Vertr.-Prof. Dr. phil. habil. Kari Jormakka
Die Lehre im Fach Entwerfen und Architekturtheorie thematisiert die neue Allianz
zwischen Architektur, Medien und Stadt, so wie sie durch die allgemeine Medialisierung
der Kultur heute bestimmt ist. Der digitale Paradigmenwechsel hat jedoch seine
Vorgeschichte im technologischen, d. h. produktivistischen Paradigmenwechsel
am Anfang des 20. Jahrhunderts. Ähnlich wie die digitalen Technologien
führten zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die Maschinentechnologie,
die neuen Konstruktions- und Produktionsverfahren und die mit ihnen einhergehenden
gesellschaftlichen Umwälzungen zu einer »gewaltigen Erschütterung
des Tradierten […], die die Kehrseite der gegenwärtigen Krise und
Erneuerung der Menschheit ist«, wie Walter Benjamin im Hinblick auf die
künstlerische Avantgarde der Moderne schrieb. Einem ähnlichen Begründungszusammenhang
entspringt auch das Bedürfnis nach Theoriebildung im Zeitalter der digitalen
Medientechnologien. War es am Anfang des 20. Jahrhunderts der produktivistische
Paradigmenwechsel, so sind es heute die neuen Medientechnologien, die zur Erschütterung
des tradierten Selbstverständnisses führen und zur Rekonzeptualisierung
der Disziplin im interdisziplinären Kontext zwingen. Galt das Interesse
der Architekturtheorie in der Moderne in erster Linie der Rettung der Autonomie
der Disziplin als Kunst, so hat sich dieses heute mit der Omnipräsenz der
digitalen Medien geändert. Über die neuen Medientechnologien tritt
die Architektur in ein neues Verhältnis zu den anderen, kulturellen Praktiken.
Im Übergang der Dominanz der Zeichen (linguistic turn) zur Dominanz der
Bilder (iconic turn) haben wir es mit einem neuen Bildbewusstsein zu tun. Bilder
gliedern heute zunehmend das weite Feld des Sichtbaren und damit zunehmend auch
den sozialen Raum. Wo diese offen mit der Irrealisierung der Gegenständlichkeit
kokettieren, sind wir mit einer neuen Zuständlichkeit (Fellmann) der Architektur
konfrontieren. Mit der Ablösung der Wertästhetik durch eine Theorie
der ästhetischen Erfahrung und des medialen Raums wird die Frage nach der
Zuständlichkeit der Architektur neu zu stellen sein. Zur Debatte steht
eine Architektur als »stretched-out mixed media experience« (Hays),
wo diese heute Teil jener neuen Visualität und Wahrnehmungsweisen ist,
bei der das sensualistisch-ästhetische, das kulturelle und das technologische
Moment unserer Welterfahrung in einer neuen Art mit der theoretischen Reflexion
ineinander verschränkt ist: Architektur als gemischt mediale Erfahrung.
Homepage
der Professur