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3) Medien und Ereignis

Baudrillard und die Moderne

Theorie der Simulation

Medien und Ereignis

Taktiken der Abweichung:
das Objekt, die Verführung und das Andere


    Um die Rolle der Medien zu verstehen, muß man die von B. spärlich angesiedelten Definitionen von Realem verstehen: Das Reale kann sich nach B. nie ganz selbst begreifen, es kann nie ganz begriffen werden und es manifestiert sich gerade in dem Austausch, den die Zeichen mit ihm eingehen. Deshalb sind Perspektive, Spiegel oder Schein Metaphern, die dieses Verständnis des Realen verdeutlichen, denn sie erfassen das Reale (die Referenz, das Abzubildende) in einer Art Unschärferelation. Das Verborgene, Rätselhafte oder die nicht-codierbare Differenz (wir erinnern uns an die Graffiti an Häuserwänden) bestimmt die Auseinandersetzung mit dem Realen. Illusion ist nicht sein Gegensatz, sondern notwendiger Bestandteil seines Begriffs. Erst wenn sich das Imaginäre nicht mehr in der Distanz von Realem und Zeichen ansiedeln kann, wenn die Abstraktion des Codes jede Offenheit vernichtet, verschwindet auch das Reale selbst.
    Eine zeitgemäße (poststrukturalistische) Chiffre dieses Realen ist das Ereignis. Ein Ereignis in diesem Sinne ist ein emergentes Vorkommnis, d. h. es ist nicht aus den Ursachen allein erklärbar (a-zentrisch), es bezeichnet einen qualitativen Sprung, das Hervorquellen von etwas Neuem. Es ist heterogen zusammengesetzt (eine Mannigfaltigkeit, würde Deleuze sagen), es ist unwiederholbar, kontingent und irreversibel. In Baudrillards Worten entfaltet es Eigenenergie, gehorcht einer eigenen Dramaturgie, benötigt eigene Räumlichkeit.(Die Ereignisse des Herbst 1989 einschließlich des Falls der Mauer könnten in diesem Sinne analysiert werden, was zeigt, daß Medien auf komplexe Weise mit Ereignissen zusammenwirken). Die Ereignisse des Mai 68 stellen für B. eine Schlüsselerfahrung dar, vor allem die Barrikadennacht, in der sich französische Studierende hinter selbsterrichteten Barrikaden verschanzten und von der Polizei aufgeräumt wurden. Die frankreichweite Übertragung des Ereignisses im Radio zwang die Handelnden in einen medialen Raum, den niemand mehr überschaute, der die Eigendynamik der medialen Übertragung dokumentiert. Ereignisse sind seitdem zunehmend zu Medienereignissen geworden, d. h. sie müssen auf die mediale Entfaltung hin angelegt werden, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden.
    Die technischen Medien, so Baudrillard in seinem bekannten Text Requiem für die Medien, vernichten den für Ereignisse (Kommunikation) erforderlichen "reziproken Raum von Rede und Gegenrede". Oder in den durchaus mystifizierenden Worten Baudrillards: "In einer symbolischen Tauschbeziehung gibt es simultane Antwort, es gibt auf beiden Seiten weder Sender noch Empfänger von Botschaften, es gibt auch keine "Botschaft" mehr, also kein in eindeutiger Weise zu identifizierendes Informationskorpus. Das Symbolische besteht darin, mit dieser Eindeutigkeit der "Botschaft" zu brechen, die Ambivalenz des Sinns wiederherzustellen und im gleichen Zug die Instanz des Codes zu liquidieren." (Requiem für die Medien, in: Kool Killer, 111).
    B. definiert die technischen Medien, insbesondere das Fernsehen als Apparate, die senden ohne empfangen zu müssen. Die Macht gründet also auf der Gabe ohne Gegengabe (dabei stützt sich B. auf die Analysen des Ethnologen Marcel Mauss), sie gehört demjenigen, der geben kann, ohne daß ihm zurückgegeben werden kann (eine durchaus heute noch gültige Definition, denkt man an die Machtdemonstration durch wertvolle Geschenke, etwa in Familienbindungen).
    Ebenso wie demnach das Ereignis in codierten, abstrahierten Medienräumen verlorengeht, verschwindet etwa auch das historische Ereignis in ihrer unmittelbaren Speicherung, Archivierung und Musealisierung. Die Distanz, die etwa Geschichtsschreibung ausmacht (und ihren Charme der fiktionalen – narrativen - Gestaltung) und benötigt, ist nun aufgehoben in den Echtzeitgedächtnissen technischer Speicher. Die moderne Kultur, besessen davon, Ursprung und Originale widerzufinden (weil sie sich selbst von diesen abgeschnitten hat), sperrt diese in synthetische Gefängnisse, um sich ihrer Herkunft zu versichern. Damit hat sie sie im Sichtbaren gelagert, ihre eigentliche Substanz aber zerstört. "Alles was entdeckt wird, wird vernichtet. Die Fossilien treten nur aus dem Unvordenklichen heraus, das heißt, aus dem geheimen Gedächtnis heraus, um sogleich wieder in ihrem künstlichen Gedächtnis begraben zu werden. Kaum ausgegraben, werden sie wieder eingesperrt. Man setzt alle Originale unter Verschluß (die Höhlen von Lascaux, den Schädel von Tautavel, die unter dem Meeresspiegel liegende Höhle von Cassis.)" (Der Streik der Ereignisse, 117).
    Da nun die moderne Kultur alles Ursprüngliche liquidiert hat, sollte das Verlorene nach B. nicht künstlich wiederaufgerichtet werden. B. plädiert deshalb für die Einrichtung im Künstlichen, für die Wahrheit der Fiktionen und dem Spiel des Scheins. Nicht im Authentischen, sondern im scheinhaften Spiel der Zeichen liegt noch Faszination (in diesem Kontext ist etwa die Konstruktion eines doppelten Gartenhauses zu verstehen). Dies können nur Taktiken der Abweichung sein (im Gegensatz zu Strategien, vgl. Michel de Certeau, Kunst des Handelns), etwa die Verführung oder der radikale Exotismus.




 

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