Der Gute Film, 2.

 

 

Wintersemester 99/oo, Mittwoch, 18 - 22 h, HS A (Lorenz Engell)

 

 

 

12. Vorlesung (26. 1. oo): "Short Cuts" , Robert Altman, 1995.

 

 

 

o. Einleitung

 

- Grundfrage des Films: Wie kommt das Unglück zustande und wie sind wir in der Lage, trotz des Unglücks weiterzuleben ? Frage gilt v.a. Formen des Unglücks, Strukturen usw.

 

- Themenkreis 1: Sexualität, Tod, Fruchtbarkeit, Natur

- Themenkreis 2: Komplexität, Koinzidenz, Kontingenz

- Themenkreis 3: Der Lauf der Zeit als Katastrophenquelle und als Bewältigungsstrategie; Innehalten, Verharren als Unterbrechung im Fortzeugen des Unglücks. . (Deleuze/Bergson).

 

 

1. Themenkreis 1

 

 

- 1. Sexualität: Quelle zahlreicher Katastrophen; sie resultieren u.a. aus:

 

- 1. Problem autonomer, bedeutungsloser Sexualität : Nicht überformte, mit Bedeutung aufgeladene Sexualität ist kaum möglich; aber u.U. herstellbar (stellt Folgenlosigkeit her). Die Bekenntnisszene. Telefonsex: ist so nicht durchhaltbar.

 

- 2. Problem der erzählten vs. praktizierte Sexualität (Telefonsex; Die Dialoge Maskenbildner/Poolwilli; überhaupt der Maskenbildner): Fiktiver Sex, der eigenen Gestezen gehorcht; Unmöglichkeit, diese Gesetze auf praktizierte Sexualität anzuwenden

 

- 3. Ergänzung: Dieses Prroblem existiert auch in dem mit der Sexualität verbundenen Bereich von Familie/Fruchtbarkeit: Die Polizistenfamile als Fiktion; die Durchdringung des Gesamtgeschehens mit Geschichten und Berichten über das Geschehen bzw. Fiktionen (Fernsehen).

 

 

- 2. Tod

 

- 1. Tod selber als Katastrophe: tritt auf als gewaltsamer (zwei Sexualmorde), unfallartiger (Casey) oder als Suizid;

 

- 2. Unfähigkeit, die Katastrophe des Todes zu verarbeiten, zieht neue Katastrophen nach sich: Völliger Mangel an Mitgefühl und Würde in mindestens zwei Fällen; zieht in einem Fall sogar (wenigstens teilkausal) ein weiteres Unglück nach sich.

 

- 3. Umgekehrt kann simples Mitleid, minimale Zuwendung, Nichtgleichgültigkeit die Reproduktion des Unglücks aufhalten oder unterbrechen (s.u.).

 

 

- 3. Fruchtbarkeit

 

- o. Überleitung: Hängt natürlich mit dem Sexualitätsthema zusammen. Die Malerin "Er ist nicht in mir gekommen": Weist darauf hin.

 

- 1.Familie als Bürde und Belastung: ständiges Chaos; unliebsame Zeugen; Erpressungsgelegenheit; Quelle der Überwürfnisse und Konflikte etc.

 

- 2. Früheres Unglück, das z.B. aus s.o. resultiert, setzt sich fort über die Kinder: Die Affäre des Vaters führt zur Scheidung und zum Bruch auch mit Sohn und Enkel ! Die Verletzungen aus der Beziehung mit Chick ziehen die Kälte gegenüber der Tochter und deren Suizid nach sich. Und die nächste Generation nimmt auch schon Schaden.

 

- 3. Es ist kein Zufall, daß eine der versöhnlich verlaufenden Passagen die Party der kinderlosen Ehepaare ist !

 

- 4. Andererseits: Das einzig intakte Orientierungsschema, das auch von keiner Figur in Frage gestellt wird.

 

 

- 4. Natur

 

- o. Schon angesprochen mit den Themenkreisen von Sexualität , Furchtbarkeit und Tod.

 

- 1. Kampf, Krieg gegen die Natur als Motiv des Unglücks: Anfang und Ende (Naturbekämpfung, Naturkatastrophe); Anknüpfung an ein Vietnamkriegs-Motiv (Der Hubschrauberflug: Apocalypse Now)

 

- 2. Exkurs: Erdbebenmetapher. a - Kalifornische Grundangst; b- "Tanz auf dem Vulkan"; c - Rache der Natur; c - Metonymie für die "seismische Struktur" des Geschehens (das soziale Erdbeben in einem komplett interdependenten Universum); d - Herstellung von Gleichzeitigkeit (ich komme darauf zurück).

 

- 3. Zwischen diesen Polen: Der Angelausflug; der Sonntag im Park: beide Motive werden mit dem der Gewalttat zusammengebracht; Natur gleichsam als Folie der Gewaltausübung.

 

 

- Zusammengefaßt: Sexualität, Tod, Fruchtbarkeit und das Gewaltverhältnis zur Natur sind die Quellen des Unglücks.

 

 

 

2. Themenkreis 2

 

- Das Unglück entsteht aber nicht nur und wird entlang genealogischer Linien fortgeführt, es wird auch von einer Geschichte in die andere übertragbar, und es kann, etwa im Wege des Unfalls, im Zusammentreffen der Geschichten zustande kommen.

 

- Alle Verlaufslinien überkreuzen einander, hängen miteinander zusammen, gehen Verbindungen ein. Sie hängen nicht irgendwie zusammen, sondern schon in einer nicht beliebigen Weise; durch diese Komplexität aber entsteht eben genau Unglück oder der Transfer von Unglück.

 

 

1. Formen der Komplexität.

 

- 1. Mehrwertigkeit der Figuren: Ein und dieselbe Figur kommt in mehreren Geschichten zugleich vor, d.h.: Jede der Figuren gehört nicht nur einer, sondern mehreren Geschichten an, die ihr Handeln beeinflussen; Beispiel: Die Frau des Maskenbildners ist die Tochter der Kellnerin; Casey kommt in seiner eigenen und in der Geschichte der Nachbarinnen vor; die Polizistenfrau ist die Schwester und das Modell der Malerin (vgl. Bunuel, Das Gespenst der Freiheit, wo jede Episode mit der nachfolgenden durch eine Nebenfigur, die von der einen zur anderen hinüberführt, verbunden wird).

 

- 2. Überlagerung mehrerer Geschichten im Raum/in der Gleichzeitigkeit: Zwei Stränge laufen (zufällig) im selben Raum zur selben Zeit ab; Beispiel: Claire der Clown tritt im Krankenhaus auf; der Polizist kontrolliert Claire usw.

 

- 3. Fast immer beeinflussen sich die Abläufe aber: eine Beobachtung, ein Gegenstand, eine Information "wechseln" gleichsam "hinüber": Das Zusammentreffen der drei Angler mit der Kellnerin löst einen Eifersuchtsanfall beim Chauffeur aus; der Zettel mit Claires Namen in der Tasche des Polizisten löst ebenfalls eine Szene aus. Die tatsache, daß die Polizistenfrau ihrer Schwester Akt sitzt, löst in beiden Geschichten eine Nachfrage aus. Die Vertauschung der Fotos löst wenigstens eine kurze Irritation aus, die nebenbei auch noch eine Ironisierung des Prinzips der Komplexität bringt. ("Lose Kopplung").

 

- 4. Unmittelbare Kausalität: Aus dem Zusammentreffen ergibt sich ein neuer Handlungsstrang: insbesondere Caseys Unfall (Enge Kopplung). Dazu komplementär: Ein Ereignis kommt in zwei verschiedenen Verläufen vor (eben Caseys Unfall und Tod etwa).

 

- 5. Das Gemeinsame Dritte: zwei oder mehrere Handlungsstränge werden durch ein gemeinsames Drittes, das sie alle berührt, verbunden; etwa: Der Hubschrauberflug, das Erdbeben, und v.a. immerzu dazwischen. Das Fernsehen, und hier insbesondere die Sendung mit und von Caseys Vater, Stormy Weathers Fernsehauftritt, die Nachrichtenmeldungen sowie die allgegenwärtigen Cartoons.

 

- 6. Sehr wichtig: Alle diese Komplexionen bleiben, so unwahrscheilich sie auch sind, dennoch "unauffällig", plausibel (Wahrscheinlichkeit des Unwahrscheinlichen). Keineswegs werden Gewaltzüge gebraucht oder melodramatische Dramaturgien, wie wir sie aus anderen, komplexen Erzähluniversen kennen, etwa in Soaps (also keine plötzlich auftauchenden verflossenen Liebhaber, keine überraschend entdeckte Verwandtschaft etc.)

 

 

 

2. Filmische Komplexität

 

- o. Zusätzlich dazu werden die vielen Stränge und Episoden nicht nur durch die Handlungsführung, sondern auch durch filmische Mittel miteinander verschränkt und parallelisiert; etwa:

 

- 1. a.Tonbrücken: der Ton einer Einstellung auf einem Strang wird in eine nächste Einstellung in einem anderen Strang hinüber gezogen; b. Musik, etwa die Lieder der Sängerin, werden auch in die anderen Geschichten hinübergenommen als Off-Ton). Geräusche (Hubschrauber), die alles miteinander verknüpfen.

 

- 2. a. Filmische Bewegungsanschlüsse zwischen Einstellungen, die verschiedenen Strängen angehören: In der Arztwohnung wird eine Tür geöffnet /Umschnitt/ Jemand tritt in die Bar ein. Ein Auto fährt los / ein anderes kommt an. b. Daneben: Motivanschlüsse, z.B.: Kuß.

 

- 3. D.h. der Film selbst verknüpft die Geschichten zusätzlich und verschränkt sie für uns auf einer zweiten Ebene; Handlungskomplexität wird in filmihe Komplexität umgeformt.

 

 

 

3. Koinzidenz und Kontingenz

 

- 1. Das Zusammenfallen der Ereignisse ist natürlich zufallsbedingt, aber was dann geschieht, ist nicht mehr zufallsbedingt; für die Genese des Unglücks heißt das: es gibt den Unfall, den Zwischenfall, die unglückliche Verkettung einerseits; die Konstanten der Produktion und Weitergabe von Unglück andererseits (nämlich eben s.o., Themenkreis 1).

 

- 2. Daher: Eine seismische Struktur des Ganzen; eine Erschütterung in einem Bereich zieht ihre Kreise in alle anderen Bereiche; was sie aber dort bewirkt, hängt sehr von den Umständen ab; vom Milieu etc.

 

- 3. Das bedeutet aber auch, daß Ungenauigkeiten, Zufälle, Unbestimmtheiten aus einer Geschichte in die andere transferiert werden, ohne daß (s.o.) allzu große Implausibilitäten auftreten.

 

- 4. Schließlich mündet die Koinzidenz in die Kontingenz: Alles hätte auch ganz anders kommen können. Wäre die Kellnerin etwas später gefahren, hätte sie Casey nicht überfahren, hätte sich die Cellospielerin nicht umgebracht; Hätte der Polizist den Hund nicht wiedergefunden, wäre vielleicht die Familie nicht wieder (vorübergehend) zusammengewachsen usw.

 

 

 

4. Gleichzeitigkeit

 

- Alles das bedingt (Komplexität, Koinzidenz, Kontigenz) GLEICHZEITIGKEIT. Der ganze Film kann deshalb auch als großangelegte Studie zur Phänomenologie der Gleichzeitigkeit, der Parallelität, der Kausalität etc. angesehen werden.

 

- In diesem Sinne kann man auch sagen, daß die Gleichzeitigkeit und die Überforderung, die sie darstellt, eine Quelle oder besser eine Entstehungsbedingung des Unglücks ist.

 

- Wenn man aber nicht alles gleichzeitig bewältigen kann, dann muß man eben einiges später bewältigen: Projektion in die Zeit. So kommt als Gegenkraft zur Komplexität die Kontinuität, der Fluß der zeit, das Nacheinander ins Spiel und damit auch die Antwort auf die Frage: Was können wir gegen das Unglück tun, wie können wir dennoch weiterleben ?

 

 

 

3. Themenkreis 3: Strategien des Überlebens

 

 

o. Notwendigkeit und Zufall

 

- Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch: Überall da, wo das Unglück seinen Ausgang nimmt, kann auch seine Überwindung ansetzen:

 

- 1. Ansetzen bei der "Substanz" des Unglücks: Oben schon am Beispiel der Familie angedeutet.

 

- 2. Ansetzen beim Motiv des Zufalls. Das Erdbeben schafft Gelegenheit zur Überdeckung der Gewalttat (Abschneidens der Reproduktion von Unglück) und zur Versöhnung (Wie immer grotesk) der Polizistenfamilie.

 

- Der Film bietet darüber hinaus zwei Strategien des Überlebens an.

 

 

 

1. Kontinuität.

 

- 1. Die Strategie des Irgendwie Weiter Machens: Es gibt keine Katastrophe, nach der es nicht irgendwie weiter ginge (Tod des Kindes, Erdbeben, Trennung, Zerstörung);

 

- 2. Dieselbe Kontinuität, die zur Fortpflanzung des Unglücks führt, kann auch zu seinem Abbau beitragen; und dieselbe Komplexität, denn wenn ein Strang aufhört, hört noch lange nicht das Gewebe der Stränge auf; das Leben geht immer weiter, wenn nicht für alle, so doch für die anderen. Das System als Ganzes rettet sich also auch durch Komplexität.

 

- 3. Die Fähigkeit, trotzdem weiter zu machen, die als Fühllosigkeit, Würdelosigkeit und Gleichgültigkeit auftritt, ist andererseits eine Energiequelle; sie ist an die Routinen des Alltags gebunden, die die Katastrophen überdauert und auch dem Beiläufigen und Banalen eine gewisse Würde zu verleihen vermag.

 

 

 

2. Unterbrechen der Kontinuität, Innehalten:

 

- 1. Motive: Claire fährt zu der Beerdigung der jungen Frau; der Arzt und die Malerin feiern die an sich völlig leere Party bis in den nächsten Morgen; man ist einfach nur zusammen; Bitcower versucht dann doch (als erster und einziger), die Eltern zu trösten; vgl. auch: die Folgenlosigkeit des Ehebruchsbekenntnisses, s.o..

 

- 2. Momente im System, in denen das nahtlose Ineinandergreifen, die Verkettungen der Koinzidenzen, die seismische Struktur des Geschehens unterbrochen werden; wo eine Wirkung nicht einfach nur weitergegeben wird, wo eben Folgenlosigkeit einsetzt. dadurch verliert der Zusammenhang von allem mit allem plötzlich - und nur vorübergehend - seine Wirkung und Gültigkeit. Nicht mehr alles ist im Hinblick auf alles andere funktional; der Sinnzwang bricht plötzlich ab.

 

- 3. Bei aller Trivialität und Blödheit (Jeopardy, Verkleidung, Smalltalk) der Party liegt hierin etwa ein wichtiges Motiv (deshalb wird die Party so ausführlich geschildert): ein Moment der Leere und der Ruhe.

 

4. Zur Erinnerung: Bergson und Deleuze konzipieren so ihr Universum der Bilder und die Genese des Bewußtseins bzw. des Subjektes ! (Und nebenbei des Films als denkendes Bild).