Lorenz
Engell
Vorlesung:
"Umberto Eco"
(WS 1998/9,
Do., 19-21, Hs C)
3.
Vorlesung (29. 1o. 98):
Grundlagen, 1: Ästhetische Form und "Das Offene
Kunstwerk".
- Begrüßung;
Vorbemerkungen.
o.
Einleitung.
1.
Rückblick, Teil 1: Information, Signal, Sinn.
- Def.
Information: Beseitigung einer Unsicherheit durch das Eintreten
eines Ereignisses; je sicherer das Eintreten, desto geringer die
Information.
- Informationspotential
(Inf. an der Quelle): Informatonspotential eines
Repertoires.
- Code:
Reduktion der Informationsmenge durch Kombinationsregeln
(Redundanz).
- Def. Signal:
Information, die ein Rezeptionsmuster (signifikant), z.B. mentales
Muster, auslöst und mit einem zweiten (signifikat) verbindet,
das sie auslöst. Interne u. externe ausgelöste Muster;
Code: Verbindungsregel; Inf. 2: Sicherheit, mit der die Verbindung
hergestellt wird; Beispiel: Gedicht.
- Def. Sinn:
kettenreaktionsartige Auslösung weiterer Muster, z.B.
über binäre Zurodnung Reiz-Reaktion hinaus. Hinweis:
neben der Auslösung ist natürlich auch die Kontrolle und
Begrenzung von Sinnprozessen wichtig.
- Def.
Ästhet. Information: Differenz zwischen potentieller und
aktueller Information; Differenz zwischen Codes; Differenz
zwischen verschiedenen signifikaten Mustern
3.
Ausblick.
Teil 1: a
- Ecos
Konzeption des Offenen Kunstwerks, dargestellt anhand von
Beispielen aus:
- Dichtung
(Eluard)
- Musik
(Schönberg)
- Malerei
(Pollock)
- Massenmedium
(Fernsehen).
Teil 1: b
- (Überleitung/Ergänzung):
Zur Möglichkeit einer Theorie der Offenheit - Ästhetik
und Poetik
Teil 2:
- zum Problem
maschineller Sinnproduktion bzw. Entfremdung und
Erfahrung.
1. Ecos
Konzept des Offenen Kunstwerks.
1. Offenheit als
ästhetische Information besonderen Typs: Das Verschwimmen der
Signifikate. Beispiel 1: Dichtung
- Folie 7:
Paul Eluard, La front aux vitres.
- Eigenheit
dieses Textes im Vergleich zu Petrarca: Es kommen nicht
vorgesehene Signalmuster vor, die der Code normalerweise
unterdrückt, z.B. "veilleurs de chagrin", "ciel dont j'ai
dépassé la nuit".
- Problem 1:
Welches ist eigentlich das ausgelöste Signalmuster
(Signifikat) ?
- Problem 2:
Selches ist eigentlich der Code, was ist "erlaubt", was nicht
?
- Verschwimmen
der Signifikate: Erzeugung mehrerer - inkompatibler - Signifikate
zugleich.
- Sicherheit,
mit der ein Signifikat angewählt wird, ist entweder sehr
gering oder kann wg. der Unbestimmtheit der zahl möglicher
Signifikate überhaupt nicht angegeben werden.
2.
Offenheit als Wahl durch den "Benutzer".
- Dem Benutzer
obliegt also eine Entscheidung: Welches Signifikat ist beizumessen
? Welches ist der Code ?
- Besonderheit:
Prinzipielle Unbegrenztheit (Offenheit) der Verknüpfungen.
Emanzipatorisches Moment: Dsas Kunstwerk ist gegenüber dem
Benutzer "offen", der die letzte Entscheidung über die
Bedeutung trifft.
- Dies gilt
natürlich immer, offene Kunstwerke aber sind die, die so
gemacht sind, daß dem Benutzer gar nichts anderes
übrigbleibt: Benutzer MUSS wählen (Code und
Bedeutung).
3. Offenheit und
Beliebigkeit. Beispiel 2: Malerei
- DIAS mit
Arbeiten von Jean Dubuffet und Jackson Pollock.
- Beschreibung:
nur mehr im Ausgang der formalen Eigenschaften (informationell)
möglich.
- Vergleich zu
traditionellen Werken fällt ähnlich aus wie Petrarca und
Eluard.
- Was hindert
mich daran, das Bild Pollocks als ästhetisches oder
semantisches Rauschen wahrzunehmen (wie den Text des Affen)
?
- "Das Bild,
ehe es ein Feld zu treffender Wahlen wird, ist schon ein Feld
getroffener Wahlen".
- D.H. die
Wahrnehmbarkeit des Kunstwerks als Resultat getroffener Wahlen
(ist beim Affen vielleicht machbar, aber scheint
unwahrscheinlich).
- DIAS:
Jackson Pollock bei der Arbeit.
- Pollock:
Bild als Spur vorgängiger Signale, nämlich der gesten,
die der Maler beim Malen ausgeführt hat (ritualartige Gesten;
diese und keine anderen).
- Für
dieses Moment der Wahl ist Eco sogar bereit, der
Live-Übertragung des Fernsehens einen gewissen, schwachen,
ästhetischen Status einzuräumen.
4.
Formerfahrung, Vorfindliche Ordnung und Relativität der
Offenheit, Beispiel 3: Musik.
- Musik als
Informationssystem: Strukturierte Signalmuster, die z.B.
Bewegungsmuster auslösen und darüber hinaus
(lawinenartig, aber kontrolliert) weitere Muster, etwa
historischer Enzyklopädie oder emotionaler
Assoziativität).
- EINSPIELUNG
1. J.S. Bach, Partita Nr. 3 für Violine solo, Satz 4 u
5
- Analyse:
Strenger formaler Code, der erstens aus allen möglichen
akustischen Ereignisse ganz wenige als Repertoire
zuläßt und zweitens Kombinationsregeln (syntagmatisch
und paradigmatisch) formuliert.
- Weiterer
Code regelt z.B. ausgelöste Bewegungsmuster.
- Formerwartung,
Formerfüllung und Fortsetzbarkeit. Vorwegnahme: Ästhet.
Erfahrung.
- EINSPIELUNG
2. A. Schönberg, Phantasie, op. 37
- Durchbrechung
vorfindlicher Ordnung durch eine (zunächst) unbekannte
andere, die neu errichtet wird;
- Besonderheit.
Neue Ordnung als eine "variable", die ein "Feld von
Möglichkeiten" öffnet, d.h. das Prinzip der
Durchbrechung von Ordnung überhaupt mitführt, indem sie
sich der Eindeutigkeit verweigert, ohne dabei aufzuhören,
Ordnung zu sein.
5. "Passive"
oder eingeschränkte Offenheit; Beispiel 4: Die Ästhetik der
Live-Sendung.
- Fernsehübertragung
als Signalprozeß; Abbildhaftigkeit und Durchformalisierung
des Fernsehens.
- Offenheit
als Prinzip der Live-Sendung: Motiv der Wahl (Bildausschnitt,
Bildgegenstand, Kamerabewegung etc.).
- Prozeßhaftigkeit:
während des laufenden Ereignisses wird die Auswahl getroffen
und dadurch wird dem Ereignis als Prozeß erst Struktur
verliehen; zugleich nimmt die Übertragung selbst
Ereignischarakter an.
- realisiertes
Fernsehbild als Spur zuvor getroffener Wahlen; Zuschauer kann dies
mit- und nachvollziehen, aber nicht selbst Wahlen treffen
("passive Offenheit, Proto-Offenheit").
2. Exkurs und
Überleitung: Theorie der Offenheit, Ästhetik und
Poetik.
- Kann es eine
Theorie der Offenheit überhaupt geben; Selbstaufhebung des
Programms der Offenheit.
- Unterscheidung
Ästhetik und Poetik: Ästhetik: Kunsttheorie im Sinne
eines beschreibenden und/oder normativen Programms, das für
alle (gleichartigen) Werke zutrifft und von einem außerhalb
der Kunstwerke selbst liegenden Standpunkt aus angefertigt
wird.
- Poetik: Die
nicht aus-, sondern eingeschriebenen Regeln des
künstlerischen Tuns selbst, die in jedem Fall von Werk zu
Werk variieren (können).
- Deleuze:
Jedes Kunstwerk ist realisierter Gedanke (realisierte Theorie).
Die Aufgabe der Analyse besteht dann darin, diese
unausgesprochenen Regeln, die der Autor selber nicht
notwendigerweise überhaupt zu kennen braucht,
freizulegen.
- Folgeproblem:
"Poetik" als mehr oder weniger rein textueller und kontextueller
Effekt.
- Ergänzungshinweis:
"Kunstwollen" (Riegl), "Sinn der Kunst" (Panofsky); d.h.: Annahme
einer gleichsam autonomen Entwicklung "Der Kunst"; vgl. a.
Barthes: Wir werden von der Sprache (den Codes)
gesprochen.
3. Sinn und
Maschine.
1. Einleitung
und Problemstellung.
- Anknüpfung
an Ergänzungshinweis: Es gibt eine eigengesetzliche
Entwicklung der informationellen Systeme. Gedanke auch anderswo,
z.B. in der Theorie Sozialer Systeme. Andererseits: Sind wir
irklich nur ausgeliegfert ? Schnurrt der Kulturprozeß ab,
und wir sind Zuschauer/Mitwirkende ohne Einfluß ? Barthes:
Wechselprozeß mit der "Eigensinnigkeit"
- Wie
löst Eco das Problem ?
- erste
Annäherung: Wenn Bewußtsein, Subjektivität etc.
nur eine untergeordnete Rolle spielen, ist dann die Hervorbringung
von Bedeutung, Sinn, Kunst etc. auch durch Maschinen möglich
? Vgl. Bense, Autopoeme, Stockhausen etc.
- zweite
Annäherung: wenn das Regelwerk eines Kunstwerks keine
absichtsvolle Hervorbringung ex ante ist, dann ist der
Künstler seinem Wertk genauso ausgeliefert wie wir, wird mit
Regeln konfrontiert, die er zwar irgendwie hervorgebracht, aber
nicht erfunden hat: er unterliegt fortan denselben
Regeln.
- dritte
Annäherung: für kulturelle Produktion gilt dasselbe wie
für technische: erst stellen wir Produkte her, dann üben
sie Zwang auf uns aus, Beispiel: Autoverkehr, Rechner. Krasse
Metapher vom Menschen als Genital der Technik: Gilt sie jetzt auch
für Kulturgüter ?
2.
Entfremdung.
- Dies ist die
Lage des ENTFREMDETEN Menschen (Produkt seiner ihm als
äußerlich/feindlich gegenübertretenden
Produkte).
- tradierte
Diagnose des Industriezeitalters (Hegel, Marx): inwiefern
inadäquat ?
- in den 50er
Jahren: heftige Debatte darüber, wie Literatur und Kunst auf
diesen Tatbestand (erneut sich verschärfende Entfremdung
durch heraufziehende technische Innovationswelle) reagieren
sollen: durch ENGAGEMENT, d.h. durch Darstellung der
Entfremdung.
- Dagegen ECO:
Durch FORM
- Zur
Aktualität der Debatte: a - Problemlage des
Mensch-Maschine-Verhältnisses; b - Plädoyer für
eine (rein) formale Lösung.
3. Entfremdung
und Erfahrung.
- Anverwandlung
ans Bestehende als Positivum: Deweys
Erfahrungsbegriff.
- Beispiel 1:
Naturerfahrung: Intellektuell- wiss. oder intuitive Einsicht in
das Aufgehen des Menschen in der Natur.
- Beispiel 2:
Kunsterfahrung: Aufgehen der eigenen Empfindung in der
(abgeschlossenen) Formerfahrung; vgl. Musikbeispiel 1.
- Allerdings:
"Erfahrung" in d. Sinne als Grenz- und Sonderereignis, eingelassen
in Kontext unvollkommener Erfahrungswelt des Alltags.
- Unvermeidbarkeit
der Anverwandlung ans Bestehende: Rekonstruktion des hegelschen
Entfremdungs- bzw. Entäußerungsbegriffs erweist die
Unvermeidbarkeit von Entfremdung, die mit jeder Selbstentfaltung
verbunden ist.
- Eco: Utopie
einer Überwindung der Entfremdung muß als unkritisch
zurückgewiesen werden.
4. Form als
Engagement.
- Darstellen
der entfremdeten Verhältnisse, Sprechen über Entfremdung
führt zu gar nichts. Informationstheorie lehrt, daß
allein das WIE der Mitteilung, die Diffrenzen zwischen
Informationsebenen, Codes etc. als "wirksam" angesehen werden
können.
- Sprechen in
ungeeigneten Formen: tradierte Formen führen zu
erfüllter Formerwartung (vgl. Dewey); zwischen der Struktur
der Nachricht und der Struktur der Situation, auf die die
Nachricht fällt (Entfremdung), besteht dann kein
Zusammenhang: ästhet. Trost als Entfremdung von der
Entfremdung.
- Dagegen
können Offene Formen Entfremdung gleichsam "künstlich"
herstellen, aber zugleich ihre Bearbeitung/Abarbeitung in Aussicht
stellen, um den Preis neuer Entfremdung usw.;
- indem sie
nämlich abgeschlossene Sinnkontexte verweigern, Verzicht auf
Eindeutigkeit in der Sinnzuweisung erzwingen usw.: Sie treten als
Zwang zur Pluralität, Wahl usw. auf.
- das (mir wie
dem Autor) fremd gegenübertretende Werk zwingt mich zur
Initiative, läßt aber zugleich jede Initiative als
Funktion des Werks erscheinen.
5.
Schluß.
- Kritische
Revision dieses Ansatzes notwendig:
- a:
grundsätzl. Einwand 1: (s. oben, Problemstellung: Können
formal "offene" Werke absichtsvoll produziert werden, wenn es doch
den o.g. eigendynamischen informationellen/ästhetischen
Prozeß gibt (Künstler als Medium) ?
- b:
grundsätzl. Einwand 2 - Forderung an die Kunst zum Engagement
durch Form völlig überdreht (Kunst hat mit
gesellschaftl. Realität außerhalb der Kunst nur sehr
bedingt zu tun);
- c: histor.
Einwand - die untersuchten Beispiele der Avantgarde sind
mittlerweile historisch, Offenheit im Sinne Ecos schon lange als
Modus der Kunstproduktion vorüber. Frage: was für
Pollock, Joyce und Schönberg angehen mag, wo ist es für
heutige Lagen ? Mögliche Antwort: (Ulrich Reck): Der
nächste Schritt ist das interaktive Kunstwerk.
- d: Spielt
Kunst überhaupt eine Rolle ? Viel interessanter
müßte vielleicht die Frage nach der tatsächlich
kulturindustriellen Produktion, nach maschineller Sinnproduktion
sein, also nach dominanter Trivialästhetik etc.
- Anmerkung:
Hinter Ecos Plädoyer für die Form steht eine alter
Gedanke, der z.B. barocke Ausformulierung gefunden hat (Spinoza):
Ordo et connexio idearum idem est ac ordo et connexio
rerum.
- Damit ist
das Problem der Beziehung von Information(sstrukturen) und
außerinformationeller Strukturen ("Wirklichkeit"; "rerum")
gestellt.
- Wie lassen
sich Zusammenhänge zwischen informationellen und
außerinformationellen Prozessen herstellen ? Diese Frage ist
mithilfe der Informationstheorie, der Informationsästhetik,
der Poetik des Offenen Kunstwerks nicht mehr zu beantworten und
benötigt eine umfassendere, neue Grundlegung: Die Theorie der
ZEICHEN (SEMIOTIK).