Die gerissene Leinwand

Sommersemester 2001, Mittwoch, 18:00 bis 22:00 Uhr
Hörsaal A, Marienstrasse 13 (Lorenz Engell)


- Vom klassischen Kino zum modernen Film 1941-1960 -  


12. Vorlesung (4. 7. 2001): "Die tausend Augen des Dr. Mabuse" (Fritz Lang, 196o)

 

1.Vorbemerkungen

-Begrüßung; Einladung zu Favera Fenollosas Vortrag.
-Rückblick: Exemplarisches Zeit-Bild, Erinnerungsbild bei Resnais; davor: die Kritik der Moderne mit den Mitteln der Moderne bei Tati; davor: die Modernisierung des Handlungskinos bei Kazan.
-Ausblick: Diesen Film will ich nicht besser machen als er ist; die Schwächen in Dramaturgie, Dialogführung und Schauspielerei sind zu offensichtlich; dennoch: eine – wenngleich nicht gelingende – visionäre Konzeption von einem Kino nach der Moderne / der Modernisierung, das sich auszeichnet durch: 1. Eine neue Konzeption des Raumes; 2. eine neue Funktion des Bildes; 3. eine neue Disposition der Macht.
-Insgesamt bietet der Film eine Integration an: er weist zurück auf den klassischen Stummfilm (Selbstzitate: Mord im Auto; Büro Krass; Beratung der Polizei); enthält auch mehrfach die Reflexion auf die Nazizeit; andererseits voraus auf die Zeit nach dem Kino.

2.Eine neue Konzeption des Raumes

(Zitat Patalas)

-Zwei Tendenzen: Es gibt einen einzigen zentralen Ort (das Hotel); alle anderen Räume bleiben auf diesen Ort eng bezogen (so etwa die Wohnung des Hellsehers; aber auch die –nie gezeigte – des Versicherungsvertreters; selbst das Polizeipräsidium): alle Räume werden zu einem Netz integriert, dessen Zentralinstanz offensichtlich das Hotel ist.
-Das Hotel seinerseits ist komplex strukturiert. Erst etwa ab der Mitte des Films gibt es eine Orientierung auf Zentralstruktur hin; ganz zum Schluß stellt sich der Keller als Zentrale heraus (in der aber praktisch niemand mehr ist, die aufgegeben wird; ähnlich wie die Dachkammer mit den Akten und der Kommunikationseinrichtung).
-Raum wird also als Vernetzungssystem mit mindestens variablen Zentren organisiert.
-Im Plot entspricht dem die Figurenverteilung: Mabuse tarnt sich gleich zwei Mal; es gibt auch zwei verschiedene Ermittler; dazu, als falschen Ermittler, den Detektiv; dazu das Liebespaar als seltsame Zwischenfiguren, die halb legal, halb illegal sind.
- Die seltsame, visionäre Figur des Amerikaners, der, privat und legal, eine Atombombenfabrik erwirbt: Was eben noch eine neue conditio humana war, wird jetzt zur - wenngleich ungewöhnlichen - Handelsware.
-Die zweite Tendenz: Entleerung der Räume. Unglaublich große Entfernungen zwischen den handelnden Figuren, so da
-Spärliche, weitgehend nichtssagende Möblierung; kaum akzentuierte Raumgrenzen (Raum breitet sich auch jenseits des Bildes aus, bzw. läuft irgendwie aus); vgl. z.B. Beratung der Polizei i. Ggs. zu früheren Lang-Szenen dieser Art. Auch der fast gleichmäßige Lichtfall strukturiert nicht den Raum; alles ist ähnlich hell, sehr wenig Dunkel).
-Exkurs: Atmosphäre (Wiederholung): Es ist, als hätte Lang versucht, hier den "reinen Raum" zu konstituieren.
-Die Handlung erfolgt auch nur phasenweise "im Raum" (so etwa in dem Komplex Aufzug/Keller). Es gibt keinen Raum, der da ist, und dann wird darin gehandelt; und auch keinen Raum, der von der Handlung produziert würde; vielmehr ist es der Raum selber, das Hotel, das handelt. Also vom Raum der Handlung zum handelnden Raum (vgl interessanterweise: "The Shining").
-Wenn der handelnde Raum das Hotel ist, dann sehen wir den aber nicht. Er wird nicht sichtbar gemacht (abgebildet), anders als eben bei Kubrick. Das Hotel, der handelnde Raum, ist vielmehr in er Organisation der Bilder und Blicke wirksam (und genau darin besteht ja auch seine Handlung: er organisiert Blicke und Bilder).
-Dieser neue Raum aber wirkt nicht mehr modular, nicht zusammensetzbar, nicht stetig; hat als Handelnder eine andere, dynamische Qualität. Der Raum ist nicht mehr als imaginärer Raum jenseits der Leinwand getrennt vom realen Raum, in dem wir wahrnehmen (und den er zugleich illusionär fortsetzt), sondern er ist als zerstreuter und dynamischer Raum weder dort noch hier, sondern gleichsam die Bedingung der Möglichkeit dieser Unterscheidung.

(Zitat Sierek)

- Kommentar zu Sierek: 1. Unterscheidung des Kinoraums vom Fernsehraum; Lang: Versuch, den Fernsehraum auf den Kinoraum abzubilden; 2. Visionär: Fernsehen wird von Lang nicht als Äquivalent zum Kino angesehen; auch nicht als verkleinertes Kino oder gar Manipulations- und Desinformationsinstrument, sondern als ubiquitäres Beobachtungs- und letztlich Selbstbeobachtungsinstrument.


3. Eine neue Funktion des Bildes

- Bilder codieren keinen Raum mehr, wirken nicht als Durchblicke, sondern ganz flächig (vgl. Ausleuchtung); z.B.: Die Hotelbar bzw. Rezeption mit der Glaswand im Hintergrund.
- Das schon erwähnte Weiß der leeren Räume erscheint wie eine Leinwand oder eine Mattscheibe; kein Durchblick mehr, sondern eine Oberfläche, auf der sich, wie beim Schattenspiel, etwas abzeichnet.
- Das ist auch der große Unterschied zu der ?klassischen? Beratungssequenz (und speziell dem Einsatz des Zigarettenrauchs dabei).
- Dazu: bei Lang kommt der maschinelle Charakter der Bilder zur Sprache; das ganze Hotel ist eine riesige Bildermaschine, der alle unterworfen sind, eine Art technisch-apparativer Organismus der Bilderzirkulation, der Sehen, Handeln und Verhalten programmiert.

(Zitat Deleuze 1)