September 2011

140 – Workshop Public Strategies

Prof. Dr.-Ing. Karl Beucke begrüßt die US-amerikanischen Wissenschaftler
Prof. Frieder Seible (rechts im Bild) im Gespräch mit Workshop-Teilnehmern
Prof. Frieder Seible präsentiert Entwürfe seines »Mini-Bauhauses«
Prof. Shahrokh Yadegari

Mitte September kamen an der Bauhaus-Universität Weimar hochrangige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Künstlerinnen und Künstler der Bauhaus-Universität Weimar und der University of California, San Diego, (UCSD) zusammen. Während des dreitägigen Workshops Public Strategies – Research Project between Art, Science and Technology diskutierten sie gemeinsam über Projekte und Kooperationsmöglichkeiten auf den Gebieten der Forschung, Kunst, Technologien, Performance und Medien.  

Von der Kooperation zur Tradition  

Die Tradition, einmal im Jahr zu einem Workshop im Bereich Bauingenieurwesen zusammenzukommen, fußt auf einer langjährigen Zusammenarbeit zwischen dem Rektor der Bauhaus-Universität Weimar Prof. Dr.-Ing. Beucke und Prof. Frieder Seible, Dekan der Jacobs School of Engineering an der UCSD. Die UCSD ist für die Bauhaus-Universität Weimar ein Wunschpartner: der internationale Status von Weltrang, die hervorragende technische Ausstattung und nicht zuletzt die vielen persönlichen Beziehungen zwischen Lehrenden beider Hochschulen zeichneten den kalifornischen Bildungsstandort als exzellent aus. So schlug Prof. Karl Beucke seinen Kollegen Prof. Frieder Seible 2006 erfolgreich für den Humboldt-Forschungspreis vor und hielt sich selbst während einer Kurzzeitdozentur für sechs Monate in Kalifornien auf. Der Aufenthalt in der jeweilig anderen Hochschule festigte die Ambitionen und begründete die Tradition der Workshopreihe »Collaborative on Technology and Society«. »Wir haben die Kooperation angestoßen. Nun müssen wir sie leben!« resümierte Prof. Karl Beucke zum Auftakt der Workshopreihe vor vier Jahren. Seitdem richten die beiden Hochschulstandorte jedes Jahr im Wechsel einen Workshop aus, um die Schnittstellen zwischen Technologie und Gesellschaft zu erforschen.

Künstler und Ingenieure an einem Tisch  

Die diesjährige Veranstaltung bot ein Novum: erstmals waren Künstlerinnen und Künstler maßgeblich daran beteiligt. Gemeinsam sprachen US-amerikanische und deutsche Künstlerinnen und Künstler über Projekte und Kooperationsmöglichkeiten. Da bereits zahlreiche Projekte zwischen der Weimarer und der Kalifonischen Universität bestehen, konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer daran anknüpfen und planen nun, die Zusammenarbeit langfristig um die Bereiche Kunst, Design, Medien und Architektur erweitern.   

Themenwelten  

Abwechslungsreich und interdisziplinär war das Tagungsprogramm gestaltet: so standen Vorträge zu Design-Philosophie, interaktivem Design und Experimentalbauten des Weimarer Campus auf dem Programm. Lebhaft wurde diskutiert, welche Einflüsse moderne Ingenieurtechnik auf die Gesellschaft und den öffentlichen Raum hat und wie Künstler und Wissenschaftler enger zusammenarbeiten können. Aber auch Felder wie die Medizintechnik wurden behandelt, verfügt die UCSD doch über eine große Abteilung für Medizintechnik (Centre for Medical Device).  

Sound und Mathematik  

Ein glänzendes Beispiel für Verschränkungen von Kunst und Ingenieurswissenschaft war der Vortrag des iranischen Professors für Komposition und Sound Design Shahrokh Yadegari zum Thema »Komposition mit Selbstreferentialität: Klangdefinition des Raumes« (Composing with Self-Referentiality: Sound Definition of Space). Yadegari stellte zunächst einige von ihm entwickelte Werkzeuge zur Klangerzeugung vor, die er auch für Performances einsetzt. Das Grundprinzip seiner Kunst basiert auf dem mathematischen L-System (Lindenmayer-System), ein System, das sich parallel ständig selbst überschreibt. In der Praxis sieht das folgendermaßen aus: ein beliebiger Klang wird mit bestimmten Parametern, wie Frequenz und Länge definiert und anschließend mithilfe eines Algorithmus’ (Fraktal), immer wieder gleichzeitig abgespielt und somit zu sich selbst in Bezug gesetzt. Aus einem einzelnen Ton eines Pianos entsteht auf die Art, eine ganze Klangwelt, unter Umständen sogar eine Melodie.  

Das Bild des Klangs  

Dabei folgt das scheinbar chaotische Gewirr aus Tönen einer dezidierten Ordnung, die durch den vorher festgelegten Algorithmus definiert ist. Subjektiv nimmt der Hörer eine willkürlich anmutende Aneinanderreihung der Klänge wahr. Wirft man aber einen Blick auf die Visualisierungen dieser Klangwelt, offenbart sich eine sehr strenge Ordnung: eine Regelmäßigkeit, die das Gehör nicht zu decodieren weiß (siehe Abbildung). In diesem Moment werden Verschränkungen von Mathematik und Kunst sichtbar. Angeregt durch den Vortrag entspann sich ein Diskurs um die Akzeptanz der Kunst als eigenständige Disziplin „auf gleicher Augenhöhe“.  

Bauhaus West  

Im kommenden Jahr trifft sich die Community in San Diego. »Das wird mit Sicherheit sehr spannend«, meint Prof. Dr. Andrea Dreyer, Prorektorin der Universität und Juniorprofessorin im Lehramt Kunsterziehung an der Fakultät Gestaltung. Denn neben der Fortführung der Diskussionen und Gespräche kündigt sich schon jetzt ein weiteres Highlight für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an. 2012 wird auf dem Campus in Sn Diego das so genannte »Bauhaus West« feierlich eröffnet. Prof. Frieder Seible nennt das neue Gebäude liebevoll »sein Mini-Bauhaus«, denn es ist geplant, dort in Zukunft vermeintlich »artfremde« Disziplinen unter einem Dach zu vereinen und neue Perspektiven der Zusammenarbeit zwischen Ingenieuren und Künstlern auszuloten.

Bilder vom Workshop: Romy Weinhold; Bild von Shahrokh Yadegari: Bijan Mottahedeh; Visualisierungen und Sounds: Shahrokh Yadegari

 

Zuletzt geändert: 28.11.2011
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