Lorenz
Engell
Vorlesung:
"Umberto Eco"
(WS 1998/9,
Do., 19-21, Hs C)
5.
Vorlesung (19. 11. 98):
Von den Grundlagen zu den Anwendungen: Aspekte der semiotischen
Analyse massenmedialer Produkte (Comic; Film).
o.
Einleitung.
1.
Allgemeines.
- Begrüßung.
Thema heute: Von den Grundlagen zu den Anwendungen der
Semiotik.
- Hinweise:
Vortragsreihe Medien hoch i Quadrat (Mittwochs); Filmproduktion
Bibliothek von Babel; nächste Woche (26. 11.): Gastvortrag
Giovanni Lanza; übernächste Woche: Ausfall der Vorlesung
wg. Berufungskommission Medien-Ereignisse (öffentlich
!).
- Ausblick:
Heute ziemlich umfangreiche Rekapitulation, die noch ergänzt
wird; dann zwei Beispiele: Der Comic, Der Film. Sie werden durch
eine Zwischenüberlegung zusammengehalten.
1.
Rückblick und Ergänzungen zu den Grundlagen der
Zeichentheorie.
1. Das Zeichen
bei Peirce (Beginn)
- Definition
des Zeichens nach Peirce: Zeichen als TRIADISCHE RELATION, d.h.
als koordinierte Beziehung dreier Faktoren.
- Diese
Definition ruht auf auf der Peirceschen Kategorienlehre: Erstheit,
Zweitheit, Drittheit. Definitionen.
- FOLIE:
Zeichen nach Peirce. Was heißt das konkret für die
Bestimmung der Zeichen ?
- Zeichen als
Erstheit: Materielle Seite, Träger, Signal, Laut usw.
Unterteilt sich nochmals in: Qualizeichen, Sinzeichen, Legizeichen
(Kurzdefinitionen). Diese materielle Seite wird auch "syntaktische
Dimension" des Zeichens genannt. Untersuchung des Zeichens in
seiner Erstheit: SYNTAKTIK.
- Zeichen als
Zweitheit: Zeichen als Beziehung (oder in seiner Beziehung) auf
Anderes, das vom Zeichen bezeichnet wird (anderes Signalmuster
z.B.). Unterteilt sich nochmals in: Icon, Index, Symbol
(Kurzdefinitionen).
- Diese Seite
des Zeichens in seiner Beziehung nach außen wird auch
"semantische Dimension" genannt; Untersuchung des Zeichens als
(oder in seiner) Zweitheit: SEMANTIK.
2. EXKURS ZUR
"ZWEITHEIT".
- Beachte die
Frage: Was ist dieses "Andere" ? "Realer" Gegenstand der
dreidimensionalen physischen Realität oder "nur" die
Vorstellung davon, "nur" z.B. ein abgespeichertes Signal- oder
Reizmuster, z.B. Erinnerung? Peirce unterscheidet hier
"Unmittelbares" oder "Internes" Objekt (das völlig vom
Zeichen abhängig ist) vom "Dynamischen" oder "Externen"
Objekt, das unabhängig vom Zeichen ist. Gibt es
überhaupt Gegenstände, die von Zeichen unabhängig
sind ? Ecos Position: Sehr skeptisch zu dieser Möglichkeit;
interpretiert sogar das "Dynamische" Objekt als semiotische
Gegebenheit.
- de Saussure:
Legt sich eindeutig fest: Signifikat als "mentales Bild"; dennoch
ein verwandtes Problem: Ist das Signifikat vorgängig ?
(Derrida: Es gibt keine Vorgängigkeit). Das würde
bedeuten: Zeichen bezeichnen nicht etwas, das von ihnen
unabhängig und ihnen vorgängig ist; sie produzieren
vielmehr. Wir kommen darauf zurück.
- Wir halten
fest: Es gibt Anhaltspunkte dafür, daß das, was die
Zeichen in ihrer Zweitheit bezeichnen, nichts
Außersemiotisches sein kann. Frage dann: Wie können
Zeichen mit dem "wirklichen Leben", der Erfahrung etc.
zusammenhängen ?
3. Fortsetzung:
Zeichen nach Peirce.
- Zeichen als
Drittheit: Zeichen als Funktion (oder in seiner Funktion) im
Zusammenhang mehrerer anderer Zeichen, die das erste
interpretieren oder von ihm interpretiert werden
(Zeichen-Reaktion, z.B. Antwort, Kommentar, Schlußfolgerung
etc.). Peirce: Interpretantenfunktion des Zeichens.
- Nochmalige
Einteilung in Rhema, Dicent, Argument.Diese Dimension des Zeichens
wird auch pragmatische Dimension genannt; ihre Analyse ist die
"PRAGMATIK".
4. Beispiel:
Analyse einer Photographie
- Beispiel:
FOLIE Rita Hayworth. Erstheit: Materialität. Qualizeichen:
Schwarz, weiß, helles und dunkles Licht. Zwischentöne
nicht (kaum) vertreten. Sinzeichen: eine bestimmte,
identifizierbare Konfiguration von hell und dunkel. Legizeichen:
Muster von Konfigurationen, die mich z.B. ein Gesicht, eine Hand
etc. erkennen lassen.
- Zusätzliche
Ebenen der Erstheit: jetzt wie ein Dia behandelt. Es legen sich
hier aber weitere Schichten mit jeweils eigener Materialität
darüber und darunter: Filmogramm; Folie. D.h. die
Wahrnehmungsmöglichkeiten z.B. des Kinos, des Hörsaals
usw. Alles wechselwirkt; Tiefenstaffelung der
Zeichenebenen.
- Zweitheit:
Was wird dargestellt ? Iconizität der Photographie:
Ähnlichkeitsbeziehung. Eine Frau, offenabr im Abendkleid, die
die Arme über den Kopf hält; Blick etc.
Idexikalität der Photographie: DAS IST Rita Hayworth (Prinzip
der Spur), und zwar ALS GILDA.
- D.h.: Auch
hier wieder mehrere Schichten: Das Bezeichnete (Hayworth) ist ein
Zeichen !
- Seitenblick:
Gilda als typisierte Figur (Bad Good Girl); wer sich mit
Mythosanalyse befaßt hat, weiß, daß das ein
neuerlicher Zeichenprozeß ist ! Wir stürzen in einen
Abgrund aus Zeichensystemen, hinter dem ein ursprüngliches
Signifikat, ein Letzt- und Urgrund nicht mehr erkennbar ist, z.B.
die Wirklichkeit, die Gesellschaft. Genau das ist der kulturelle
Prozeß (aber das behandeln wir später).
- Symbolizität:
Offensichtlich einige symbolische Elemente in den Gesten, in der
Kleidung etc.
- Ebene der
Drittheit (Pragmatik): Rhematisch: Bild für sich alleine (auf
der Ebene des Beschreibbaren). Dicentisch: Bild als Aussage (Frau,
die eine bestimmte Geste ausführt, eine bestimmte Haltung
einnimmt etc.) Argumentisch: Sinn der Aussage, d.h. genau unsere
Analyse: Damit kommt die Zeichenanalyse zum Abschluß, denn
sie umgreift sich jetzt selbst mit.
- Hinweis:
Trennung der Zeichendimensionen hochschwierig. Auch hier haben wir
in den einzelnen Dimensionen immer die anderen mit angesprochen.
Das liegt daran, daß eben das Zeichen eine koordinierte
Relation der drei Dimensionen ist, keine kann ausgeblendet
werden.
2. Eine
weitere Probe komplexerer Zeichenanalyse: "Steve Canyon".
FOLIE
1. Die Ebene der
Erstheit.
- Erster
Zugriff: Qualizeichen: Woraus ist das hier aufgebaut ? Zwei
Elemente, nämlich schwarz und weiß, dann auch: Linien
und Flächen. Dann auch: Druck, Papier, Farbe;
Erscheinungsweise der Zeitung etc.; hier auch: Licht, Schatten,
Größe des Projektionsbildes, Textur usw.; auch:
Institution der Vorlesung, Qualität der Sitze, Blickwinkel,
Entfernung usw.
- Dann:
Sinzeichen: Wie sind Hell und Dunkel, Linien und Flächen
verteilt ?Konfigurationen, Individueller Stil und "Ton" der
Zeichnung. Unterscheidung der verschiedenen graphischen Techniken
und Formgebungen.
- Legizeichen:
Konventionalisierte Bildelemente. Bild und Rahmen; Zeichnung,
Wolke, Wort (Buchstabe). Diskrete und Sequentielle Darstellung.
Ausschnittstechnik als konventionalisierte Darstellungstechnik,
die wiederum auf andere Zeichensysteme (hier: Film) verweist.
Verschiedene Codierungssysteme: Bild- und
Sprachelemente
2. Die Ebene der
Zweitheit.
- Iconische
Bezeichnungen: Decodierung der "Bilder" beim Betrachten:
Identifikation von "Gegenständen" d.h. Aktivierung bestimmter
Wahrnehmungsmuster (Polizist etc.).
- Iconizität
ist eine Frage des "Grades" (Peirce). Hier sind relativ wenige
Ähnlichkeitsmerkmale, aber die sehr deutlich, vertreten.
D.H.: Geringe Iconizität, hoher Konventionalisierungsanteil.
Bezeichnet wird mit wenigen figurativen Elementen jeweils eine
ganze Klasse, ein Typ.
- Beispiel:
Steve Canyon selbst - Copper Calhoun - Nebenfiguren; selbst das
Setting.
- Eco:
Charakterisierung - Typisierung - Standardisierung als Ebenen
iconischer Codierung. Techniken des Zusammenziehens,
Vereinfachens, der Andeutung usw.: vgl. Analyse der Gedichte
(Vorl. 2): Codes erlauben eine hochkomplexe Verdichtung,
Auslösung komplexer Muster durch relativ einfache
Muster.
- Indexikalische
Codierung: jedenfalls nicht wie in der Photographie als "Spur".
Jedoch: Die schon erwähnte Ausschnittstechnik, die den Blick
des Betrachters lenkt und ihm eine räumliche Position zuweist
(ursache-Wirkung). Auch: Datierbarkeit aufgrund stilistischer /
modischer Merkmale !
- Interne
Indexikalische Codierungen: Die Sprechblasen. Interessant:
Alterierte Sprechblasen, die iconische, indexikalische und
symbolische Elemente mischen. Wunderbar: die interne
Überlagerung der Rauchwolke mim letzten Bild !
- Symbolische
Codierungen: Sprache/Schrift. Hier, wie oben bei den iconischen
Techniken, sehr viele Verdichtungen und Überlagerungen von
Informationen, z.B. Wortspiele, Anspielungen etc.
- Symbolische
Codierungen im Bild: Zunächst scheint das wenig ergiebig,
aber dann fällt in Anknüpfung an die Verdichtungstechnik
auf: z.B. der karierte Mantel mit hochgeschlagenem Kragen; das
gepunktete Kleid; die Stilisierung von Copper: komplexe
Symbole.
3. Die Ebene der
Drittheit.
- Rhematische
Ebene: Das einzelne Bild. Über Ausschnittstechnik wurde schon
gesprochen: Rahmensetzung wäre hier anzusprechen. Inwiefern
bestimmen schon die standardisierten Rahmen die Botschaft des
Comic ? Bewegungsfluß, Handlungsfluß in diskrete,
gleichförmige Einheiten zerlegt.
- Dicentische
Ebene: Der Zusammenhang der Bilder: die "Montage": Was geschieht
zwischen den Bildern ? Wie wird der "Zwischenraum"
aufgefüllt, d.h.: Organisation von Differenzen.
- Argumentische
Ebene: "Text" als Zusammenhang von Zusammenhängen, Frage: wie
kommen diese Zusammenhänge zustande ?
- Hier wird es
so kompliziert wie eigentlich interessant: welches sind die
Zeichen(systeme), auf die uns dieser Comic verweist ? Film,
Populärkultur, Populärer Sprachgebrauch, andere Cartoons
etc. Wie oben "Abrgund von
Zeichenzusammenhängen".
- Wie verweist
der Comic darauf: Eco: Indem er sie entweder bestätigt oder
variiert; Variation: z.B. Weiterentwicklung, aber auch
Ironisierung, Übertreibung etc.
- Hier, in der
Ökonomie der Codes, der Querverweise, der Zeichensysteme
untereinander, findet der eigentliche Kommunikationsprozeß
statt. Auch die erzählte Geschichte ändert daran nichts:
Auch sie ist immer schon codiert (wir kennen sie ja doch schon !
); Eco. die Ideologie, der Kulturprozeß. Codes und ihre
Wechselwirkungen determinieren unser gesamtes semiotisches
Handeln.
3.
Überleitung.
- Bis hierhin
im wesentlichen mit Peircescher Systematik gearbeitet. Dabei
stellt sich heraus, daß sie nicht so sehr als purer
klassifikatorischer Leitfaden zu gebrauchen ist, als vielmehr als
eine Art Leitfaden zur Analyse von Zeichengebilden, und zwar
durchaus mit prozessualem Aspekt (d.h. es ist ein aufsteigender
Leitfaden und er kann auch Prozesse analysieren).
- Eco
verhält sich aber durchaus auch kritisch zu Peirce und ist
bereit, über ihn hinauszugehen bzw. seine strenge Logik zu
verlassen und, ganz eklektizistisch, andere Terminologien und
Systeme hinzuzuziehen oder sogar selbst zu entwickeln.
- Das kann bei
einem Theorietyp wie Ecos auch nicht weitr wundern; erinnern wir
uns an DAS BUCH.
- Eines der
Probleme, an denen Eco einhakt, ist das des Objektbezugs (s.o.).
Auch die Saussuresche Semiologie unterscheidet letztlich
"internes" und "externes" O)bjekt, sie nennt dies "Signifikat" und
"Referent".
- In der
Saussureschen Semiologie wird der Referent als
außersemiologische Größe absolut ausgeschlossen.
Das teilt Eco.
- Beispiel:
Das iconische Zeichen (darauf komme ich später noch einmal
zurück): Es hat, so Eco, eben keinerlei Merkmal mit dem
"äußeren Objekt", das es abbildet, gemeinsam, sondern
es aktiviert, rein intern, bestimmte
Wahrnehmungsmuster.
- Es gibt aber
ein Medium, das mehr als alle anderen immer wieder dazu provoziert
hat, die absolute Trennung von Signifikat und Referent aufzugeben,
und das ist der FILM. Immer wieder behaupteten und behaupten
Theorien des Films, die spezifische Eigenschaft des Films und
gerade des Films sei es, auf die Außendinge der Erfahrungs-
und Wahrnehmungswelt selbst zu verweisen: Eigenheit des Films sei,
daß im filmischen Zeichensystem das Signifikat der Referent
sei.
- Eco setzt
sich mit einer dieser Theorien (von Pasolini) intensiv
auseinander. Bezeichnenderweise nicht, um die Fehlerhaftigkeit zu
zeigen (niemals dürfen Signifikat und Referent verwechselt
werden !), sondern um herauszufinden, welche Eigenschaft des Films
es sein mag, immer wieder dieses Mißverständnis
hervorzurufen.
- Das ist eine
der schönsten Stellen in Ecos Semiotik, die ich jetzt
referieren will. Dazu sind Vorbereitungen notwendig.
4. Eco: Die
dreifache Gliederung des filmischen Codes.
1.
Voraussetzungen.
- Kontext
schon beschrieben: Auseinandersetzung mit 27asolini über den
Realistischen Charakter des Films.
- Ecos
Lösungsstrategie: Der besondere Charakter des Filmmediums
kann nicht in seinem Bezug zur Außenwelt liegen, sondern
muß in seinem inneren Aufbau, und zwar genauer: im Aufbau
des filmischen Codes liegen (denn das ist semiotisch gesehen das
Kennzeichen eines mediums: Es besitzt einen spezifischen
Code).
- Frage also:
wie ist der kinematographische Code aufgebaut ? dazu Vorlauf. Wie
sind Codes überhaupt aufgebaut und wie sind speziell
iconische Codes (Codes der Bildmedien) aufgebaut, deren
Spezialfall dasnn der kinematographische Code
wäre.
2. Aufbau
einfacher Codes.
- FOLIE: Ecos
Kapitelgliederung. Beispiel eines einfachen Codes: Jede Zahl gibt
eine logische Stelle an, etwa: 4. Teil des 14. Teils des 2. Teils.
Das Codierungsprinzip ist immer dasselbe; jede Ziffer hat genau
gleichen Anteil an der Gesamtbotschaft.
- Anders
gesagt: Die komplexe Mitteilung "4. Teil des 14. Teils des 2.
Teils" ist zusammengesetzt aus lauter Signifikanten, deren jeder
exakt einen Teil der Gesamtbotschaft codiert. Gesamtbotschaft:
Summe der Teile.
- Eco nennt
das einen ungegliederten Code, indem also ein einziges
Codierungsprinzip vorliegt. Ich würde sagen: Nicht
integrierter Code; nicht komplexer Code.
3. Aufbau
komplexer Codes.
- Beispiel:
Die Busnummern. Die Bezeichnung "28" an einem Bus bedeutet "Linie
28", und ist dadurch definoiert, daß sie von A nach B
fährt.
- Das Zeichen
"28" ist in diesem Fall komplex, denn die Gesamtaussage
"fährt von A nach B" ist mehr und anderes als die Summe der
Teilaussagen. "28" ist nicht die Summe aus "Linie 2" und "Linie
8", die völlig andere Wege verfolgen. In der Zusammenfassung
zu "28" ergibt sich ein semiotischer Zusatzeffekt, "28" bezeichnet
völlig anders als die Einzelziffern "2" und "8".
- Eco: Code
mit einfacher Gliederung; besser: einfacher Integration, einfacher
Komplexität.
4. Die Sprache
als System höherer Komplexität.
- Sprache:
Gesprochene Sprache zieht Laute ("Phoneme") zu Wörtern
("Morpheme") zusammen. Oder auch "Grapheme" im Falle der
geschriebenen Sprache. Es ist klar, daß hier eine Gliederung
(Integration) stattfindet: Der Laut (Buchstabe) hat keinerlei
Anteil an der Bezeichnung, die das Morphem realisiert.
- Der
Buchstabe allein bezieht sich keinesfalls auf Teile dessen, was
die Gesamtaussage ausmacht. "E", "N", "T", "E" beziehen sich nicht
auf die Teile z.B. der Ente.
- Also in der
Sprache erste Gliederungs- bzw. Integrationsebene
vorhanden.
- Aber in der
Sprache geschieht noch mehr: Sie bezeichnet nicht nur isolierte
Signifikate, sondern sie trifft Aussagen über sie ! Sprache
ist assertorisch bzw. prädikativ. Seit dem Altertum wird der
Sprache diese Spezifik zugeschrieben, sie kann etwas von etwas
aussagen, prädizieren, z.B. Dieser Hörsaal ist noch
immer nicht voll genug.
- Was
geschieht bei der Prädikation ? Die einzelnen, schon
integrierten Morpheme, werden erneut zusammengezogen und ergeben
dabei einen völlig neuen Sinn, der weit über das
ursprünglich Bezeichnete hinausgeht.
- Das ist
daran ersichtlich, daß jedes Wort in unendlich vielen
verschiedenen, auch gegensätzlichen Zusammenhängen
nutzbar ist (wie der Buchstabe). Nichts am Wort Hörsaal
selbst drückt seine Überfüllung aus, nichts am Wort
voll deutet an, daß es sich auf einen Hörsaal
bezieht.
- Diese
Beobachtung ist eine ältere und von der Sprachwissenschaft
lange schon angestellte. Eco: Sprache ist doppelt gegliedert
(besser: doppelt integriert, zweifach komplex).
- Daher
bezieht Sprache ihren Reichtum, ihre
Flexibilität.
5. Das Bild als
System höherer Komplexität.
- Wie
verhält es sich nun mit dem Aufbau iconischer Codes ?
Beispiel: Die Photographie. erneut FOLIE: RITA
HAYWORTH.
- Das Bild ist
aus visuellen Grundelementen aufgebaut (vgl. Qualizeichen), die
nichts bezeichnen, sondern nur Material der Bezeichnung sind:
Linie, Fläche, Farbe etc.
- Wenn man
aber diese sog. "Figurae" zusammenzieht, bezeichnen sie
plötzlich etwas. Leicht vorstellbar bei einfachen graphischen
Codes, gilt aber auch für die Photographie: Eine spezielle
Kontrastlinie allein (wie ein Laut) bezeichnet gar nichts; in
Zusammenstellung mit anderen Kontrasten in "Konfigurationen" oder
eben "Ikonen" (Eco auch: "Begriffsdiagramme") bezeichnet sie
plötzlich sehr wohl etwas: Erste Gliederung, erste
Integrations- oder Komplexitätsebene.
- Eine
Photographie leistet aber noch mehr: Sie integriert noch einmal
diese jetzt bezeichneten Teile zu komplexeren Aussagen, die mehr
sind als die Summe ihrer Teile: Arm, Gesicht, Handschuh,
Dekolleté werden integriert zu einer Bildaussage:
glücklich scheinende Frau hält in triumphaler Geste
Handschuh hoch.
- D.h.: Auch
ikonische Codes sind doppelt gegliedert, integriert,
komplex.
6. Film als
System höchster (dreifacher) Komplexität.
- Film ist
aber keine Photographie; was enthält Film, was die
Photographie nicht enthält ?
- EINSPIELUNG:
Gilda-Sequenz.
- Analyse: Das
Stück Film enthält alles, was das Photo auch
enthält, und setzt es voraus. Aber er enthält mehr: die
Bewegung.
- Die Bewegung
ist in keinem einzelnen Photogramm einzeln enthalten, und sie
ergibt sich auch nicht aus der Summe, Zusammensetzung der
Photogramme. Sie ergibt sich im Gegenteil erst aus dem
Zwischenraum, und der entsteht im Ablauf erst.
- Und die
Bewegung ist auch eine zusätzliche Bezeichnungs- bzw.
Bedeutungsdimension. Wo vorhin, aus dem Photo, noch verschiedene
Aussagen herausanalysiert weden konnten, haben wir jetzt erstens
eine Eindeutigkeit des Kontextes (keine Siegerehrung, kein
Grußzeichen an einen Bekannten am anderen Ende des
Ballsaals).
- Sie bringt
aber noch etwas neues hinzu: Eco führt hier den Code der
Gesten an; Hayworth führt hier bestimmte Gesten durch, die
etwas bedeuten, und die im Photo nicht enthalten waren. Ob z.B.
eine bestimmte Kopfhaltung Teil einer Bejahungs- oder einer
Verneinungsgeste ist, kann erst im Film entschieden
werden.
- Das finde
ich relativ schwach: es können, z.B. bei Hayworth, sehr wohl
ganze bedeutungstragende Gesten aus isolierten Posen heraus
codiert werden; Barthes hat das beispielhaft anhand von
Eisenstein-photorammen herausgearbeitet.
- Besser
jedoch: zeitlicher Aufbau, Dauer, Spannung, Geschwindigkeit etc.
werden erzeugt, die aus dem Photogramm absolut nicht entnehmbar
sind.
- D.h.: Film
(und verallgemeinert: Bewegtes Bild überhaupt) hat eine
weitere Komplexitäts- oder Integrationsebene (Gliederung),
damit eine mehr als die Sprache: Film (kinetisches Bild) ist
dreifach gegliedert. Damit ist das bewegte Bild die komplexeste
Codierung, die wir kennen.
- Noch einmal
in Ecos Terminologie: Das - bereits doppelt integrierte -
Einzelbild fungiert im filmischen Fluß als "Kinem", d.h. als
selbst nicht bedeutungstragendes Minimalelement (wie der Laut),
das im Verlauf des Films zum "Kinemorphem" mit (zeitlicher)
Bedeutung integriert wird (die Einstellung).
- Darauf
führt Eco den enormen "Reichtum" und die "Flexibilität"
des Films zurück. Mit seiner Nähe zum realen Gegenstand
hat das nichts zu tun.
- NOCHMALIGE
EINSPIELUNG: LA SORTIE DES USINES LUMIÈRE
7.
Schlußbetrachtungen.
- Dieser
Beitrag Ecos ist ganz wichtig, weil er einer der ersten ist, die
das Medium Film (oder Bewegtbild) nicht mehr über seine
Iconizität, seinen angeblichen Wirklichkeitsbezug definieren,
sondern eben über seine Beweglichkeit, seinen Zeitbezug.
Darin wird ihm später und beispielgebend Gilles Deleuze
folgen.
- Aber
andererseits hat man das schon immer gewußt: Henri de
Parville schrieb schon nach der ersten Kinovorführung "Das
Zittern der Blätter im Wind, das ist der Film".
- Ausblick:
Nächstes mal Vortrag Giovanni Lanza; danach Ausfall (3. 12.);
dann geht es weiter mit den Problemen der Interpretation, der
Lektüre und der Kultur.