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Jun.Prof. Dr. Hedwig Wagner - Forschungsskizze
Das Wort >Kultur< trägt noch den Hermelin geographischer Begrenzungen und darunter die triste Kleidung eines Beraters für geopolitisches Handeln (das >Rüstzeug< ist zum Glück verschwunden). Hier liegen >Kultur< und >(Kultur-) Export< noch nahe beieinander. Manfred Faßler
(Supra-)nationalstaatliche Grenze, elektronischer Raum und globale Medienkommunikation
Kultur, respektive Medienkultur, war lange in ihrer territorialen Bindung wahrgenommen worden. Dies rückte sie in die Nähe von Geopolitik. Doch wie veränderte sich dies unter Bedingungen des globalen Netzwerks, der weltumspannenden Medienkommunikation ?
In den vergangenen Jahrzehnten, z. T auch heute noch, wurde bzw. wird das elektronische weltweite Daten- und Informationsnetz, der Cyberspace als Gegenkonzept zum Territorialen oder gar zum Nationalen einer sozialen, kulturellen und Wissensorganisation von Gesellschaft entworfen. Netzwerkstrukturen schienen eine Topographie ausgebildet zu haben, die sich zwar lokalisieren kann, aber fernab von territorialer Rückbindung zu stehen schien. Für eine medientheoretisch fundierte Gesellschaftsbestimmung resultiert daraus nicht weniger als eine Neukonzeption Europas. „[D]ie >netzwerk-politische Rolle< von Kultur [...] erfordert von den Gesellschaften, die sich als europäisch verstehen, nicht weniger, als Europa neu zu erfinden.“ (Faßler 1996, S.167)
Umfangreich sind die Bücher, Artikel und Theoriereferenzen, die das Nationale , respektive die nationale Medienkultur zur globalen Kommunikation in Beziehung setzen, doch das In-Beziehung-Setzen von supra-nationaler Medienkultur , Europa etwa, zu globaler Kommunikation ist ein Forschungsdesiderat geblieben. Gibt es auch viele Studien zu Europas Mediengebrauch, zu transnationalen Medienproduktionen, ein kulturell bestimmtes europäisches Medienverständnis gibt es nicht. Auch Faßler, der die Herausforderung einer Neuerfindung Europas gesehen hat, bietet keine medienkulturelle Neukonzeption Europas an.
Globale Kommunikation mag als deterritorialisiert beschrieben werden (Hepp), die kulturelle Geographie als fernab oder unabhängig vom Territorium behauptet werden, dennoch banden/binden sich die elektronischen Kommunikationsknotenpunkte rück an geographisch lokalisierbare Sozialräume. War Mitte der 90er Jahre noch mit der Virtualisierung von Kommunikation, wirtschaftlicher Transaktion und Immaterialisierung auch eine medientechnologisch getragene Enträumlichung gefeiert worden, ist nun in den letzten Jahren die Materialität des Raumes hervorgekehrt, nationalstaatliche Beharrungsmomente in globaler Medienkultur betont worden. Der elektronische Raum wurde an den sozialen und geographischen gekoppelt, seine Geographie der Zentralität (Sassen) neu vermessen.
Dass die Idee der Territorialität, die für lange Zeit das Bestimmende für Kultur, Gesellschaft wie Geographie war, auch heute noch in der Netzwerkstruktur vorherrscht und globale Kommunikation wie lokale Medienkultur strukturiert, ist meine leitende Annahme. Für Medien- wie Wissensgeschichte nimmt die Zeit des europäischen Modernismus dabei eine zentrale Stellung ein für die Vorprägung von vernetzter Wissensorganisation und Kultur. Zum einen durch den Ausweis der Nachfolge des elektronischen Netzes von voriger - europäisch geprägter – netzartiger Wissensstrukturen. Zum anderen durch die Medientheorie leitende Annahme, dass Medien einen tiefgreifenden Kulturwandel herbeigeführt haben, der - je nach medientheoretischer Ausrichtung - entweder zu einer kulturellen Hybridisierung, oder zu einer kulturellen Heterogenisierung führt - im Gegensatz zur gemeinhin gesetzten Annahme, der Nationalstaat habe zu einer kulturellen Homogenisierung geführt.
Bei der Annahme, dass Netzwerke keine territoriale Rückbindung mehr erfahren können, soziale und globale Prozesse selbst netzbasiert und damit Resultate von Kommunikationsakten in der virtuellen Realität werden, ist der Streitpunkt, ob diese nun die althergebrachten gesellschafts- und kulturtragenden Konzepte ersetzen (Faßler), überlagern, sie obsolet werden lassen oder parallel zu diesen sich konstituieren und koexistente Verbindungen zueinander ausbilden. Die Rekonfiguration von lebensweltlichem wie elektronischem Raum, auch von Geographie ist durch eine medientechnologisch bedingte, auch medienkulturell sich widerspiegelnde medial-geographische Machtkonzentrationen (media-mega-cities) gegeben. Nicht nur Dezentralisierung und Entmaterialisierung, auch Konzentration und Materialisierung sind Netzwerkeffekte für die globale Medienkultur. Doch auch kulturelle Begriffskonzepte sind einer tiefgreifenden Neukonfiguration ausgesetzt. So spricht Sassen von einer Denationalisierung von Raum und Zeit. Diesen Bedeutungswandel zu untersuchen ist mein Anliegen, insbesondere bezogen auf den Begriff des Raums – gerade auch in Anbetacht des ‚spatial turn‘ – und des Territoriums bzw. des Nationalen/ Supranationen und seinem Zusammenhang zum Transnationalen. Was ist Europa in Zeiten des Transnationalen und der globalen Medienkultur ? Am deutlichsten kommt dies im Spannungsfeld der Grenze zum Ausdruck.
Mit der (supra-) nationalstaatlichen Grenze kommt die Medialisierung des Territoriums in den Blick. Wenn allenthalben die Deterritorialisierung von Kommunikation und Medienkultur betont wird, wie wandelt sich dann das anachronistische Relikt der nationalstaatlichen Grenze aus dem Zeitalter des Analogen in Zeiten des Digitalen? Neben dem Aspekt der digitalen, hoch medientechnologischen Aufrüstung der EU-Außengrenze und der Tatsache, dass auch die Kartographie sich unter den technischen Möglichkeiten der satellitengestützten Erdvermessung neu konfiguriert, kann ebenso eine mediale Transformation von Landschaften und Territorien festgestellt werden. Und eine neuartige Konfiguration des Begriffs des Geopolitischen ist festzuhalten, der nun ein politisch-geo-medialer ist. Dies insofern als das Mitbedenken der Medialitätsabhängigkeit von Geopolitik Reflexionen auf medientechnologisch hegemoniale Ansprüche mit sich führen muss, und auch insofern als Geographie in der Bestimmung als Standort von Medientechnologie und in Form des Mediums von Landkarten ihre zunehmende Relevanz erhält.
Mich interessiert der medientechnologische Impakt der EU-Außengrenzensicherung , nicht um diesen in eine militärisch informierte Mediengeschichte zu stellen (vgl. hierzu Kaufmann), sondern um ihn medienkulturell zu interpretieren. Die gps-gestützten Ortungsverfahren von FRONTEX z.B. sollen in Zusammenhang gebracht werden mit kulturellen Ordnungsverfahren, um so den unauflöslichen Nexus von Ortung und geographisch-räumlicher Ordnung erkenntlich zu machen. Die kulturelle Lesart von Wärmebildkameraaufnahmen an der Grenze (wie z.B. im Schaffen der Experimentalkünstlerin Akerman) steht im Spannungsfeld von anthropomorphem und technologischem Bild.
Die Idee der Territorialität und elektronische Grenzen
War Anfang / Mitte der 90er Jahre die globale Medienkultur unter der Herausforderung der kulturellen Globalisierungstheorien / -kritiken, wie der der Hybridisierung , der Melange etc. diskutiert worden, so ist nun die Frage zu stellen, wie diese - gut ein Jahrzehnt später- ihren Einfluss auf europäische Ideengeschichte genommen haben (Stichwort: postcolonial studies und ihr Einfluss auf die Europaidee) und sich nun globale Medienkultur unter europäisch geistesgeschichtlicher Modifikation ausgestaltet. Medientechnologische Differenziertheit schien sich gegen die europäische Ideengeschichte, ihren Demokratiebegriff, ihr Bildungsbürgertum, ihr kanonisiertes Wissen zu wenden (Vgl. Faßler 2000, S.95). Dagegen ist mein Ansatz, good old europe nicht als retardierendes Moment, sondern als Bedingungsgröße in der globalen Medienevolution - fernab der Polemik - nicht nur in seinen objektivierbaren Effekten zu beschreiben, sondern als innovativen Ansatzpunkt zu verstehen.
Nur mittels einer medientechnologisch hoch gerüsteten Grenze, die „die Neuordnung der besonderen Räumlichkeit des Nationalstaats als Konsequenz der Verschränkung der neuen Raum- und Zeitstrukturen“ (Sassen 2000, S. 175) zum Ausdruck bringt, setzt sich Territorialität als Geltungsprinzip wieder in Kraft und erhält Geo-Politik wie Geographie als Grundstrukturierungsgröße und somit auch das supranationale Europa am Leben. Die Grenze ist nun aber Prinzip und Ort der Verschränkung von Globalem mit dem Nationalen. An der Grenze zeigt sich exemplarisch, dass Medientechnologie reterritorialisierend wirkt, wobei das Territorium sich unter dem Medialen neu konfiguriert und sich das Territoriale gleichsam einer Medien-Mimikry bedient.
Elektronisch gezogene und medientechnologisch gesetzte Grenzen bzw. Begrenzungen (wie die nach Weltregionen unterteilten technischen DVD-Normen, Browserzugang und Serverdichte) sind ein modifizierter Wiederaufgriff der Idee der Territorialität. In meinem Forschungsprojekt interessiert mich die Korrelation von territorialen, (supra-)nationalstaatlichen Grenzen und ihrem (europa-)ideengeschichtlichem Nachwirken in der neuen elektronischen Grenzsetzung, bei der die Idee der Territorialität regulative Funktion einnimmt.
Dr. Lena Eckert
- Gender Studies, Oueer Theory, Transgender Theory, Difference and Normalcy Studies,
- Didaktik
- Wissenschaftskritik, Wissenschaftspolitik
- Anarchist Studies
Sarah Czerney M.A.
- mediale Inszenierungen von Geschichte, kollektiver Erinnerung und Identität zwischen Nation und Europa
- Musealisierung von "Zeitzeugen"
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