bleibt ist das Aussetzen des sensomotorischen Schemas; Bilder, die
(Deleuze) weniger den Rang von Wahrnehmungen und Handlungen
einnehmen, sondern den Rang von Potentialen und Qualitäten;
eine "angehaltene" Situation.
- Diese Diagnose des
Films ist auf die historisch-gesellschaftliche Situation
projizierbar: Post-68 als Moment des Innehaltens, als "Differenz,
die eine Differenz produziert".