[info]
[aktuell]
[personen]
[netzaktiv]
 

4) Taktiken der Abweichung: das Objekt, die Verführung und das Andere

Baudrillard und die Moderne

Theorie der Simulation

Medien und Ereignis

Taktiken der Abweichung:
das Objekt, die Verführung und das Andere
  1. In seinen späteren Schriften hat sich B. noch einmal mit dem Objekt beschäftigt. Schon in das System der Dinge zeigte er, wie die Ausrichtung an den Gegenständen und damit ihre Unterordnung unter die Verfügungsgewalt des Subjekt ebenso umgekehrt gesehen werden kann, nämlich als schleichende Ermächtigung des Objekts über das Subjekt (vgl. Georges Perec, Die Dinge – Eine Geschichte der sechziger Jahre). Die Einrichtungskalküle moderner Wohnungen etwa entsprechen Ordnungssystemen, die den Platz des Subjekts nur noch in einer klar gegliederten Objektstruktur vorsehen. (Das System der Dinge, )
    In den Fatalen Strategien sieht B. geradezu Fähigkeiten des Objekts ("seinen bösen Geist"), sich den Zugriffen des Subjekts zu entziehen. Objektivierung heißt dann Verschwinden und dies trifft besonders bei Objekten zu, die an sich schon immer objektiviert sind (B. denkt hier auch an die moderne Naturwissenschaft, die das sich entziehende Objekt zum Gegenstand exaktwissenschaftlicher Untersuchung macht). Dies versucht B. besonders anhand der Fotografie zu belegen. Das Objektiv wird zur Aufzeichnung des Verschwindens des Aufgezeichneten. "Die Logik möchte, daß ein Ereignis stattfindet, daß das Foto es illustriert und daß der Text der Kommentar davon ist (das ist leider meistens der Fall). Die poetische Verkettung ihrerseits möchte, daß das Ereignis nicht genau stattfindet, daß das Objekt anwesend und von sich abwesend sei. Das Objekt schaut woanders hin. Und das Foto muß, um es zu sehen, selbst woanders hin schauen. Um diesem inkommensurablen Anteil des Objekts Rechnung zu tragen, diesem überschüssigen Anteil des Rrealen, muß auch das Foto auf irgendeine Art und Weise sich selbst fremd bleiben. In diesem Sinne ist es eine Fiktion. Kein Zeugnis." (Fotografien 1985 – 1998, 43).
    Mit anderen Worten: Das Objekt verführt.Verführung ist das Spiel des Scheins, des Austauschs der Zeichen, die nichts bezeichnen, außer ihrer eigenen Bewegung. "Verführung ist das, wovon es keine Repräsentation gibt", sagt B, und er setzt sie der Liebe entgegen, die auf einen zu enthüllenden Sinn aus ist, die Manifestation eines eindeutigen Begehrens darstellt und auf Erfüllung zielt. Anders die Verführung: Sie besteht als ständige Herausforderung, auf dem Duell und sie operiert mit Zeichen, die nicht im Rahmen eines Diskurses zu entschlüsseln sind. Während die Liebe den Rückfall in Subjekt und Individuation darstellt, läuft die Verführung über "leere, unleserliche, unauflösliche, arbiträre und unvorhersehbare Zeichen, die kaum auffallen und die die Raumperspektive verändern; aus diesen Zeichen kann man keinen Text oder keine Erzählung machen und sie haben weder ein Subjekt (der Äußerung) noch eine Aussage." (Laßt Euch nicht verführen, 39) Verführung operiert also mit Trugbildern und es fällt auf, wie B. die Simulation hier als Taktik aufbaut. Hatte er den Begriff zunächst kritisch verwendet, um die Versuche der Moderne zu beschrieben, sich eines verlorengegeangegen Realen wieder zu versichern, so wird Simulation nun als Spiel ohne manifeste Wahrheit positiv gewendet. Simulation besteht dann in der Selbstüberbietung der Zeichen, ähnlich wie die Pop-art das Triviale nur durch Überbietung im Trivialen offenbaren konnte. Verführung läuft nicht linear einem Ziel zu, sondern windet sich in der Reversibilität der Zeichen. Sie ist das immer wieder neu zu erfüllende Ritual statt das vorschreibende Gesetz, das inzwischen etwa auch die Sexualität zum Produktionszwang degradiert hat: "Gegenüber Kulturen, in denen der Geschlechtsakt kein Selbstzweck ist, für die die Sexualität nicht diese tödliche Ernsthaftigkeit einer freizusetzenden Energie, einer zwanghaften Ejakulation, einer Produktion um jeden Preis, einer buchahlterischen Hygiene des Körpers besitzt, verharren wir verständnislos oder irgendwie mitleidsvoll. Solche Kulturen besitzen vielfältigste Verführungsweisen und Sinnlichkeiten, wobei die Sexualität nur eine Gefälligkeit unter anderen darstellt, eine umständliche Prozedur von Gaben und Gegengaben – während der Liebesakt nichts anderes ist als der mögliche Schlußpunkt einer Vielzahl reziproker Züge in einem unvermeidlichen Ritual. (Oublier Foucault, 28/29).
    Das Gesetz führt zum Universalismus und leitet zur Theorie des Anderen über. Wie, so fragt B. kann man, etwa auf Reisen, das Andere erfahren, ohne immer wieder das Gleiche anzutreffen. Hier ist die Rede von der Differenz trügerisch, weil diese den Anspruch formuliert, Unterschiede (Andersheiten) doch nur wieder in universal gültige Gleichungen aufzulösen. Differenz suggeriert in B.‘s Verständnis die Vergleichbarkeit der Unterschiede, Differenz ist ein Ordnungsmuster, daß die Unterschiede durch Benennung harmonisiert und homogenisiert. B. setzt mit dem Konzept des Anderen aber eine radikale Unvergleichbarkeit an, weil die Bezugssysteme (etwa die Sprache) nicht vergleichbar sind, sondern immer in einer asymmetrischen Beziehung stehen. "Die anderen Kulturen haben weder Universalität noch Differenz beansprucht (zumindest nicht, bevor man sie ihnen eingeimpft hat, wie in einem kulturellen Opiumkrieg). Sie leben von ihrer Einzigartigkeit, ihrer Ausnahme, von der Unhinterfragbarkeit ihrer Riten, ihrer Werte. Sie wiegen sich nicht in der tödlichen Illusion, all das zu versöhnen, in dieser Illusion, die sie auslöscht.""(Transparenz des Bösen, 152) Das Begreifen des Anderen kann also nur in einer Konstruktion bestehen, die auf der Besonderheit des Erfaßtwerden vom Anderen beruht, ähnlich wie es Roland Barthes im "Reich der Zeichen" vorführt. Das Andere verführt, und Japan wird daher zu einer fiktionalen Gestalt, zum (sprachlich verfaßten) System Japan. (Barthes, Das Reich der Zeichen)

    Oliver Fahle, Februar 2000






 

last modified:

mediamaster