Lorenz
Engell
Vorlesung:
"Umberto Eco"
(WS 1998/9,
Do., 19-21, Hs C)
6.
Vorlesung (11. 12. 98):
Zu den Problemen der Interpretation.
o.
Einleitung
- Begrüßung.
- Ankündigung
Gastvortrag medien hoch i
- Ausblick: 1.
Ausführliche Zusammenfassung Zeichentheorie mit Schwerpunkt
Probleme der Interpretation von Zeichen; 2. Ergänzungen zum
Prozeß der Interpretation von Zeichen; Fallstudie 1: Das
Foucaultsche Pendel; 3. Fallstudie 2: Ein gutpariserisches
Melodram (Allais).
1.
Zusammenfassender Rückblick: Grundzüge der Zeichentheorie
nach Peirce.
1. "Über
die Klarheit unserer Gedanken" (C.S. Peirce):Vorüberlegungen zur
Terminologie und zur Pluralität der Zeichenmodelle.
- Unübersichtlichkeit
der Terminologien sowohl Peirces (Entwicklung über etwa 4o
Jahre) wie auch Ecos, der seinen Peirce zwischen 1975 und 198o
erarbeitet hat und ihn auch noch mit anderen, v.a. semiologischen
und linguistischen Ansätzen, verschneidet.
- Daher
propagiere ich eine etwas andere Terminologie, die strikter ist,
und die Max Bense und Elisabeth Walther aus den Peirceschen
Schriften heraus entwickelt haben.
- Sehr
dogmatisch und strikt und nicht so offen zu den kulturellen
Prozessen, deshalb werde ich zu Eco zurückkehren; aber zur
Klarheit der Grundlagen unübertroffen.
1. Zeichen als
"Triadische Relation".
- Die drei
Komponenten des Zeichens: Zeichen als physischer Gegenstand ,
"Repräsentamen" (Lanza), materielle Gegebenheit, "M" in der
Notation Benses/Walthers und unstreitig die Entsprechung zum
Signifikanten Saussures;
- Zeichen als
Beziehung zu etwas anderem (dem Objekt), "O" in den meisten
Notationen;
- Zeichen in
Beziehung zu anderen Zeichen (dem/n Interpretanten), "I" in den
meisten Notationen. Merke: Der Interpretant ist nicht der
Interpret !!
- Zusammenhang
mit den Fundamentalkategorien Peirces.
2. Vom Signal
zum Zeichen: "Untere Schwelle" der Semiotik.
- Hier
zunächst Begriff des Signals eingeführt: irgendein
Wahrnehmungsmuster, Reizmuster etc. (Buchstaben, Lampen, Töne
etc), könnten auch z.B. elektrische Ladungen sein. Die Formen
solcher Muster lassen sich informationstheoretisch-mathematisch
beschreiben.
- Signal: das
Wahrnehmungsmuster löst ein zweites Muster (Reiz,
Konfiguration etc. ) aus: Signal, das etwas nach sich zieht,
Reaktion usw.; mindestens die Sicherheit, mit der dieses zweite
Muster ausgelöst wird, ist
informationstheoretisch-mathematisch bestimmbar (wenn schon nicht
das Muster selbst) Beispiel: Musik - Tanz.
- Damit aus
dem bloßen, zweistelligen Signal ein dreistelliges Zeichen
wird, sind zwei Bedingungen notwendig (und gemeinsam hinreichend):
1. Das Zeichen löst weitere (mindestens eins) Zeichen aus,
d.h. die Bezugnahme wiederholt sich, und zwar tendenziell
unendlich; 2. Die Bezugnahmen geschehen mit
Unsicherheitsfaktoren.
- Folgerungen:
1. Explosionsartige Verlängerung des Zeichens in unendlich
viele andere Zeichen hinein, erstens wegen der Tatsache, daß
ein Zeichen immer ein weiteres auslöst, das ein weiteres
auslöst etc.; zweitens eben wegen der Unsicherheit, d.h. es
wird nie genau ein Objekt bezeichnet und genau ein weiteres
Zeichen ausgelöst, sondern immer mehrere (mögliche). 2.
(Eher eine Vermutung): Der Objektbereich und der
Interpretantenbereich hängen gerade in ihrer Unsicherheit
miteinander zusammen; die Unsicherheiten kontrollieren sich
gegenseitig.
3. Das Zeichen
als "Mittel", als materieller Gegenstand.
- ist auf
seine Beschaffenheit hin analysierbar, und zwar, als
Hilfestellung, nach einem Peirceschen Analyseschema, in dem sich
die drei Fundamentalkategorien wiederholen:
- Hinsichtlich
ihrer "Qualität", d.h. der stofflichen oder
wahrnehmungsmäßigen Beschaffenheit (woraus sind sie
gemacht, welche Sinnesreize werden instrumentalisiert ?);
"Qualizeichen";
- Hinsichtlich
ihrer "Form", ihrer individuellen Ausprägung, ihres
spezifischen Auftretens, ihrer Singularität (z.B.
"Handschrift" o.ä.); "Sinzeichen";
- Hinsichtlich
ihrer "Regelhaftigkeit", d.h. ihrer Reproduzierbarkeit, ihres
Auftretens in bestimmten Zusammenhängen, ihrer "Grammatik"
(Genreregeln z.B.; Perspektivkonventionen; Typen/Lettern etc.);
"Legizeichen".
- Dies wird
nach Charles Morris auch die "Syntaktische Dimension" des Zeichens
oder die "Syntaktische Analyse" genannt.
4. Das Zeichen
als Beziehung zu einem "Objekt".
- Das Signal
wird in einen Zusammenhang gestellt, zunächst mit einer
anderen Reizkonfiguration (s.o.); das ist das Objekt ersten Grades
oder "Unmitelbares Objekt"
- Vorgang der
Semantisierung: Immer, wenn ein bestimmter Reiz eintritt, wird ein
bestimmtes Schema ausgelöst; wenn dieses Schema auch von
einem anderen Reiz ausgelöst wird, dann ist der zweite Reiz
ein Zeichen des ersten und kann für ihn stehen. Das ist das
Objekt zweiten Grades oder "Dynamisches Objekt".
- Beispiel:
Ecos Analyse der fotographischen Wahrnehmung.
- Ob das
Dynamische Objekt ein rein gedankliches ist, also in der
stofflichen Wirklichkeit gar nicht existieren kann (seiner
abstrakten Natur nach, z.B. "Gerechtigkeit"); ob es ein
phantastisches ist (z.B. das Einhorn); oder ob es ein reales ist,
das ist hier völlig unerheblich.
- Die
Beziehung zum Objekt kann analysiert werden (gemeint ist nicht die
Frage, auf welches Objekt sich das Zeichen bezieht, sondern die
Frage, wie es sich darauf bezieht, d.h. wie der Objektbezug des
Zeichens beschaffen ist):
- Iconische
Zeichen: Ähnlichkeitszusammenhang zwischen Signalmuster und
(dynamischem) Objekt;
- Indexikalische
Zeichen: Kausalitätszusammenhang zwischen Signalmuster und
(dynamischem) Objekt;
- Symbolische
Zeichen: Konventionalitätszusammenhang zwischen Signalmuster
und (dynamischem) Objekt.
- Diese
Analyse ist die (Morris) Semantische Analyse bzw. Semantische
Dimension des Zeichens; Anmerkung: Nicht den Unsicherheitsfaktor
vergessen !
2.
Ergänzungen zum Begriff des Interpretanten und zum Prozeß
der Interpretation
1. Das Zeichen
als Beziehung zu einem anderen Zeichen, den sog. Interpretanten.,
Teil 1: Zusammenfassungen der Zeichen.
- Die
Beziehung zu anderen Zeichen hat ihrerseits zwei Achsen. Erste
Achse: Die Zusammenfassung der Zeichen zu größeren
Zusammenhangen; zweite Achse: die "Ablösung" eines Zeichens
durch ein anderes, die "Aufeinanderfolge" mehrerer
Zeichen.
- Zusammenfassung
der Zeichen zu größeren Zusammenhängen; erste
Variante: Schlichte Anhäufung von Zeichen; Einzelzeichen ist
schlichtes Teil einer größeren Menge, z.B. die
Buchstaben einer Druckseite, Peirce: "Rhematischer"
Zusammenhang.
- Zweite
Variante: Die Zeichen werden zu Zusammenhängen kombiniert, so
daß der Zusammenhang ein neues, komplexes Zeichen bildet,
das mehr ist als die Summe seiner Teile und sich auch auf etwas
neues oder anderes beziehen kann, z.B. wie von Ecos Theorie der
Gliederung von Codes erläutert (Zahlen, die sich kombinieren
zu Busnummern; Sprache; Film); Peirce: "Dicentischer"
Zusammenhang.
- Dritte
Variante: Die Zeichen werden so kombiniert, daß die
entstehenden Zusammenhänge abschließbar und
vollständig weden, d.h. nicht mehr beliebig erweiterbar. Nur
bestimmte Zeichen können hinzukommen, Beispiel: Der
Syllogismus; Peirce: "Argumentischer" Zusammenhang.
- Diese
Kategorien können natürlich auch auf die zweite Achse
angewandt werden: Folgt auf ein Zeichen ein beliebiges anderes,
ein wahrscheinliches anderes oder ein determiniertes anderes
?
2. Das Zeichen
als Beziehung zu einem anderen Zeichen, Teil 2: Abfolge der
Zeichen.
- Zeichen
treten aber nicht nur gemeinsam auf, sondern ein Zeichen verweist
auch auf eines oder mehrere weitere, so wurde gesagt; warum ist
das so?
- Nochmals,
Zeichen ist ein Gegenstand, der auf einen anderen verweist, und
zwar in einer bestimmten Hinsicht, einer bestimmten Qualität,
Beschaffenheit, Funktion, aus einem bestimmten Grund
usw.
- Um
festzustellen, welches diese Hinsicht, dieser Grund (Peirce:
"Ground" usw. ist, benötige ich ein weiteres Zeichen, das mir
das erste erläutert oder erklärt. Dieses weitere Zeichen
ist der Interpretant des ersten Zeichens
- Wenn ich den
"Hintergrund", die Hinsicht, aufgrund derer ein Gegenstand
für einen anderen stehen kann (Objektbezug), nicht kenne,
kann ich das Zeichen nicht decodieren.
- Der
Interpretant wirkt zurück auf den Objektbezug: Je nachdem, in
welchen Kontext ich ein Zeichen stelle, kann es etwas ganz anderes
bezeichnen, sich auf etwas ganz anderes beziehen.
- Beispiel:
Der Text mit mir unverständlichen Fremdwörtern: Ich
benötige ein Lexikon, das mir das unverständliche
Zeichen mithilfe anderer Zeichen erläutert.
- Variante:
Ich habe Zweifel an dem, was ausgesagt wird, z.B.
Liebeserklärung. Ich werde versuchen, die getroffene Aussage
solange zu diskutieren, bis ich ein befriedigendes Maß an
Sicherheit darüber gewonnen habe, ob sie als Bezeichnung
eines Sachverhaltes gelten kann oder aber nicht. Im Grunde
genommen funktionieren alle Dialoge, funktioniert die gesamte
Kommunikation so.
- Beispiel:
Mein Kölner Dom. Ein geformtes Stück Holz, aber was
stellt es dar ? Und so ist das "Entscheidende" am Zeichen nicht,
daß es (hier) den Kölner Dom bezeichnet, sondern die
Umstände, unter denen es als Zeichen für den Kölner
Dom gelesen werden kann, was dort also alles dranhängt,
gleichsam die Decodierungsregel. Damit habe ich geklärt, in
welcher hinsicht (oder schlicht: warum, inwiefern) das
Holzstück ein Zeichen für den Kölner Dom
ist.
3. Die Abfolge
der Interpretanten.
- Die
Interpretation eines Zeichens durch eine Kette anderer Zeichen
erfolgt nach Peirce (und Lanza) nach einem bestimmten
Schema:
- Unmittelbarer
Interpretant: "Lexikalische Bedeutung" eines Zeichens,
"wörtliche" Bedeutung; Definition.
- Dynamischer
Interpretant: Berücksichtigung der Umstände, der
weiteren Bedingungen etc. "Enzyklopädie",
"Weltwissen".
- Logischer
Interpretant: Abschließende Hypothese über die
vorliegende Bezeichnung; Sinnprüfung.
- Energetischer
Interpretant: Eine Rückäußerung oder eine
Handlung, die davon ausgeht, daß der logische Interpretant
der "zutreffende" ist.
- Finaler
Interpretant: Bedeutung des Zeichens, wie sie sich nach
tendenziell unendlicher, mindestens aber abgeschlossener
Diskussion bzw. Überrüfung einstellt (d.h. nach
Wiederholung der vorbezeichneten
Interpretationsschritte).
- Diese
Analyse (1., 2., 3.) ist die "Pragmatische Analyse" oder
"Pragmatische Dimension" des Zeichens (Morris).
3.
Fallbeispiel zum Prozeß der Interpretation, 1: Das Foucaultsche
Pendel.
1.
Vorbemerkungen.
- Vorhin wurde
schon bemerkt, wie vielschichtig und unendlich der Zeichen- und
Interpretationsprozeß ist. er kann schließlich auch
verstanden werden als "Reduktion von Komplexität" oder als
schrittweiser Abbau der Unsicherheit (Umwandlung der Unsicherheit
in Gewißheit); aber es gibt natürlich auch den
umgekehrten Prozeß (Implausibilisierungsstrategie;
Um-Interpretation usw.: Kunst, z.T. auch
Wissenschaft).
- Andererseits
ist klar, daß jede Unsicherheit nur um den Preis weiterer
zeichen, d.h. weiterer Unsicherheiten abgebaut werden kann: die
Unsicherheiten werden also nur verlagert.
- Und wie ist
es letztlich möglich, dennoch so etwas wie Gewißheit,
Übereinstimmung etc. in der Kommunikation zu erzielen, oder
gibt es die gar nicht ? Anders gesagt: Ist jede beliebige
Interpretation möglich, kann auf ein Zeichen eine beliebige
Deutung bzw. Reaktion erfolgen oder nicht ?
- Nachdem sich
Eco zuerst - wie gesehen - sehr intensiv mit der Öffnung der
Interpretation gegenüber festegfahrenen, geschlossenen
Verständnissen von Kunstwerken auseinandergesetzt hat,
interessiert er sich später, um 198o, genau für die
Grenzen wiederum dieser Öffnung.
2. Wie beliebig
ist die Interpretation? Das Pyramiden-Beispiel.
- Erläuterung:
das Foucaultsche Pendel (Setting, Inhaltsangabe,
Situation)
- Lektüre:
Das Foucaultsche Pendel, S. 334-5.
- Was
geschieht hier: Mithilfe eines bestimmten Interpretationsschemas
werden die Maßverhältnisse von Bauwerken (hier: die
Pyramiden) als Zeichen für Zahlenverhältnisse
interpretiert (unmittelbarer Interpretant) und diese wiederum als
Zeichen für andere "Objekte", die denselben
Zahlenverhältnissen gehorchen, so daß das Bauwerk als
Zeichen für diese weiteren "Objekte" lesbar wird (dynamischer
Interpretant).
- Außerdem
wird das Bauwerk insgesamt zum Zeichen für einen tiefen
Zusammenhang zwischen den Eigenschaften des Weltalls (Kosmos),
Bedingungen der Geschichte und mathematischen
Grundgrößen. Der logische Interpretant wäre also:
Es gibt einen solchen verborgenen Zusammenhang, ein kosmisches
Gesetz, das alles durchwaltet ... (logischer
Interpretant).
3. Erste
Einwände: Realitätsprüfung und Das
Kiosk-Beispiel.
- Forts.
Lektüre, S. 336 - 337.
- Gegen diese
Interpretation erheben sich nun Einwände: Erster Einwand: Das
Bezeichnende, oder hier: die materielle Seite des Zeichens bzw.
das Signal, ist gar nicht so beschaffen wie behauptet.
Realitätsprüfung = Energetischer
Interpretant.
- Zweiter
Einwand: die erarbeitete Interpretation trifft in jedem Fall zu;
sie ist nicht nur an der Pyramide ablesbar, sondern an jedem
x-beliebigen Bauwerk. D.h., es ist gar keine Interpretation dieses
Zeichens, sondern zugleich aller möglicher weiterer Zeichen.
Damit fragt sich natürlich, ob hier überhaupt ein
Zeichenzusammenhang vorliegt, da nunmehr tendenziell alles
für alles stehen kann; alles hängt mit allem zusammen
(und damit, wie Luhmann sagt, hängt gar nichts mehr
miteinander zusammen).
- Semiotisch
gewendet: der Zusammenhang wandelt sich von einer zwingenden,
argumentischen Figur in eine bloße rhematische
Anhäufung von Daten.
- Es entsteht
eine Art unkontrollierter Semiose (Kettenreaktion
o.ä.).
4. Dennoch
erfolgt die Bestätigung der Interpretation auf "tieferer"
Ebene.
- Forts.
Lektüre: S. 337 (Schluß).
- Der Einwand
wird aber wiederum relativiert, nämlich zum Zeichen
erklärt: Daß alles miteinander zusammenhängt, ist
deshalb nichts besonderes, weil das doch die Voraussetzung war,
auf deren Grund überhaupt die ganze Interpretation beruht
hat.
- D.h. der
Einwand beweist nicht, daß die Interpretation falsch war,
sondern lediglich, daß sie trivial ist, sie trifft "sowieso"
zu, ist redundant: Die Zeichen erzeugen keine Information,
beseitigen keinerlei Unsicherheit bei jemandem, der die Sicherheit
("das Wissen des Weisen") schon gewonnen hat.
- Die
wirkliche Suche muß noch ungelesenen Zeichen gelten: Finaler
Interpretant.
- An dieser
Stelle des Romans jedenfalls; das Spiel, das hier auf ein paar
Seiten getrieben wird, geht noch eine ganze Zeit weiter und endet
mit der stufenweisen Erkenntnis a- (wie hier) der Trivialität
des Geheimzeichens (Wäscheliste); b - der
Handlungsbezogenheit der Zeichen und c - der Nichtbeliebigkeit der
Interpretation.