[info]
[aktuell]
[personen]
[netzaktiv]
 

2) Theorie der Simulation




    Wenn B. vom Verschwinden der Wirklichkeit spricht, dann meint er nicht das Verschwinden der materiellen Wirklichkeit (insofern hat er nur begrenzt rechnergestützte virtuelle Welten im Sinn), sondern das Aufsaugen von erfahrbarer Wirklichkeit in Modellen und Codes, die den Verweis auf die Referenz (das Reale) nicht mehr mit transportieren. Die Unterscheidung, die imaginäre Distanz zwischen Referenz und Repräsentation, geht damit verloren. B. unterscheidet drei bzw. vier Stufen der Simulation (Der symbolische Tausch und der Tod, Kap. II):
    1) Die Ordnung der Repräsentation oder Imitation setzt auf das Spiel der Zeichen, die auf eine Wirklichkeit deuten, ohne sie vollständig repräsentieren zu wollen. Es ist die Zeit der Illusion (Barock), eine Ordnung des Realen, die vom imaginären Spiel der Zeichen eingehüllt wird.
    2) Die Ordnung der Serie oder Produktion setzt im industriellen Zeitalter an. Hier greift das operationelle Prinzip, das die Objekte als Serienprodukte entwirft und damit das experimentelle Verhältnis von Zeichen und Referenz in die Struktur strenger Reproduzierbarkeit zwingt. Die Serienproduktion errichtet eine Realität "ohne Bild, ohne Echo, ohne Spiegel, ohne Schein", deren Herstellung nur als Serie (ökonomisch: als Ware) begriffen werden kann.
    3) Die dritte Stufe der Simulation ist eine Radikalisierung der zweiten. Nun wird das Reale nicht mehr hergestellt und dann in die Serie eingespeist, sondern auf Reproduzierbarkeit hin entworfen. Das Reale existiert nur noch als Wiederholbares und damit sind die Wirklichkeit und ihre Zeichen endgültig ununterscheidbar geworden. Repräsentation geht nun vollständig in Simulation über. "Das Reale erhält nie wieder die Gelegenheit, sich zu produzieren – dies ist nun die lebendige Funktion des Modells in einem System des Tiodes oder vielmehr in einem System der vorweggenommenen Wiederauferstehung, wo dem Ereignis, selbst dem Ereignis des Todes, keine Möglichkeit mehr bleibt. Das Hyperreale ist von nun an vor dem Imaginären, vor jeder Trennung von Realem und Imaginärem sicher. Zugelassen wird nur noch ein orbitaler Rücklauf von Modellen und die simulierte Generierung von Differenzen." (Agonie des Realen, 9).
    In der Transparenz des Bösen kündigt B. ein vierte Stufe der Simulation an. Nun regieren nicht mehr Modelle und Codes, sondern reine Wucherungen verstreuter Teile, die nicht mehr im Rahmen vereinheitlichender Modelle zu beschreiben sind. Dieses fraktale Stadium hat jeden Bezugspunkt verloren, ist reine Bestrahlung, reine Kontingenz, Indifferenz gegenüber der eigenen Bewegung. Dies ist der Zustand nach der Orgie, in der alle kulturellen Szenarien der Befreiung, Entfesselung und Produktion durchgespielt worden sind und sich alle Bewegung in reine Zirkulation aufgelöst hat (Transparenz des Bösen 9 – 44).
    Wenn man möchte kann man diesen vier Zuständen Leitmedien zuordnen: Dann hätten wir für den ersten Theater und Malerei, für den zweiten Fotografie und Film, für den dritten das Fernsehen, für den vierten den Rechner. Aber das bedarf natürlich der Diskussion.

 

last modified:

mediamaster