Lorenz
Engell
Vorlesung:
"Umberto Eco"
(WS 1998/9, Do.,
19-21, Hs C)
1.
Vorlesung (15. 1o. 98):
Zur Einführung (Die Bibliothek).
o.
Einleitung
1.
Begrüßung.
- nach zwei
Semestern Pause freue ich mich, wieder Vorlesung halten zu
können.
- aber: etwas
Unangenehmes: captatio benevolentiae. erwarten Sie nicht zu
viel.
- nebenbei: am
Beginn der Vorlesung mache ich fast immer eine c.b.; dies hier ist
also eine c.b. zweiter Ordnung (Metaebene), die die erste fast
wieder zurücknimmt, aber leider nur fast ...: Hüten Sie
sich vor eindeutigen Botschaften.
2.
Ausblick.
- es kommt auf
Sie zu: eine Einführung. Kein bio-bibliograph. Vorgehen,
dafür gibt es Lexika und Handbücher. Lesen Sie bitte
selber nach; diesmal gibts eine Hilfe.
- statt dessen
präsentiere ich einen ersten Fall, nämlich Ecos
Konzeption der Bibliothek (Teil 1),
- gehe dann
von der Bibliothek über zum Konzept des Buches (Teil
2),
- untersuche
anschließend Ecos Verständnis vom Aufbau eines Buches
(Teil 3),
- versuche,
von der Buchkultur zur Medienkultur in einem weiteren Sinne
überzugehen (Teil 4),
- und
möchte, wenn die Zeit hinreicht, abschließend einen
Überblick über das Semester skizzieren (Teil
5).
- Zuvor aber:
ganz allgemeine Skizze, warum Sie sich für diese Vorlesung
interessieren sollten.
3. Warum Sie
sich für diese Vorlesung interessieren sollten.
- Vielfalt, ja
Diffusität des Faches und seiner
Gegenstände.
- Eine
Möglichkeit: sich auf einen
schwerpunktmäßigen Gegenstand, eine
Hauptmethode, einen Schwerpunktautor konzentrieren. Das
habe ich früher auch vertreten (die R.M.
Debatte).
- dagegen mein
Rat: konzentrieren Sie sich keinesfalls auf weniger als
zwei, vielleicht drei, allerhöchstens vier Gegenstände,
Methoden, Autoren.
- Nur so
lernen Sie, an dem, was Sie lernen, zu zweifeln. Es gibt kein
(allein) RICHTIG und kein (allein) FALSCH, auch wenn es
natürlich überzeugende und nicht überzeugende
Argumente und Beobachtungen gibt.
- Alles, was
man an einem Gegenstand und einem Autor lernen kann,
kann man auch an zweien lernen (Methodik, Stringenz,
Gedankenführung).
- Zusätzlich
aber: DIE DIFFERENZ. Die Differenz ist der Anfang von allem, und
Differenz-Denken lernt man nicht aus Theorien (der Differenz),
sondern aus der Differenz zwischen Theorien (dazu benötigt
man mindestens zwei).
- Medien und
kulturelle Erscheinungen treten niemals allein, isoliert,
monothematisch und monologisch auf; nie läßt sich die
Wirklichkeit auf ein einzelnes Modell reduzieren.
- Damit zu
Eco: Der sollte einer der drei oder vier Autoren sein, die Sie
lesen, weil: Das Prinzip der Vielheit, der Multithematik und
Multi-Methodik bei Eco absolut inhärent ist.
- Die drei
Ecos (der Theoretiker, der Essayist/Kritiker, der Romancier) : Das
ist keine Schwäche, sondern eine Stärke.
- Eco bezieht
sich auf ungeheuer viele wichtige medienkulturelle
Gegenstände.
- Eco, gerade
weil er eindeutig weniger als andere eine abgeschlossene
persönliche Theorie hat und dogmatisch durchsetzt, nimmt viel
mehr andere Autoren wahr und an als andere; d.h. das Prinzip der
Differenz wird bei Eco nicht nur in die Theorie hineingeholt,
sondern in das Theoretisieren als Theoriebildungsvorgang: eine
autoritäre Theorie der Differenz negiert sich
selbst.
- Eco ist so
ein Spiegel dessen, was in Literatur- und Kulturtheorie sowie
Medienkritik seit 35 Jahren sich entwickelt hat; d.h. man kann von
ihm lernen, wie man mit offener Methodik / offenen
Gegenstandsfeldern zurechtkommt, wie man das Verschiedene dennoch
integrieren kann und ihm sogar absolut gültige Formulierung
verleiht.
- Durch Eco
hindurch lernt man anderes kennen. Und genau das macht ihn zu
einem der wichtigsten Intellektuellen der Gegenwart.
4. Mein
Eco
- Zum
Vorgehen: Keine Werkanalyse, sondern Isolierung zentraler
Motive.
- Nicht
einfaches Referieren dessen, was der Meister gesagt hat, sondern
alles in Kontexte stellen und funktionalisieren, natürlich
durchaus auch subjektiv. Sie erhalten mithin eine Interpretation
Ecos, mit allen Folgen , die das haben kann (Fehlbarkeit,
Ergänzungsbedürftigkeit, Relativität
etc.).
- Fazit: Lesen
müssen Sie Eco gefälligst selber.
- Arbeitsmittel:
Konvolut "ECO" in der Bibliothek; Apparat mit
Sekundärliteratur.
1. Die
Bibliothek.
1. Die
Bibliothek von Babel.
- Jorge Luis
Borges: Die Bibliothek von Babel (Lektüre).
- Exkurs: Die
babylonische Bibliothek in der Geschichte der Medien.
- Analyse: Die
Labyrinth-Struktur, die Meta-Struktur, Abgeschlossenheit und
Vollständigkeit.
2. Die
Bibliothek der Abtei.
- Umberto Eco:
Die Bibliothek der Abtei (Folien; Beschreibung).
- Die Struktur
der Bibliothek (Lektüre; Erläuterung: Die Ordnung der
Räume und die Wörter, die man auf dem Weg durch die
Räume "zusammensetzt". Beachte: Zweierlei Funktion der
Buchstaben, zweierlei Code (Ordnungsmerkmal,
Verknüpfungsmerkmal).
- Das
Geheimnis der Bibliothek: Der leere, unerreichbare
Raum.
- Exkurs: Das
Gödelsche Theorem.
2. Von der
Bibliothek zum Buch und zurück.
Bibliothek als
System, Buch nicht als Element, sondern als Substrat der
Bibliothek.
1. Konzeption
des Buches aus der Sicht der Bibliothek: DAS BUCH als Buch der
Bücher.
- Bibliothek
als Speicher, Aufbewahrungsort für Bücher; aber: Nicht
alle Bücher sind gleich. Der Katalog (die Bibliographie) als
Buch der Bücher bei Borges.
- Dahinter
steht: Die BIBEL als DAS BUCH der Bücher, das alle anderen
Bücher bereits enthält (da in ihr die ganze Wahrheit
bereits offenbart wurde und alles andere nur mehr Kommentar dazu
sein kann).
- andere
Konzeptionen: letztlich alle Großschriften und
Hauptwerke.
2. dagegen:
Konzeption des Buches als EIN BUCH unter Büchern.
- Jedes Buch
unterhält Beziehungen zu anderen Büchern, zunächst
gibt es keine privilegierten Beziehungen und
Bücher.
- Das
entscheidende Buch in Ecos Bibliothek: Keineswegs der Katalog,
sondern die Zweite Poetik des Aristoteles.
- die eine
Seite: Der deduzierbare, der aus anderen Texten per analogiam
generierbare Text.
- die andere
Seite: der wirksame, der etwas an- und ausrichtende Text, der
nicht nur in und auf andere Texte wirkt, sondern nach außen
hin, in das, was nicht mehr Bibliothek ist.
- das
entscheidende Nadelöhr dahin ist: die Benutzung der
Bibliothek, die Lektüre des Buches. Wie ist es möglich,
aus bloßer Lektüre, aus bloßem Text "etwas"
"anderes" zu machen. Wo sind die Übergänge ? Wo
schlägt bloße Interpretation um in Handeln
?
3. Zur Pragmatik
der Bibliothek.
- Wandel der
Bibliothek vom Speicher zum "Prozeß" oder besser: zum
Substrat eines (oder unendlich vieler !) Prozesse.
- Die Idee der
Öffentlichkeit: Die Moderne, Demokratisierung der
Bibliothek.
- Folgen der
Modernisierung der Bibliothek: Das Verschwinden des Geheimnisses
einerseits;
- Erhalt des
Ordnungsgedankens im Sinne einer Ordnung als Quelle aller
möglichen Prozesse und Prozeßverläufe (mit
gesetzmäßigkeiten) andererseits.
- Eco: ein
eigendynamisches "Eigenleben" der Speicher, eine Reduktion der
Kultur auf bloße Speicher ist danach nicht begründbar
oder zumindest nicht modern.
- Die
praktische Seite: Zitat aus Eco, Die Bibliothek. Hinweis: Ecos
Arbeit über das Abfassen wissenschaftlicher
Arbeiten.
3. Von der
Buch- zur Medienkultur (Skizze).
1.
Zusammenfassung: Buchkultur.
- Speicher vs.
Prozeß;
- modulare vs.
dramaturgische Ordnung;
- Abgeschlossenheit/Vollständigkeit
vs. (verschiedene Arten der) Offenheit.
- Das System
und sein "AUSSEN"; was befindet sich "darin" und warum
?
2. Parallelen in
der Medienkultur.
- Hermetische
oder demokratische Kommunikation
- monologische,
autologische, teleologische Kommunikation ?
- ist
kulturelles Handeln möglich ?
- Frage nach
den "Kulturniveaus"
3. Differenzen
zwischen der Buch- und der Medienkultur.
- Das Syndrom
der nachträglichen Interpretation: Die Wurzeln für das
Jetztige werden im Früheren gesucht bzw. (noch weitergehend)
die Eigenschaften des Jetztigen werden ins Frühere
zurückprojiziert. Dadurch umgeht man die Frage nach der
Entstehung des Neuen !
- Andererseits:
Offenheit für Differenzen bei Eco, z.B. zwischen
traditionellen und heutigen Kunstwerken; Gerade im Essay
Fähigkeit zur Beschreibung kleinerer Entwickungstendenzen,
Beispiel: Gegenwart als Mittelalter in "Über Gott und die
Welt".
5. Ausblick
auf das Semester.